Serie zu (pop)kulturellen Artefakten des negative turn

NEGATIVE APPROACH IV: „LITERATURSCHAU“

Collage: Fabian Ebeling

 

Cultural turn, practice turn, spatial turn: Die Kultur- und Sozialwissenschaften haben im 20. Jahrhundert verschiedene Wenden durchlebt, die ihre Disziplinen neu ausgerichtet haben. Seit Beginn der 2020er-Jahre gehen von der Geografie Signale aus, die womöglich einen neuen Umbruch ankündigen, dessen Kontouren auch in anderen Fächern sichtbar werden. Der sich ankündigende, neue negative turn umfasst Materialitäten, die der Erde ausgehen, negative Affekte und Politiken und negative Räumlichkeiten, die zunehmend die Beschaffenheit der Welt und die Wahrnehmung der Menschen strukturieren: Löcher, Lücken, Risse, Erdfälle oder Hohlräume.

 

In einem Paper aus dem Jahr 2021 beschreibt Anna Secor, Professorin für Humangeographie an der Durham University, diesen Ansatz anhand eines einfachen Puzzles. Hier ist die Leerstelle immer der essenzielle Anfang, aus dem sich Sinn ergibt. Dort, wo Dinge fehlen oder verschwinden, wo sie entnommen oder verschwiegen werden, setzt das Denken einer negativen Geographie an. Das Nichts des Nihilismus wird hier zu einem produktiven Ausgangspunkt, der die Leere als konstitutive Kraft scharfstellt – vor der dem Hintergrund einer Menschheit, die Tunnel gräbt, Brunnen bohrt, Kohle abbaut, Minen ausbeutet. Negatives Denken lohnt sich, so scheint es, besonders an Orten der Extraktion.

Ganz in diesem Lichte steht das aktuellste Buch der Politikwissenschaftlerin Thea Riofrancos. „Extraktion. Über die Grenzen des grünen Kapitalismus“ erscheint im Mai bei Suhrkamp. Riofrancos Untersuchungsgebiet ist die chilenische Atacama-Wüste und der dortige Lithiumabbau, der die Batterieproduktion weltweit füttert – und damit auch die Batterieproduktion für die E-Mobilität. Trotz einer langen Besiedelungsgeschichte beschreiben spanische Conquistadoren und Historiker die Wüste schon im 16. Jahrhundert als leer und lebensfeindlich.

Dieser negative Ausgangspunkt, die terra nullius, bereitet den Boden für ein Bild der Wüste, das bis heute den Eindruck erweckt, dass Bergbauarbeiten dort prinzipiell keinen Schaden anrichten könnten. Dabei, so Riofrancos, ist die Atacama-Wüste ein „komplexes Ökosystem“. Anhand der lokalen Vegetation und Anbauweisen, beispielsweise für Hülsenfrüchte, ließen sich Schlüsse ziehen, wie Ernährung in einer immer wärmer werdenden Welt zukünftig sicherzustellen wäre.

Im Gegensatz zur Terra-Nullius-These ist die Atacama-Wüste bis heute besiedelt, Land wird kultiviert. Doch zunehmend wirkt sich der weitflächige, wasserintensive Lithiumabbau auf die Wasserversorgung von Kommunen aus. Chile verfügt über das größte Lithiumvorkommen der Welt und die Atacama befindet sich damit nach Riofrancos an einer „beweglichen Grenze der Extraktion“, die sich ausdehnt. Ihr Denkanstoß ist ein negativer: Ohne Extraktion, so Riofrancos, könne es keine klimaneutrale Welt geben. Die Extraktion selbst erzeugt zudem negative Räume. Lithiumhaltige Sole wird aus Reservoirs unter der Erde an die Oberfläche gepumpt und die Reservoirs so langsam geleert. Dabei entstehen Hohlräume, die sich vergrößern.

Thea Riofrancos: „Extraktion. Über die Grenzen des grünen Kapitalismus“.

 

Prominent wendet sich auch die Soziologie vermehrt negativen Affekten und Politiken zu. Andreas Reckwitz Titel „Verlust. Ein Grundproblem der Moderne“ aus dem Jahr 2024 ist in Sonderauflage bei Suhrkamp erschienen. Landschaften verändern sich, Rohstoffe gehen aus, Eisberge schmelzen, Arten sterben aus – diese negativ konnotierten Formen des Verschwindens stehen konträr zum ständigen vermeintlichen Fortschritt der Menschheit, diagnostiziert Reckwitz. Die Endlichkeit des Planeten Erde und des Lebens darauf ist damit eine Perspektive, die in das Bewusstsein der Moderne eingeschrieben ist.

Der negative turn betont dieses Paradoxon und überträgt es auf ein Denken in Leerstellen. In letzter Konsequenz führt dieses Denken auch in die Technologie hinein. Gegenwärtige technologische Entwicklungen der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz sind nicht denkbar ohne die materielle Ausbeutung von Rohstoffen, die die Basis des vermeintlichen Fortschritts bilden. Auf theoretischer Ebene sind Leerstellen gerade in der Kybernetik produktiv und werden hier als Fester Bestandteil von Systemen verstanden.

Diese Leerstellen thematisierte auch der Philosoph, Logiker und Techniktheoretiker Gotthard Günther (1900-1984). Christoph Görlich legt mit „Im Hohlraum der Negativität“ (Felix Meiner Verlag) eine aktuelle Einführung in Günthers Denken vor. Im US-amerikanischen Exil wird Günther zunehmend mit der Kybernetik vertraut und befasst sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit der frühen Forschung zur künstlichen Intelligenz. Der Neuidealist wendet sich zunehmend der formalen Logik zu und beschäftigt sich mit der Möglichkeit biologischer Computer. Diesen Übergang beschreibt Görlich und zeichnet Günther als einen möglichen Vordenker eines negativen Denkens in Bezug auf die Technologie.

Günther versteht Negativität im Hegelianischen Sinn als eine Anerkennung der Verwüstung und des Todes als Möglichkeit, als Blick in das darin und dahinter liegende Nichts, als wahres Dort-Hineingehen. Die Kybernetik kündigt in dieser Lage etwas völlig Neues an, das noch nicht zu seiner Form gefunden hat. Günther sieht sie als Epochenbruch, in dem der Mensch vor dem Horizont der Technologie neu hervorgebracht wird. Parallel verläuft auch die Weiterentwicklung der frühen künstlichen Intelligenz. Auch in deren Grundmuster verbirgt sich Negativität, die gleichzeitig existenzielle Bedingung ist. Digitalität liegt eine binäre Logik zugrunde, in der sich das numerische Nichts der Null und die Eins gegenseitig bedingen. Rechenoperationen wiederum, die künstliche Intelligenz ermöglichen, nehmen in Form gigantischer Rechenzentren zunehmend Raum ein. sie verbrauchen Unmengen Wasser und belasten zusehends das Leben in angrenzenden Kommunen.

Christoph Görlich: „Im Hohlraum der Negativität. Gotthard Günter und die Krisen des Idealismus“.

Neue Technologien rücken so ins Zentrum eine Technikkritik, die auch im Begriff des Anthropozän Ausdruck findet. Allerdings entschied die International Union of Geological Sciences 2024, dass der Begriff nicht offiziell für das gegenwärtige Erdzeitalter zu verwenden sei. Demnach lebt die Menschheit weiterhin im vermeintlich stabilen Holozän. Das war für den Medienphilosophen Martin Siegler Anlass genug, die Idee des „Ho(h)lozän“ zu verfolgen. Dabei beruft er sich auf den brasilianischen Anthropologen Eduardo Viveiros de Castro, der mit dem Begriff „Hollowcene“ die gefräßig-aushöhlenden Tendenzen des gegenwärtigen Kapitalismus beschreibt. Die unmerkliche Verschiebung in der Schreibweise führt die Möglichkeit ein, das Holozän als Erdzeitalter zu verstehen, das grundsätzlich von Praktiken der Durchlöcherung, der Aushöhlung und der Durchbohrung geprägt ist. Das hat schwere Folgen, die sich bisher oft am Rand der öffentlichen Wahrnehmung abspielen.

In seinem Beitrag „Kind im Brunnen. Durchlöcherte Erde und prekäres Leben im Hollowcene“ für den Band „Kinder und Krisen“, der im Oktober dieses Jahres bei transcript erscheint, untersucht Siegler tödliche Konsequenzen durchlöchernder Praktiken. Von Spanien bis nach Afghanistan fallen spielende Kinder in verdeckte, verlassene Löcher, die als Brunnen- oder Testbohrungen angelegt werden. Wie sich die Wahrnehmung des Terrains unter diesen Bedingungen bei Kindern verändert, steht im Zentrum der Analyse. Darin steckt implizit auch die Aufforderung zur Reflexion, in welchem Zustand ältere Generationen den Planeten eigentlich an junge Menschen weitergeben wollen.

In der Ukraine tobt der russische Angriffskrieg weiter und höhlt Landschaften aus. Die Blockade der Straße von Hormus trifft Wirtschaften weltweit empfindlich. Fossile Energieträger, die ihren Weg dort nicht hindurchfinden, basieren auf Extraktion, auf der Entnahme von Ressourcen und auf der Herstellung negativer Räume. In Ungarn wurde ein Regime abgewählt, dass mit seinen negativen Politiken der Blockade und des Rückzugs lange Zeit das Geschehen in der Europäische Union beeinflusste. In Lüzerath mobilisierte ein im Wachstum begriffenes riesiges Loch und dessen Abbruchkante langwierige Proteste. Hier zeigte sich eine bewegliche Grenze der Extraktion, wie Riofrancos es nennt.
Es zeigte sich auch deren Verlangsamung. Der Historiker Achim Landwehr schreibt in seiner „Meditation über Löcher“ aus dem Jahr 2022 über Ängste, die Löcher auslösen, weil sie Diskontinuität suggerieren und die Endlichkeit der Welt. Landwehr möchte diesen Gedanken umgedreht wissen und geht davon aus, dass Diskontinuität schlicht nicht ohne Welt möglich ist. Das Negative wird darin produktiv gemacht.

Diese Textreihe versteht sich ja als Sensorium, das besonders in der (Pop)Kultur Signale des negative turn aufgreift – in Musik oder im Dokumentarfilm. Auch in der Kunst lassen sich sicher viele Beispiele versammeln, die im Lichte eines negative turn gelesen werden können, zum Beispiel, wenn Kunst Extraktion thematisiert und/oder selbst aktiv negative Räume herstellt. Gleichzeitig kann Künstler*inne nicht unterstellt werden, dass sie sich aktiv damit befassen, nur, weil Werke vielleicht in das Bild eines negative turn passen. Allerdings ist die Kunst ein Sensorium, das Schwingungen aufgreift, verteilt und verstärkt.

Anna Maria Maiolinos Arbeit „INDO/VINDO“ bei der Biennale in Venedig, Juni 2024. (Photo: Collage: Fabian Ebeling)

 

Von Mai bis Juli 2026 zeigte die Kunsthalle Bremen Rosa Jaislis Ausstellung „Räume Ahnen“. Die chilenische Künstlerin lebt in Bremen und hat hier unter anderem skulpturale Artefakte aus Lehm ausgestellt. Diese räumlichen Formen begrenzten und schufen gleichzeitig neue (negative) Räume, hergestellt aus einem natürlichen Material, das vorher der Erde entnommen wurde. Ähnlich gelagert sind auch die Rauminstallationen der argentinischen Künstlerin Anna Maria Maiolino, die bei der Biennale di Venezia 2024 mit dem goldenen Löwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Arbeiten wie „INDO/VINDO“ (2024) thematisieren nicht direkt die Negativität von Räumen. Sie verweisen aber auf extraktive Praktiken, wenn unzählige Tonstränge verdreht, gestapelt und übereinandergeschichtet werden, dann deutet das auch auf die Herkunft des Materials hin, das in Stichen und Gruben abgebaut werden muss.

Rosa Jaislis Arbeit „Räume Ahnen“ in der Kunsthalle Bremen, Juli 2026. (Photo: Collage: Fabian Ebeling)

Diese Überlegungen und Assoziationen sind können nur darauf hinweisen, dass der negative turn gärt. Für eine Kanonisierung des Begriffs und besonders der akademischen Literatur ist es zu früh. Allerdings lassen sich Interessenscluster identifizieren, die sich um den negative turn ansiedeln. Deutlich wird: Diese Interessen bilden sich besonders entlang negativer räumlicher Phänomene aus. Sie finden Denkformen, die sich analog zu vergangenen Wenden entfalten: Der linguistic turn hatte Strukturalismus und Poststrukturalismus, der practice turn hatte die Praxistheorie, der negative turn nimmt das Nichts zum Ausgangspunk des Werdens. Damit ist seine vorläufige Form womöglich ein konstruktiver Nihilismus.

 

Thea Riofrancos
„Extraktion. Über die Grenzen des grünen Kapitalismus“
Suhrkamp, Berlin 2026, 320 S., hardcover/gebunden, 28 €
ET 19.05.

Andreas Reckwitz
„Verlust. Ein Grundproblem der Moderne“
Suhrkamp, Berlin 2026 (Sonderausgabe), 460 S., Klappenbroschur, 24 €
ET 14.04.

Christoph Görlich
„Im Hohlraum der Negativität. Gotthard Günther und die Krisen des Idealismus“
Felix Meiner Verlag, Hamburg 2026, 288 S., hardcover/gebunden, 78 €
ET 02.03.

Denise Reimann, Stephan Zandt (Herausgeber)
„Kinder und Krisen. Mediale und ästhetische Relationen in einer unsicheren Gegenwart“
transcript, Bielefeld 2026. 240 S., Taschenbuch/open access, 45 €
ET 27.10.

Negative Approach ist eine Serie, die sich mit (pop)kulturellen Artefakten des negative turn beschäftigt. Das Titelbild entstammt einer Videoarbeit der kanadischen Künstlerin Sabrina Ratté. „TRANSIT, 2011“ wurde in SD (standard definition) produziert und setzt spezifisch auf eine sehr niedrig auflösende Bildqualität. Von der Website der Künstlerin: „Transit transforms an illuminated map of Paris into a shifting electronic landscape through a series of image manipulations, including video feedback and digital transitions, oscillating between the organic qualities of light and the rigidity of digital transitions.“

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