Freitag, 20.09.2019
Mrs. Pepsteins Talk

“Ohne Mann galt meine Mutter gar nichts” – Uschi Brüning im Gespräch

Uschi Brüning, das ist eine deutsche Soul- und Jazz-Sängerin, deren Fame besonders in der DDR blühte. Ihre einzigartige Stimme trug ihre Kunst allerdings auch weit in den Westen hinein, zusammen mit Manfred Krug veröffentlichte sie 2014 das Album “Auserwählt”. Mrs. Pepstein hat mit ihr ein Interview von Schlager bis Feminismus geführt. Hier nachzuhören in der Radiosendung “Mrs. Pepsteins Welt” oder eben auch nachzulesen. Props auf Sandy Feldbacher fürs Transkript.

Quelle: YouTube

Mrs. Pepstein: Frau Brüning, Sie sind ja in Leipzig aufgewachsen. Wie ist es heute für Sie hier zu sein?
Uschi Brüning:
Die Frage wird mir öfter gestellt, ich muss da aber immer ein bisschen stocken, denn ich habe nicht mehr so eine große Beziehung zu Leipzig. Die Mutti lebt nicht mehr, meine Wallfahrtsstation – ihre Wohnung – wurde abgerissen, und ich habe mich dann seelisch mehr in Berlin eingerichtet.

Was ist Ihre letzte Erinnerung an Leipzig?
Die vielen Auftritte, die ich hier in Leipzig hatte, doch die Erinnerung ist nicht schön, weil nichts mehr ist, wie es mal war. Leipzig ist heute eine neue Stadt für mich. Die allerletzte Erinnerung ist eine Fernsehproduktion mit dem MDR. Das war sehr schön, aber das ist ein anderes Leben.

In diesem Jahr ist Ihre Biografie „So wie ich“ erschienen. Sie schreiben am Anfang gleich, dass Sie die eigentlich gar nicht schreiben wollten, warum haben Sie es dann doch getan?
Früher habe ich mir eingebildet, ich könnte schreiben. Ich habe es probiert und festgestellt, ich kann es nicht. Doch dann ist der Verlag an mich herangetreten. Dessen freie Mitarbeiterin Christa Schädlich ist meine Co-Autorin und hat das in die Hand genommen. Außerdem hat Manfred Krug immer von der Seite gestichelt, ich soll doch mal schreiben. Und als das alles so zusammenkam, habe ich gedacht, dann machst du es eben. Und dann ging es. Wenn man erst einmal dabei ist, zieht es einen ohnehin regelrecht hinein in den Stoff.

Inwiefern ist ein Buch wie Ihres, in dem eine Musikerin von ihrem Leben erzählt, wichtig für junge Musikerinnen heute?
Ich denke, es kann dem Vergleich, der Kenntnisnahme und Information dienen. In die Geschichte wird es nicht eingehen, aber wir beziehen auch die DDR und was wir damals erlebt haben mit ein. Und das ist dann nicht nur eine Biografie, sondern auch eine kleine Dokumentation, die interessant sein könnte für die Nachgeborenen.

Was ich besonders eindrücklich finde ist, wenn Sie schildern wie das war als Sängerin mit ausschließlich männlichen Kollegen unterwegs gewesen zu sein.
Ja, das war sehr schwierig und ich neigte aus einem Harmoniebedürfnis heraus immer dazu mich anzupassen. Es existierte einfach kein Verständnis der Männer für Frauen. Vielleicht der eigenen Frau gegenüber, aber ich war ziemlich robust und da erfährt man eben keine Fürsorge. Gerettet hat mich, dass ich einigermaßen singen und mich dadurch durchsetzen konnte. Man macht’s und schafft’s – so war es. Aber es gab nicht nur schlechte Erlebnisse. Das waren auch wundervolle Musiker, mit denen ich gespielt habe, und die mich geprägt und gefördert haben, an erster Stelle mein Mann Ernst-Ludwig Petrowsky. Ich möchte nicht, dass da nur das Negative rüberkommt, aber manchmal klingt es im Buch so. Das stimmt.

Gleichzeitig gab es auch nicht so viele Musikerinnen oder Sängerinnen in Ihrem Umfeld.
Das muss ich bestätigen. Die paar, die mir bekannt waren, mit denen habe ich nicht gespielt. Es hat sich einfach nicht ergeben. Ich hab zwar mal ein großes Frauenfestival mitgemacht, das sehr eindrucksvoll war, aber es gab tatsächlich noch nicht so viele Frauen. Zumindest keine, die sich in so einer Männerwelt wie der Unterhaltungsbranche damals durchsetzen wollten. Und es ist auch immer eine Frage der Qualität – ein Instrument zu spielen reichte nicht.

Wie sind Sie Musikerin geworden? Sie beschreiben in dem Buch, dass das Singen für Sie immer ein „Überlebensmittel“ war. Wie kam es dann schlussendlich dazu, dass Sie professionelle Musikerin wurden? Ich habe immer gesungen und das hat nie nachgelassen, weder in der Berufsausbildung, noch auf der Oberschule. Schon als 12jähriges Mädchen hatte ich den Traum, irgendwann mal groß und berühmt zu werden. Dann habe ich in einer Amateurband gespielt und irgendwie eilte mein Ruf bis nach Berlin und Klaus Lenz fragte mich ganz direkt, ob ich als Berufssängerin in seine Band einsteigen wolle. Klaus Lenz war nicht irgendeine Band. Hier ging es nicht einfach darum, Musik zu machen und damit Geld zu verdienen. Lenz war etwas ganz Berühmtes und Besonderes, da sagt man einfach nicht nein, wenn es einem ernst ist. Ich habe also zugesagt und es nie bereut.

In der Musik, die Sie auch heute noch machen, ist sehr viel Melancholie drin, zum Beispiel auch in dem Burt-Bacharach-Klassiker, den sie mit „So wie ich“ covern. Woher kommt diese Melancholie, die ja auch in Ihrer Stimme ist?
Das war mir noch gar nicht so bewusst, aber die kommt natürlich aus meiner Biografie. Meine Mutter hat meine Schwester und mich allein großziehen müssen und war oft nicht da. Und ich habe sie von Kindesbeinen an sehr vermisst, auch als ich schon erwachsen war, wollte ich immer nur zu meiner Mutter, um sie zu unterstützen. Das ist diese ewige Sehnsucht nach Liebe, die ich suchte und die ich heute noch suche. Man kriegt ja nie genug davon. Ich bin völlig aufgefangen von meinem Mann, aber das Sehnen nach etwas Besonderem, dieses „da muss doch noch etwas kommen“, das ist nicht weggegangen und das färbt die Stimme ein.

Ist Sehnsucht etwas, das man braucht in der Musik?
Ich denke ja und der Mensch braucht auch mal einen guten Teil Einsamkeit, sonst kann man sich nicht ausdrücken. Wenn es einem immer nur gut geht, wird die nonverbale Botschaft in der Stimme langweilig. Alle großen Soulsänger vermissen etwas, ihnen ging es schlecht oder auch gut, aber sie haben alle diese Sehnsucht nach Gott oder was weiß ich wonach. Ich habe sie halt immer nach Liebe.

So wie Billie Holliday, mit deren Liedern sie einen großen Abend in der Elbphilharmonie planen. Das muss für Sie, obwohl Sie schon so viele Jahre als Musikerin unterwegs sind, etwas Besonderes sein, da zu singen.
Auf jeden Fall ist das ein Auftrittsort, von dem viele träumen, und ich habe mir nicht träumen lassen, dass ich mal dort auftreten darf. Billie Hollidays Biografie ist ja auch wirklich traurig – der Entzug von Mutterliebe, das Ausnutzen durch Männer und die hilflose Flucht in Alkohol und Drogen. Das geht mir nah und man hört die Traurigkeit, wenn sie singt und in ihren Texten.

Es gibt nur wenige Text, die sie selbst geschrieben haben, zum Beispiel „Tagesträume“. Viele Ihre Texte wurden von Autorinnen geschrieben. Können Sie mir etwas zu denen erzählen?
Monika Jacobs hat meinen berühmten Titel „Dein Name“ getextet. Gisela Steineckert spielt eine große Rolle für mich in meiner Karriere. Eva Strittmatter nicht zu vergessen. Ich mag übrigens auch Frauengesang mehr als den von Männern. Frauen haben eine Botschaft, die zu mir durchdringt. Ich knie auch nieder vor Ray Charles, Al Jarreau und anderen tollen Sängern, aber bis ins Herz kommen sie nicht, das machen die Frauen – Aretha Franklin zum Beispiel. So wie sie möchte man sich ausdrücken können. Das begeistert mich.

Warum erhalten Jazzsängerinnen in Deutschland so wenig Aufmerksamkeit? Eine Joy Flemming oder Uschi Brüning kennen aus meiner Sicht viel zu wenig Leute. Warum ist das so? Liegt das am Genre oder daran, dass es Frauen sind? Allerdings kennt man ja auch nicht so viele Jazzsänger.
Genau, man kann das nicht immer auf das Frausein und die Unterdrückung runterdimmen. Es ist ein langer Weg, bis man berühmt oder bekannt wird. Man braucht ein gutes Management, auch im Jazz, und wenn das nicht da ist, muss man lange warten, bis man sich nach oben gesungen hat. Damals war der Jazz schon eine Männerdomäne. Auch intelligente, kluge Jazz-Musiker haben an dem Vermögen von Frauen, das zu können, was sie können, gezweifelt. Und dann noch die soziale Komponente: Meistens hörten Frauen auf zu singen oder zu spielen, wenn ein Kind kam. Das machten Männer nicht. Dadurch wurden sie zurückgeworfen oder zogen sich völlig aus der Kunst zurück. Außerdem packen Männer in der Regel mehr zu beim Spielen, Frauen spielen „fraulich“, also nicht „Hau den Lukas“. Da sind manche Männer und auch manche Zuhörerinnen nicht bereit mitzugehen. Daran liegt es unter anderem, denke ich.

Dann heißt das wahrscheinlich auch, dass Frauen und Sie selbst auch mehr einbringen mussten als Männer.
In einer Umgebung mit Männern wird man selbst auch ein bisschen burschikoser, robuster und traut sich den Mund aufzumachen, weil es gar nicht anders geht. Man kann nicht in sich hinein, sondern muss aus sich heraus singen und das habe ich dann immerhin in der Männerdomäne, aber auch durch meinen Mann gelernt.

Manfred Krug und Ihr Mann haben sie unterstützt?
Genau, das waren meine zwei Hauptmänner. (lacht) Ich habe von Manfred Krug sehr viel gelernt, noch mehr aber von meinem Mann, der eben ins Horn bläst. So muss man das machen, auch beim Singen, nicht schüchtern sein, sondern den Ton raushauen! Das habe ich auf Augenhöhe von ihm gelernt und das ist gut so.

Sie haben in der DDR auch Schlager gemacht. Einige Künstlerinnen wie etwa Katja Ebstein, wollen ja nicht darauf reduziert werden. Sie hat auch viel Chanson und politisches Lied gemacht. Wie stehen Sie zum Schlager?
Schlager gehört zu meiner Karriere, meinem Leben und meinem Empfinden, aber ich will mich nicht auf ein Genre festlegen lassen. Jazz ist ein weites Feld und Unterhaltung auch. Und irgendwo treffen Unterhaltung und Jazz zusammen und da darf man nicht puritanisch oder puristisch sein. Musik ist Musik, mein Gott!

Genau und es muss gefallen oder jemanden ins Herz treffen! Ich würde gern noch etwas über den Text von „Tagesträume“ wissen. Wie ist der entstanden?
Viele können den Tagtraum gar nicht entziffern. Es geht darum, dass man davon träumt, immer harmonisch miteinander zu sein und dann wacht man auf und sieht, dass es nicht so ist. Zur Musik fehlte ein Text, einen Texter hatte ich nicht zur Hand und da habe ich es selbst versuchst. Der Text ist so einfach wie das Leben manchmal, auch wenn das nicht jeder gleich so erkennt. Bei „Tagesträume“ war Liebe im Spiel – da ist mir das Schreiben leichtgefallen.

Wie entstehen Ihre Programme? Und wie ist die Geschichte mit dem Billie-Holliday-Abend entstanden?
Glücklicherweise muss ich mich dafür gar nicht an den Schreibtisch setzen und überlegen, weil das immer Fragen der Anforderungen sind. Mit dem Leipziger Pianisten Stephan König habe ich zum Beispiel zusammen „Am Fenster“ von City gecovert. Und dann kam uns die Idee, eine ganze Liste von solchen Stücken zu machen. So ist das wunderbare Programm „Herzenslieder“ entstanden, bei dem wir Rockstandards von DDR-Gruppen spielen.
Bei dem Billie-Holliday-Abend hat mich Ulli Blobel von der Jazzwerkstatt gefragt, ob ich das machen möchte. So kommt das meistens bei mir zustande – man fragt mich oder fordert mich heraus und das nehme ich liebend gern an. So war es auch mit dem Buch. Bisher sind die Rechnungen alle aufgegangen.

Sie sind heute hier heute auf einer feministischen Veranstaltung eingeladen. Wie sehr sind Sie mit dem Thema Feminismus verbunden?
Die Ungerechtigkeit zwischen Mann und Frau habe ich in der eigenen Familie miterfühlen müssen, weil meine Mutter ohne Mann gar nichts galt. Für mich ist es selbstverständlich, dass eine Frau dasselbe darf wie ein Mann. Das gehört zu meinem Leben. Auch, dass Frauen ihren Mann stehen, nee, die stehen ihre Frau. (lacht) Es ist gut, dass Frauen dafür kämpfen und ich bin dabei.

Das finde ich gut ebenso wie, dass man Erfahrungen teilt. Was würden Sie jungen Musikerinnen mit auf den Weg geben, um in dem Business zu bestehen?
Eigentlich habe ich als alte Frau den jungen gar nichts zu sagen. Die sind mir weit voraus. Die Zeit ist kurzlebig, die Musik und die Styles ändern sich von Tag zu Tag. Wichtig ist, an sich zu glauben, und das, was man will, auch wirklich durchzuziehen. Die werden es schon machen.

Vielen, vielen Dank, Frau Brüning
Sehr gern. Ich danke, für die akustische Einladung.

Das Interview führte: Mrs. Pepstein / Transkription: Sandy Feldbacher

Ebenfalls erschienen in dieser Kaput/Pepstein-Reihe:
– Pepstein trifft Giulia Becker

– Pepstein trifft Klitclique
– Pepstein trifft Bernadette La Hengst

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