Bärchen und die Milchbubis „Lach doch mal” (Tapete/Indigo)
Bärchen und die Milchbubis
„Lach doch mal”
(Tapete/Indigo)
Ich bin befangen. Mehrfach. Blättert doch mal durch die beiden wunderbaren Sammelbände „Bored Teenagers. Ein Punkmixtape“ und „Angriff aufs Schlaraffenland. Ein Deutschpunk-Mixtape“ (beide Ventil-Verlag): Dort hatte nicht nur ich die Ehre, mit Swell Maps in „Bored…“ und Palais Schaumburg in „Angriff…“ persönliche Lieblingssongs jenseits von doofen Top 59-Songs aller Zeiten-Blabla zu thematisieren, sondern ganz viele tolle Autor*innen.
Vieles, wenn auch bei weitem nicht alles, von der Musik habe ich selbst erleben dürfen. Manches mag ich ach gar nicht. Die Swell Maps entdeckte ich selbst, Palais Schaumburg wurden mir Anfang der 1980er eher familiär zugetragen. Der kongeniale Jürgen Gleue, der mich selbst mit 39 Clocks und Phantom Payn angenehm düster geflasht hat, nimmt sich im „Schlaraffenland“ des Lieds „Motörrad“ von Bärchen und die Milchbubis von deren Debüt „Dann macht es bumm“ aus 1981 an. Ihr Name war stets around, dennoch verschwanden die Milchbubibärchen bei mir seinerzeit etwas hinter Nichts, Hans-A-Plast und Mania D., im späteren Wiederentdecken dann hinter Östro 430 oder Kleenex. Auch ihr Comeback in 2023 mit „Die Rückkehr des Bumm“ blieb von mir unerhört.

Bärchen und die Milchbubis (Photo: Martina Denker)
Umso schöner, nun also mit „Lach doch mal“ ihr zweites Album nach der Wiederaufnahme ihrer Musik über die digitalen Medien in Hirn und Herz gespült zu bekommen. Mit Comebacks ist das ja so eine Sache. Doch hier klingt alles wie im Hier und Jetzt, wie eine weitere coole Post-Post-Punk oder New New Wave-Band, die unpeinlich auf Deutsch singt. Kein Wunder, sind sie doch humorvoll („Egalien“) und politisch („Nazi-Onkel“: „…die Nazis haben deine Kindheit versaut, doch du hast an den Endsieg geglaubt…“) geblieben, mal ausdrücklich, mal ungemein effektiv versteckter. Da schwingen sogar die zwischenzeitlichen wundervollen Lassie Singers mit, die ihrerseits bestimmt Bärchen gehört hatten. Annette Simons (geborene Grotkasten), Kai Nungesser und Markus Joseph (ehemals Rotzkotz, die neben bereits Genannten und Der Moderne Man den Hannoveraner Underground der Achtziger sehr prägten) gießen werde ‚alte Hits‘ auf, noch versuchen Sie, wieder Teenies zu sein und deren Erfahrungen nochmals zu machen.
Im Gegenteil, sie klingen wuchtig und leicht zugleich, woran auch Bela B als Gastsänger und Tobias Levin (Cpt. Kirk &., Die Erde, Produzent von u.a. Tocotronic oder Ja, Panik) seinen Anteil zu haben scheinen. Levin wiederum in „Angriff“ über die Residenz und ihre vielen doppelten Böden auf dem Song „Albert Hilsberg ist ein Schwein“ schrieb. Kleine, postpunkige Welt im positiven Sinn. Klein, weil zusammenhängend. Nicht weil kleingeistig. Zurück zu den Bärchen: „Superschurken mit Riesengurken“ singen Simons und Jospeh comic-haft auf den Punkt und knallig-unprätentiös. Die meisten der zwölf neuen Stücke sind zwischen zwei und drei Minuten klang. Das genügt. Das passt. „Ich glaub an dich“ ist für mich einer der wunderbarsten neuen Songs der guten Seite der alten Neuen deutschen Welle (so geschrieben) im neuen Gewand. Als seien dazwischen einerseits keine gut 40 Jahre gewesen.
Andererseits waren sie das eben doch, und das merken die jenigen, die beides erlebt haben. Die Hinzugekommenen können ja Diggen und vor allem ihre eigenen Erfahrungen machen. „Ich glaub an dich, ich trau dir alles zu, ich glaub an dich, alles wird gut“ hilft mir jedenfalls wesentlich besser als dekadenlanger Dornröschenschlaf oder Eskapismus. Bärchen und die Milchbubis sind real, mitten unter uns und nicht in spinnerten Verschwörungsmythen und Lügen durchgeknallter Extremist*innen und Wirklichkeitsverweigerer*innen (meistens, aber nicht immer Männer). Also postdigital raus aus den Korsetten und rein ins eigene Leben. „Und ich like dich auch nicht mehr bei Instagram“ („Keiner meiner Freunde ist ok!“. Nanananananananana. Gesang, Gitarre, Bass. Lasst uns Sandkörner im Getriebe sein und es knirschen und kacken lassen. Endlich wieder (weiter) positiv und produktiv schlecht gelaunt sein und trotzdem Selbstwitz haben. Geht kultürlich mit großer Liebe und gutem Job einfach besser, keine Frage. „Deadlines sind mein Endgegner“ („Team ADHS“). Und wenn ich zur im Info beschriebenen Bärchen-Generation als einer der Jüngeren zähle, möchte ich schon darauf hinweisen, dass zumindest mein Umfeld und ich leider nie von den Achtzigern bis heute geglaubt haben, dass die (Neo-)Nazis weg sind. Fragt mal in Ostwestfalen. Oder in Hannover. Oder sonstwo.








