Jugendradio DT64 – Interview mit Alexander Pehlemann

Alexander Pehlemann: „Ihr nehmt uns das Radio, also machen wir selbst eins!“

Alexander Pehlemann vor dem ikonischen Comic von Schwarwel


Mit „Power von der Eastside!“, einem Gemeinschaftsprojekt der Leipziger Publikationsplattform ZONIC und des Soziokulturellen Zentrums naTo, soll nicht nur an den Ostfunk DT64 erinnert werden, sondern ein größerer Diskurskontext über den Umgang mit ostdeutscher Popkultur und ostdeutschen Popmedien nach der Wende angeregt werden.

Thomas Venker hat hierzu Alexander Pehlemann interviewt, einen der Kuratoren der Ausstellung und des Rahmenprogramms.

 

Alexander, was löst „Power von der Eastside!“, der Jingle-Slogan des Jugendradios DT64 heute bei dir aus, wenn du ihn hörst?

Ganz banal zuerst einfach einen energetischen Kick. Eine Art Retro-Adrenalin-Rush, der sich aber auch schnell mit nachschießender Melancholie vermengt.

Was hat DT64 so besonders gemacht? Für dich persönlich – aber auch über deine Position hinaus gesprochen?

Das könnte und sollte in Phasen getrennt werden. DT64 war für mich zwischen 1986 und Ende 1989 vor allem insofern wichtig, weil es – wenn auch eher zwangsweise – mein Zugang zu „schrägen“ Sounds war. Denn nach einer kurzen Prägungsphase in Frankfurt/Oder, wo mich die nicht zuletzt von Westradiosendern ausgestrahlte Popkultur auf einer Kinder- und Jugendsportschule des Armeesportklubs „Vorwärts“ erwischte und nachhaltig wie konfliktreich vom Ringkampf im klassischen Stil abbrachte, fand ich mich in jener provinziellen Einöde wieder, in der ich aufgewachsen war: in der schrecklichen Kleinstadt Torgelow, Bezirk Neubrandenburg, Kreis Ueckermünde, nahe des Oderhaffs und der polnischen Grenze. In Vorpommern, wie es heute heißt. Hier waren weder West-TV noch West-Radio in vernünftiger Qualität zu empfangen und das schickte mich in die Abhängigkeit von DT64. Das gerade erst zur eigenständigen Station geworden war, denn zuvor waren es nur vereinzelte Sendefenster. Da aber nicht zuletzt Studien des Leipziger Zentralinstituts für Jugendforschung bewiesen, dass die DDR-Jugend nur noch selten Ostfunk hörte, wurde mithilfe eben jenes Institut ein Vollprogramm entworfen, das 1986 startete. Wobei zur Grundidee gehörte, mit abendlichen Spezialsendungen eben Spezialhörerschaft zu binden.

Das gelang in meinem Fall mit der Punk, Post Punk und Experimentellem gewidmeten Sendung „Parocktikum“ von Lutz Schramm, die eine Art Lebens- oder Überlebenstaktung für mich vorgab: von Sendung zu Sendung sozusagen. Deren im Abo zu beziehende Manuskripte zudem den eklatanten Informationsmangel ausglichen oder Kontakte zu Bands lieferten. Das Tagesprogramm nahm ich jedoch nur mit mangels Alternativen.Was im Grunde bis zum Umbruch im Herbst 1989 galt, in dem sich DT64 dann rasant frei machte, u.a. mit selbstgewählter neuer Führung, und zu jenem interessanten Sender auf der Höhe der Zeit wurde, für den wir dann auf die Straße gingen.

Wir fokussieren im Projekt ja vor allem die Rettungsbewegung und der ging es eben nicht um ein Zurück, um eine Verlängerung des Jugendradios vor dem Herbst 1989, sondern um genau jenen Charakter von 1990/1991. Der natürlich nicht zuletzt der historisch einmaligen Situation geschuldet war. Denn es entstand aus jener heraus eine Art Augenhöhe zwischen Hörer:innenschaft und Sendenden, die sich im Rahmen des Rettungskampf zu so einer intensiven Wechselwirkung entwickelte, dass diese als Frühform sozialer Medien angesehen werden könnte. Basierend auf dem Umstand, dass alle gemeinsam mit kritischer Distanz zum gesellschaftlichen Gesamtgeschehen die rasanten radikalen Veränderungen durchmachten.

Die Verwirrung, der Zwang zur Neuorientierung, aber auch die Überwältigung angesichts der neuen Möglichkeiten, das wurde geteilt und gemeisam diskutiert. Das DT64 von 1990/1991 war insofern geradezu ideales Radio, zumindest nach meinen Maßstäben. Aber damit war ich anscheinend nicht allein. Wovon „Power von der Eastside!“ letztlich versucht zu künden.

Was kannst du als Kurator der Ausstellung uns zur Genese von „Power von der Eastside!“, dem Gemeinschaftsprojekt der Leipziger Publikationsplattform ZONIC, bei der du tätig bist, und des Soziokulturellen Zentrums naTo erzählen? Was gab den Ausschlag die Geschichte von DT64 aufzuarbeiten? Und was wollt ihr damit erreichen?

Generell geht es darum, ein bisher eher vernachlässigtes Kapitel der komplizierten Geschichte der Wiedervereinigung in den Fokus zu nehmen: die Medien. Der Verlust von DT64 war ja Teil eines Prozesses, in dem nicht nur die ehemals staatlichen Strukturen umgewandelt oder aufgelöst wurden, sondern auch all die unabhängigen Zeitschriften-Neugründungen des Umbruchs eingingen. Zeitgleich mit DT64 verschwand beispielsweise der einzige Versuch, ein originär ostdeutsches Pop-Magazin zu machen, die aus der Fusion des Fanzines Messitsch und der NME-Abwandlung Neue Musik Information, also der NMI, entstandene NMI/Messitsch, wo auch viele (Ex-)DT64-Redakteure schrieben. Was für die Repräsentanz ostdeutscher Popkultur und darüber hinaus solcher aus dem ehemaligen „Ostblock“ fatale Lücken hinterließ.

Bei all den Ost-Subkultur-Aufbereitungen, die ich mit Zonic über die letzten Jahre gemacht habe, wurde ich zudem stets darauf zurück gelenkt, dass entscheidende Grundimpulse von DT64 ausgingen. Hier hab ich sowohl den auf legalisierte Ebenen kommenden (Ex-)Underground der DDR kennengelernt, der dann, durch die dortige Präsenz sprunghaft an Wahrnehmung gewinnend, zudem eben auch live zu sehen war, als auch erste Bekanntschaften mit polnischem Punk oder ungarischem Post Punk bis hin zu kritischem sowjetischen Perestroika-Elektro-Pop gemacht. Zonic als Fanzine sowie das Al-Haca Sound System, das später Die Ärzte remixen und Platten bei Different Drummer und in Kooperation mit Stereotyp bei Klein Records machen sollte, entstanden zudem beide 1993 in Greifswald aus dem Freundeskreis heraus, der sich bei der dortigen DT64-Initiative gefunden hatte. Das ist also in der Audiobiografie alles engsten verwoben. Es ist also auch eine Art persönlicher Tribut.

Da Projekte aber oft genug an Jubiläen gebunden sind, war es letztlich auch die Gewahrwerdung der Tatsache, dass dies Alles nun unfassbare dreißig Jahre her ist, die vielleicht am Ende den nötigen allerletzten Anstoß gab. Wobei die Umsetzung in der jetzigen Art nur möglich wurde, weil ich in Kontakt mit einer Arbeitsgruppe in Berlin kam, die Ähnliches vorhatte, allerdings als mediale Wanderausstellung mit beträchtlich höherem Budget. Was leider nicht zustande kam. Die darüber zugänglich gewordenen Archive von Heiko Hilker, der damals in Dresden zu den wichtigsten Figuren der DT64-Bewegung zählte, und des Ex-DT64-Journalisten Jörg Wagner, der auch die Webseite www.meindt64.de betreibt, bildeten die notwendige Basis, die nun, nicht zuletzt in Wiederbelebung der früheren DT64-Initiativen-Netzwerke, um diverse Material erweitert wurde. In Kooperation mit der naTo, die für Zonic seit vielen Jahren ein Projektpartner ist, vom „Warschauer Punk Pakt“ über „Soviel Hippies“ bis zum „Sound of ´89“, machten wir dann zuerst ein Projekt, das die Städte Dresden, Chemnitz und Leipzig reihen sollte.

Wobei uns Covid einen groben Strich durch die Rechnung machte, denn nur Dresden konnte im angedachten Maßstab passieren, die Chemnitzer Ausstellung hingegen war nur für wenige Stunden am Abend der Eröffnung zu sehen, dann schlug der Lockdown zu. Während wir in Chemnitz aber aus terminlichen Gründen nur noch einen Teil der Events nachholen können, kann für Leipzig mittlerweile angekündigt werden, dass „Power von der Eastside!“ zwischen dem 09.06. und dem 19.06. in der Galerie KUB zu sehen sein wird. In der Zwischenzeit ergab sich dann aber auch, dass wir in Berlin in die Brotfabrik gehen, in Kooperation von Zonic und filmokratie. Sowie im Herbst in Greifswald, womit sich ja nicht zuletzt auch persönlich Kreise schließen. Zudem gibt es Bemühungen, in Thüringen eine Rundreise mit den Stationen Erfurt-Weimar-Jena zu organisieren. Wir tragen es also an die jeweiligen Orte und versuchen dabei, auch die lokalen Geschehnisse abzubilden. Es gab ja über achtzig DT64-Inititiativen, von denen sogar circa ein Viertel im westlichen Empfangsstreifen jenseits der ehemaligen Grenzlinie aktiv war. Das Phänomen war insofern auch tendenziell ein gesamtdeutsches und es wäre schön, das auch dort wieder in Erinnerung rufen zu können und dabei neben den Fragen nach verlorenen Potentialen auch solche zum Radio heute aufzugreifen. Ziel ist es zudem, am Ende ein Buch zu machen, dass sowohl das 1993 erschienene und lange schon vergriffene DT64-Buch von Jörg Wagner und Andreas Ulrich aufgreift, als auch die dort eher beiläufig auftauchende DT64-Bewegung breiter darzustellen.
Ich könnte mir zudem eine permanent wachsende Archiv-Homepage vorstellen, in der nach und nach alles aufgearbeitet werden kann, von den spektakulären Aktionen in den größeren Städten bis hin zur Mini-Demo vor dem Rathaus in Anklam zum Beispiel. Mit möglichst breiter Beteiligung der damaligen Protagonist:innen.

DT64 Demo in Greifswald, bei der Alexander Pehlemann ein von das selbst gesprühtes „Sex-Drugs-Radio-De-Te-64“-Banner mitträgt. 


Mit DT64 sollte ursprünglich Ende 1991 Schluss sein als Folge des Einigungsvertrags zwischen BRD und DDR. Es kam damals zu einer massiven Protestbewegung (in Ost- und Westdeutschland) – mit dem zumindest teilweisen Erfolg, dass das Radio nicht eingestellt wurde, sondern in den MDR überführt wurde als MDR Sputnik. Die Wortwahl „zumindest teilweisen Erfolg“ spielt natürlich darauf an, dass seitdem durch viele Programmreformen wenig vom ursprünglichen Charakter des Senders erhalten geblieben ist. Empfindest du das als individuelles Schicksal des Senders und beziehst es deswegen auf die besondere Post-Wende-Konstellation und konkrete politische Einflussnahmen? Oder siehst du den Wandlungsprozess eingebettet in die dramatische Umstrukturierung der bundesdeutschen Radiolandschaft und dementsprechend in andere Diskurslinien?

Sowohl als auch. Das greift ja ineinander. Der sicher auch von den relativ neuen privaten Kommerzradios ausgehende Druck zur Anpassung an als zeitgemäß empfundene Maßstäbe sogenannter Durchhörbarkeit war allgemein da und erste Wellen dessen schlugen sogar schon bis zu DT64 durch, denn auch dessen Mitarbeiter:innen wurden in entsprechende Schulungen nach Nürnberg geschickt, um cooles schnelles Radioneusprech zu lernen. Bei DT64 kam aber hinzu, dass zugleich eine originär ostdeutsche Perspektive wegfiel, was definitiv auch gewollt war. Oder zumindest als nicht problematisch empfunden wurde im Sinne einer imaginären baldigen Verschleifung aller Unterschiede im „Zusammenwachsen“. Dass der NDR, der ja das mich damals betreffende Sendegebiet des Ex-DDR-Nordens übernahm, uns mit der grauenhaften Jugendwelle N-Joy bestrafte, zeigte schnell auf, welche Zeichen der Zeit allgemein am destruktiven Wirken waren, aus dem Inneren des öffentlich-rechtlichen Gefüges sozusagen. Der Rückbau dessen, was von DT64 zum MDR übernommen werden konnte, wo nämlich viele der für mich massgeblichen Stimmen bereits fehlten, war besonders schmerzhaft, weil es die durchaus noch vorhandenen Potentiale, für die eine Massenminderheit über eine lange Zeit gekämpft hatte, so brutal ignorierte. Und damit ja auch letztlich all das Engagement. Dass dies der gleiche Chefredakteur zu verantworten hat, ist einer der sonderbaren Momente mit höherem Verzweiflungsaufkommen. In Berlin thematisieren wir entsprechend zudem, inwieweit diese Situation, auch im Sinne von: „Ihr nehmt uns das Radio, also machen wir selbst eins!“, sich bei der Gründung von Piratenradios bzw. den späteren freien Radios auswirkte. Ein wichtiger Aspekt ist ja auch, dass die Energien, die in der DT64-Bewegung entwickelt wurden, später auf anderen Ebenen fortwirkten, dass die Akteure mit dieser Erfahrung, die teils auch eine frustrierende war, weiter machten im Geiste dessen. Wofür ich eben auch ein kleines Beispiel bin.

Ich erwähnte es bereits, du arbeitest bei der Publikationsplattform Zonic, die sich seit 1993 unter der Leitlinie „Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente“ agiert. Sowoh Randtsandsblick als auch Involvierungsmoment bleiben bei mir sprachlich hängen. Woher kommen diese Begrifflichkeiten? Sie sind mir tatsächlich so noch nie begegnet.

Na ja: die Sprachregelung von der Publikationsplattform Zonic, die sich ausgehend vom 1993 gegründeten Fanzine über die in Anerkennung der extrem unregelmässigen Erscheinungsweise erfolgte, aber auch leicht pseudo-aufwertend klingende Umbenennung zum Almanach entwickelte, hat vielleicht etwas Potemkin´sches. Denn hinter der Fassade sitzt ja die gleiche Figur, ein bisschen wie Goodwin in „Zauberer der Smaragdenstadt“, der sowjetischen Variante des „Zauberers von Oz“. Meint: letztlich nur ich, allerdings eben mit einem über die Jahre entwickelten Beziehungsgeflecht, das oft genug auf Freundschaft basiert. Oder eben über jene funktioniert, da es wirklich nur sehr eingeschränkt als ökonomische Verwertungsebene zu bezeichnen wäre. Auch wenn ich mich mittlerweile verstärkt darum bemühe, nicht mehr alles kostenlos zu machen oder das von anderen vorauszusetzen. Es gibt ja durchaus zu berücksichtigende Zwänge da draußen.

Die damals sicher eher spontan entworfene Selbstbeschreibung, die mit „Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente“ versucht wurde, traf es aber erstaunlich genau, bei aller auszudeutenden Variabilität. Ich war vorher schon der lonesome Provinz-Irgendwie-(Post)-Punk, der in Torgelow, buchstäblich an den nordöstlichen Landesrand verbannt, sich mit aus dem Radio strömendem Randständigem ködern ließ sowie ab und an in die Sehnsuchtsmetropole Berlin fuhr, um momenthaft dabei zu sein. Dieser Status, wenn auch mit äußerst erweiterten Weltzugangsbedingungen, setze sich ab 1990 in Greifswald halt fort. Nur dass ich, ausgehend eben u.a. von den DT64-Konstellationen, bald anfing, mehr und mehr die Involvierungsmomente vor Ort selbst zu schaffen. Oder, den Rand dann gen Osten hin überschreitend, in Kooperation mit Freunden in Szczecin, der nächsten größeren Stadt in Polen. Wobei die auf den einen oder anderen Rand bezogene Selbstwahrnehmung eben auch für die ausgreifende Erkunden des subkulturellen Ex-Ostblocks galt, der nie ein monolithischer Block war, nicht zuletzt (sub)kulturell. Es betont ein wenig die Fremdheit, das nicht vollständige Aufgehen, z.B. auch in einer klar definierten Subkultur – die es provinziell eben oft nicht gibt, aus Mangel an Möglichkeit, was sich positiv als Zwang zur Begegnung und Wechselwirkung ausdrücken kann. Ein anderes Sinnbild, das ich in Bezug auf Zonic gern lancierte, liegt in der bewussten Betonung des Z (ein ja leider gerade durch den Krieg in der Ukraine in ein schlechtes Licht gezogener Buchstabe). Es geht um Zone: einerseits die DDR, die ja westlich gerne abfällig als (sowjetisch besetzte) „Zone“ markiert wurde, was aber auch im Osten begrifflich angenommen wurde in der (sich auch aus der Eigenverantwortung nehmenden) Distanzierung von den Zuständen, andererseits aber auch die vom „Stalker“ erkundete Zone von Strugazki/Tarkowski, der den Weg durch jene auch eher erahnt und erfühlt, als weiß. Es ist halt eine etwas andere Zonic Youth, die da nachwirkt.

Was diese Begrifflichkeiten ausdrücken und worum es Euch geht ist natürlich klar: von den autobiographischen Erlebnissen ausgehend die Geschichte und die Veränderungsprozesse subkultureller Szenen zu dokumentieren und aufklärenden zu analysieren. In diesem Anspruch stecken viele Diskursanschlüsse dran, ich konzentriere mich mal auf 3:
Was erinnern wir?
Und wie erinnern wir es?
Und was bedeutet das für die Geschichte und die Zukunft in Form von Ableitungen?

Zu 1 und 2 gefragt: hast du das Gefühl, dass die Geschichte des DT64, wie ihr sie nun darlegt, ein weiter Mosaikstein dieser möglichen Erzählungen ist, oder ist Euer Anspruch schon gewesen (und erfüllt?), ein allgemeingültiges Erinnerungsbild zu entwerfen?
Und zu 3 würde mich interessieren, wen ihr als Dialogpartner:innen für diesen Diskurs seht? Für wen ist die Ausstellung und das Rahmenprogramm konzipiert?

Sicher geht es auch um die Herstellung von Deutungshoheit über die eigene(n) Geschichte(n), um ein einforderndes Einschreiben in den größeren Zusammenhang oder vielleicht sogar aufbrechendendes Hineinschreiben, im Sinne der vehementen Betonung eines bislang unterrepräsentierten Sonderaspekts. Allgemeingültigkeit ist da natürlich ein schwieriger Begriff, denn unsere Annäherung ist ja klar parteiisch, post-lobbyistisch, ja: von der Fan-Position her kommend. Insofern geht es vielleicht auch erst einmal um die potentielle Multiperspektivität jener Massenminderheit, die damals so unglaublich aktiv wurde. Meine Position als Hörer der Spezialsendungen kann von der eines eher dem Tagesprogramm Zugeneigten ja durchaus verschieden gewesen sein. Die Begegnung, das deuten die vielen Fotos an, die wir mittlerweile gesammelt haben, war jedenfalls durchaus divers, denn da stehen Punks und andere Subkulturalist:innen neben partiell auch noch gut als ostdeutsch erkennbaren „Stinos“, wie wir damals in grob simplifizierender Distinktionsbemühung gesagt hätten, also „Stinknormalen“.
Einerseits ist „Power von der Eastside!“ natürlich ein Angebot an all jene quer durch diese Spektren, gemeinsam auf dem Zeitstrahl zurück zu reisen und dabei ein wenig nach verlorenen Möglichkeiten oder eben sich selbst zu suchen. Andererseits geht das Interesse an dieser Art Zeitgeschichte hoffentlich über die Zeitzeugenschaft hinaus, denn hier wurden ja auch die Bedingungen entwickelt, unter denen Radio heute existieren muss.

Das Schöne an der Station in Berlin ist, dass wenigstens dort sich auch noch ganz real Spuren von DT64 im Äther finden lassen. Vor allem bei Radio Eins, wo diverse wichtige Stimmen von DT64 zu hören sind: Marion Brasch, Jörg Wagner, Olaf Zimmermann, dessen Sendung lediglich von „electronics“ zu „Elektro Beats“ umgetauft wurde, oder Holger Luckas, dessen „Freistil“ 1990 bei DT64 begann und die einzige ist, die ohne Umbenennung weiter lief und noch heute läuft. Aber auch greift hier unweigerlich irgendwann die unbarmherzige Endlichkeit, denn Holger Luckas z.B., der mich entscheidend Richtung Osteuropa-Subkultur inspirierte damals, sendet seit kurzem als Rentner seine freie Sound-Auswahl abseits des allzu Gängigen. Das Projekt ist eben wohl auch eine der letzten Chancen, den Referenzrahmen aus einem Aktivfeld in die Geschichte zurück zu spannen, bevor alles endgültig zum Mythos wird oder in die Vergessenheit fällt. Daher, wie oben schon angedeutet, ist es natürlich auch äußerst wichtig, z.B. den Bogen zu den heutigen freien Radios zu ziehen und die Frage nach den Potentialen von Radio im 21.Jahrhundert aufzuwerfen, nicht zuletzt anhand der allumfassenden Möglichkeiten der digitalen Moderne. In der Prägungen wie durch DT64 oder meinetwegen in größerem Maßstab a la John Peel kaum mehr vorstellbar sind, in der die Lenkungen an den knusprigen Rand, hinter dem es so viel zu entdecken gibt, also ganz anders laufen wahrscheinlich. Wovon ich mir dann auch ganz gerne von Jüngeren erzählen lasse.

„Power von der Eastside!“
DT64 – DAS JUGENDRADIO UND SEINE BEWEGUNG
BERLIN, BROTFABRIK, 24.03.-03.04.2022

Begleitprogramm

DO 24.03.2022, 19 Uhr
Brotfabrik Bühne
„Power von der Eastside! DT64 – Das Jugendradio und seine Bewegung“
Vernissage
Mit Marion Brasch (Radio Eins/Ex-DT64), Jörg Wagner (Radio Eins/ Ex-DT64), Heiko Hilker (Ex-DT64-Initiative Dresden) u.a.

SA 26.03.2022, 16 Uhr
Brotfabrik Bühne
Führung mit Alexander Pehlemann (Zonic/Leipzig)

SO 27.03.2022, 20 Uhr
Brotfabrik Kino
„Jugendradio DT64 – Chronik einer angekündigten Abwicklung“ (R: Ulrike Hemberger, Rainer Hällfritzsch, D, 1992, 50 min). Mit Filmgespräch.Wiederholung: SO 03.04.2022, 18 Uhr

DO 31.03.2022, 20 Uhr
Brotfabrik Bühne
The Great Rockradio B Swindle, oder: Jugendradio zwischen Todesstoß und Neuanfang. Talk mit Silke Hasselmann, Jürgen Balitzki und Lutz Schramm. Moderator: Jörg Wagner

SA 02.04.2022, 19 Uhr
Brotfabrik Bühne
Radio-Lounge: Sounds of DT64 – Die lange Nacht der Musikredaktion
Mit Wolfgang Martin, Lutz Schramm, Marion Brasch, Ronald Galenza, Jürgen Balitzki, Holger Luckas u.a.

SO 03.04.2022, 16 Uhr
Brotfabrik Bühne
„Power von der Eastside!“ Finissage & Ausblick
Bloß keine Welle machen? DT64s Nachhall bei Piraten- und Freien Radios
Moderation: Xenia Helms (Colaboradio/Freies Radio Berlin, Board Member AMARC Europe/Women’s International Network, Klangkünstlerin, Kulturnetzwerkerin)

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop | Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput Supporter
Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop dankt seinen Supporter_innen!

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies and accept our data policy. More information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close