Danielle De Picciotto & Friends w/ Maroula Blades

Maroula Blades: „Ich träume auf Englisch“

Maroula Blades auf der Vaganten Bühne


Maroula Blades ist Dichterin, Autorin, Künstlerin und Musikerin. Ich wurde durch eine Besprechung Ihres Buches „The World in an Eye“ auf sie aufmerksam. Die feinfühlig geschriebenen Kurzgeschichten berühren sehr, sie zeichnen eine schwierige Welt, in der es nicht unbedingt Gerechtigkeit gibt. Neugierig geworden informierte ich mich über die Autorin und stellte fest, dass sie als Spoken Word Künstlerin seit den 1990er Jahren in Berlin lebt und unter anderen mit mir wohlbekannten Dichtern wie Wolfgang Hogekamp, dem Godfather des Berliner Poetry Slams, und Bas Böttcher aufgetreten ist. Die Welt ist so klein…

Spoken Word, Lyrik und Poetry Slams sind unterschiedliche, klar definierte Welten in der deutschen Sprache. Dazu kommt, dass Maroula Deutsch spricht aber in England aufgewachsen ist. Ich bin selbst Amerikanische, interdisziplinäre Künstlerin in Berlin lebend und interessiere mich sehr für Sprache. Durch die Zusammenarbeit mit internationalen Sprachkünstlern ist mir aufgefallen wie anders Ihre Herangehensweise und Sprachbezug in den unterschiedlichen Sprachenund Ländern ist. In den USA ist z.B. Spokenword seit Laurie Anderson, Patty Smith, Henry Rollins oder Saul Williams eine selbstverständliche Sparte in den Künsten oft mit Musik verbunden. In Deutschland gab es während der Pandemie dagegen keine Stipendien für Spoken Word Künstler da sich die unterschiedlichen Sparten nicht entscheiden konnten, ob es zur Literatur, Musik oder Performance Kunst gehört.Spoken Word wird hier meist pur gesprochen ohne Musik oder visuals. In London gibt es seit einigen Jahren eine sehr große Poetry, Slam und Spoken Word Szene, die zwar sparten übergreifend ist aber kaum subventioniert wird. Was ist die Rolle dieser unterschiedlichen Sprachsparten und inwiefern Ihr wirklicher Unterschied? Sprache selbst erlebt seit einigen Jahren große Umwälzungen und In-Fragestellung. Fake News, Double Speak und „alternative Fakten“ sprießen wie Pilze aus dem Boden. Menschen diskutieren und streiten sich über Worte, Inhalten und Symbolik wie schon lange nicht mehr und anstatt zu kommunizieren scheint Sprache heute zu teilen, entfremden.
In der Kunst geht es darum auf einer unterbewussten Ebene, instinktive oder emotionale Wahrheiten zu erspüren und zu untersuchen, ohne Wertung oder Reglementierung. Dieser Weg ist wohl der friedlichste aber auch radikal Ehrlichste dem wir folgen können.

So kam es, dass ich Maroula kontaktierte und zu einem Interview einlud, um Ihre poetische Sicht der Sprachen und dem momentanen Zustand unserer Gesellschaft zu erfahren. Es war ein schönes Gespräch. .

 

Maroula Blades (Photo: J. Heinrich)


Maroula, Du bist Dichterin, Autorin und Musikerin. Gibt es einen Bereich, der Dir mehr bedeutet oder sind dir alle gleich wichtig?

Ich habe keine Präferenzen in diesen kreativen Disziplinen. Hauptsache, es entsteht etwas und es geschieht organisch, d.h. wird nicht erzwungen. Ich berechne die Zeit nicht, die in einem Bereich verbracht wird, und vergleiche nicht die Fähigkeiten, die nötig sind, um etwas auf die Beine zu stellen.

Im Bereich Sprache arbeitest du als Autorin, Dichterin und Spoken-Word-Künstlerin. Gibt es für Dich einen Unterschied in der Herangehensweise innerhalb dieser verschiedenen Formen?

Nein, ich habe keine unterschiedlichen Ansätze für die einzelnen literarischen Ausdrucksformen. Um meine Kreativität in Gang zu bringen, werde ich normalerweise durch etwas angeregt, das ich gesehen, gehört, erlebt, geträumt oder recherchiert habe. In den letzten zwei Jahren wurden aufgrund der Covid-Pandemie meine Texte und Bilder allerdings von unterschiedlichen Gefühlen inspiriert, d.h. Angst, Sehnsucht, Einsamkeit und Offenbarungen, die ich während des Lockdowns erlebt habe. Außerdem wurden persönliche Offenbarungen in meiner DNA entdeckt. Jetzt verstehe ich, warum ich mich zu einer bestimmten Art des Malens hingezogen fühle, ohne Kunst studiert zu haben.

Du bist in Großbritannien aufgewachsen und lebst seit den 90ern in Berlin. Inwiefern hat dies Deine Arbeit beeinflusst? Wann hast du angefangen zu schreiben?

Es war nicht einfach in den 1970er Jahren in Großbritannien aufzuwachsen. In dieser Zeit und in den 1980er Jahren waren die Spannungen zwischen den Rassen groß. People of Color organisierten verschiedene politische Aktionen oder Demonstrationen wie den Grumwick Strike 1976 und den Black People´s Day of Action 1981 in London. In den 1970er und 1980er Jahren organisierten sie auch Proteste gegen die Polizei und rassistische Gewalt. Ich erinnere mich, dass ich auf dem Weg zur Schule oft mit dem N-Wort beschimpft wurde und von meinem sechsten bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr saß kein weißes Kind neben mir in der Klasse. An meiner Schule gab es nur eine Handvoll Schüler mit gemischtrassigem Hintergrund.
Ich habe in meiner frühen Jugend angefangen zu schreiben. Natürlich haben Rassenunterschiede und das politische Klima in England meine Arbeit beeinflusst und beeinflussen sie immer noch, die sich oft mit rassistischen und anderen sozialen Themen befasst. Indem ich über diese Themen schreibe, hoffe ich, soziale und rassische Unterschiede zu überbrücken.

Anfang der 90er bin ich nach Berlin gezogen. Hier begann ich mich für Klimafragen zu interessieren. Ich würde mich nicht als Öko-Kriegerin bezeichnen, aber ich versuche, eine kleine Rolle zu spielen, indem ich Umweltprobleme in Gedichten, Prosa und Fotografien hervorhebe.
Außerdem bin ich 1995 in Berlin Mutter geworden. Ein Kind zu haben, hat meine Sicht auf das Leben verändert. Natürlich schrumpfte meine Unabhängigkeit, aber das war kein Problem. Während ich mit meinem Sohn während seiner Säuglingsjahre wertvolle Zeit verbrachte, machte ich mich daran, vier Bücher pro Monat zu lesen. Diese Bücher handelten von schwarzer Geschichte, Poesie und gesellschaftspolitischen Romanen. Ich habe mich auch mit klassischen Poesieformen beschäftigt. Ich fand, dass die Formen Sestina und Pantoum zu meinem Schreibstil passten. Meine Arbeit beschäftigt sich mit anspruchsvollen Themen. Die liedhaften Qualitäten dieser Gedichtformen ermöglichen es, die etwas rohen Themen zu verdauen.

Welche Autoren haben dich beeinflusst?

Ich verehre James Baldwin; Er hatte einen unglaublichen Stil und seine Romane und Essays sind roh, schön, ergreifend, witzig und aufrichtig. Er hatte einen unglaublich scharfen Verstand. Falls Du die historische Debatte zwischen James Baldwin und William F. Buckley Jr. an der Universität Cambridge über die Frage „Geht der amerikanische Traum auf Kosten des amerikanischen Negers?“ noch nicht gesehen hast, empfehle ich es Dir.

Die Werke von Zora Neale Hurston, Toni Morrison, Alain Mabanckou, Sylvia Plath, Nikki Giovanni, Ben Okri, Jayne Cortez, Langston Hughes, D.H. Lawrence, Amiri Baraka, W.E.B. Du Bois, Alice Walker und Derek Walcott, um nur einige zu nennen, haben mich auch geprägt.

Wenn Du die englische Sprache und die deutsche Sprache als Charaktere beschreiben würdest, was sind ihre Besonderheiten oder Unterschiede in der Kommunikation? In welcher Sprache träumst du?

Miss Marple wäre die englischsprachige Figur. Sie ist eine echte Wichtigtuerin und talentiert im Lösen von Problemen und hat ein zynisches Gespür für die menschliche Natur. Sie ist scharfsinnig und bringt es auf den Punkt. Ich vergleiche die deutsche Sprache mit der Figur von Ebenezer Scrooge. Dickens Beschreibung von Scrooge: „Die Kälte in ihm ließ seine alten Gesichtszüge gefrieren, knabberte an seiner spitzen Nase, schrumpelte seine Wange, versteifte seinen Gang; machte seine Augen rot, seine dünnen Lippen blau; und sprach klug mit seiner knirschenden Stimme.“ Später in der Geschichte zeigen die drei Geister Scrooge die Fehler seiner Wege. Er wird ein besserer, großzügigerer Mann. Bei der Kommunikation langatmig. (Ha, ha, ha) Alles im Scherz.
Ich träume auf Englisch.

Du führst Gedichte in Schulklassen auf. Wie kam es dazu und was ist Dein Ziel dabei?

Ich war früher Mitglied der Creative Writing Group in Berlin. Die Gruppe trifft sich jeden ersten Freitag im Monat im Buchhändlerkeller. Zu seinen Mitgliedern zählen Lehrer, Professoren und Dozenten. Nachdem einige Mitglieder meine Arbeit gehört hatten, luden sie mich ein, interaktive Präsentationen in ihren Schulen und Gymnasien zu halten. Die Lehrer fanden meine Arbeiten relevant für Schüler, die Englisch als Hauptfach für das Abitur belegten. Ein Großteil meines Schreibens befasst sich mit Themen, die in den englischen Kursen gelehrt werden, wie z. B. The Civil Rights Movement, Gentrifizierung, Identitätspolitik, Austerität, Einwanderung und Migration, die schwarze Diaspora, LGBT, Me Too und Black Lives Matter soziale Bewegungen, Umweltschutz und Klima Themen und andere aktuelle globale Themen.

Es macht Spaß, interaktive kreative Schreibworkshops für Schüler und Studenten zu planen. In diesen Workshops setze ich alle meine kreativen Bereiche ein. Viele der Jugendlichen, die die Schulen besuchen, haben unterschiedliche Hintergründe. Während der Frage-und-Antwort-Runde äußern sich die Teilnehmer sehr entgegenkommend bezüglich ihrer Meinungen zu den aktuellen lokalen und globalen Themen.
Mein pädagogisches, interaktives, multimediales Poesieprojekt namens „Fringe“, unterstützt von der Jan-Michalski-Stiftung für Literatur in der Schweiz, befasste sich mit vielen der oben genannten Themen. Das Projekt wurde für den Amadeu-Antonio-Preis 2019 nominiert. Jörg Heinrich (alias George Henry) hat mit mir zusammen die dazugehörigen Soundtracks komponiert.
Mein Ziel ist es, interessante Themen harmonisch anzusprechen und zu teilen. Daher die Verwendung von Musik und Bildmaterial in den Präsentationen. Die verschiedenen Multimedia-Elemente tragen zum Verständnis bei und schaffen Atmosphäre. Oft betten wir deutsche Untertitel in die Filme ein. Außerdem werden meine projizierten Gemälde und Fotografien als Hintergründe verwendet und ebenfalls mit Untertiteln versehen. Ich verteile auch deutsche Übersetzungen an die Schüler. Junge Menschen werden diese Welt erben. Auf ihre Offenheit, Bereitschaft und Durchsetzungskraft wird es ankommen, Krisen in den Griff zu bekommen, aufzuhalten oder gar zu beseitigen. Junge Erwachsene haben einen flexiblen Geist. Sie können sich ohne allzu große Schwierigkeiten anpassen und nach neuen Methoden suchen, um veraltete und überholte Systeme zu verbessern.

Hast du Schwerpunkte in deiner Arbeit oder hängt das vom Projekt ab?

Der Großteil meiner Arbeit für Projekte umfasst gesellschaftspolitische und ökologische Themen. Wie in meinem Flash-Fiction-Buch mit dem Titel „The World in an Eye“, veröffentlicht von Chapeltown Books, 2020. Das Buch umfasst sechzehn Geschichten mit verschiedenen globalen Themen. Kein Thema hat Vorrang. Das Buch ist unter anderem bei Amazon, Barnes & Noble, Dussmann, Waterstones, Hugendubel und anderen Online-Plattformen erhältlich.

Viele Deiner internationalen Auftritte sind interdisziplinär. Machst du auch Dichterlesungen oder Spoken-Word-Performances ohne Musik oder Film oder gehören sie für Dich immer zusammen?

Bei Vorträgen lese ich mit und ohne Musik. Wenn ein Veranstalter nur den gesprochenen Text haben möchte, habe ich damit kein Problem. Wenn ich zum Lesen gebucht werde, erkundige ich mich immer nach den Bedingungen und plane die Veranstaltung entsprechend den Anforderungen.

Bist du als Slam-Poetin aufgetreten? Was ist in deinen Augen der Unterschied zu Slam Poetry, einer Poesielesung und einer Spoken Word Performance?

Ja, ich war vor über 20 Jahren in der Berliner Slam-Szene; es war lustig und befreiend. Ich traf viele interessante Dichter. Ein Jahr war ich in einem Slam-Team, das Berlin vertreten hat. Die weiteren Dichter im Team waren Xóchil A. Schütz und Bastian Böttcher. Diese Autoren schreiben alle noch und präsentieren ihre vielfältigen Werke. Als ich Slam Poetry präsentierte, trug ich den Text im Stehen vor und konnte die Arbeit auswendig. Slam Poetry hat für mich einen Hauch von Theatralik. Ich habe viel gestikuliert und mich auf der Bühne bewegt. Manchmal bat ich das Publikum, mitzumachen. Ich mache das nicht, wenn ich Gedichtlesungen oder Spoken-Word-Performances präsentiere. Heute sitze ich an einem Tisch oder stehe hinter einem Rednerpult, um Werke vorzustellen.

Könntest du zwei Wörter nennen, die du liebst, und zwei Wörter, die du hasst, und erläutern, warum?

Es gibt keine Worte, die mir wichtiger sind als andere. Aber ich mag die Musikalität einiger Wörter gegenüber anderen. Ich mag keine abfälligen Worte, die verwendet werden, um die Eigenschaften oder die Herkunft einer Person zu beschreiben.


Woran arbeitest du momentan und was sind deine Pläne für die Zukunft?

Zusammen mit meinem musikalischen Partner Jörg Heinrich stelle ich ein Album mit Spoken-Word und Musik fertig. Für dieses Projekt erhielt Jörg Ende 2020 ein Kompositionsstipendium. Wir haben alle Tracks komponiert. Neben dem Schreiben der Gedichte und dem Singen von Harmonien sind meine anderen Beiträge das Didgeridoo, das Moog Theremin und die armenische Flöte. Ich würde mich nicht als großen Könner auf einem dieser Instrumente bezeichnen. Aber ich liebe es, sie zu spielen und Musik zu machen. Ich lerne gerade, meine neue Buffet Crampon B-Klarinette zu spielen. Sie hat ein wunderbares Timbre; die tiefen Töne sind besonders schön.
Anfang nächsten Jahres werde ich eine Serie von pastellfarbenen Acrylbildern auf Leinwand (100 cm x 100 cm) fertiggestellt haben. Ich werde diese in einem hybriden Manuskript aus Poesie, Kunst und Prosa verwenden. Und als Projektionen für Live-Events.
Kürzlich erhielt ich ein INITIAL-Sonderstipendium der Akademie der Künste. Ich schreibe jetzt Material für dieses literarische Projekt.

Was ist deine Hauptmotivation?

Weiter zu lernen, zu kreieren und zu teilen. Ich möchte die beste Version meiner selbst sein. Es ist kein leichtes Unterfangen, da es Standhaftigkeit in Wort und Tat, Geduld und Disziplin erfordert. Man muss sich auch auf sein höheres Selbst einstellen und auf die innere Motivationslehrerin hören. Dabei muss man sich eine gesunde Neugier bewahren. Selbstgefälligkeit stumpft Geist und Seele ab.

 

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop | Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput Supporter
Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop dankt seinen Supporter_innen!

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies and accept our data policy. More information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close