Kapa Tult – Zerrissenheit und Euphorie

Kapa Tult (Photo: Marco Sensche)
Die junge Band Kapa Tult beherrscht die Kunst, die Lebenswirklichkeit ihrer Generation mit pointierten Texten einzufangen. Dass sie dabei kein Blatt vor den Mund nehmen, haben die Leipziger bereits mit Songs wie „Leck mich“ unter Beweis gestellt – eigentlich ein Abgesang auf den Ex-Freund, der jedoch in einer Hinsicht schmerzlich vermisst wird: „Komm zurück für eine Nacht und dann leck mich.“
Mit dem aktuellen Album „Immer alles gleichzeitig“ behalten Kapa Tult ihre klare Haltung bei, finden aber einen anderen Klang. Sound und Arrangement rücken mit der Produktion von Moses Schneider stärker in den Vordergrund. Schneider, der mit Bands wie Tocotronic und den Beatsteaks zusammengearbeitet hat, hatte dabei von Beginn an eine klare Vision. Sängerin Inga erläutert, dass für ihn der Sound des ersten The-Strokes-Albums Inspiration und Vorbild gewesen sei: musikalisch unterschiedlich, aber klanglich eine Einheit. „Deswegen glaube ich auch, dass man unsere Platte sehr gut als Album hören kann – eben weil der Sound so konsequent ist.“
Stilistisch ist die Band im deutschsprachigen Indiepop zu verorten – mit Sinn für Melodien und markantem Gesang. Wir sind Helden als Referenz ist unverkennbar. Gleichzeitig schlagen Kapa Tult neue Wege ein, setzen elektronische Beats und Rap-Gesang ein („Ich will ein Kind von mir“) oder betonen punkrockige Elemente („Ich bau ab“). In dem Song „Ich versuch es wieder bei dir“ biegt die Band mit jazzigen Schlagzeug- und Piano-Parts noch einmal in eine ganz andere Richtung ab. Ihr heimliches Faible für lateinamerikanische Musik wird hier unter anderem mit der klappernden Quijada in Szene gesetzt – ein Percussion-Instrument chilenischen Ursprungs in Form eines Eselgebisses. Ursprünglich hatte der Song noch einen längeren Salsa-Teil, der es jedoch nicht aufs Album geschafft hat. „Den spielen wir aber noch oft live, wir sind nämlich sehr große Salsa-Fans“, bekennt Angi, die Jazzschlagzeug studiert und zusammen mit Keyboarderin Robin auf der Musikhochschule in Leipzig war.
Im Verlauf des Albums wird deutlich, wie zentral das Keyboard für den Kapa-Tult-Sound ist. Unterschiedliche Effekte kommen zum Einsatz: Mal erinnern sie an einen Atari-Computer aus den Achtzigern, mal rufen sie Assoziationen an eine watschelnde Ente hervor („Machen, was man halt so macht“) oder zitieren das Intro von Europes „Final Countdown“. Den eigentlichen Unterschied macht aber die Orgel – mitunter wird ein ganzer Song von ihr getragen. Wie bei dem langsamen Stück „Niemand“, das den Verlust eines Menschen und das damit verbundene Schweigen in Worte fasst: „Und niemand redet jemals von sich aus über dich / Mit mir / Niemand redet jemals mit mir / Und ich will auch sowieso nicht drüber reden.“
Insgesamt vier Tracks wurden vor dem Release des Albums veröffentlicht; dass „Niemand“ eine der Vorab-Singles sein würde, stand dabei früh fest. „Das war uns schon bei der ersten Probe klar“, verrät Angi. Trotz des traurigen Themas ist der Band ein wunderschöner Song gelungen – mit einem Refrain, der sich festsetzt und bleibt wie die Erinnerung an einen geliebten Menschen. Live gespielt dürfte „Niemand“ ein perfektes Stück für die allerletzte Zugabe sein, um beim Publikum auf dem Nachhauseweg ein nicht enden wollendes „Oder“ mitschwingen zu lassen: „Dass alles in mir vorbei ist / Wisst ihr doch eh / Oder? Oder? Oder? / Und wenn wir nicht drüber reden / Tut es weniger weh / Oder? Oder? Oder?“
Oft handeln die Texte vom Gefühl der Zerrissenheit: wenn der Anspruch an sich selbst nicht eingelöst wird oder verliebte Sehnsucht unerfüllt bleibt. Mögen die Ablenkungsstrategien noch so ausgefeilt sein – Wellness machen, essen gehen oder Insta löschen – am Ende ist man doch nur auf sich allein gestellt. Diese Botschaft wird einem gleich zu Beginn um die Ohren gehauen. „Es bringt mir nichts“ schallt einem im Opener Chorzeile für Chorzeile entgegen. Und dennoch: Nach Resignation klingt das nicht, eher nach einem trotzigen „Fick dich!“
Unausgeglichenheit ist auch das Grundgefühl, das sich im nachfolgenden „Machen, was man halt so macht“ artikuliert. Es geht um Erwartungsdruck, den „richtigen“ Lebensentwurf und das Gefühl der Unzulänglichkeit – es nicht so gut hinzubekommen wie die anderen. In dem Song versteckt sich außerdem der Albumtitel, auf den sich die Band lange Zeit nicht einigen konnte; es gab einfach zu viele gute Ideen. Auch dafür steht „Immer alles gleichzeitig“: „Es ist nicht nur Überforderung, es kann auch Euphorie bedeuten“, sagt Sängerin Inga, die in der Regel die Texte schreibt. „Es gibt so viele Möglichkeiten, vieles, was Spaß macht. Du kannst immer alles machen, aber es geht nicht alles auf einmal.“
„Immer alles gleichzeitig, klappt halt leider meistens nicht“ lautet die Schlüsselzeile des Stücks. Für Kapa Tult selbst gilt das nicht: Ihnen ist ein prall gefülltes, in sich geschlossenes Album gelungen – mit 13 vielschichtigen Songs, die von vorne bis hinten überzeugen. Ohne fragendes „Oder?“, vielmehr mit drei Ausrufezeichen.

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