Record of the Week

James Ellis Ford “Lost In Another World”

James Ellis Ford
“Lost In Another World”
(Domino Records)

Gleich bei „Overtones“, dem ersten Stück denke ich: „toll, da zollt mal jemand Riuichi Sakamoto / Yellow Magic Orchestra Tribut!“ Eine weniger angespannte Version der letzten Japan-LP („Tin Drum“) meint man auch als Spur ausmachen zu können. Obwohl die elektronische Orientierung aufrecht erhalten wird, weicht sie sporadisch ab von den 80er-Sounds, um sich im Laufe des Albums in diverse Varianten zu verzweigen.

Je mehr man sich auf James Ellis Fords (bekannt von Simian Mobile Disco sowie als Produzent von unter anderen Foals, Arctic Monkeys und Gorillaz) zweites Solo-Werk nach „The Hum“ einlässt, desto klarer wird, dass die pop-affine Musik von Texten begleitet wird, die es in sich haben. Zeilen wie „now I’m losing my hair“ (aus „This Will Also Be A Memory Soon“) oder „and I’m not sure if this poison doesn’t make it worse“ (aus „Parallel Dimension“) legen nahen, dass hier die Umstände einer Chemotherapie beschrieben werden. Automatisch lädt diese Gegebenheit das gesamte Album mit enormer Bedeutung auf. Ford umkreist das Thema in den Songs ohne es auszustellen, den Texten ist eine deskriptive und manchmal konjunktivische Qualität (im Sinne von „als ob“) zu eigen ist, die einen maßvollen Abstand wahrt.

Über Gebühr berührend bleibt dieses Album dennoch jederzeit. Die Lyrics offenbaren eine aufgrund der Erkrankung veränderte, auf basale, aber ebenso existenzielle Erkenntnisse heruntergebrochene Wahrnehmung, indem sie darlegen, dass Welterfahrung erst durch das eigene Dasein möglich ist. Daraus resultiert nicht Größenwahn, sondern eher eine demütige Haltung den Dingen (und der eigenen Musik) gegenüber. Weil Ford ein Album über die Krankheit macht, erhebt er sich in gewisser Weise über sie. Die Stücke entwerfen Krankheit als etwas, das dem Subjekt äußerlich ist, was dem Album eine transzendente Kraft verleiht. Die physischen Aspekte sind da, werden aber in die Sphäre der Kunst überführt.
Eine Vielzahl der Songtitel spielt mit Vergänglichkeit (ein Titel, „Homesick For Another World“, verweist auf die tolle Autorin Ottessa Moshfegh). Die Ungewissheit des eigenen Schicksals manifestiert sich in einer musikalischen Formensprache, die oft in der Schwebe gehalten wird. Die Musik drängt sich nicht auf, versteckt sich aber ebensowenig. Low-Fi ist Fords Sache nicht. In vielen Stücken kommt ein durchlaufender Sequencer zum Tragen, der Kontinuität ausstrahlt.

Vieles bewegt sich im Mid-Tempopbereich, meidet Extreme – das lässt die Songs der Thematik der Texte zum Trotz ausgeglichen wirken. Die Musik nutzen, um (sich) Trost zu spenden.
Aufgrund des beseelten, zumeist sanften elektronischen Settings wächst der grundsätzlichen Erzählung des Albums ein als würdevoll gelesener Nimbus zu. Repräsentierte Ford bei Simian Mobile Disco einen vorwärtsgerichteten Ravesound, setzt er hier auf subtile Strukturen. Tupfer treten an die Stelle von Schraffuren.

Die Hinwendung zum impressionistischen Sounddesign ist durchaus verknüpft mit den eingangs erwähnten Einflüssen. Auf einer abstrakteren Ebene kann die Idee, etwas von außen intervenieren zu lassen, auch als Ausdruck dessen gelten, nicht mit sich selbst oder der Krankheit identisch zu sein. Die produktive Andersheit von Sakamoto und Japan lässt viele Stücke in einem fremden Glanz erscheinen. „Lost In Another World“ ist ein Album, das auf einnehmende Weise das heilsame Potenzial der Musik beschwört, sich in alternative Wirklichkeiten zu projizieren und die scheinbaren Festlegungen hinter sich zu lassen.

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop | Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput Supporter
Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop dankt seinen Supporter_innen!