Samstag, 22.02.2020
Record of the Week

Half Moon Run “A Blemish In The Great Light”

Half Moon Run
“A Blemish In The Great Light”

Durch den mehrstimmigen Gesang und ihre Americana-Gitarrensounds könnten Half Moon Run ziemlich exakt ins Schema der schnuffeligen Folk-Rock-Pop-Kombo von nebenan passen. Aber so einfach ist es nicht. Nach dem großartigen Debüt „Dark Eyes“ und seinem würdigen Nachfolger „Sun Leads Me On“ haben sie sich vor allem in ihrer Heimat Kanada durch raffinierte und komplexe Kompositionen, den vielschichtigen Einsatz ihrer Instrumente und die fesselnde Stimme von Frontmann Devon Portielje etabliert.

Für „A Blemish In The Great Light“ wurde, so Gitarrist Conner Molander, quasi von vorne begonnen: „Letztlich haben wir alles noch mal abgeklopft: unser ganzes Verständnis davon, was eine Band ist und wie sie funktionieren sollte. Fühlt sich ein bisschen wie ein Neuanfang an.“
Trotzdem klingt das Album ab der ersten Sekunde wie die nahtlose Fortsetzung von „Sun Leads Me On“, das vor vier Jahren die Hürde des schwierigen zweiten Albums souverän nahm. Direkt stellt sich wieder ein Gefühl zwischen Zuversicht und Melancholie ein, es geht um zwischenmenschliche Unzulänglichkeiten („Guess I’m alone in this one / Nobody ever seems to know the right way“), alles eingebettet in einen raffinierten Spannungsaufbau in Narrativ und Klang.

Spätestens 2015 hätten das Quartett aus Montreal mit dem zweiten Album aus dem Vorprogramm von Mumford & Sons weltweit in die Radio-Playlisten und große Venues wechseln sollen, aber außerhalb ihrer Heimat Kanada, wo sie damit auf Platz 4 der Charts landeten, gab es nur in Großbritannien und Australien merkbare Aufmerksamkeit. Wirklich vollkommen zu Unrecht, weil der Sound nicht nur kleinteilig, verwinkelt und pur, sondern auch eingängig ist und direkt Anknüpfungspunkte bietet.
Drummer Dylan Phillips beschreibt die Genese von „A Blemish In The Great Light“ als Suche nach der Balance zwischen Gewohnheit und Neuem: „Ich glaube, dieses Album hat immer noch den Sound, der von uns erwartet wird, ausbalanciert mit mehr Experimenten. Wir sind tief eingetaucht in einige Stile, die wir vorher nicht unbedingt ausprobiert haben. Alles wird ein bisschen schwerer, ein bisschen härter.“

Diese Selbsteinschätzung trifft es auf den Punkt. Zwischen gut gelaunten Mitschnippsern wie „Flesh and Blood“, dem zurückgenommen-düsteren „Black Diamond“ und „Favourite Boy“, das vom minimalistischen Psychedelic-Rock-Anfang bis zum Schluss immer mehr Instrumente behutsam übereinanderschichtet, macht Half Moon Runs drittes Album eine beachtliche Bandbreite auf. Auch die Kombination von trüben Songtexten und heiterer Musik hat die Band mit „Yani’s Song“ endgültig perfektioniert.
„A Blemish In The Great Light“ klingt nach der Besinnung auf Bewährtes und der Suche nach Neuem. Das obligatorische Pianoinstrumental (diesmal namens „Undercurrents“) zeigt diesen Spagat exemplarisch, wenn es im letzten Drittel behutsam ins Neoklassische á la Federico Albanese abdriftet.

Was der Platte etwas abgeht, ist die Kohärenz. Die Songs werden zwar durch Devon Portieljes klagende Stimme zusammengehalten, aber es wirkt nicht so, als folgte das Album einem Faden oder Narrativ. Muss es natürlich auch nicht, aber die Griffigkeit würde das steigern. Stattdessen driften Songs wie „Natural Disaster“ oder der Siebenmüter „Razorblade“ vom Trademark-Klang der Band immer weiter in einen Strudel aus leicht deplazierten Synthiesounds und noisigen Gitarrenriffs. Letzterer ist damit definitiv der interessanteste Song des Albums, „Natural Disaster“ dagegen klingt nach dem schönen Beginn zunehmend schräg – ein bisschen wie die „Fehlstelle“ aus dem Albumtitel („blemish“).
Am besten sind Half Moon Run, wenn sie sich unpoliert auf analoge Instrumente und ihr Gespür für schöne Harmonien und komplexe Songstrukturen konzentrieren. So werden „Then Again“ mit den dramatischen Streicherarrangements, das ambivalenten „Yani’s Song“ und die launig-nachdrücklicher Attitüde in „Jello On My Mind“ zu den Highlights der Platte.

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