Record of the Week

Angel Olsen „Whole New Mess”


Angel Olsen
„Whole New Mess”

(Jagjaguwar/Cargo)

Anschlüsse und Brüche, darum geht es uns allen doch im Leben. Angel Olsen hat davon zu genüge anzubieten. Neben persönlichen (Um-)Brüchen, über die sie – mal offener, mal opak – auch auf „Whole New Mess“ singt, spielen dabei damit zusammenhängende musikalische Ähnlichkeiten zwischen abgemagertem alternativem Folk, Country, Indie und Songschreiberinnentum eine gewisse Rolle.

Nach ihren ersten musikalischen Gehversuchen Anfang der letzten Dekade und dem berührenden ‚Album‘ „Phases“ (2017), welches eigentlich eine Sammlung von B-Seiten, Demos, raren Stücken und anderen Aufnahmen war – was aber keine Rolle spielen sollte  im Moment des Aufgesogenwerdens –, positioniert sie sich mit Whole New Mess“ in einer Reihe mich sehr beeindruckender weiblicher popmusikalischer Skelette und Geister: Cat Power, Lisa Germano, Julee Cruise, Au Revoir Simone, Jonnine Standish, Hope Sandoval sowie, so denn die noch jemand kennt:  Sylvia Juncosa oder die Mecca Normal Sängerin Jean Smith.

Die Stimme von Angel Olsen sowie die intime Atmosphäre der Musik und die  schwermütigen Texte wirken  kathartisch – wenn wir es denn zulassen und dann: Ablassen, Weglassen, Loslassen. Wie bewusst sich Olsen der kleinen Gesten ist, davon zeugt beispielsweise, dass sie den Songtitel zu  „(We Are All Mirrors)“ in Klammern setzt und so das Verschwinden ostentativ ausflaggt.
Puh. Schwitz.  Einen Mut stiftenden Impuls findet man wirklich nur schwerlich bei Angel Olsen. Und doch hilft sie sich selbst und somit immer auch ein Stückweit uns.

Homerecording bekommt bei  Angel Olsen eine neue Bedeutung: Zuhause sein bei aller Entfremdung, Halt suchen in der Haltlosigkeit des Lebens. Man/frau kann das eine Zumutung nennen. Olsen übernimmt und entkleidet auf „Whole New Mess“ teilweise Stücke ihres letzten regulären Studio-Albums „All Mirrors“ aus dem letzten Jahr. Insofern bewegen sich ihre supermelancholischen Gespenster tatsächlich zwischen den Welten.  „Tonight (Without You)“, Passagen von „Lark Song“ oder das total verhuschte, tiefschwarze „Impasse (Workin‘ For The Name)“ etwa scheinen aus dem herunterbaumelnden Telefonzellenhörer zu erklingen, wenn es denn Telefonzellen noch gäbe. Kultürlich scheinen David Lynch-Settings nicht fern. Wobei dessen Durchgeknalltheit, Rätselhaftigkeit und seltsamer Witz Angel Olsen fremd sind, bei ihr sind keine doppelten Böden oder Rettungsseile mehr vorhanden. Olsen, die in Missouri geboren wurde und einst als Backgroundsängerin von Will Oldham in Melancholie-Gefilde gestartet ist, konfrontiert uns mit sanfter Wucht. Wenn Olsen derart schonungslos von Eingekapseltsein singt, dann fällt einem das Zuhören noch schwerer, ist Gänsehaut unvermeidlich. Aber wie beruhigt man sich so schön: Es wird schon weitergehen. Irgendwie. Vielleicht.

 

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