Record of the Week

PJ Harvey: I Inside The Old Year Dying

PJ Harvey
„I Inside The Old Year Dying”
(Partisan/PIAS//Rough Trade)

Einerseits: Polly Jean Harvey hat in über 30 Jahren Karriere unter ihrem Namen erst zehn Studioalben („I Inside The Old Year Dying“ mit eingezählt) veröffentlicht, das passiert bei anderen nach zehn Jahren. Andererseits ist die Britin so dermaßen vielseitig und hat es von Post Punk und New Wave mit Grunge-, Riot Grrrl- und Noise-Anleihen (Steve Albini hat an den frühen Alben mitgearbeitet) der frühen Jahre bis zu einer eigenen Kategorie von Art Rock (würde ich es nennen) geschafft, dem komplett anti-rockistischen PJ-Rock.

Ihre letzten drei Alben haben sie offenhörbar und -sichtlich gefordert, haben neben der Musik aufwendige Shows, Clips, Filme und Bücher (so ein Gedichtband und eine Musikdokumentation mit dem Fotografen Seamus Murphy im Umfeld ihrer berührenden Reisen nach Afghanistan, Washington und in den Kosovo) geboten und Harvey vor allem live zu einem theatralen Großereignis gemacht. Dabei aber nie bombastisch, sondern seltsam triumphierend introvertiert.

Wer ist diese Frau?
Und wer die Figur PJ Harvey davor, dahinter, darin oder darum?

‚Stripped down to the bone‘ auch im Sound; so veröffentlichte sie ihre gesamte Karriere entlang immer wieder phantastische Demos-Versionen ihrer Songs (1993 die „4-Track Demos“ von „Rid of Me“ ; 2022 die Demos zum 2011 originär publizierten „Let England Shake“  sowie 2021 die Demos zu „The Hope Six Demolition Project“ aus dem Jahr 2016), reduziert-intensiv und in dieser Rauheit Inspiration für ein neues Plattenladenfach für tiefergehende Inselplatten.

Ich habe das Gefühl, dass Polly Jean für meine Popgeneration das ist, was Patti Smith für die (noch) Älteren bedeutete und etwa Aldous Harding für die Jüngeren. Nur dass Polly immer eher ein bewaffneter, verhuschter, stets mysteriöser Hippie inklusive Nick Cave-Ausflug („Henry Lee“, 1996) war, die alle immer gerne interviewen wollten. So verrätselte sie sich eigentlich immer mehr, ohne sich oder den Bezug zur politischen Welt zu verlieren. Spätestens mit ihren späten Alben, die zuletzt auch gerne mal nur alle paar Jubeljahre erschienen, wurde sie immer gesellschaftskritischer und zugleich kammerorchestraler. „Prayer at the Gate“ und „Autumn Term“ sind tief-melancholische Eröffnungen, Harveys Energien fließen schon länger nicht mehr in puren Kraftkrach, sondern werden immer sublimer. Fast möchte ich von souligem Gospel Indie Sad Core sprechen. Wichtiger als Genre-Beschreibungsversuche: Polly Jean Harvey hat sich neu ge- und erfunden, ohne unkenntlich geworden zu sein.

Nach dem letzten Album inklusive intensivem Touren brauchte sie Ruhe und Abstand. „I Inside the Old Year Dying“ wirkt nervös ausgeruht, spooky und gelassen, auf Opium und Speed, seltsam zerrissen. Die komprimiert wirkendenden Stücke verarbeiten gebrochene Herzen und diverse, im Lockdown neu aufgeflammte musikalische Einflüsse von Nina Simone über The Mamas And The Papas bis zu The Stranglers. Von ihren Beobachtungen der Welt(en) wendet sich Harvey wieder mehr ihrem Seelenleben zu und schafft auch damit mannigfaltige Anschlüsse bei aller angenehmen Sperrigkeit. Ihr Langzeit-Kompagnon Flood ermunterte PJ, sich im Gesang mehr fallen zu lassen und zu versuchen, älter zu klingen als sie ist.

Bei aller behutsamer Transformation ist Polly in jeder Hinsicht aber auch bei sich geblieben. Chartshits wird sie erfreulicherweise nun erst recht nicht mehr ansteuern. Geisterfolk und postpunkige Verschrobenheiten wie beim Titelsong, dessen Mutation „I Inside the Old I Dying“ oder dem elektronisch entrückten „All Souls“ lassen sie gleichzeitig obskurerweise jünger denn je klingen. Vielleicht ist das geheimnisvoll klar der (neu) entdeckte Kern von Polly Jean Harvey: „A Noiseless Noise“, ein freilich bewegliches Feedback-Fundament in all den wirren Dynamiken und Widersprüchen.

Ich möchte auch so voller produktiver Ängste und Sorglosigkeiten sein, so weise und so jung gleichzeitig wie Polly Jean Harvey.
Und ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich für ein Konzert-Geschenk bei PJ Harvey zu bedanken, dass ich nie vergessen werde: vor einigen Jahren dirigierte sie entrückt ihre vielköpfige Band voller namhafter Musiker wie James Johnston (Gallon Drunk, Faust), Terry Edwards (Tindersticks, Gallon Drunk, Madness, Lydia Lunch), John Parish, Mick Harvey (Birthday Party, Bad Seeds, Crime & The City Solution) ohne zu dirigieren. Da konnte man sich nur noch verneigen.

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