Record of the Week

„EVERY SINGLE MUSCLE“: THE BUG CLUB WANDELT AUF SCHMALEM GRAT ZWISCHEN GARAGE- UND GLIED-ROCK

The Bug Club (Photo: Adam Whitemore)

Der Penis hat aktuell in der Popkultur einen schweren Stand. Zwar gibt es immer noch Menschen, die Rammstein-Sänger Till Lindemann weiterhin auf seiner Peniskanone reiten sehen möchten, demonstrative Männlichkeitsgesten werden aber zunehmend auch dort hinterfragt, wo sie sich über Jahrzehnte hinweg eingenistet haben: in der gitarrenlastigen Rockmusik. Diesem Genre ist auch The Bug Club treu geblieben. Gleichzeitig überrascht es, dass sich Sam Willmett und Tilly Harris auf „Every Single Muscle“ auffällig viel mit dem männlichen Glied beschäftigen.

Aber wer das walisische Duo kennt, weiß um ihren Sinn für Humor. Und so wird die Genitalfixierung auf textlicher Ebene genauso ironisch gebrochen und dekonstruiert wie die Zitate des Hard-Rocks aus den Siebzigerjahren. Am treffendsten gelingt dies in „Semi-Automatic“, wenn der Gitarrist nach wiederholtem Flehen („Please can I play my solo now“) seine Fingerfertigkeit endlich unter Beweis stellen darf. Weiter vorne auf dem Album, in dem Stück „A Good Day for Dying“, verhallt dieselbe Bitte noch weitestgehend ergebnislos; das Solo bricht nach einer Sekunde ab.

„Every Single Muscle“ ist ein Kaleidoskop aus unbändiger Energie und Schaffenskraft. Die 18 Stücke strahlen in verschiedenste Richtungen aus und stürmen los wie eine freigelassene Schafsherde auf die grüne Wiese. Garage-Rock und sanfte Sixties-Melodien fügen sich nahtlos aneinander, ausgefeilte Bassläufe setzen die Akzente und laut verzerrte Gitarrenriffs sorgen für punkige Störmomente. Der Sound wirkt – typisch für den LoFi-Touch der Band – roh und unfertig.

Ihre harte Seite kultivierten The Bug Club gleich in mehreren Songs. In „Pretty as a Magazine“ erinnert der Gitarrensound an die expressiven Momente, wenn Jack White die Gäule durchgehen. „Shiny and Wet“ ist eine hörbare Referenz an Black Sabbath, zugleich der einzige Song, der aus dem Ruder läuft. Offensichtlich hat sich der übermotivierte Sam hier nicht im Griff, denn sein langatmiges Zwischenspiel lässt das Stück auf über vier Minuten anschwellen und in ein Blues-Koma verfallen, aus dem es nur schwer wieder erwacht.

Was vor allem auch live spürbar wird: Die immer wieder auseinandertreibenden Kräfte der Band werden vor allem von Tom Rees zusammengehalten. Der ist The Bug Club zwar seit ihren Anfangstagen als Produzent verbunden, Rees ist aber erst mit dem im letzten Jahr veröffentlichten Album „Very Human Nature“ ans Schlagzeug gerückt. Seinem sicheren Groove ist es zu verdanken, dass sich Willmett und Harris an ihren Instrumenten und beim Gesang ungebremst austoben können.

Harmonie entsteht bei The Bug Club vor allem dann, wenn nicht nur Bass und Gitarre, sondern auch die beiden Stimmen in den Dialog treten. Der lässige Call- und Response-Part von „Make it Count“ macht besonders gute Laune. Zur Schrammelgitarre wird über die Unbeholfenheit eines Paars gesungen, das sich zum ersten Mal nackt begegnet: „Tell me where to look / Tell me what to focus on.“ Das Stück markiert den schüchternen Auftakt zur von der Band selbst so bezeichneten „Penis-Trilogie“, die in „How Can We Be Friends“ ihre Fortsetzung und mit „My Uncle Warren Drives a Passat“ den Schlusspunkt findet.

Der Closer greift aber auch noch ein weiteres Motiv auf, die Angst vor Manager David, der mit seinen Anrufen den Bandfrieden stört und sie immer wieder antreibt, aus Sorge vor Stillstand. Wenn man auf die Zahl der Alben und Songs schaut, die The Bug Club in den letzten fünf Jahren veröffentlicht haben – jedes Jahr eins –, dann ist auch das ein echter Witz. Eine andere Sorge (Small Penis Syndrome), die einen Teil des Duos zu betreffen scheint, führt uns zurück zu den Geschlechtsteilen: „My girlfriend‘s greyhound has a much bigger, a much bigger penis than me“ lautet hier die neidvolle Klage. Wer die Anatomie dieser schmal gebauten Windhunde kennt, die vor allem eins sind, nämlich schnell, wird Verständnis haben.

The Bug Club (Photo: Adam Whitemore)

Im Titeltrack gerät der menschliche Körper umfassender ins Visier. Hier werden seine komischen Ausprägungen nicht mehr augenzwinkernd aus der Perspektive fragiler Unsicherheit betrachtet. In seiner von maskuliner Disziplin hochgezüchteten Form wird er nunmehr der Lächerlichkeit preisgegeben. Dafür steht sinnbildlich das groteske Albumcover, das Sams Bruder Ross entworfen hat und eine muskelbepackte Comicfigur – halb Mensch, halb Tier – kurz vor dem Platzen zeigt.

„Zum Bersten voll“ – so ließe sich das fünfte Album der rastlosen Band aus Wales auch umschreiben. Wie sich Willmett und Harris dabei elegant und trittsicher zwischen den Genres bewegen und darüber hinaus noch Penishumor leisten können, ohne peinlich zu sein, das stellt im Jahr 2026 eine besondere Kunst dar. Man kann dabei viel falsch machen, The Bug Club aber macht alles richtig. Wahrscheinlich liegt es an der inneren Einstellung: „We don’t give a fuck about anything / We only play guitars.”

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