Thank Me Later – Playlist

Thank me later w/ Zinnschauer

Artwork: Dena Tabari & Djulien Izadi-Kooshki

Eine Beschreibung von Zinnschauer ist gar nicht so einfach. Märchen-Emo nennt die Band ihren Sound selbst; wahrscheinlich wohl wissend, dass diese blumige Umschreibung mitunter auch unvorteilhaftes Kopfkino auslöst. Das stört sie allerdings nicht. „Unbeirrtheit“ ist dann wohl auch das passende Stichwort: Die Musik von Jakob Amr und Sjard Fitter bewegt sich konsequent weit fernab dessen, was den meisten Leuten in Zeiten von Algorithmen wohl jemals vorgeschlagen wird. Kürzlich zeigte eine Studie des Technik-Riesen Samsung, dass Songs aufgrund der seit Jahren sinkenden Aufmerksamkeitsspanne der Hörer*innen immer kürzer werden. Inzwischen wird im Durchschnitt nach 8 Sekunden entscheiden, was gefällt und was nicht. Das schreit nach simplen Strukturen mit schnell einsetzendem und oft wiederholtem Refrain. In diese Meldung platzt nun ein Album, das unbedingt im Ganzen gehört werden muss und von Anfang bis Ende keinerlei Nebenbeschäftigung duldet. Herrlich!

Jakob Amr (Photo: Dena Tabari)

Der Folk-Screamo-Mix des Debüts wandelt sich in den Soundtrack zu einem vergessenen Film Noir über das Leben und die Liebe, vornehmlich mit Beleuchtung der Beschwerlichlichkeit von beidem. „Das Zimmer mit dem doppelten Bestand“ erzählt die Geschichten von Zinnschauer weiter, mit lyrisch gewohnter und musikalisch deutlich gesteigerter Virtuosität: Es wird opulenter, bisweilen gar orchestral; das neue Gewand steht Band und Themen gleichermaßen gut.

Die Wut der frühen Tage scheint ein wenig verraucht und macht Platz für mehr Melancholie, doch im Großen und Ganzen knüpfen Amr und Fitter mit dem neuen Album elegant an dessen Vorgänger an. Die Lust an komplexer Poesie und musikalischer Dynamik ist geblieben, die Arrangements fielen jedoch um einiges detaillierter aus. Jakob Amr scheinen die vergangenen Jahre überdies noch mehr Vertrauen in die eigenen Qualitäten verliehen zu haben; die Vocals zeigen die Weiterentwicklung besonders deutlich. „Ich wette, wenn ich jetzt nicht geh’, dann wird der Winter hart“ singt er im großartigen „Beim Laternenaustreten“. Ich wette, die Umarmung dieses Albums macht den Winter für Viele gerade ein wenig leichter.

Sjard Fitter (Photo: Hendrick Köller)

Wer mit so großer Sorgfalt Musik macht hört natürlich auch bei den Kollegen aufmerksam hin. Wir fragten die Beiden nach ihren ganz persönlichen Lieblingssongs und erhielten nicht nur eine überaus bunte Auswahl von The Mars Volta über Hans Unstern bis zum Soundtrack von Pocahontas, sondern auch gleich noch die persönlich geführte Tour durch die Playlist – wir bedanken uns und übergeben das Wort an Jakob & Sjard:

Grizzly Bear – Aquarian
Um an das aktuellste Grizzly Bear Album heranzukommen hab ich ein bisschen gebraucht. Erst Mal musste ich mich von Veckatimest (2009) loshören. Das hat gut geklappt und nun verstehe ich gar nicht mehr, warum ich es mir so schwer gemacht habe: Diese Akkordfolgen, das Schlagzeug, die Melodien im Outro ab 2:59, wow. Das hat schon echt viel Märchenhaftes.
(Jakob)

Delbo – Saldo
Eine der Bands bei denen ich sehr ernsthaft traurig bin sie nie live gesehen zu haben. Die Zeile die ganz besonders bei mir nachhallt ist „Sie fragt mich nach Farben. Und ich antworte in Zahlen.“ Und: Das Gitarren-Feedback über den ruhigen Gesang bei 3:45, genial!
(Sjard)

Manchester Orchestra – Everything To Nothing
Indie trifft Epos. Wer bei „You mean everything to nobody – but me“ nicht den Schlag in die Magengrube fühlt, hat niemals musikalische Empathie empfunden, haha.
(Sjard)

The Mars Volta – Cassandra Gemini [Part I]
Dieser Song ist der erste Teil eines 32 minütigen Monsters im Bauch eines noch größeren 77 minütigen Monsters. Ich habe das Album „Frances The Mute“ (2005) vor circa 10 Jahren zu meinem Lieblingsalbum of all time gekürt und das hat sich bis heute nicht geändert. Es ist auch ein bisschen wie ein Märchen, allerdings wie ein furchtbar finsteres. Ein Sumpf aus verzweifeltem Emo-Salsa-Prog-Punk-Wasauchimmer, überschwappend von Pathos und großer Geste. Ey, und auch hier wieder krasses Schlagzeug von Jon Theodore.
(Jakob)

Lingua Nada – Habiba
Adam Lenox Jr., der Kopf hinter Lingua Nada und seinem neuen Projekt Zouj, ist einfach ein wahnsinniger Songwriter und Soundscaper. Hier in der Form seines Noise-Rock-Pop(?)-Punk- Trios. Ich liebe und teile das Konzept aus Unbekanntem und Bekanntem etwas Neues zu schaffen, das einen nicht vollständig abhängt, sondern einen im Gegenteil sogar einlädt. Also mich lädt es zumindest ein, haha. 🙂
(Jakob)

Touché Amoré – I ́ll Get My Just Deserve
Genau genommen TA gemeinsam mit Jordan Dreyer (La Dispute). Seine Stimme und die von Jeremy Bolm ergänzen sich verdammt gut und für mich nach wie vor eine der krassesten Tour- Kombinationen. Beide Bands haben sich nachhaltig in mein Gedächtnis eingepflanzt. „Searching for a pulse in this lifeless city is less a quest, it’s wishful thinking“. Diese rauh-düstere Stimmung holt mich komplett ab.
(Sjard)

Lichter – Vorstadt
So viel Ruhe in einem Song. Eine Geschichte vom Vertrauen lernen. „Zum allerersten Mal will ich bleiben und nicht gehen.“
(Sjard)

Hans Unstern – Endlos Endlos
Unstern = Ein Phänomen. Kunst über Kunst, viel Harfe, wenig Gender und Lyrik. Verzaubert jeden Menschen der sich drauf einlässt, meine Meinung. 😉
(Sjard)

Loma Prieta – Worn Path
Kick-HiHat-Kick-Snare, nach den vier Schlägen im Intro ist bei mir schon alles aus. Eine Zeit lang, habe ich sehr viel Skramz und HC gehört und dieses Album steht für mich sehr weit Vorne. Einfach der Ansatz, dass das Drama sich auch im Unterproduzierten wiederfindet und sich darin auch multiplizieren kann. Die Schreie durch Gitarrenverstärker, alles vieeeeel zu laut und krachig, live, sloppy, rauschig. Und gerade deshalb klingt es so, wie sich Dinge manchmal anfühlen.
(Jakob)

Das Farbenspiel des Winds (Pocahontas Soundtrack)
Nach den letzten Feinheiten an „Das Zimmer mit dem doppelten Bestand“, saßen wir zu viert im Studio vor dem Pre-Mix und haben ein bisschen Musik gehört. Dieser Song hat mich als Kind schon total beeindruckt und irgendwie war es ein guter Zeitpunkt den nochmal laut und an einer guten Abhöre zu erinnern. Wir waren danach alle kurz still und haben uns mit einem präzisen „Wir haben noch viel zu lernen und zu entdecken“-Blick angelächelt. Alles an diesem Lied ist völliger Wahnsinn. Die Streicher-Läufe, die Gesangsmelodien, die Holzbläser? Irgendwann will ich auch so etwas schreiben (können).
(Jakob)

Rapkreation – Kleine Welt
Habe ich erst 2020 so richtig für mich entdeckt, obwohl schon 2018 erschienen. Ich selbst bin eher auf dem Land aufgewachsen, der Song ist für mich ein Einblick in das Aufwachsen in der Großstadt zu einer gewissen Zeit. Mein persönlicher Bezugspunkt ist die beschriebene Gegend, Kreuzberg 36. Zu der Zeit bevor der besungene McDonalds gebaut wurde, verbrachte ich dort oftmals einige Zeit mit meiner ersten Freundin bei ihrem Bruder, der dort lebte. Ein stark atmosphärischer Raptrack.
(Sjard)

Andrew Lloyd Webber / Jesus Christ Superstar 1996 London Cast – Damned For All Time / Blood Money
Oft kann man mich mit Musicals in die Flucht schlagen. Eine starke Ausnahme: Jesus Christ Superstar. Großartige Komposition und eine spannende Verarbeitung einer altbekannten Thematik. Das gesamte Spektrum der menschlichen Gefühle wird angesprochen und ganz nebenbei mein 13-jähriges Ich, welches großen Bühnen, elektrischen Gitarren und Boxentürmen nachfiebert. Seitenfakt: Jakob und ich haben das Musical gemeinsam im Musikunterricht in der Schule behandelt.
(Sjard)

Dirty Projectors – Keep Your Name
So klingt es also, wenn man Ende 30 verlassen wird und das kunstvoll verarbeitet. Die Hochzeitsglocken schon im Intro, hahaha, Wahnsinn. Der etwas cringige Rap-Teil, Hammer. Nach der ersten Minute hat Dave Longstreth aber mit der Essenz einer Piano Ballade alles abgerissen. Was eine Melodie, wow.
(Jakob)

Captain Planet – Pyro
Mit diesem Song verbinde ich die letzte Zinnschauer-Tour 2015. Irgendwie war er da für mich präsent. Verdammt gut getextet. Als ich die Zeile „Wenn du jetzt nach vorne fällst, liegt ihr euch in den Armen – zum allerersten Mal seit 25 Jahren“ gehört hab, hab ich geheult.
(Sjard)

TV on the Radio – Love Dog
Dieser Song war auf Zinnschauer-Tour immer der erste Song nach dem Set. Immer noch einer der schönsten Texte, die wir je gehört haben. Und dann das Jaulen eines einsamen Hundes auch noch so zu singen… zu gut. (Jakob & Sjard)

Erdmöbel – Beherbergungsverbot
Der Titel verrät es. Ja, es ist ein 2020-Song. Aber ein sehr versöhnlicher. Auch wenn ich mich nicht immer so versöhnlich gefühlt habe und mir menschenverachtendes Geschwurbel und Verhöhnung von erkrankten sowie verstorbenen Menschen direkten Hass entlocken, so lässt mich dieser Song mit einem Lächeln zurück. Alles wird gut. Andrà tutto bene.
(Sjard)

Tex – Brenn mit mir
Wohl der einzige relativ eindeutige „Singer/Songwriter“ in dieser Auswahl. Es gibt sicher Leute, die mir für den Vergleich die Augen auskratzen wollen, aber für mich ist hier sehr viel Rio Reiser drin. Gibt mir ein melancholisch-wohliges Aufbruchsgefühl.
(Sjard)

Goldroger – Bomberman
Verdammt schöner, facettenreicher Text in passendem Gewand. Der Behauptung, dass Rap nur oberflächlich von AMG, Tilidin und Versace handele, sei hiermit widersprochen.
(Sjard)

Paan – Yamaha
Wenn man Paan ein Genre geben müsste wäre es Diskurs-Screamo. Das wollen sie selbst bestimmt nicht hören weil das viel zu sehr nach Akademiker-Haushalt klingt. Das respektiere ich, nenne es aber trotzdem so weil es trifft. Mehrere Sprachen, so viele Ebenen und so spannende Harmonien trotz all der Härte und Vertracktheit. Geil. Sie kochen gern und teilen eine sehr lange Freundschaft. Paan ist die Band von Magnus und den Freunden mit denen er aufgewachsen ist. Magnus hat jede Musik von Zinnschauer aufgenommen die es irgendwo zu hören gibt, zuerst in seinem WG-Zimmer – dann in den Lala-Studios.
(Sjard)

(Anm.d.Red.: Magnus Wichmann ist Gesellschafter des Leipziger Labels Lala Schallplatten und produziert in den angeschlossenen Lala Studios Künstler wie Leoniden, Pabst, Anorak, Neonschwarz und eben Zinnschauer)

Dimitri Schostakowitsch – Waltz No. 2 (City of Prague Philharmonic Orchestra)
So stelle ich mir einen nächtlichen Schneesturm in New York vor. Motiviert mich zum Schreiben.
(Sjard)

Kante – Wenn Man Im Atmen Innehält
Ich liebe Kante für die mutige Instrumentierung innerhalb der dann doch oft starren Hamburger Schule. Gitarrenmusik mit deutschen Texten inklusive Mandoline und Flügelhorn, lieb’s.
(Sjard)

Meet Me in St. Louis – All We Need Is A Little Energon, And a Lot of Luck
Das zugehörige Album heißt „Variations on Swing“ und genau das hat mir das Album damals mitgegeben. Wie warm und groovig kann sich komplett vertrackte und unruhige Musik anfühlen? So! Progressive Komposition wird sehr schnell kühl und abhängend und das klingt für mich immer schnell arrogant. „Aber das Metrum ist doch so gut, weil es die Fibunacci-Folge spiegelt…“. Das sehe ich nicht so. Musik muss mit Mitteln der Menschlichkeit darum kämpfen, entdeckt zu werden. Und in diesem Entdecken ist dann auch sehr viel Platz für das Verkopfte. Aber eine emotionale Hand sollte sie schon ausstrecken.
(Jakob)

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