Record to the Week

Julia Holter „Materia“ (Domino)

Julia Holter
„Materia“
(Domino)

Julia Holters neues, sieben Tracks kurzes Album „Materia“ kann als Zwischenschritt oder Nachklapp zum 2024’er-Veröffentlichung „Something In The Room She Moves“ verstanden werden, oder als zwar knapp gehaltene, dabei selbstbewusst kreative Skizze, die in Holters Werk ihren eigenen Platz einnimmt. Argumente gibt es für beide Herangehensweisen, denn auf „Materia“ bearbeitet die kalifornische Musikerin bereits existente Tracks, und verbindet sie mit komplett neuen Songs. Der aus dem Lateinischen entlehnte Titel „Materia“ spielt auf die Welt des Materiellen und der Mütterlichkeit resp. Elternschaft an (Holter wurde vor fünf Jahren Mutter) und bringt zusätzlich Julia Holters Liebe zu klassischen Vorbildern wie Hildegard von Bingen oder Euripides ins Spiel, die schon in ihren ersten Veröffentlichungen Ausdruck fand.

Zu behaupten, dass Holter Antike und Mystik in die Moderne überführt, ist ein bisschen platt und zu kurz gegriffen, wobei es natürlich stimmt, dass ihre Musik etwas Ätherisches, hin und wieder Überfülltes hat. Holters heller Sopran betont die Entrücktheit, gleichzeitig gibt es ganz konkrete Bezüge zur eigenen Biographie wie im Song „My Lost One“, in dem sich die Musikerin an einen Tag aus ihrer Kindheit erinnert. Passenderweise wird das Stück von einer Piano-Spieluhr eingeleitet, man scheint aus einem Traum (dem Opener „The Laugh Is In The Eyes“) in den nächsten hinüberzugleiten. Die Übergänge verschwimmen, und doch entspricht jeder Track Holters Ideal vom „gerahmten Klang“, weist also unverwechselbare, klar definierte Bestandteile wie Flöte und Klavier auf oder prägnante Vocals.

Den meditativen Charakter ihrer Kompositionen unterstreicht Holter mit Titelbenennungen wie „Materia 2“ und „Materia 3“: Die Musikerin variiert ihr Material zu eigenständigen Stücken, betont hier das Sakrale, dort das handfest-Irdische in Form beinah clubbiger Atmosphäre. „My Twin“ wiederum dehnt sich im Lauf von gut zehn Minuten vom Melodischen ins Noisige und sprengt schließlich die Songstruktur. „Materia“ flirrt und pulsiert, scheint aus anderen Zeiten herüberzurufen – und steht doch als modernes Canyon Girl direkt neben dir und will ausgehen.

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