Review und Talk

„Dass es Zoom-Kneipen gibt, wusste ich nicht“ – Das neue Album von Levin Goes Lightly

Levin Goes Lightly
„Rot“
Tapete / Indigo

Out of the blue and into the red… Ja, liebe Neil Young-Ultras, ich weiß, es heißt natürlich „out of the blue and into the black“, aber danke für eure Aufmerksamkeit, ihr könnt gleich hierbleiben.

Wäre die Welt eine gerechte, dann wäre Levin Stadler und sein Projekt Levin Goes Lightly mindestens ein über Underground Clubs hinaus bekannter Künstler, wenn nicht sogar ein Popstar. Dennoch ist es ihm aus welchen Gründen auch immer bisher verwehrt geblieben größere Hallen zu bespielen trotz offensichtlicher Hits (She’s dancing! Speedways! Rote Lippen!) und Fan-Support von Größen wie Trentemøller oder Iggy Pop.

Vermutlich ist es einfach zu kompliziert. Im Blindflug segelt LGL von Roxy Music zu DAF, von Shoegaze zu experimental Pop, von der 8mm Bar zum Roses (sorry, Berlin-Insider) und dreht dabei Videos in denen er z.Bsp. sehr gut geschminkt mit einem halbnackten tätowierten Schnauzbartträger ringt, untermalt von Zeilen wie „Echo auf meiner Haut, dreh ich mich, ich beuge mich, setz mir deinen Schuss, gib mir deinen Kuss“ („Liebhaber“) oder per Zeitraffer in einem artsy DIY Clip sich vom langhaarigen Studi-Typ zur rauchenden Diva wandelt („O’Neill“). Das Absurde: nichts wirkt jemals forciert, alles fließt vollkommen homogen ineinander und dennoch scheint diese Uneindeutigkeit zu verwirren oder gar zu überfordern – offenbar muss man wen doch immer noch irgendwohin wegsortieren können. Aber wohin mit dem? Ins Radio, mindestens 1x die Stunde sage ich und vor allem: raus aus der Nische. Das sollte doch jetzt mit Album Nr. 5 (!) langsam mal möglich sein. Andere wurden für wesentlich weniger substance and style rich and famous.
Nachdem der Vorgänger „Nackt“ erstmalig komplett in Deutsch geschrieben und eingesungen wurde und Levin für sich neue Grenzen ausloten musste (Scham war das vorrangige Gefühl beim Texte schreiben und Einsingen. Ich bin nicht mit deutscher Musik aufgewachsen, sondern mit englischer und amerikanischer Popmusik und daher war es erstmal sehr ungewohnt in deutscher Sprache zu singen, aber es fühlte sich eben genau genug weird an, um auch interessant zu sein.“), finden sich auf „ROT“ nunmehr auch wieder englische Texte und, ja, eine Abba-Coverversion. Frechheit, dass die ihr Comeback einfach an diese Veröffentlichung hängen, aber so läuft das nunmal hier im Kapitalismus.
War „Nackt“ schon ein Schritt vorwärts der eigenen Entblößung entgegen (auch in echt, wie auf dem Cover zu sehen), geht es mit „ROT“ noch ein Stück weiter, steht die Farbe doch für elementare Empfindungen wie Wut, Liebe und Verlangen.
Das beliebte Kaput-Magazin gibt unumwunden zu: Ja, wir sind Fan* und um so mehr freuen wir uns, dass Levin sich heute am Tag des Releases und trotz Reisestress im überfüllten Zug Zeit genommen hat, uns ein paar Fragen zu „Rot“ zu beantworten. Wir alle hatten die letzten 18 Monate eine richtig beschissene Zeit. Kunstschaffende* oder Menschen, denen es ein existentielles Bedürfnis oder gar Beruf ist, sich unter Leute zu begeben, auf oder hinter einer Bühne zu stehen oder sich im Studio zu treffen, noch mal im besonderen. Bei Levin kam zu den allgemeinen Umständen auch noch eine Trennung dazu, was nach einer langen Beziehung an sich schon schrecklich viel Kraft kostet und durch die verordnete Isolation ohne Möglichkeit der Zerstreuung quasi doppelte Einsamkeit produzierte. Oder?

Levin, danke für deine Zeit und Glückwunsch zu deinem Release! Gäbe es „ROT“ so in der Form wie jetzt, wären die Dinge bei dir die letzten Monate anders gelaufen? Beziehungsweise blöde gefragt: Wurde das Album aus der Not geboren oder stand es für dich schon fest, dass du die kommende Zeit der Isolation zum Schreiben nutzen würdest, statt normal Netflix zu kucken und in Zoom-Kneipen zu versacken wie 98% aller Leute?

LEVIN GOES LIGHTLY Ein paar Songs, wenn auch nur zwei, sind vor der Pandemie und vor der Trennung entstanden. Das heißt, der Songwriting-Prozess setzte schon früher ein. „Flirren“ ist zum Beispiel in dem Hitze-Sommer 2019 entstanden. Und das noch in Leipzig. Alles zerfloss. Es stank in der Stadt. Es war eine super krasse Erfahrung, alleine zu sein und auch allein zu leben und das dann auch im wahrsten Sinne (Lockdown). Ich habe mir Geschichten ausgemalt, die passieren hätten können oder passiert sind. Und klar, Netflix hat mich natürlich gefangen. Die Lieferdienste auch. Für mich war es sehr schwer mich zu motivieren und Dinge anzufangen. Trotzdem bin ich viel in mein Atelier gelaufen und habe es manchmal geschafft an Songs weiterzuschreiben und auf neue Ideen zu kommen. Bei mir kommt aber so etwas immer in Wallungen. Ich schreibe nicht kontinuierlich, sondern eher im Wahn, dann wieder eine lange Zeit nichts. Manchmal fliegen mir in solchen Phasen Ideen zu bei denen ich nicht wirklich weiß, ob die zu etwas taugen könnten, aber ein paar Wochen später denkt man sich dann doch so „Wow“. Dass es Zoom-Kneipen gab, wusste ich bis gerade nicht. Habe noch nie bei so etwas mitgemacht und möchte niemals so einen „Raum“ betreten müssen.

Oh OK! Einigen Bekannten und mir hatten diese Zoom-Kneipen (und für einige tun sie das immer noch) regelmäßig den Samstag gerettet, als gar nichts mehr ging, liebe Grüße an dieser Stelle! War fast wie in echt, nur dass man halt zu Hause auf der Couch vorm Laptop zusammen gebrochen ist und nicht wie sonst auf einem schäbigen Klo.
Da du zwar weiterhin die Texte alleine schreibst, aber LGL musikalisch zu einem Kollektiv durch deine Liveband mit Thomas Zehnle (All diese Gewalt) und Paul Schwarz (Human Abfall) erweitert hast, interessiert mich, wie euer Arbeitsprozess an „ROT“ aussah. Immerhin sind Stuttgart und Berlin nicht unbedingt um die Ecke. Ich frage, da das Album sehr homogen klingt und man spürt, dass ihr gut aufeinander eingespielt seid, also alles andere als „hey, ich schick dir morgen mal ne ZIP-file, spiel mal drüber“. Wie lief der Prozess des Aufnehmens so ab?

LEVIN GOES LIGHTLY Es sind einfach zwei sehr gute Musiker, die beiden. Wir haben so weit es irgendwie ging – mit vorherigen Tests – probiert, uns zu treffen. Das war ja in bestimmten Zeiträumen möglich. Diese Zeit wurde dann einfach sehr intensiv genutzt. Klar mussten auch wir uns öfter heimschleichen, hinter parkenden Autos verstecken, um nicht von der Polizei gesehen zu werden und sowas. Eine sehr sehr komische Erfahrung. Aber manchmal kann man seine Arbeit einfach nicht um 20 Uhr beenden. Man muss weiter daran arbeiten, bis man mit dem Ergebnis zufrieden ist und dazu braucht es halt manchmal die Nacht. Zum Prozess an sich: oft ist der Ausgangspunkt eine Skizze. Und die bearbeitet der andere dann weiter und lenkt sie oft in eine andere Richtung. Ich arbeite bereits schon längere Zeit mit Thomas zusammen. Schon seit dem ersten Album mischt er meine Sachen, oder arrangiert sie um. Er schreibt schon lange für mich Stücke oder arbeitet an meinen Sachen weiter, entwickelt sie. Bei Paul ist es das Gleiche. Ohne sie wären meine Sachen wahrscheinlich immer noch auf einem ähnlichem Lo-Fi Level wie bei „Neo Romantic“, was nicht schlecht sein muss. Aber wir haben uns zusammen weiterentwickelt und der Sound und die Songs sind jetzt einfach größer, reifer und tiefer.

Foto: David Späth

Das unterschreibe ich sofort. Trotz der unschönen Umstände, die du als Privatperson und Künstler erleben musstest, klingt das Album alles andere als selbstmitleidig, traurig oder trübsinnig, im Gegenteil. Ich empfinde trotz der teils kühlen Ästhetik der Musik eine Wärme und Harmonie, und auch etwas Versöhnliches, wenn man dazu deine Texte hört, was ich total schön finde. Der Kontrast aus diesen sehr ehrlichen, direkten Worten mit der, sagen wir mal, eher wavigen Musik ist sehr eigenständig. Aber es ist definitiv nicht zu überhören, welches zentrale Thema dich umtrieben hat. Hat sich dieser Kontrast durch Zufall ergeben oder war dir der Gegensatz wichtig damit dein Album kein „Sea Change 2.0“ wird?

 LEVIN GOES LIGHTLY Für mich gab es bei der Trennung nicht nur Traurigkeit. Es gab immer wieder Momente, in denen man sich stark fühlte. In „All Cats Are Beautiful“ wollte ich eine vor Kraft strotzende Hymne schreiben. Ein Empowerment-Song, damit man sich nicht immer verbiegen muss. Dass man sich stark fühlt und alleine klarkommen kann. Der Song geht aber auch an meine/unsere verstorbene Katze, welche ein ganz besonderer Charakter von ihrem Wesen her war und sehr speziell. Eigentlich eine sehr komische Kombination. Aber an diese beide Themen habe ich gedacht. Die Wärme ergibt sich wahrscheinlich daraus, weil die Songs diesmal so persönlich und intim sind. Den Kontrast fand ich sehr spannend. Es soll dich am besten auch im Herz berühren. Und mit „Sea Change“ meinst Du das Album von Beck?

Ja.

LEVIN GOES LIGHTLY Eines meiner Lieblingsalben. Ich habe aber nicht über das Herzbrechen allein geschrieben, sondern auch über die schönen Momente z. B. die in der Vergangenheit. In der Pandemie hat sich alles vermischt. Alte Erinnerungen, neue Bekanntschaften. Alles ein großer Strudel. Wenn auch ein zähflüssiger.

Dank 2G ist ja aktuell einiges möglich, wer weiß für wie lange noch. Aber arbeitest du gerade noch an anderen Projekten oder gibt es eine 2022 To-Do-Liste?

LEVIN GOES LIGHTLY Ich werde erstmal versuchen – so gut es geht – die Tour zu spielen im Dezember. Wir freuen uns sehr darauf. 2022 wollen wie eine Techno beziehungsweise stark elektronisch beeinflusste Platte schreiben. Ich selbst möchte aber auch an Songs arbeiten, die mit sehr wenigen Instrumenten auskommen und der Ausgangspunkt soll hier der Bass sein.

Nun noch zum Cover: auf der Vorderseite bist du zu sehen und auf der Rückseite deine Mutter. Ihr beide spiegelt euch sozusagen in der gleichen Ästhetik mit dunklem Make-Up und einer glammy, gloomy Aura nur mit dem Unterschied, dass dein Vater das Foto deiner Mutter bereits 1978 aufnahm. Erst einmal finde ich die Idee ganz hervorragend auf der Meta-Ebene und super sieht es obendrein auch noch aus. Wie kamst du auf die Cover-Idee, gibt es eine Referenz zu dem Album beziehungsweise dessen Entstehung und vor allem: was sagt Mami?

LEVIN GOES LIGHTLY Meine Mama ist sehr begeistert davon und fühlt sich sehr geehrt, Teil des Artworks zu sein. Die Cover-Idee ist schon vor einiger Zeit entstanden und ist Teil einer größeren Arbeit in der ich mich mit verschiedenen Ich-Zuständen einer Person – oder mir selbst – auseinandergesetzt habe. Das Überthema war das „Selbst“. Bei dem Cover ist das Thema „Prägung“ und wie stark man durch die Eltern beeinflusst wird und das passt in diesem Fall auf unterschiedliche Weise. Ich bin mit dem Bild aufgewachsen, es hing bei uns in der Wohnung und ich fand den Look immer cool und das Bild total toll. Meine Musikbezüge wie zum Beispiel Roxy Music, David Bowie und so weiter sind stark von meinem Elternhaus und meiner Kindheit dort beeinflusst. Vieles davon findet man in mir und in meiner Musik wieder. Ich wollte mich dieser Zeit und der Musik, die meine Mutter liebte, annähern und somit natürlich auch ihr. Dennoch in meiner Zeit eben. Nicht als analoges, sondern als digitales Bild. Auch ist die Geste mit der Hand spiegelverkehrt.
Text und Interview: Saskia Timm

„ROT“ ist am 05. November 2021 auf Tapete Records erschienen.

Levin Goes Lightly auf Tour:
7.12.2021 – München
8.12.2021 – Nürnberg
9.12.2021 – Linz
11.12.2021 – Berlin
12.12.2021 – Hamburg
13.12.2021 – Hannover
14.12.2021 – Mainz
15.12.2021 – Köln
16.12.2021 – Dresden
17.12.2021 – Stuttgart

 

 

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