Blumfeld – 20 Jahre „Testament der Angst“

Blumfelds „Testament der Angst“ oder der Mensch in der Revolte

Das Cover von „Testament der Angst“. Das Modell ist Ted Gaier, Gründungsmitglied der Goldenen Zitronen.

Am 21. Mai 2001, heute vor 20 Jahren, erschien „Testament der Angst“ von Blumfeld. Auf dem vierten Studioalbum der Band findet man Liebeslieder an der Grenze zum Kitsch, aber auch wuchtige Protestsongs. Blumfeld haben mit diesem zeitlosen Album bewiesen, dass das kein Widerspruch sein muss und Diskurs-Rock auch mit einfacher Sprache funktioniert. Zum „Sprachrohr eines neuen deutschen Heimatgefühls“ wollten Blumfeld aber nie werden. Sind sie auch nicht.

„Ich nehm´s persönlich und bring es zu Papier. Das macht mich ehrlich und vielleicht hilft es mir.“ (Blumfeld: „Anders als glücklich“)

Als ich Blumfeld entdeckte, hat sich die Band gerade aufgelöst. Das war 2007. Ungefähr zu dieser Zeit hat meine Stadtbibliothek gerade CDs aussortiert: Die Schlümpfe, Peter Maffay, Bravo Hits 22 – und Blumfeld. Für 50 Cent kaufte ich mir das „Testament der Angst“. Die Band kannte ich flüchtig von VIVA plus, damals konnte man noch für Musikvideos voten. Ich kannte aber nur den Clip zu „Graue Wolken“, das den tristen Alltag einer Schülerin bebildert. Auch wenn Jochen Distelmeyer auf diesem Album vieles klarer formuliert und ich schon existentialistische Vibes rausgehört habe: Mit sechzehn Jahren habe ich noch nicht ganz verstanden, um was es in diesen Songs geht. Berührt haben Blumfeld mich trotzdem.

Heute schätze ich dieses Album vor allem für die thematische Vielfalt. Es gibt Protestsongs und Liebeslieder und Songs über seelische Verstimmung wie den Opener „Graue Wolken“. „Aber es geht halt nicht nur um Schlechtwetter und so – also graue Wolken, wenn das Wetter schlecht ist. Sondern auch graue Wolken, wenn die Sonne scheint. Falls ihr versteht, was ich meine“, kündigte ein gut gelaunter Distelmeyer den Song bei Rock am Ring 2001 pointiert an. Auf dem Album geht es danach weiter mit einem Liebeslied. In „Weil es Liebe ist“ fallen Zeilen wie „Wie geil es ist, wenn man sich dann küsst“ oder „Liebe ist das Ende der Ewigkeit“.
Doch wer Blumfeld als „Indie-Pur“ abstempelt, hat dieses Album nicht durchgehört. Auch weil es direkt danach mit einem apokalyptisch anmutenden Song weitergeht: In „Eintragung ins Nichts“ schlägt das lyrische Ich die Zeitung auf und plädiert dafür, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Das Fazit: „Die Welt, in der wir leben, wird vor die Hunde gehen“.

Distelmeyer konfrontiert sich und uns mit der Zufälligkeit der menschlichen Existenz, die der französische Existentialismus akzentuierte: „Eintragung ins Nichts: Wir kommen ungefragt und gehen ungefragt“.
Diese transzendentale Obdachlosigkeit durchzieht einige Songs auf dem Album: Auch das Titelstück erzählt von modernen Aporien und protokolliert lähmende Ratlosigkeit: „Ich hab Angst vor den Launen und vor den Gleichgültigkeiten, ich hab Angst vor dem Stillstand und Angst vor zuviel Bewegung“, heißt es hier. Aber auch: „Ich hab Angst vor den Reichen, ich hab Angst vor den Armen. Angst vor der Geschichte und davor sie zu vergessen.“ Das akustische Lied „Der Wind“ erzählt hingegen von dem Projekt, „die falschen Götter zu entthronen“. Es droht zu scheitern, denn am Ende bleiben vor allem Fragen und Schmerz. Dafür können uns Literatur und Popkultur bei der Sinnsuche helfen. Das legt auch das Booklet nahe, das unter anderem Bilder von Twin Peaks, Bob Dylan und Sigmund Freud versammelt. So breit ist das Pop-Verständnis von Blumfeld, die mit „Testament der Angst“ ihren größten kommerziellen Erfolg hatten und auf Platz 6 der deutschen Album-Charts landeten.

Nun ist es kein Geheimnis, dass Filme, Musik und Literatur schon immer Eingang in das intertextuelle Werk von Distemeyer gefunden haben. Und doch wirken seine Texte auf „Testament der Angst“ weniger referentiell, dafür zugänglicher. Gleichzeitig zeigt dieses Album, dass einfache Sprache nicht Komplexitätsreduktion bedeuten muss. Ein Beispiel dafür liefert der wuchtige Protestsong „Die Diktatur der Angepassten“.

Diesen Song haben Blumfeld auch bei einem Konzert 2019 in Hamburg wieder live gespielt. Der Text erscheint unvermindert aktuell, Stichwort Klimawandel: „Sie vergiften alle Flüsse. Die Luft, den Boden und die Meere. Und tun so als ob nichts wäre.“ Distelmeyer macht es sich nicht einfach, er nennt natürlich keine Namen von Politiker:Innen. Nein, er prangert eine Gesellschaft an, die nur mit sich selbst beschäftigt ist, die bei Ungerechtigkeiten wegsieht und sich so in gewisser Hinsicht mitschuldig macht. „Die Leute wollen unter sich sein und gehen dafür über Leichen“, schreit Distelmeyer hier fast. Dieser dringliche Protestsong hat sich nicht abgenutzt, sondern das Potential, in neuen Kontexten gelesen zu werden. Man denkt bei manchen Zeilen vielleicht sogar an die zivile Seenotrettung, beziehungsweise an das Versagen der europäischen Politik auf dem Mittelmeer.

Die Musik von Blumfeld wirkt auch deshalb zeitlos, weil hier kein krass politisch ausformuliertes Programm abgehandelt wird. Auch wenn „Die Diktatur der Angepassten“ einen freien Markt kritisiert, der vor gar nichts mehr Halt macht. Dabei erzählen viele Songs von „Testament der Angst“ aber zuallererst von subjektiven Ängsten und Zweifeln. Aber manchmal entsteht aus humanistischer Überzeugung der Antrieb, sich einzumischen und Widerspruch anzumelden. Denken wir an die Hamburger Schule und eben auch an die Frankfurter Schule. Deren Hauptvertreter Theodor W. Adorno schrieb einmal: „Eine Demokratie, die nicht nur funktionieren, sondern ihrem Begriff gemäß arbeiten soll, verlangt mündige Menschen. Man kann sich verwirklichte Demokratie nur als Gesellschaft von Mündigen vorstellen.“
Ich habe im Kopf, dass Distelmeyer in einem VIVA-Interview mit Charlotte Roche einmal gesagt hat, dass es in seiner Musik oft um Mündigkeit geht. Davon zeugt insbesondere Blumfelds „Testament der Angst“, das übrigens auch ganz fantastisch klingt. Da wäre das jazzige Saxophon in „Graue Wolken“, die an New Order erinnernde Bassgitarre in „Wellen der Liebe“ und der aus Christiane Rösinger und Almut Klotz bestehende Chor in „Anders Als Glücklich“. Das wäre einer dieser Songs, der am Ende vom Ich zum Du gelangt:

„Ich seh das ähnlich und bring es zu Papier. Das macht mich ehrlich und vielleicht hilft es dir.“

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