Muff Potter veröffentlichen neuen Song „Nottbeck City Limits“

Muff Potter: Entgrenzende Akkordarbeit vs. Erdulden der Monotonie

Muff Potter (Photo: Bastian Bochinski)


2020 schrieben Muff Potter in einem Kulturgut in Ostwestfalen neue Songs. Nur ungefähr zehn Kilometer entfernt, in Rheda-Wiedenbrück, befindet sich Tönnies. Der größte Fleischbetrieb in Deutschland geriet im Sommer 2020 wegen eines großen Corona-Ausbruchs wieder negativ in die Schlagzeilen. In ihrer neuen Single „Nottbeck City Limits“ stellen Muff Potter zwei Parallelwelten gegenüber. Während die Band im Haus Nottbeck euphorisch neue Musik aufnahm, wurden im Schlachthof bis zu 30.000 Schweine täglich geschlachtet.

Philipp Kressmann sprach mit Sänger und Texter Thorsten Nagelschmidt über den sieben Minuten langen und referenzreichen Song, der die grausamen Arbeitsbedingungen thematisiert.

„Ich gehe an Maisfeldern entlang, ein Abendland. Im Morgenlicht eines Werktags im Juni.
An einer makellos sauberen Landstraße, unweit der A2 im südöstlichen Münsterland.“

So beginnt der Song „Nottbeck City Limits“. Die Gruppe arbeitete damals in dem abgeschiedenen Kulturgut Haus Nottbeck. Ab und zu ging Thorsten Nagelschmidt laufen. Auf schmalen Straßen fielen ihm vollbesetzte Kleinbusse auf. Irgendwann wurde ihm klar, dass es sich bei den Mitfahrer:Innen um Arbeiter:Innen des Schlachtbetriebs von Tönnies handeln muss. „Das ist sehr charakteristisch für diese Gegend, weil es ja um Menschen geht, die unsichtbar gemacht werden sollen“, erinnert sich Nagelschmidt. „Trotzdem sind sie zu sehen. Alle wissen es.“

„Transporter voller Männer und Frauen mit leeren Gesichtern.
Auf dem Weg von A nach B. Meine Welt kreuzend, in ihrer bleibend.“

Das lyrische Ich bleibt im Song erstmal bei der Band, im Proberaum. Muff Potter verfügten auf dem Kulturgut über Einzelzimmer inklusive Dusche. Nach dem Frühstück – „ohne Fleisch, ist klar“ – ging es in den Saal, „wo das Arbeitsgerät wartet“. Trommeln, Gitarren, Mikrofone und Verstärker. Das Ziel dieser Akkordarbeit: Entgrenzung, „berühren und sich berühren lassen“. Hier wird auf den Song „Verstärker“ von Blumfeld angespielt. „Es war wichtig, dass diese Referenzen auf beide Seiten passen“, sagt Nagelschmidt. So war es ja auch wirklich: Muff Potter produzierten Musik am laufenden Band, während im Schlachtwerk die Fließbänder liefen. Nun beschreibt der Song die Arbeitsbedingungen im ungefähr zehn Kilometer entfernten Betrieb. „Prozess und Technik“ am laufenden Band, jeder geschlossene Raum ein Sarg. Wieder Blumfeld-Zitate, aber ein neuer Kontext.

„Aufhängen, Hals aufschneiden. Ohren abtrennen, Augen entfernen, Organe entnehmen.
Zerteilen, Zerlegen, Verpacken, Versenden. 30.000 Schweine am Tag.
Tausend Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr.
Entzündete Gelenke, taube Finger, platzende Köpfe, platzend vom Töten.“

Für das Spoken-Word-Stück recherchierte Nagelschmidt viel, was er sonst nur für seine literarische Arbeit tut. „Ich hatte schon das Gefühl, mich hier umfassender informieren zu müssen“. Er führte unter anderem mit dem Pressesprecher von Tönnies ein Gespräch. Aber auch mit Inge Bultschnieder, einer Aktivistin aus Rheda-Wiedenbrück, die den Konzern schon vor dem Corona-Ausbruch 2020 kritisierte. „Sie hat vor vielen Jahren angefangen, sich für bei Tönnies arbeitenden Menschen aus Osteuropa zu engagieren.“ Bultschnieder hat etwa Details über unfaire Arbeitsbedingungen von einer Werkarbeiterin aus Bulgarien erfahren. „Sie hat seit Jahren sehr viel dafür getan, diesem Thema zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen.“ Nagelschmidt sprach auch mit Yulia Lokshina, die die Doku „Regeln am Band bei hoher Geschwindigkeit“ über die deutsche Fleischindustrie gedreht und dafür auch Beschäftigte interviewt hat. Auch das inspirierte den Song, der im weiteren Verlauf die Wohnbedingungen der Beschäftigten beschreibt. Bis zu dreißig Namen auf den Briefkästen, Doppelstockbetten, kaum Privatsphäre. Kein Haus Nottbeck.

„Toastbrot und Tütensuppe im Land von fließend Milch und Honig.
Die Kinder in Obhut bei den Verwandten, weit weg hinter den Karpaten.
Heimweh wie Horrorsau und ein Stück billiges Fleisch.
Sag: nur vorübergehend, Sag: Sprungbrett, Sag: Erdulden der Monotonie.“

„Erdulden der Monotonie“ meint die generell monotonen Arbeitsabläufe in der gesamten Fleischindustrie (Nagelschmidt unterhielt sich auch mit Dr. Marcel Sebastian, der soziologisch über die Tier-Mensch-Beziehung forscht). „Das ist tatsächlich ein Ausdruck, der in manchen Werksverträgen drinsteht. Wer diesen Vertrag unterzeichnet, verpflichtet sich zum Erdulden der Monotonie. Das ist auch der Wortlaut, was auch schon mal viel aussagt und wahnsinnig menschenverachtend ist“, meint Nagelschmidt. Auch er hat im April 2022 das ZDF Magazin Royale geschaut. Jan Böhmermann und sein Team haben Tönnies eine Folge gewidmet. „In den Achtziger Jahren beutete Tönnies Arbeiter aus Spanien aus, dann kamen billige Arbeitskräfte aus Rumänien und Bulgarien. Je bedürftiger und verzweifelter die Menschen, desto billiger!“, sagte Böhmermann und zeigte anschließend ein Flugblatt. Das bewies, dass Tönnies gezielt ukrainische Geflüchtete als neue Arbeitskräfte anwarb. Die Folge erklärte auch, wie der Konzern mit Subunternehmen kooperiert und die Unterkunft direkt vom Gehalt der Beschäftigten abgezogen wird, für die es nur einen miesen Arbeitsschutz gibt. Nagelschmidt fand die Folge toll und sehr begrüßenswert, aber den Ton teilweise moralisierend. „Es wird dann doch so ein Eindruck vermittelt, das hier ist alles so schlimm, weil Clemens Tönnies ein böser Mensch ist. So einfach ist es ja nicht!“ Der Song verfolgt einen anderen Ansatz, schielt auf strukturelle Rahmenbedingungen und kommt auf Gewerbesteuern zu sprechen. „Es geht nicht darum, dass Clemens Tönnies eines Besseren belehrt werden muss, damit er einsieht, dass er jetzt mal ein wenig freundlicher sein muss. Sondern es geht darum, sich das System anzuschauen.“ Darum geht es den auch Theaterstücken von Bertolt Brecht. Eine Zeile von „Nottbeck City Limits“ stammt fast eins zu eins aus Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, in dem sich die Protagonistin mit einem Fleischboss anlegt. Im Stück geht es um Monopolbildungen und die Einsicht, dass gesellschaftliche Systeme keinen Naturgesetzen unterliegen.

„Misch dich nicht ein da!, sagen sie, wer viel fragt kriegt viele Antworten.
Doch es spricht sich herum, dass das Unglück nicht entsteht wie der Regen.
Sondern von jenen gemacht wird, welche einen Vorteil davon haben.
Und was von Menschen gemacht wurde,
kann auch von Menschen wieder abgeschafft werden.“

Wie könnte man das System verbessern und reglementieren? Diese Frage schwebt am Ende des Songs im Raum. Es geht um die Aussicht auf politische Handlungsoptionen. Der Song spielt auch auf einen Satz aus Brechts „Dreigroschenoper“ an: „Erst die Nahrungsmittelproduktion, dann das Fressen und dann die Moral.“ Das Stück ist more than a feeling (im Sinne diverser Sprechgesangsstücke der Goldenen Zitronen), weder Agit-Prop noch Zeigefinger-Punk. „Es geht ja nicht nur um eine moralische Bewertung davon, ob man Fleisch essen soll oder nicht und wie mit Tieren umzugehen ist – auch wenn das mit Sicherheit auch eine Rolle spielt“, sagt Nagelschmidt, der seit den Neunzigern Vegetarier ist. Primär geht es um den Themenkomplex Nahrungsmittelproduktion. „Man könnte wahrscheinlich einen ähnlichen Song über Tomatenfelder in Italien schreiben und darüber, wie mit Menschen umgegangen wird, die gerade von Lampedusa aus aufs Festland gekommen sind und eine Arbeit suchen.“

Muff Potter blickten sich aber erst einmal in ihrer Umgebung um. „Als wir über diese Sachen nachgedacht haben, gab es dann den großen Corona-Ausbruch im Juni 2020.“ Damals dachte die Band auch über sich selbst nach: Ist man selbst nicht indirekt Nutznießer? Kann man sich überhaupt noch als subkulturelle Außenseiter fühlen? „Inwiefern ist das überhaupt aufrecht zu erhalten, wenn nur ein paar Kilometer weiter Menschen wirklich scheiße behandelt werden und nicht den Luxus haben, auf einem schönen Kulturgut zu sein?“ Das Haus Nottbeck mit seinen „Maßanfertigungen für Millionen“ und das Werk von Tönnies befinden sich zwar nicht im selben Landkreis. „Aber man kann schon sagen, es ist eine wohlhabende Gegend. Dieser manchmal auch bizarre Reichtum – das wird man auch im Musikvideo sehen – wird maßgeblich von Menschen erwirtschaftet, die mit wenig bis gar nichts dafür abgespeist werden.“ Der selbstkritische, aber nicht resignative Song verortet sich im Hier und Jetzt, was man gerade in deutscher Pop-Musik vermisst, die sich oft lieber zeitlose und allgemeine Themenfelder sucht. „Nottbeck City Limits“ ist hingegen ein Stück, das von realen Orten erzählt, man könnte die Story via Google Maps begleiten. Das macht den Song so greifbar, trotz vieler Zitate. Allein der Titel spielt auf „Nutbush City Limits“ von Ike & Tina Turner an. Aber muss man solche Referenzen nicht kennen, um der Geschichte zu folgen. Spuren eines Gedichts von Brinkmann sowie ein russisches Arbeiterlied wollen hier kein intertextuelles Insiderwissen sein, sondern dienen erst einmal dem Storytelling.

Das gilt auch für den Sound: Schon das Intro klingt unheimlich, nach Industrie und Sägengeräuschen. „Meine Freundin meinte, das seien ja schon die Schweine, die hier noch irgendwie spielen und noch vergnügt sind. Sie wissen noch nicht, was passiert.“ Doch der Anfang des Songs hatte rein musikalische Gründe: „Es sind einfach nur unsere Saiteninstrumente. Es sind zwei Gitarren und ein Bass.“ Ein fast grungiger Basslauf sorgt wenig später für Groove, die zweite Gitarre genau dann für enervierende Sounds, als der Text sich dem Schlachtwerk widmet. Muff Potter erinnern mit „Nottbeck City Limits“ eindrucksvoll daran, dass es keine Themen gibt, denen sich Pop-Musik (im weitesten Sinne) nicht annehmen könnte. „Und nun: Sing my song!“

Am 26. August erscheint „Bei aller Liebe“, das neue Album von Muff Potter.

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