Innervisions – "Limbo"

Ame & Dixon: „Erfolgreich fühlten wir uns, wenn wir den Versuch wagten etwas anders zu machen (…) und andere davon inspiriert wurden“

Kristian Rädle & Frank Wiedemann (Âme)

Wie sagt der Volksmund so schön: „Man muss die Feste feiern wie sie fallen“ – für das Berliner Innervisions Labels bedeutet dies, dass die drei Labelbetreiber Steffen Berkhahn (aka Dixon) und Kristian Rädle & Frank Wiedemann (Âme) sich auch von Corona nicht am Weitermachen hindern lassen und zum Ende dieses eher düsteren Jahres mit der 99igsten Labelveröffentlichung „Limbo“ ein Signal des Aufbruchs für 2021 setzen; flankiert von einer Augmented Reality Umsetzung, die von Cibelle Cavalli Bastos für dem Instagram-Kanal von Innervisions entwickelt wurde. 

Dixon (Photo: Davit Giorgadze)

Frank, Steffen ,Kristian, Innervisions 99, eine echter Meilenstein in der Labelhistorie. Zunächst: Gratulation dazu, das schaffen wirklich nicht viele Labels. Inwieweit habt ihr Euch für die Compilation am Ende von Corona und den Folgen beeinflussen lassen? Habt ihr noch Veränderungen an der Zusammenstellung vorgenommen?

Kristian Rädle: Die Compilation und auch der Name der Compilation zielen eben gerade auf dieses Vakuum, dass durch die Pandemie entstanden ist. Die Tracks befinden sich sozusagen in einer Zwischenwelt und um Sie aus diesem Zustand zu entlassen, haben wir uns ziemlich früh entschieden, genau diese Stücke zu integrieren. Natürlich gab es noch ein oder zwei Nachzügler, aber das Gesamtpaket stand eigentlich schon früh fest.

Als eine unmittelbare Folge von Corona und dem mehr an Zeit, die ich zur Verfügung habe, da das Reisen et al weggefallen ist, bemerke ich, dass ich wieder viel mehr komplette Hörnarrative von Veröffentlichungen erlebe, also vom ersten bis zum letzten Stück durchhöre in Abgrenzung zum eher singulären Pickingverhalten. Entspricht das dem idealen Hörerlebnis, das ihr Euch für „Limbo“ erhofft, ist die Compilation so angelegt, dass man sie im Idealfall in genau dieser Reihenfolge hören soll? Wie lange experiementiert ihr denn an so einer Abfolge herum und was sind Eure Leit-Koordinaten?

Kristian Rädle: Die Stücke funktionieren als singulärer Pick, aber auch als Abfolge der ganzen Compilation. Die Stücke entstehen unabhängig voneinander und vielmehr entscheiden wir ob es eine gemeinsame Klammer gibt und wie die Abfolge dramaturgisch Sinn ergibt. Die eigenen Hörgewohnheiten und Erfahrungen auch aus dem jahrelangen Auflegen fließen natürlich mit in die Entscheidungsfindung ein.

Der Titel der Compilation – um dich zu zitieren, Steffen – bezieht sich auf den aktuellen Schwebezustand der Welt; wobei man limbo auch als Vorhölle übersetzen könnte.
Was bedeutet diese Feststellung für Euch denn, was die Zukunft von Innervisions betrifft? Was wird sich ändern? Was muss sich ändern?

Dixon: Seit Anbeginn des Labels haben wir uns gewisse Ziele und Beschränkungen gesetzt. Wir wollten Musik für die Tanzfläche veröffentlichen, niemals mehr als sechs bis sieben Releases pro Jahr. Es sollte Musik rauskommen, die nicht vom Remix lebt und wir wollten gleichzeitig niemals im Hier und Jetzt verharren. Grade der letzte Punkt war uns immer wichtig. Als DJ spielt man Musik, die einem in diesem Moment wichtig erscheint. Wenn man aber weiß, dass ein umwerfendes Demo erst in acht Monaten veröffentlicht werden kann, stellt man sich natürlich die Frage, ob das Release auch in acht Monaten noch Relevanz hat. Dabei spielt die Kontextualisierung innerhalb der eigenen Strukturen eine große Rolle. Wo stehen wir jetzt? Wo wollen wir hin? Wie passt diese Musik zu dem Ziel und wie passt sie auch zu unserer Position in dem Umfeld in dem wir uns bewegen? Das bedeutet oft auch Verzicht auf sehr gute Musik. Dies haben wir nun vielfach durchdekliniert. Mal besser, mal weniger gut.
Mit dem 100sten Release vor Augen stellten wir uns dann die Frage, ob es einfach so weiter gehen soll. Es gibt glaube ich keine bessere Zeit im Allgemeinen als auch innerhalb unser Labelgeschichte als jetzt, darüber nachzudenken und neue Weichen zu stellen. Meinem Leitsatz – es muss nicht immer so weiter gehen – wollen wir jetzt gerecht werden und uns einer neuen Herausforderung stellen. Grundsätzliche Veränderungen wollen wir sowohl in der Releasepolitik, als auch in dem Verhältnis zwischen Label und Künstler vollziehen. Es wird eine Fokussierung auf größere, im Zusammenhang stehende Projekte geben, die sich nicht nur durch ein Single Release auszeichnen. Es soll ein stärkeres interdisziplinäres Arbeiten an Veröffentlichungen geben, bei dem also nicht wie bisher die Musik der alleinige dominierende Faktor ist.

Eine der Grundfragen, die ihr im Info zur Compilation aufwerft, ist die Frage nach dem Wesen von Erfolg. Wann fühlt ihr Euch erfolgreich?

Dixon & Âme: Erfolg ist ja immer nur eine Momentaufnahmen. Erfolgreich fühlten wir uns jedoch, wenn wir den Versuch wagten etwas anders zu machen, und damit nicht nur durchgekommen sind, sondern wir auch sehen das andere davon inspiriert wurden.

Die 99igste Veröffentlichung ist definitv ein retrospektiver Moment: Gibt es ein Ereignis / Release / eine Party aus all den Innervisions Jahren, die für euch jeweils perfekt auf den Punkt bringt, was das Label für Euch bedeutet? Warum ihr all das zusammen macht…

Kristian: Es ist schwer, so etwas auf einen Moment herunterzubrechen. Freundschaft, eine starke gemeinsame künstlerische Vision und die Lust an einem diskussionsfreudigen Arbeitsklima sind die Grundpfeiler des Hauses Innervisions und all dem, was wir sonst gemeinsam machen.

Dixon: Vielleicht gibt es nicht den Moment, das Release oder die Party. Ich mag jedoch den Gedanken, dass wir sowohl eine 24 Stunden Party in einem kleinen Venue in London (Fold), als auch einen Nachmittag/Abend in der Royal Albert Hall in derselben Stadt veranstalten durften. Und bei beiden Veranstaltungen die Gäste mit uns komplett verschiedene Ansätze dessen erlebt haben, was mit Clubmusik heute möglich ist.

Auf der Englischsprachigen Kaput-Seite findet sich ergänzend ein Interview mit Cibelle Cavalli Bastos, die sich für die Augmented Reality verantwortlich zeichnet.

„LIMBO“

 

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