Record of the Week

Sonic Boom „All Things Being Equal“

Sonic Boom
„All Things Being Equal“
(Carpark/Indigo)

Unter seinem Sonic Boom Imprint hat Pete Kember seit 1990 kein Solo-Album produziert. Kein Scherz. Freilich war der Brite deswegen nicht untätig nachdem Jason Pierce und er in den Achtzigern mit der Feedback- und Heroin-Psychedelia ihrer Band Spacemen 3 ein lebendes und aus diversen Gründen aber leider auch sterbendes Klangmal des immer auch bedrohlichen Space-, Drone- und Shoegaze-Indie geschaffen hatten und damit für mich (und vor allem viele Musiker*innen) die Lücken zwischen Jesus & Mary Chain, My Bloody Valentine und Brit Pop spektakulär ausfüllten.
Jason aka J. Spaceman machte im Anschluss bluesig-soulig unter dem Namen Spiritualized weiter, durchaus sehr erfolgreich. Pete knüpfte mit seiner Band Spectrum kurzzeitig noch an die kaugummihaft entrückte Seite der späten Spacemen 3 an, bevor er sich sich ins Reduzierte, Drone-Experimentelle und hinter die Bühne flüchtete, um mit E.A.R. (mit unter anderen Kevin Shields und Delia Derbyshire), in diversen weiteren Kollaborationen und auch solo oft instrumental zu arbeiten und äußerst abstrakte Räume aufzumachen, nicht selten für Kunstausstellungen. Erst durch seine Produktionen poppigerer Alben von unter anderen Beach House, Dean & Britta (Luna), Panda Bear oder MGMT und seinen Umzug nach Portugal fand der Sound-Nerd Kember allmählich ins grelle, bunte Licht der Bühne zurück; passenderweise geben Britta und Panda Bear stimmliche Gastauftritte auf „All Things Being Equal“.

Sonic Boom (Photo: ByIan Witchell)

Sonic Booms Comeback-Album „All Things Being Equal“ hat ihn viel Kraft und eine lange Zeit gekostet, aber Kosten ist wohl der falsche Begriff, denn, so erzählte er mir vor einigen Jahren auf der Aftershow-Party des Madeiradig-Festivals sinngemäß, er wollte nochmal einen Anlauf in Sachen Pop nehmen, unter anderen motiviert durch Stereolabs Tim Gane, ein paar in elektronischen Jams entstandene Skizzen zu Songs zu vervollkommnen.

Und so schillernd und verstrahlt, wie es das Cover andeutet (das ästhetisch direkt am Spätwerk der Spacemen 3 anschließt – man könnte sagen Kember tritt grinsend sonnenbebrillt aus einem Zeitloch, vielleicht hat sich die Zeit aber auch nach hinten gedreht und Sonic Boom wieder eingesammelt?), sind seine neuen Stücke, nennen wir sie tatsächlich vorsichtig Songs, obwohl sie teilweise ins Trackhafte tendieren.
Einerseits klingt und wirkt „All Things Being Equal“ wie direkt nach „Recurring“, dem 1991 erschienenen Abschiedsalbum der Spacemen 3, aufgenommen; nicht zuletzt wegen der vielen hier verwendeten Original-Synths und weiteren Geräte, die zweifelsohne die unheimlichen Stars sind. Die repetitiven und hypnotisierenden Strukturen und Klänge von Sonic Boom verweisen unüberhörbar auf sich selbst, Suicide, Kraftwerk, aber und auch krachende Psychedelia der 1960er Jahre à la MC5, Stooges, Velvet Underground. Es kleben auch leichte Überbleibsel aus den verschiedenen britischen Rave Nations bonbonmäßig fest an Songs wie „Just Imagine“ (‚…Du seist ein Baum, und dann schauen wir mal…‘) oder „The Way That You Live“.
Doch auch die dunkle Seite des Booms kommt hier etwa mit dem gesprochenen (Alp-)Traum „Spinning Coins and Wishing on Clovers“, der zischend-rauschenden Lawine „I Can See Light Bend“ oder dem schleichenden „My Echo, My Shadow and Me“ ausgiebig zum Tragen. Und das ist wichtig, denn hier setzte Sonic Boom 1990 auf „Spectrum“ monolithische Höhe- oder besser – im wundervoll trostlosen Sinn – Tiefpunkte mit „If I Should Die“ oder „Lonely Avenue“. Nun fließen sie wieder, die langen, wabernden Synthie-Biester, mal in himmelhochjauchzende Höhen, mal in den düsteren Abgrund. Vielleicht ist das alles ja auch einfach nur zeitlos. Professor Sonic Boom und seine SciFi-Retrofuturistik sind zurück – und ich verschwinde in ihnen.

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