Record of the Week

Bully “Sugaregg” (Sub Pop)

Bully
“Sugaregg”
(Sub Pop)

Als Alicia Bognanno im Mai eine Coverversion von Nirvanas „About A Girl“ herausbrachte, wurde das als logische Entscheidung gewertet – als sei es längst überfällig gewesen, dass sich Bognanno mit ihrer Band Bully diesem Song, dieser Band widmet. Schließlich hatte Steve Albini seinerzeit „In Utero“ produziert, und Bognanno hatte nach ihrem Studium ein Praktikum in Albinis Chicagoer Studio gemacht: Verbindung geklärt, Kreis geschlossen.

Aber Bully als reine Nirvana-Wiedergänger einzuordnen greift zu kurz, und Bognannos Geschichte ist dafür auch viel zu interessant. Die in Minnesota geborene Gitarristin studierte Aufnahmetechnik und zog nach besagtem Studio-Internship nach Nashville, Tennessee, um Mitglieder für eine Band zu finden. Mit Drummer Stewart Copeland (NICHT dem Police-Schlagzeuger gleichen Namens), Reece Lazarus und Clayton Parker gründete sie Bully, die nach Veröffentlichung ihrer Debüt-Cassette sofort einen Plattenvertrag bekamen und mit den Alben „Feels Like“ und „Losing“ als Erneuerer von Grunge und Alternative gefeiert wurden.

Doch so überzeugend Bognannos zornige Vocals und prägnante Gitarrenriffs auch ‘rüberkamen, nach gut sechs Jahren war es an der Zeit für Veränderungen bei Bully. Bognanno trennte sich von ihren Bandkollegen und nahm das Angebot an, die Musik für Alex Ross Perrys Film „Her Smell“ über die fiktive Frauenband Something She (mit Cara Delevingne, Elisabeth Moss und Agyness Deyn) zu schreiben. Für Bognanno eine prima Gelegenheit, den „Kopf aus dem eigenen Hintern“ (Zitat) zu ziehen, und mit neuem Drive neue Sachen zu machen. Seitdem ist Bully Bognannos Soloprojekt mit wechselnden Musikern, auf dem dritten Album durften die „unglaublich talentierten“ (ebenfalls Zitat) Zachary Dewes und Wesley Mitchell Bass und Schlagzeug übernehmen.

Was die Aufnahmen für „Sugaregg“ ebenfalls oder besser maßgeblich beeinflusste, war Bognannos Diagnose mit einer bipolaren Störung. Eine große Erleichterung für die Musikerin, weil ihre Ängste und widerstreitenden Gefühle endlich einen Namen hatten. Und wie von Dämonen befreit klingt das von John Congleton und Bognanno selbst produzierte „Sugaregg“ tatsächlich: Die Basis ist und bleibt Alternative-Rock der frühen Neunziger, aber frischer, aufwiegelnder, mit jubilierenden Gitarren und emotionalen catchy Melodien; im Presseinfo wird das so beschrieben: „wie My Bloody Valentine nach drei Espresso“. Oder denkt euch Throwing Muses, Mudhoney, Pixies und Sleater-Kinney zusammen – denn die Wut in Bognannos Stimme und Lyrics ist definitiv noch da: “Sometimes I get to thinking if you’re half of me/Am I half of the person that I could be”, haut sie dem gedachten (und möglicherweise sehr realen) Gegenüber in „Hours and Hours“ um die Ohren und mitten in die Fresse. Zu Songs wie „Add It On“ oder dem laut eigener Aussage von Chumbawambas Megahit „Tubthumping“ beeinflussten „Where to Start“ will man sofort stagediven und moshpitten, und wenn in diesem Jahr auf keinem Festival, dann wenigstens im eigenen Hinterhof.
„About A Girl“ ist auf dem Album übrigens nicht drauf.

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