Record of the Week

Agnes Obel “Myopia” (Blue Note)

Agnes Obel
“Myopia”
(Blue Note)

„Myopie“ bedeutet Kurzsichtigkeit – also die physische Disposition des Auges, in die Ferne nicht richtig scharfstellen zu können. Übertragen auf Agnes Obels Albumtitel und musikalischen Ansatz ist das allerdings kein Defizit, sondern die Fähigkeit, genau auf das zu schauen, zu hören, was sich direkt vor der Nase befindet. Und das sind häufig unheimliche Beobachtungen: ein Faible der dänischen Songwriterin, das 2014 zu einem David-Lynch-Remix (!) ihres Songs „Fuel to Fire“ führte – damals kam zusammen, was offensichtlich gut zusammen passt.

Aber anders als beispielsweise ihre amerikanische Kollegin Chrysta Bell, deren Arbeit sehr eng mit Lynch verwoben ist, steht Agnes Obel ganz für sich alleine. Seit zehn Jahren komponiert und produziert sie gespenstischen, emotionalen Chamber Pop aus Klavier, Streichern und ihrer glockenklaren Stimme. Obel wuchs in Kopenhagen als Kind musikalischer Eltern auf (ihr Vater war Instrumentensammler und ehemaliger Jazzgitarrist, ihre Mutter Pianistin) und spielte am liebsten allein auf dem Klavier. Ein Musikstudium brach sie ab, um an einem Programm für angehende Producer teilzunehmen – wie bei ihren vorherigen Alben mixte und produzierte sie „Myopia“ in ihrem eigenen Studio in Berlin. Niemand außer ihr selbst könnte ihre üppigen, melancholischen Kompositionen in das passende Soundgewand kleiden, das dunkel ist, und doch von innen heraus leuchtet.

„Myopia“ lockt in ein alles verschluckendes, unwiderstehliches Dickicht, in dem Gesang und Klavier verschmelzen, die Stimme zuweilen vom Tastenanschlag nicht zu unterscheiden ist. Obel liebt Stimmverfremdungsprogramme und setzt sie ausgiebig ein, irritierend schräge glitches innerhalb der makellosen orchestralen Arrangements. Toll zum Beispiel bei „Broken Sleep“, in dem die Vocals um gezupfte Violinsaiten herumplinkern wie im Gespräch mit sich selbst: „dream me a dream / soft as a pillow / deep in the night / till the morning will follow“.
In anderen Songs schichtet sie ihre Stimme übereinander, ein Instrument unter vielen, aber doch herausragend, buchstäblich richtungsweisend. Die Versuchung liegt nahe, Agnes Obel mit Kate Bush zu vergleichen – die Emphase auf Klavier und Gesang ist bei beiden durchaus ähnlich. Aber Obel inszeniert sich nicht als entrücktes Feenwesen aus einer anderen Welt: der Schauer entsteht hier und jetzt, direkt vor deinen blinzelnden Augen.

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