Record of the Week

Sleater-Kinney „Path of Wellness“

Sleater-Kinney
„Path of Wellness“

(Mom + Pop Records)

„Path of Wellness“ ist ein aufgeräumtes, ein klares Album, das kraftvolle Statement einer seit fast 28 Jahren funktionierenden Partnerinnenschaft – und schaut man auf die Geschichte Sleater-Kinneys, sind Corin Tucker und Carrie Brownstein ja in der Tat das power couple der Band, die sie 1994 Olympia, Washington gegründet hatten. Doch zu Riot-Grrrlsm-Legenden beziehungsweise zur „besten Rockband der Welt“ (Zitat Greil Marcus) wurden Sleater-Kinney als Trio mit Schlagzeugerin Janet Weiss. Die, wir erinnern uns schmerzlich, die Band vor zwei Jahren verließ – angeblich wegen musikalischer Differenzen, die während der Aufnahmen des von Annie Clark (St. Vincent) produzierten letzten Albums aufkamen. „The Center Won’t Hold“ klang anders als frühere Platten, elektronischer, spielerischer, leichter. Ein Schritt in eine neue Richtung, ungewohnt, das ja, und für manche kein „richtiges“ Sleater-Kinney-Werk – aber Trennungsgrund?

Brownstein und Tucker jedenfalls machen weiter. Das neue Album produzierten sie selbst und arbeiteten mit befreundeten Musiker:innen aus Portland zusammen. Es fällt nicht sofort auf, aber wenn man es weiß, bekommt es besondere Bedeutung: Janet Weiss wurde nicht ersetzt. Zumindest nicht durch eine Person, sondern durch drei verschiedene Drummerinnen, darunter Tour-Schlagzeugerin Angie Boylan.
„Path of Wellness“ als „die Platte ohne Janet Weiss“ zu rezipieren ist so naheliegend wie ungerecht einer Band gegenüber, die das Recht auf Selbstbestimmung auch für die eigene Arbeit einfordert. Sleater-Kinney klingen auch 2021 unverkennbar wie Sleater-Kinney: die Gitarren schrauben sich elastisch umeinander, die Riffs sind treibend und provokant, der Sound breitwandig aus Blues und Punkrock gebaut. Ein Sound, in den man sich wie ein Meer aus tragenden Händen fallen lassen will. Und doch scheint dem Album das Zentrum zu fehlen – was den Titel der letzten Platte visionär wirken lässt. 
Viele Textzeilen und natürlich der Albumtitel lassen sich als Kommentar zur jüngeren Bandhistorie, sprich der beendeten Dreierbeziehung lesen: Im zarten, kurzen, zudem schlagzeugfreien „No Knives“ singt Carrie Brownstein, die sich die Vocaleinsätze wie schon auf dem Vorgänger mit Corin Tucker teilt:  „We’re here to serve you dinner without using any knives“.
Offenbar ist doch noch Gefahr im Verzug, spürbar auch in „Method“: „I’m singing about love / it sounds like hate / it’s a love song / it’s coming out as hate“, singt hier Tucker, ihre Stimme übrigens kein einziges Mal in „call the doctor“-Wahnsinn ausbrechend, sondern stets gut ausmoduliert, zuweilen an Patti Smith erinnernd.

Genau das ist der Punkt: die unbedingte Dringlichkeit fehlt. Gewichen einem zwar enorm starken, aber kontrolliert und reserviert wirkenden Ansatz, der „Path of Wellness“ zu einem sehr guten Album macht, aber keine neue Riot-Sisters-Bewegung auslösen wird. Am Besten sind Sleater-Kinney, wenn sie böse und ironisch die Verhältnisse kommentieren. „Complex Female Characters“ zum Beispiel seziert die Art von Typen, die sich für feministisch halten und dann doch lauter machohafte Vorschriften machen („you’re too much of a woman / you’re too less of a woman“). „Path of Wellness“ macht stellenweise sehr glücklich, die ersten fünf Stücke zum Beispiel sind pures Gold. Die reichlich klischeebeladene Ballade „Bring Mercy“ dagegen setzt einen eher unbefriedigenden Schlusspunkt an ein Album, das einige Fragen offen lässt – ein Schlüsselsatz und vielleicht eine Antwort findet sich in „Favorite Neighbor“: „Were we hoping to find it in a song?“

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