Records of the Week

No Joy / J. Zunz

No Joy
„Motherhood”
(Joyful Noise/Cargo)

J. Zunz
„Hibiscus”
(Rocket/Cargo)

Es gibt einen dramaturgischen Bogen zwischen diesen beiden neuen Releases: Pete Kember aka Sonic Boom, der seinerzeit mit Spacemen 3 und Spectrum psychedelische Popmusikgeschichte geschrieben und nach 30 Jahren jüngst ein zweites Soloalbum veröffentlich hat, dürfte beide Künstlerinnen schwer beeinflusst haben; mit No Joy produzierte er 2018 denn auch eine Split-EP. Damit nun aber nicht gedacht wird, Frauen würden (auch im Pop) wieder mal nur in Abhängigkeit von ‚männlichen Genies‘ erwähnt – denn das wäre hier vollkommen falsch verstanden –, soll Sonic Boom nur als kaum überhörbare Referenz dienen, sozusagen als Musikpartner ‚in crime‘ und rhetorische Verbindung dieser sehr unterschiedlichen künstlerischen Ansätze.

No Joy (Photo: Mathieu Fortin)

Jasmine White-Gluz kracht mit ihrer Band No Joy auf den bisher vier Alben ostentativ triphoppig, bombastisch, manchmal beinahe post-grunge-mäßig oder neu-metallisch aus den Boxen. Beim aktuellen Album „Motherhood“ weist die Cover-Ziege Piquette den Weg: Niedlichkeit und Naivität sind hier nur Schein, dahinter rumort und lärmt es ganz gewaltig – und das durchaus schon mal in Richtung eines theatralischen Gothic Rocks wie auf „Dream Rats“, der aktuell Warpaint, historisch Siouxsie & The Banshees oder Killing Joke und 80er-New Wave, Post-Industrial und Synthie Pop anklingen lässt.

J. Zunz

‚Deeper‘ geht es hingegen bei Lorena Quintanilla zu, die hauptamtlich bei dem mexikanischen Duo Lorelle Meets The Obsolete involviert ist.  Ihr Solo-Ding J. Zunz geht mit dem Zweitling „Hibiscus“ mächtig vom Gaspedal und luzid ab in den Keller des Bewusstseins. Das heißt keinesfalls, dass es schläfrig oder effekthascherisch wird: Sonnenstrahlen finden auf dem Album  ihren Weg durch die Dunkelheit; jedoch können Narkotisierung und Hypnotisierung gleichwohl gefährlich sein, irritierend, leicht verstörend und genau deswegen faszinierend –  siehe und höre Clip und Song zur biestigen zweiten Single-Auskopplung „Four Women and Darkness“.

Die wolkigen Schichten von Ambient, Drone, Psychedelia, Noise und Shoegaze lullen einen nur vermeintlich ein, denn letztlich reißen sie positiv bedrohlich mit. „I just needed simplicity“, sagt Quintanilla im Info zum Album. Welch leuchtende Einfachheit. Zudem erwähnt sie Angelo Badalementi und Nicos „Marble Index“ als Einflüsse – ich hingegen verorte J. Zunz eher nah bei einer skelettierten Version von Mazzy Star oder bei Labradford, Ben Frost oder Bersarin Quarett. Nur eben – und dieses ‚nur‘ ist keine Limitierung, sondern eine Betonung – um eine andere, weibliche Perspektive aufgewertet. In diesem Sinne: Lorena, bitte mal mit Pete Kember Kontakt aufnehmen.
Wo No Joy sehr schrill auf ihre Schuhe glotzen und dabei doch auch immer Richtung Indie-Hit schielen, ist J. Zunz ganz bei sich, versunken und geheimnisvoll. Beiden scheinen die in ihrer Musik sich abzeichnenden oder durch sie betroffenen Körperlichkeiten jedenfalls zentral, mal mehr auf dem krachigen Alternative-Dancefloor, mal eher verschroben-verkopft.

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