Record of the week

Ja, Panik „Die Gruppe“

Ja Panik
„Die Gruppe“
(Bureau B / Indigo)

Die größte, vollkommenste Freude erfüllt einen doch meist als Antwort auf jene Ereignisse, auf die man nicht mehr zu hoffen gewagt hatte.
Es war der 1. Januar, ein trister, grauer Mittag, die letzten Alkoholreste waberten durchs Hirn. Am Abend zuvor wurde das Schreckensjahr 2020 geschlossen, und egal, was kommen möge, wir alle hofften, es möge einfach nur besser werden. Dann ein müder Blick auf die Timeline, und plötzlich genau das: „Apocalypse or Revolution“. Ein neues Lebenszeichen von Ja, Panik. Album im April. Eine nüchtern betrachtet gut gesetzte Pointe, die sich als langjähriger Fanboy aber doch eher anfühlte wie ein wohliger Schicksalsschlag. Ja, Panik war immer die Band der großen Gesten gewesen und dass sie genau diesen Song an genau diesem Tag in genau diesem Jahr veröffentlichten, ließ uns gewiss werden, dass sich zwar ständig alles, aber eben dies mal nicht geändert hatte.

Beinahe schon seltsam geerdet mutet dabei hingegen der Albumtitel „Die Gruppe“ an für eine Band, deren letzten beiden Alben „Libertatia“ und „Dmd Kiu Lidt“ (aka „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“) betitelt waren. War „Libertatia“ noch ein über weite Strecken euphorisch-poppiger, gleichermaßen funky wie tanzbarer Abgesang auf die gesellschaftliche Perspektivlosigkeit, ist „Die Gruppe“ schwerer und düsterer. Gar noch weniger Gitarren als auf dem ohnehin schon Synthie-lastigen Vorgänger, dafür noch mehr Maschinen, Loops, Dissonanzen und Effekte, die deutlich die Handschrift von Sänger Andreas Spechtl tragen, der zuletzt drei Soloalben veröffentlichte, auf denen er sich weg vom klassischen Popsong mehr in Richtung fragmentarischer Soundlandschaften entwickelte. Und über allem schwebt hier irgendwo immer das hallumwobene Saxophon von Rabea Erradi, die manche noch aus ihrer Zeit als Bassistin von Die Heiterkeit kennen dürften.

Bei aller Schwere aber ist auch „Die Gruppe“ ein Popalbum, man erkennt es bloß nicht sogleich. Es bedarf ein paar Durchläufe, bis die ersten Melodien sitzen und die ersten Zeilen mitgesungen werden – in dieser ganz und gar komischen Sprache, die keinen Namen hat und doch gerade daraus ihre Schönheit zieht. Und die eben nur Spechtl spricht. Verstehen aber kann sie doch jeder fühlende Mensch.
„Doctor hilf mir/ Doctor bitte/ Doctor hilf mir/ Damit ich wieder rausgehen kann/ (…) I wanna see the sun/ Doctor schau/ Der Boden tut sich auf/ Und alles in mir spielt verrückt/ Doctor irgendetwas stimmt nicht/ Ich verschwind/ Hol mich zurück“, fleht er in „The Cure“, gefolgt von der im Chor Mantra-artig wiederholten Zeile: „The only cure from capitalism is more capitalism“, die auch Lenin tanzen lassen würde. Textlich schließt „Die Gruppe“ also nahtlos an an seine Vorgänger. Ungebrochen werden die großen und kleinen Probleme, das individuelle und das gesellschaftliche Leid miteinander verzahnt, weil es ohnehin keinen Sinn ergeben würde, das eine vom anderen zu trennen. „Ja der Riss der Welt geht auch durch mich/ Durch mein Device/ Durch mein Gesicht/ Schau zu mir rüber/ Schau zu mir rein/ Turn on space/ Turn on time/ What a distance to cross/ Was für ein Bombast/ Was für ein Leben/ Aus so viel Lärm gemacht/ When life’s a dream/ On livestream“, heißt es dazu passend im Hitpotenzial-verdächtigen „On Livestream“, der ob seiner Beschwingtheit als einer der wenigen Songs auch gut auf „Libertatia“ hätte vertreten sein können. Ähnlich eingängig-beschwingt kommt der vorab veröffentlichte Song „Backup“ daher, während das eröffnende „Enter Exit“, das dramatisch inszenierte „What If“ oder das mystische „The Zing of Silence“ deutlich dichter und dunkler geraten sind. Und gerade diesen Songs hört man an, dass es im Zuge der Aufnahmen mehr Raum für Improvisationen gab als in der Vergangenheit, wie Andreas Spechtl vor kurzem in einem Gespräch mit Kristof Schreuf ausführte. Beendet wird das Album schließlich mit jenem Song, der das Jahr eröffnet hat – „Apocalypse or Revolution“. Ein großangelegtes Epos, wie es als Album-Schlusspunkt über die Jahre zu einer im besten Sinne vertrauten Tradition im Ja, Panik-Kosmos geworden ist. Besungen wird dabei ein Gespenst der Vergangenheit, das sich durch das Gespenst-Sein schließlich den Bann in die Zukunft verschafft hat: „It is the past that will return/ From the future this time“. Beinahe bedrückend wirkt der Titel anfangs angesichts jeder fehlenden revolutionären Tendenzen in der Gegenwart, und doch beschleicht einen bei der immer wieder wiederholten Titelzeile schließlich irgendwann eine melancholische Heiterkeit, wohlwissend, dass doch nur durch das ständige Besingen und Benennen der Gespenster die Möglichkeit ihrer potenziellen Vertreibung geschaffen wird. Und wie könnten sie schöner vertrieben werden als auf diese Weise?

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