Record of the Week

Hana Vu „Public Storage“

Hana Vu
„Public Storage“
(Ghostly International / Cargo)

Eins lässt sich schon mal vorab festhalten: „Public Storage“ hat das mit Abstand scheußlichste Cover der bislang drei Veröffentlichungen der 21-jährigen Singer-/Songwriterin Hana Vu aus Los Angeles.

Vus erste EP zeigte ein Stilleben aus Weintrauben und Brombeeren, die zweite EP namens „Nicole Kidman / Anne Hathaway“ wurde von einem abstrakten Frauengemälde geziert. Und nun blicken wir in einen aufgerissenen Rachen mit braunen Zähnen. Ein krasses Statement – aber wofür?

Möglicherweise ist der weit geöffnete Mund ein erster Hinweis auf Hana Vus neuen, expressiveren musikalischen Ansatz. Der introvertierte Bedroom-Pop ihrer früheren Platten ist fast vollständig bombastischen Power-Balladen und Synthietracks gewichen, die auf die große Bühne wollen und kaum noch Verhuschtes an sich haben. Einiges hat sich in den letzten zwei Jahren für Hana Vu verändert: Nach ihren ersten Bandcamp- und SoundCloud-Veröffentlichungen erscheint „Public Storage“ nun auf dem Label Ghostly International, und Vu arbeitete zum ersten Mal mit einem Gastproduzenten zusammen. Jackson Phillips von der kalifornischen Indierockband Day Wave half dabei, Hana Vus größer werdende Themen aufs Podest zu heben, buchstäblich alle Winkel der „Public Storages“ auszuleuchten, auf die Vu anspielt. Als sie ein Kind war, zog ihre Familie aus beruflichen Gründen häufig um, bewahrte Möbel und anderen Besitz in öffentlichen Lagerstätten auf. Dort sammelt sich vieles an, wird vergessen und kommt erst beim nächsten Umzug wieder ans Tageslicht – im übertragenen Sinn können das alte Verletzungen und Traumata sein, von denen Hana Vu im Titeltrack singt („here are my bruises / all my dents and my fuses / everything that I’ve got to prove“), die triumphal-hymnischen Gitarrenriffs ein bewusst gesetzter Kontrast zum Text. Die ironische Abarbeitung an frühkindlichen Ängsten ist in mehreren Stücken spürbar, selbst im perfekt arrangierten, euphorisierenden Mitsinghit „Everybody’s Birthday“, unter dessen tanzbaren Beats eine ungreifbare Traurigkeit mitschwingt. „Public Storage“ ist eine Platte über das Sich-Zurecht-Finden, das Irgendwie-Zurecht-Kommen in einer unübersichtlichen Welt ohne Haltegriffe.

Die Suche nach Orientierung findet manchmal in abstrakten Bildern statt, manchmal quasi-religiös wie im streicherverzierten „Maker“, das wie ein Abendgebet am Ende der Platte platziert ist („maker / can you make me anybody else / taker / take it all“). Und wenn man sich den Lyrics nicht intensiv widmen will: Die Musik ist ausdrucksstark genug für Hana Vus emotionale Höhen und Tiefen. Hell leuchtender Pop („Keeper“, „Aubade“) wechselt sich mit dramatischen Klavierballaden („I Got“) und Rocksongs („Gutter“) ab, die Vus dunkler Altstimme viel Raum zur Entfaltung geben. Und gleich im ersten Track „April Fool“ zollt Hana Vu dem AOR-Sound von – ausgerechnet – Chris Rea Respekt: Zwar läuft nicht „Fool If You Think It’s Over“ im Hintergrund mit, dafür ganz deutlich die Gitarrenmelodie von „Josephine“. Wie gesagt kommt einiges zum Vorschein auf „Public Storage“.

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