Record of the Week Spezial – Besprechung & Interview – Thomas Fehlmann „Böser Herbst”


Thomas Fehlmann: „Fantasien einer Erinnerung“

Thomas Fehlmann
„Böser Herbst”

(Kompakt/Rough Trade)

Wo anfangen beim ewigen Thomas Fehlmann? Vielleicht beim denkwürdigen Konzert seiner immer schon zeitlosen Band Palais Schaumburg in der Berliner Volksbühne vor ziemlich genau zwei Jahren? Als akademische Präsidiums- und Rechenzentrumsmitglieder, Professorenkolleg:innen, gute Freund:innen und Fans unvermutet und doch vorhersehbar um mich herumsaßen? Oder Anfang der Achtziger im chaotischen Jugendzimmer meines besten Freunds und Cousins, der über seinen älteren Bruder irgendwie immer die noch cooleren Bands der avantgardistisch-dadaistischen, postpunkigen Seite der NdW (mit kleinem „d“) als Vinyl bei sich stehen und laufen hatte? Oder zur ravenden Millenniumsdämmerung bei meiner damaligen großen Liebe und den unendlich langen Tänzen in der Maria am Ostbahnhof, im WMF und Tresor in Berlin oder am Tanzbrunnen oder im Art Theater in Köln? Als Tracks von Basic Channel, Pole, Gas und Plastikman wichtiger als der muffig gewordene Indie Rock geworden waren.

Thomas Fehlmanns neues Album ist eigentlich ein Soundtrack zu Matthias Luthadts Dokumentation „Herbst 1929, Schatten über Babylon“, die ihrerseits historische Kontexte zur dritten Staffel der Serie „Berlin Babylon“ liefert. Also doch nicht einer der bösen Herbste, die mir so zuerst in den Sinn gekommen waren. Eher 100 Jahre zurück.
Als virtueller Ort für Fehlmanns Produktionen ist Berlin  jenseits des medialen Kontexts unerlässlich. Fehlmann spricht gewissermaßen mit vergangenen Schnipseln in Form von Samples aus Archivklängen und -musiken der 1920er Jahre hinein in die Gegenwart, ohne Geschichtslehrer sein zu müssen. Webt diese fließenden Partikel in seinen einmaligen, schwebend-minimalen, bewölkten und doch ganz klaren Sound ein.

Ein naives Hören lässt einen sofort eintauchen in diesen für Fehlmann so typischen strukturierten, luziden Strudel. Eine komplexere Herangehensweise dechiffriert dann die eingewobenen Meme. Wobei letzteres für den groovy Effekt gar nicht so entscheidend scheint. Loops der Geschichten werden hier zu Geschichten der Loops, zu „Spiralen der Erinnerung“ (Justus Köhncke). Und diese beginnen zu schwingen, schlagen aus und begeben sich auf einen scheinbar unendlichen Beat-Weg, höre „Umarmt“, das wundervoll sanft und gleichzeitig ein kleines bisschen angenehm prollig lostuckernde „Abgestellt“ oder das schon eher frech stampfende, etwas misstrauisch machende „Auf die Spitze“. Vorankommen in der nur vermeintlichen Wiederholung, weil es ja eben kognitiv keine Wiederholung ist. Repetition ist es ja nur für die Maschinen. Immer diese Spiralen. Immer diese Verschränkungen. Referenzhölle Pop, wie es einst Thomas Meinecke und ich im Gespräch feststellten und das positiv im Sinne von Referenzhimmel meinten. Thomas Fehlmanns Musik weiß das alles und entledigt sich doch letztlich fast aller Verweise. Sie atmet tief und durch und fühlt sich frei an. Und sie wird auch in 100 Jahren noch losgelöst weiter fließen; erlebt und körperlich romantisch-vergänglich, imaginiert und geistig hingegen vollkommen zeitlos. Wenn das denn getrennt werden könnte.

Stichwort „Überschneidungen“?
Thomas Fehlmann: 1920/2020 – ein Mienenfeld für Spekulationen. Gehen Überschneidungen auch in der Musik?

Wie lief der Kreationsprozess, also hattest du die Tracks erst oder hast du sie auf die Bilder hin komponiert?
Ich hatte keine Bilder, aber das klare Thema; und die Stimmung der Bilder ist mir spätestens seit der Arbeit an „1929“ wohlbekannt. Ich habe mich hier darauf beschränkt Klangquellen aus den 1920er Jahren zu verwenden, ausschließlich und in gesampelter Form. Als erstes habe ich mich in längeren Sessions mit Musik und Filmen und den Zwischengeräuschen darin beschäftigt und mir eine Klangbibliothek zusammengestellt und die ist dann so gestrickt, dass die Ideen – variabel kombinierbar – zusammenpassen.
Wenn ich dann die Bilder habe, beschäftige ich mich nur noch mit diesen Ideen aus dem Klangvokabular, ziehe Linien und baue eine Struktur darum.

Wie verhält sich die Musik zum Film?
Mein Einfluss auf den eigentlichen Musikeinsatz ist bei einer solchen Produktion leider gering. Das hat in allen Fällen meiner Soundtrackarbeiten dazu geführt, dass ich danach unbedingt noch ein Album daraus machen musste. Ein Sprungbrett. Im Fall vom „Böser Herbst“ wurde die Musik in der Doku eher fragmentarisch eingesetzt und mir lag es daran die Stücke klarer auszuformulieren,

Welche Erinnerung(en) hast du aus deiner Perspektive jetzt gerade an „Böser Herbst“? Welche Erinnerung(en) hast du darin verarbeitet? Gibt es eine Erinnerung, die du bei Hörenden veranlassen möchtest?
Na, direkt Erinnerungen sind das ja nicht. Es sind eher Fantasien einer Erinnerung. Ich wollte den Zuschauer mit der Musik kitzeln, ihn  mit einem Flimmern zwischen Historie und dem Jetzt irritieren. Hat Spaß gemacht.

Welche Rolle spielt Vergessen in Pop, Musik und Leben?
Ich habs vergessen. Ein Segen und ein Fluch.

Woher kommen die tollen Track-Titel genauer? Assoziativ? Cut Up? Aus den Samples?
Ich sehe die Titelgebung wie eine weitere Ebene des Spaßes, in der Anspielungen, Assoziationen, Zitate, Doppelbedeutungen, Referenzen etc versenkt werden können.

Was ist der ‚rote Faden‘ von Palais Schaumburg über 3MB bis „Böser Herbst“, wenn es ihn für dich erkennbar gibt? Eine Konstante?
Immer schön nach vorne blicken und an den Rändern kratzen. Eine andere Konstante ist auch, dass es während einer Produktion immer den Moment gibt, in dem ich denke, ich hätte den Faden verloren und die guten Ideen. Irgendwo auf meinem Album „Visions of blah“ gibts auch ein Stück das „Roter Faden“ heißt 😉

Thomas, vor zwei Jahren bist du im Rahmen einer Ausstellung von Raymond Pettibon in New York aufgetreten, aktuell so hört man arbeitest du am Soundtrack zu einer Dokumentation über ihn. Wie kam es zu dieser Kollaboration? Und wie gehst du an einen solchen Auftrag heran?
Es war eine Raymond Pettibon Performance im New Museum. Ich war dort Teil einer großen Gruppe von Rays Freunden, die mit verteilten Rollen live aus seinen Drehbüchern gelesen haben: Kim Gorden, Marcel Dzama, Mike Watt, Stella Schnabel und viele mehr. Meine Aufgabe war es, dazu live Filmmusik zu machen. Wir haben ne ganze Woche geprobt und es war sehr lustig. Dabei habe ich auch Spencer Leigh, den Regisseur der Pettibon Doku, kennengelernt. Der Film war schon ziemlich weit entwickelt und Spencer hat mich auf zwei konkrete Szenen angesetzt, in denen Ray eine große Welle malt. Ich habe zwei Stücke beigesteuert und diese zum Bild aus den Performance Files entwickelt. Die doku heißt „A Collection of Lines“, ist inzwischen fertig und wurde hier und dort schon gezeigt.

„Abgestellt“?
Heißt auf schweizerdeutsch: ich dreh durch!

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