„Die Größte Party der Geschichte“: Kante „Die Tiere sind unruhig“

Erinner dich daran (Photo: Marcus can’t dance)
Kante
„Die Tiere sind unruhig“
(Labels/EMI)
In den Sommerferien 2006 kaufte meine Großmutter mir meinen ersten Musikexpress. Sie konnte mit meiner bisherigen Ferienlektüre (Bravo) aufgrund ihrer freizügigen Abbildung sexueller Tatsachen nichts anfangen. Meine Oma ahnte nicht, dass sie mich mit diesem Kauf mehr versaute, als sämtliche Bravo-Jahrgänge es vermocht hätten. In diesem Sommer wurde ich zum Pop-Nerd. Die „Platte des Monats“ war damals „Die Tiere sind unruhig“ der Hamburger Band Kante. Ich organisierte mir das Album, und was ich da hörte, fand ich zwar gut, doch erst fünf Jahre später erkannte ich seine wahre Größe.
2011: Das System wankte, auf den Straßen regte sich Widerstand – Occupy Wall Street, Arabischer Frühling, Slutwalks. Der Pop reagierte darauf mit unverhohlenem Hedonismus. David Guetta, Kesha und die Black Eyed Peas liefen auf den Oberstufen-Feten. In mir hallte auch Jahre nach Erscheinen „Die Tiere sind unruhig“ nach.
Das Album bot dem sich in mir und um mich herum breitmachenden Chaos eine Heimat. Es konzentriert sich textlich und musikalisch auf Instinkte, Impulse, Intuition – und hebt diese poetisch auf eine intellektuelle Ebene. Das gelingt, weil „Die Tiere sind unruhig“ ein vollständiges Werk sein will. In den meisten Tracks donnern Gitarren, flirren Streicher, und eine unheilvolle, apokalyptische Stimmung macht sich breit.
Jeder der sieben Tracks könnte einzeln in einer Playlist stehen. Es gibt kein Gramm Fett, obwohl die Songs durchaus opulent daherkommen. Die Stoner-Riffs von „Ich Hab’s Gesehen“, der Klavier-Breakdown von „Die Wahrheit“, die Sigur-Rós-Flächen im Opener – die Zutaten stammen aus dem Rock-Klassiker-Playbook. Die rockige Heavyness wird jedoch in der Mitte durch „Die Größte Party der Geschichte“ gebrochen. Der Song handelt vom letzten aller Tage. Doch statt die Ernsthaftigkeit der vorhergehenden Tracks zu steigern, entpuppt er sich als luftiger Latin-Funk-Song mit einem bemerkenswerten Rap-Part, in dem Gitarrist Felix Müller tatsächlich das Wort „Gästelistenbestätigungsausdrucken“ unterbringt. Ein Jam-Band-artiger Bläser-Breakdown lässt einen Chor im Hintergrund „Par-tay“ rufen und in die Hände klatschen – ein comic relief und zugleich ein merkwürdiger Hit. So verliebte ich mich neu in dieses Album, das weitere zehn Jahre später nochmals eine tiefere Ebene erhalten sollte.
Wir haben wohl noch nicht erfasst, wie groß der Impact der COVID-Pandemie auf unser Leben wirklich war – eine beispiellose Zäsur in unserer Kultur. 2021 wurde „Die Tiere sind unruhig“ 15 Jahre alt. Kante zog sich nach diesem Album und der anschließenden Tour weitgehend aus dem Pop-Business zurück. 2015 erschien noch Theatermusik, seit 2018 herrscht auf den Social-Media-Kanälen der Band Stille. Und doch versprüht ihr bestes Album heute mehr Diagnose als Nostalgie.
In einer Zeit, in der unsere Existenzgrundlagen attackiert werden, in der solidarisches Handeln zunehmend als radikal gilt, wächst die Unruhe weiter. Diese instinktive Unruhe fordert uns heraus und drängt zum Handeln. Wir Tiere sind unruhig – und werden es bleiben.
„Doch für uns ist nichts verloren / Solang der Schmerz noch in uns wohnt / Und unser Zorn im Wandel bleibt / Auch wenn die Zeit ihn nicht mehr heilt“
Marcus can’t dance








![HAU_kaput_450x320_MoonJar[1]](https://kaput-mag.com/wp-content/uploads/2015/02/HAU_kaput_450x320_MoonJar1.gif)
