Record of the week

Philip Bradatsch & die Cola Rum Boys „Die Bar zur guten Hoffnung“

Philip Bradatsch & die Cola Rum Boys
„Die Bar zur guten Hoffnung“
Trikont / Indigo

Knapp 55 Minuten dauert das neue Album von Philip Bradatsch und das sind nur wenige Minuten mehr als auf eine LP passen. So ist nun mit Die Bar zur Guten Hoffnung das erste und nach eigener Aussage auch letzte Doppelalbum des Münchener Sängers rausgekommen (Rolling Stone 12/2021). Vor diesem Hintergrund erscheinen das mehrminütige Gitarrensolo in „(Dich werde ich erinnern) Theresa“ und die teilweise ellenlangen Fadeouts in einem besonderen Licht. Hat das alles einen tieferen Sinn oder gibt Bradatsch einfach nur gerne Rätsel auf? Offenkundig bricht der Mann mit gängigen Formaten und unterläuft vielleicht auch einfach gern Erwartungen. Während sich „Jesus von Haidhausen“ musikalisch noch als Einheit präsentierte, gibt es auf dem neuen Album einige Überraschungen: Neben den bereits bekannten, von Bradatschs amerikanischen Vorbildern inspirierten Gitarrensongs versammeln sich hier stillere Piano-Balladen ebenso wie herzerwärmende Soul- und radiotaugliche Rocknummern. (Manch Kritiker spricht gar – anscheinend ohne Abwertung – von „Deutsch-Rock“.)

Klingt unentschlossen oder anstrengend? Vielleicht. Aber niemals angestrengt. Das gilt vor allem für die deutschen Texte, die an vielen Stellen rätselhaft bleiben, aber vom Interpreten mit einer Leichtigkeit aus dem Ärmel geschüttelt werden, die sprachlos macht. Zum Teufel: viele seiner wuchtigen Verse klingen wie der Anfang eines Buches! Und selten werden die Lyrics zur erhellenden Lektüre mehr vermisst als bei den letzten beiden Bradatsch-Alben – möchte man sich doch auf die verschrobenen, nicht immer ganz verständlichen Zeilen einen besseren Reim machen. „Die einarmige Armee aus Melodicas melancholierten stumpfer Demut. Ich fühle mich wie ein ausradierter Bleistift, der nichts verzeiht und dem nichts weh tut.“ What? Habe ich da was falsch verstanden? May be, aber soll wohl so sein. Wer auf Bedeutungssuche ist, den lässt Bradatsch jedenfalls ins Leere laufen. Sinngebung trifft auf schillernde Offenheit, die Fantasie malt im Kopf fröhlich Bilder, die sich nicht gleichen. Menschen, die es eine Spur direkter und weniger barock mögen, werden vermutlich in der Bar zur guten Hoffnung kein Zuhause finden. Wen aber Bradatschs überbordende Wortgewalt nicht abschreckt, wer Zugang zu den Figuren findet, die seine Songs bevölkern (die Zinnmädchen, ein Tambourmajor, der Schattenkapitän, Chantal Kiesinger…), der wird reich belohnt. Bradatsch fleht und flüstert dabei mit einer Dringlichkeit, die (den Boomern unter uns) Erinnerungen an eine Zeit wachruft, in der allseits bekannte deutsche Künstler ihre ersten Alben aufnahmen – in einer Phase ihres Schaffens als die Geschichten noch nicht auserzählt und sie noch gut für einen Arschtritt waren.

In der Bar zur guten Hoffnung werden die großen Gefühle ausgestellt: Liebe, Sehnsucht, Trauer, Einsamkeit. Wir erleben eine Innerlichkeit, die nicht von Zufall ist. Vollzogen wird ein Rückzug ins Selbst, der nicht nur dem Interpreten, sondern uns allen auferlegt war und ist. Das Album wurde während des Lockdowns aufgenommen, im letzten Winter. Die Tristesse jedoch, die uns in „den kalten Kellern unserer Seelen“ begegnet, wird immer wieder angenehm durchbrochen: stets scheint Hoffnung durch und es wird uns eine (Re-)Prise Optimismus eingeimpft. In gleicher Weise wechseln sich eher zurückgenommene Songs ab mit solchen, in denen die Cola Rum Boys nach vorne gehen. Wie bei „Schatten überm Land“ oder beim Titelsong – Stücke, in denen die E-Gitarre dominiert und Schwermut nicht aufkommt, selbst dann nicht wenn das Schicksal dir „mit Stiefeln auf die Hände tritt“. Das macht Spaß und man hat Bock zu tanzen. Aber dann erwischen einen gleich wieder die leisen Töne und die Faust kracht dir ins Gesicht – der trouble ist real. „Abgehängt“ und „Wohin du gehst“ thematisieren den Verlust „wenn das Licht hinter den Augen verschwindet.“ Was bleibt ist die Unbeholfenheit. Ist der Geist im Treppenhaus. Sind die Schritte, die eingebildeten Spuren, scheinbar im Schnee. Müssten da am Grab nicht eigentlich Leute sein („Unterm Stein“)? Man möchte in der Kneipenecke ergriffen niedersinken und Tränen mit dem Sofakissen trocknen.

Jenseits von laut und leise, in einer Zwischenwelt aus Watte, hält sich „Winter“ auf. Wie es Bradatsch mit seinen ausgedehnten Rufen nach einem „langen, einen langen, kalten Winter“ gelingt, eine derartige Wärme auszustrahlen, weiß der Himmel. Ein paar Takte reichen. Der Gesang hat noch nicht eingesetzt, leise betritt Sade die Bar. Erinnerungen werden geschmolzen und verwandeln sich in Gold. Und dann regnen auch noch die Geigen von der niedrigen Zimmerdecke…. Hach!

Bradatsch zeigt uns, wo wir Trost finden und wie wir aus der Chose halbwegs lebend wieder rauskommen. Machen wir es uns gemütlich in seiner Bar zur guten Hoffnung. Schauen wir gelassen auf die Welt, wie sie „schief an unserem Fenster lehnt“. Wen kümmern jetzt noch die Stürme, die drinnen oder draußen toben? Wer fragt da noch nach Bedeutung? Der Glühwein steht auf dem Herd, irgendjemand hat noch Rum. Wir bekommen unsere Dosis. Mit der Transfusion im Blut und dem richtigen Sound im Ohr verkriechen wir uns unter der Decke. Komm! Nochmal von vorne, eine Runde sitzt noch drin. Auf unser Wohl! Für wärmende Herzen.

Text: Marc Wilde

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