Record of the Week

Steve Mason presents „The Romance Of Unknowing“

Steve Mason presents
„The Romance Of Unknowing“
(Two-Piers)

Der ehemalige Beta-Band-Musiker legt einen Mix vor, der einem kühnen Trip gleicht – das zusammenfügen, was nicht zusammen gehört, aber auf einer nicht klar lokalisierbaren Ebene dann doch passt.

Ich fand ja immer, dass sich das demonstrativ Offensichtliche und relative Obskuritäten begegnen müssen, um sich gegenseitig zu befragen. So erscheint auch diese als DJ-Mix ohne Übergänge angelegte Compilation wie eine Übung in Konfrontation, die ganz offensiv Brüche zwischen den Tracks ausstellt und feiert. Andererseits erweist sich das, was zunächst wie ein Bruch wirkt, vielleicht als Folgerichtigkeit unter anderen Vorzeichen. Dass Bobby Conns musikalisch an „I Want You Back“ (Jackson 5) angelehntes „Never Get Ahead auf “Left Over People” von Alan Price folgt, mag stilistisch kaum Sinn ergeben (zumal die Songs circa 25 Jahre trennen), aber die Verbindung liegt hier womöglich eher im Bereich der Textaussagen. Beide Songs zweifeln das Aufstiegsversprechen des Kapitalismus an, mal in Gestalt eines struppigen Funk-Settings (Conn), mal als exzentrische Music-Hall-Nummer (Price).

Steve Mason bringt hier einiges an scheinbar Disparatem zusammen, Northern Soul ist ebenso vertreten wie Balearisches, Big Beat/HipHop, House oder 70er Pop. Was letztere Kategorie angeht, stellt die Berücksichtigung von Sailors „A Glass Of Champagne“ den Gipfel dessen dar, was ich oben demonstrativ offensichtlich genannt habe. Sailor entsprachen in den mittleren 70ern klassischem Radio-Pop, die Band war im Erscheinungsbild auf camp getrimmt, was aber von heute aus betrachtet wie eine von außen an die Band herangetragene Reminiszenz an den damaligen Zeitgeist anmutet. Dass hier dieser offensive Gassenhauer integriert wird, funktioniert ganz hervorragend und kommt nie als billiger Scherz oder gar augenzwinkernde Ironie (das Schlimmste) rüber. Wohl auch deshalb, weil ein an sich als Oldie codierter Song durch seine Rekontextualisierung auf neue Art erlebt werden kann. Dieses Prinzip kann dabei als thematische Klammer gelesen werden, die Masons Ansatz insgesamt bestimmt.

Eigentlich wünscht man sich, dass DJs genau so auflegen, wie Mason diese Compilation zusammengestellt hat – idiosynkratisch, nicht leicht zu durchschauen, kenntnisreich, aber nicht herablassend und auf verquere Weise unterhaltsam. Es geht Mason nicht darum, damit anzugeben, wie viele rare, obskure Platten er kennt. Statt dem Balearic-Klassiker „Who“ in der selteneren Version von Odyssey den Vorzug zu geben, entscheidet sich Mason für die zugänglichere Fassung des schillernd vielschichtigen Demis Roussos, die bei ihm „I Dig You“ heißt.
Unterschwellige Analogien zwischen den Stücken offenzulegen oder diese erst clever zu konstruieren, um so abweichende Verwandtschaftsverhältnisse zu schaffen, gehört zu den grundlegenden Qualitäten dieser Zusammenstellung. Mason zeigt, dass so etwas wie Flow sich nicht unbedingt nur über Gleichklang konstituiert, sondern ebenso durch kreativ-couragierte Neuordnungen entstehen kann. Auf diese Weise erstrahlen die Stücke sowohl für sich genommen, als auch als Teil des Gesamt-Mixes.

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