Record of the Week

The Chills „Scatterbrain“

The Chills
„Scatterbrain“
(Fire Records)

 

Da sage eine/r, Popmusik habe nichts mit der Wirklichkeit oder der Welt zu tun. Wirklichkeit heißt noch lange nicht Wahrheit, Welt nicht Wahrhaftigkeit und beides ist eher im Plural zu denken. Deswegen aber herrscht keinesfalls pure Anarchie und lügt Pop noch lange nicht, sondern erzählt uns kultürlich ganz viel. Und macht uns gleichzeitig eigenverantwortlich für diese Welten.

‚Lese‘ ich The Chills seit den mittleren Achtzigern, dann lerne ich auch immer etwas über die Welt, das Ich und das Wir (und das Du und das Ihr). Je älter ich werde, desto mehr. Als wohl größte Helden des neuseeländischen Kiwi Pop ist diese Band aus Dunedin, jener seltsam leicht entrückt britisch wirkenden Kreativ-Stadt an der Ostküste der Südinsel des anderen Endes der Welt, nunmehr auch schon wieder seit knapp zwanzig Jahren in mehr oder minder dieser Formation als Erzähler beständig.
Martin Phillipps, der die Chills 1980 begründete, spricht in der berührenden Dokumentation „The Chills – the Triumph and Tragedy of Martin Phillipps” aus 2020 selbst von ‚Kiwi Rock‘ und den ganz konkreten Bezügen seiner Musik zu Stadt, Land und vor allem Natur im neuseeländischen Südosten. Zudem sang er zuletzt auf dem 2018er-Album „Snow Bound“ von seiner eigenen Komplexität („I’m not the man you think I am, I’m a complex piece of the plan”), die nur scheinbar schnell erfassbar sei. Er hat sich wohlmöglich auch gerade erst in der zweiten Hälfte seiner Fünfziger so richtig selbst zu verstehen begonnen, also falls es ihm in den Songs denn um Phillipps geht.

„Scatterbrain“ steht in der Trilogie der jüngsten Alben, gestartet 2015 mit den phantastischen (und für mich zusammen mit „Submarine Bells“ (1990) aus der Diskographie herausragenden) „Silver Bullets“, das energetisch zwischen Euphorie und Verzweiflung feststeckte und ausstrahlte, gefolgt von „Snow Bound“ und nun eben „Scatterbrain“, die beide auf den ersten Eindruck etwas nachlässiger, zurückhaltend wirken.
Doch bitte genauer an- und zuhören: Das Coverdesign und vor allem der Song „Monolith“ verweisen auf die besten Zeiten der Chills in ihrer merkwürdigen, so typischen Mischung aus himmlischem Popsong und Tiefseegefühlen, daheim beim Chaoten, eben dem „Scatterbrain“ namens Leben.

Martin Phillipps und seine Chills lassen es einem immer mal wieder durchaus etwas plümerant werden (höre „Hourglass“, sinngemäß ‚verfliegen die Jahre nur, wenn du sie zählst‘), ob zu Hause im x-ten Lockdown und umgeben von Verunsicherungen oder im Leihwagen durch die neuseeländischen Alpen mit tornadoesker Wolkenbildung am Horizont. Letztlich aber nehmen diese Songs in den Arm. Da kann es schon mal fast filmmusikalisch-theatralisch werden wie auf dem opulenten „You’re Immortal“. Dort und auf dem anschließenden „Little Alien“ klingen sogar Morricone-Sounds an, gewissermaßen zwischen einschüchternden Kauri-Bäumen und wildem Südpazifik, „Worlds Within Worlds“ mit fast Stereolab’scher Lässigkeit, die ihrerseits große Chills-Fans waren. Schillernde Fußnote: Masha Qrellas Version vom hierzulande größten Chills-Hit „Pink Frost“ von der Morr Music-Compilation „Not Given Lightly“ (2009) bleibt unvergessen.

Phillipps Erfahrungen und der dazugehörige Neuanfang, ohne die Vergangenheit auslöschen zu können, lässt sich auf seinen neuen Songs deutlich heraushören, in Lyrics, Sounds und vor allem dieser einmalig sanften udn doch schrägen Stimme. Diese Musik lullt nicht ein, sie lässt aufbrechen, imaginativ und auch ganz real. Ich will da wieder hin.

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