Review

„They Rocked The City“ – Buch des Monats

Volker Eichener
„They Rocked the City“
700 Seiten / Zweitausendeins

Jeder gesellschaftliche oder politische Umbruch bedarf in Zeiten der Populärkultur eines entsprechenden musikalischen Soundtracks, der seine AnhängerInnen elektrifiziert und damit emotional affiziert. Das Verhältnis beziehungsweise die Wechselwirkung von Politik und Musik ist dabei nicht immer einwandfrei zu klären und ähnlich verzwickt wie das Verhältnis von Henne und Ei: Wer war zuerst da und hat damit den Grundstein für eine darauf folgende Entwicklung gelegt? Wer ist Trittbrettfahrer, wer Revolutionär oder wenigstens Rebell? Dass „Looking for Freedom“ von David Hasselhoff tatsächlich den Grundstein des Berliner Mauerfalls gelegt hat, darf jedenfalls gleichermaßen bezweifelt werden wie die Annahme, dass der „Wind of Change“ der Scorpions das Sowjet-Imperium zu Fall gebracht hat.

Dennoch aber ist unbestritten, dass auch musikalische Bewegungen einen großen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen ausüben können, indem sie ihre Mitglieder gewissermaßen empowern und ein Bewusstsein der eigenen Unfreiheit manifestieren. Was wäre etwa die schwarze Bürgerrechtsbewegung ohne die Soulmusik gewesen? Oder die Schwulenbewegung ohne die Discokultur? Oder das feministische Aufbegehren in den 90er Jahren ohne die Riot Grrrls? Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Als die Mutter subversiver Popkultur gilt dabei vielen das Woodstock-Festival 1969, das zum subkulturellen Spiegel jener Zeit avancierte und die vormalige Gegenkultur endgültig im kulturellen Mainstream etablierte. Der Düsseldorfer Soziologe Volker Eichener hat dieser (sowohl politisch als auch musikalisch) im wahrsten Sinne des Wortes revolutionären Epoche mit „They Rocked the City“ nun ein würdiges Denkmal gesetzt. Auf knapp 700 Seiten analysiert er dabei das Verhältnis zwischen „Rockmusik“ und dem „gesellschaftlichen Umbruch“, wie bereits der Untertitel des Buches verrät.

Eichener erweist sich dabei als ein detailversessener Kenner sowohl der gesellschaftlichen wie auch musikalischen Epoche. Zwar kann er seinen Background als habilitierter Sozialwissenschaftler nicht verbergen (und will dies vermutlich auch gar nicht), dennoch aber ist sein Buch bei aller Akribie kein trocken geratenes, Schuhsohlen-ähnlich zähes Werk, für das die hiesigen Geisteswissenschaften des Öfteren – nicht ganz zu Unrecht – im Verruf stehen.

Sympathisch ist dabei, dass die eigene Position als Fan und die damit verbundene subjektive Verstrickung nicht verschleiert und damit dem Eindruck einer vermeintlichen Objektivität der Argumentation der Wind aus den Segeln genommen wird. Trotz aller Verstrickung gelingt Eichener dabei über weite Strecken des Buches der Spagat zwischen biographisch-bedingter Nähe zum verhandelten Gegenstand und kritischer Distanz. Etwa, wenn er die zum Teil äußerst misogyne Sprache der meist männlichen Musiker als Kontinuitätslinie (und damit als Gegenteil revolutionären Gehalts) zu der verrohten Macker-Attitüde der eigenen Väter-Generation entlarvt, die auch schon Simon Reynolds und Joy Press in ihrer groß angelegten Studie „Sex Revolts“ eingehend analysiert haben.

Den meisten Kapiteln des Buches werden dabei Texte jener Songs angefügt, die über die Jahre Kult-Potenzial entwickelt haben und dabei gleichermaßen das im jeweiligen Kapitel aufgezeigte gesellschaftliche Spannungsverhältnis exemplifizieren. Den einzigen Wehmutstropfen stellen in diesem Zusammenhang die etwas holprig geratenen Übersetzungen englischer Songs dar, die im Angesicht ihrer holzschnittartigen und wenig poetischen Natur stellenweise einer gewissen Komik nicht entbehren. So wird die „Rockin‘ Rollin‘ Mama“ zur „Stoßenden, wälzenden Frau“ oder die „Tainted Love“ zur „Unanständigen Liebe“. Hier wäre die alleinige Beibehaltung des Originals mindestens unter ästhetischem Gesichtspunkt wohl empfehlenswerter gewesen, wenngleich hinzugefügt werden muss, dass weniger Englisch-kundigen LeserInnen der Zugang durch die Übersetzungen sicherlich erleichtert wird.

Alles in allem füllt „They Rocked the City“ durch seine explizite Rückkopplung an die gesellschaftlichen Umbrüche jener Zeit zweifellos eine Lücke in der langen Liste an Musikbüchern, die sich bisher der musikalischen Ära der späten 60er und frühen 70er Jahre gewidmet haben. Durch die gelungene Harmonisierung von Detailfülle auf der einen und hohem Lesevergnügen auf der anderen Seite bringt das Werk alle Voraussetzungen mit, schon bald zum Standardwerk zu avancieren.

Text: Luca Glenzer

„They Rocked the City“ ist vor kurzem im Leipziger Zweitausendeins-Verlag in gebundener Fassung erschienen und kostet 29,90 €.

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