Record of the Week

Tirzah „Colourgrade“

Tirzah
„Colourgrade“
(Domino)

„Colourgrade“ als Tirzahs zweites Album zu bezeichnen, gefällt der Künstlerin selbst gar nicht, jedenfalls nicht, wenn man auf ihre alleinige Autorinnenschaft abhebt. Das Ergebnis von Kollektivarbeit sei es, der Input ihrer Freund:innen Mica Levy aka Micachu, Coby Sey und Giles Kwakeulati King-Ashong/Kwake Bass mindestens so wichtig wie ihr eigener. Das ist interessant, denn „Colourgrade“ ist ein zutiefst intimes Album, verhandelt Themen wie Sex, Elternschaft und Stillen, und die Freude und Erschöpfung, die aus alldem entstehen.

In den drei Jahren, die seit dem Erscheinen von Tirzahs Debüt „Devotion“ vergangen sind, ist viel passiert: mit Giles Kwakeulati bekam die aus Essex stammende Musikerin zwei Kinder. Mutter zu sein verändert den Blick auf Leben und Arbeit, was man auf „Colourgrade“ deutlich spürt. Auch wenn Tirzah wie früher eng mit Micachu und Coby Sey zusammenarbeitet, hat sich ihre Herangehensweise ans Songwriting gewandelt. „Devotion“ wurde aus Material aus zehn Jahren zusammengestellt, jeder Song sollte für sich stehen. Tirzah revolutionierte R’n’B, indem sie alles schmückende Beiwerk über Bord warf, die Musik nur aus Beats, Melodien und ihren einzigartig warm-rauhen Vocals entstehen ließ. „Colourgrade“ funktioniert eher organisch und erratisch: das Räuspern mitten im Satz bei „Beating“ zum Beispiel, oder die sirenenartigen Synthies, die in das von Tirzah und Sey gesungene „Hive Mind“ hineingrätschen, zeugen von einer Arbeitsweise, die Zufälle, Überraschungen und Verzögerungen mitdenkt und akzeptiert.

Oberthema ist das Leben selbst, die beiden letzten Tracks des Albums handeln von Empfängnis und Tod. Im Titeltrack und Opener zeigt Tirzah eine ungewohnte Seite: Abstrakte Lyrik, Auto-Tune-Vocals und unheimliche, vogelähnliche Synthie-Pfeifen signalisieren Neuanfang. Die mittleren Tracks lassen Tirzah und ihre musikalischen partners in crime ergebnisoffen, in „Sleeping“ sinniert sie über die sich permanent verändernden Lebenssituationen mit kleinen Kindern, das rätselhaft mäandernde „Crepuscular Rays“ ist aus kryptischen Lyrics und Vokalmodulationen gebaut. Eltern kleiner Kinder wissen auch: Es gibt wenig Zeit und Gelegenheit für Sex. Weshalb Tirzah Körperlichkeit umstandslos einfordert wie in „Tectonic“: „Pursued as the rhythm magnetized our hips / Techno to tectonic plates / When you touch me / I’m out my body / Instinct takes place“, fast maschinell klingt ihre Stimme hier, und doch ist es das sinnlichste Stück.

„Colourgrade“ ist kein homogenes Album wie „aus einem Guss“, es hat Lücken und Leerstellen, hängt hier und da und zieht trotzdem oder gerade deswegen unweigerlich in seinen Bann. Das Leben ist ein Prozess, und Tirzah lässt uns an ihrem teilhaben. Fortsetzung folgt (bestimmt).

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