Record of the Week

Masha Qrella „Woanders“ (Staatsakt)

Cover artwork: Jimmy Draht

Masha Qrella
„Woanders“
(Staatsakt)

Wenn man woanders wär –
vielleicht an der Küste
vielleicht nebenan
woanders
wenn man an einer Post stehen könnte
oder am Meer (…)


Thomas Brasch, Woanders

Thomas Brasch schrieb ziemlich oft vom Meer: als Sehnsuchtsort und Utopie, aber auch als dem Element, in dem sich am Schluss alles auflöst. Diese Rolle hat das Meer zum Beispiel in Braschs Gedicht „Nach Wort (für Heinrich Heine)“, das in dem Band „Wer durch mein Zimmer will, muss durch mein Leben“ zu finden ist, herausgegeben von Katharina Thalbach und Fritz J. Raddatz 2002, ein Jahr nach Braschs Tod. 
Auf Masha Qrellas neuen Album „Woanders“ gibt es keinen Song namens „Nach Wort“. Braschs Gedicht heißt in ihrer Adaption „Ratten“, und auch diese kommen vor im Originaltext, sie nisten im Haar desjenigen, der sich unausweichlich aufs Meer, aufs Ende zubewegt.

Direkt und manchmal derb, häufig melancholisch und nie ein Wort zuviel – so sind die Texte von Thomas Brasch, als Sohn jüdischer Emigranten am 19.2.1945 im britischen Exil geboren, gestorben am 3.11.2001 in Berlin. Vater Horst Brasch brachte es bis zum stellvertretenden Kulturminister in der DDR, wo die Werke des schriftstellernden Sohnes nicht aufgeführt werden durften. Zum Literatur- und Regiestar wurde Thomas Brasch erst im Westen, wohin er als Dissident mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach übersiedelte. Er galt als „Wandler zwischen den Welten“, der nirgends Glück und Ruhe fand, was in Gedichten wie „Bleiben“ und „Woanders“ deutlich zum Ausdruck kommt.

Masha Qrella, „Blaudunkel“ (Regie: Diana Näcke)

Als Masha Qrella, 1975 als Mariana Kurella in Ost-Berlin geboren, vor einigen Jahren Marion Braschs Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ las, identifizierte sie sich sofort mit der DDR-Familiengeschichte, erzählt aus der Perspektive der kleinen Schwester. Sie begann mit der Lektüre von Thomas Braschs Texten, die sie so nachhaltig beeindruckten, dass sie sie im Dezember 2019 im HAU (Hebbel-Am-Ufer / Berlin) einen Brasch-Abend inszenierte. Popsongs aus Braschs Gedichten und Notizen zu machen war ihr Ziel – das Ergebnis berückend schön.
Qrellas Mitstreiter vom HAU-Abend sind auch auf dem an Braschs 76. Geburtstag veröffentlichtem Album zu hören: Chris Imler am Schlagzeug, Multiinstrumentalist Andreas Bonkowski, die Band Tarwater, Andreas Spechtl, Dirk Von Lowtzow und Marion Brasch mit einer Spoken-Word-Performance im Song „Märchen“. Qrella, die ihre musikalische Laufbahn in Instrumentalbands wie Mina und Contriva begann, weil Musik ohne Worte ihr damals das einzig angemessene Medium schien, singt auf „Woanders“ erstmals deutschsprachige Lyrics. Und was man zunächst für ein überambitioniertes Literaturprojekt halten könnte, entfaltet sich in siebzehn Songs zu einer großartigen Popplatte, die so klingt, als hätte sich Brasch vor vielen Jahren schon gewünscht, dass dereinst eine Berliner Künstlerin seine Worte in Musik kleiden würde. Erstaunlich, wie gut das ineinandergreift – oder auch kontrastiert. Qrellas Musik kann technoid-beatbetont sein wie im treibenden „Geister“ – paradox der Text dazu: „Ich kann nicht tanzen / ich warte nur“. Einem eleganten, Roxy-Music-haften Beat folgt „Bleiben“: „Aber wo ich lebe / will ich nicht sterben / aber wo ich sterbe / will ich nicht hin.“ Das ist Melancholie in Würde und Perfektion – der Unausweichlichkeit des Endes wenigstens Schönheit entgegensetzen.

Über jeden einzelnen Song ließe sich hier ein, ja, Loblied singen. Qrella und ihre kongenialen Mitmusiker lassen sperrige Begriffe wie Aneignung oder Hommage vergessen. „Woanders“ ist ein seltener Glücksfall, die so gelungene wie zauberhafte Verschmelzung unterschiedlicher Generationen und Kunstformen, die ihre Gemeinsamkeit im Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit finden, der Sehnsucht nach einem „Woanders“, einem anderen Ort, von dem man noch nicht weiß, wie er aussieht und wo er sein könnte. Außer, dass es dort ein Meer gibt. 
Natürlich sollte man alle Stücke von „Woanders“ hören. Aber falls man nur eines aussuchen dürfte, müsste es natürlich „Das Meer“ sein, in dem Dirk Von Lowtzow Qrellas Gesangspartner ist:

Ich tausche ein offenes Meer
gegen meinen letzten Gedanken
Ich will sehr still und sehr
Ins Blaue schwanken
Dass ich nichts verlasse
Wenn ich nicht mehr bin (…)

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