"DUNE" – Eine Besprechung von Dirk Böhme

„Dune“ versickert dramaturgisch in einer Sandgrube

Eine Enttäuschung, und Schuld trägt sicher nicht nur die viel zu dunkle Projektion, die dafür gesorgt hat, dass sich 90% des Films in einem matten Nachtgrau abspielten und weder die beeindruckenden Bauten noch die Fights und schon gar nicht den großen Auftritt des Sandwurms richtig zu erkennen waren.

Eine Besprechung von Dirk Böhme 

Dem SciFi-Genre hat der kanadische Stilist Denis Villeneuve zuletzt mit „ARRIVAL“ und „BLADE RUNNER 2049“ zwei großartige Werke hinzugefügt. Und eigentlich macht er hier gar nicht so viel anders beim erneuten Versuch, gleichsam überwältigendes wie berührendes Blockbusterkino zu schaffen: unfassbares Setdesign, wummernder Score, in epischer Breite und langsam angelegtes Erzählen, wunderbare Schauspieler:innen.
Dem Drehbuch gelingt es außerdem, uns schnell in die Geschichte und den komplexen Erzählwelten von Frank Herberts wuchtiger Vorlage (selbst nicht gelesen, ich bitte um Nachsicht!) einzuführen: die Szenerie, die Konflikte, die zentralen Figuren sind rasch definiert. So weit, so ok.

Und doch fehlt dieser nach David Lynchs krachend gescheiterten Version von 1984 so heiß ersehnten Neuverfilmung so einiges, allem voran: die Spannung. DUNE besteht vor allem aus Design und Atmosphäre.

Da im Zentrum der Handlung das Coming of Age des möglichen Erlösers Paul Atreides inmitten eines gigantischen Konflikts zwischen dem Imperium und den Häusern Hakkonen und Atreides steht, sind die übrigen Figuren Staffage, ob sie nun von Charakterköpfen wie Oscar Isaac oder Josh Brolin gespielt werden oder von sympathischen Muskelprotzen wie Jason Momoa. Stellan Skarsgard gibt den ekligen Bösewicht Baron Hakkonen schmatzend und im Fatsuit und hinterlässt damit kaum Wirkung. Und so bekommt neben Chalamet nur Rebecca Ferguson (als Pauls Mutter) den Raum, den ihre Figur benötigt.

Villeneuve ist ein Meister des Szenenbilds und Bühnenbaus, und in der Vergangenheit hatte er mit Roger Deakins und Jóhann Jóhannsson zudem Künstler an der Seite, die seine kreativen Ideen kongenial unterstützen konnten. Das funktioniert diesmal mit dem Bombastmixer Hans Zimmer, der neben seinem gefürchteten Dauerwummern auch nicht vor Rockgitarren zurückschreckt, oder dem Kameramann Greig Fraser, der den Job wegen seiner fotorealistischen Wüstenaufnahmen für THE MANDALORIAN bekommen haben dürfte, nur noch bedingt.
Denn Villeneuve möchte „DUNE“ anders inszenieren, als flirrenden, unscharfen, alptraumhaften Ort, dessen Bewohner.innen sich verhüllen und im Schatten aufhalten müssen, um zu überleben. Und so spielt sich die Handlung eben nicht nur auf den verregneten oder sonnenarmen Planeten der verfeindeten Fürstenhäuser weitestgehend in einer fürs menschliche Auge kaum zu erfassenden Düsternis ab, sondern auch auf dem eigentlich sonnendurchfluteten Wüstenplaneten. Indem uns der Regisseur im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln lässt, setzt er die Verwirrung seines Helden ebenso wie die psychedelische Kraft des begehrten Rohstoffs Spice in Bilder um. Ein visueller Kniff, der allerdings nicht nur (fair enough) die Konventionen des Blockbusterkinos unterläuft, sondern unter der auch die Spannung leidet. Denn nachdem man zu Beginn von der rasanten Entwicklung noch einigermaßen gefesselt wird, versickert „DUNE“ dramaturgisch spätestens im letzten Drittel in einer (sorry!) Sandgrube.

Die existenzielle Sinnsuche von Ryan Goslings Replikant in „BLADE RUNNER 2049“ oder Amy Adams‘ Kommunikationsarbeit mit außerirdischen Invasoren in „ARRIVAL“ hatten emotionale Tiefe und endeten bewegend. Timothée Chalamets Weg zur Herrschaft ist dagegen vorgezeichnet, seine Visionen bebildern die geflüsterten Prophezeiungen zusätzlich. Das mythische Brimborium verhindert Nähe zur Figur. Inwiefern sich diese zweieinhalbstündige Exposition noch packend auflösen lässt (und ob Villeneuve dann endlich auch den Lichtschalter findet), muss der mögliche zweite Teil zeigen.

„DUNE (Part One)“ fühlt sich erstmal an wie der Besuch eines restaurierten antiken Bauwerks – die schiere Größe und Pracht beeindrucken, erschlagen vielleicht sogar, doch der Mythos alleine vermag dann eben doch nicht genug zu fesseln. Es fehlt die echte Bindung zu den Menschen, die hier gelebt haben. Und es braucht mehr als entsättigte Bilder, Gedonner und enorme Raumschiffe, um diese Bindung herzustellen. Villeneuves Überwältigungsstrategie, die für mich bisher immer funktioniert hatte, läuft diesmal leider ins Leere.

To be continued…

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