Geschichten bei den Anderen

2020, the bedroom edition


2020, das Jahr, in dem das Leben von der Straße ins Schlafzimmer (ähm, home office) verlegt wurde. Alles andere als ideale Arbeitsbedingungen für engagierten Kulturjournalismus, der noch mehr als andere journalistische Disziplinen vom geteilten Biotopen, sich reibenden Körpern und beieinander miteinander diskutierenden Geistern lebt. Da können einem die Vertreter:innen und User:innen von Zoom, Instagram-Live-Chat und wie all die Kursgewinnercompanies des Jahres sonst noch heißen noch soviel preisende Worte einflüstern, am Ende sehnt man sich eben in die Räume und zu den Menschen und nach ungeplanten und aufregenden Ereignissen.

Jetzt, am Ende von 2020, erscheint der Zeitpunkt richtig, die eigene Verblüffung öffentlich kund zu tun, die einen das ganze Jahr über begleitet hat. Die Verblüffung darüber, dass man trotz all der heftigen Corona-Ereignisse, –Einschränkungen und -Folgen, aber auch der weiteren weltpolitischen Dramen wie der stetig zunehmen Migrationsbewegungen  und ess unsägliche Umgehens der reichen, westlichen Länder und eines Großteils ihrer Bevölkerung mit den notleidenden Flüchtlingen und natürlich auch die sich immer schnell drehende Spirale der Umweltkatastrophen kein Umdenken bei den Menschen feststellen kann. Noch immer agieren die meisten Gewinnmaximierend in ihrem Sinne, reflektieren im privaten und beruflichen Alltag viel zu wenig, in welcher Situation ihre Mitmenschen sind und machen vielen so permanent das eh schon schwierige Leben noch unnötig schwieriger. Eklatant dabei oft die Diskrepanz zwischen kommunizierten Haltung und gelebter Handlung. Gerade wir in unseren privilegierten westlichen Verhältnissen sollten uns bewusst machen, dass wir eine Verantwortung haben aus diesen heraus bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für so viele Menschen wie möglich zu ermöglichen – und eben nicht durch hierarchische Positionen Projekte auszubremsen, zu verkomplizieren und so letztlich zu einem weiteren emotionalen Ballast für Leute im eigenen Team und drum herum zu machen.

Aber endlich zu den „Geschichten bei den Anderen“, wie unsere Kaput-Ausflüge hausintern betitelt sind. Im Nachgang fällt einem all das gerade gesagte natürlich besonders bei jenen Geschichten auf, die noch vor Corona, Lockdowns und Reisebeschränkungen in real entstanden sind, mögen sie bald wieder der Alltag sein und nicht nur langsam verbleichende Nostalgiewallungen. Ich bin jedenfalls bereit das verstaubte Travel-Venker-Postfach zu reaktivieren. Aber genug der Vorrede, hier ein paar der Highlights, die neben Kaput so anfielen.

Januar 2020 – Phillip Sollmann – für die Monheim Triennale
Der Berliner Musiker und Klangkünstler Phillip Sollmann gehört zu den 16 Musiker:innen, die wir zur Monheim Triennale, zu deren Kurator:innen-Team ich gehöre, eingeladen haben. Zentral wird vor Ort eine Klanginstallation seines Modular Organ Systems sein, das er zusammen mit Konrad Sprenger entwickelt hat. Im Januar haben die beiden eine ganz tolle Performance in den Kunstwerken in Berlin gegeben, die Roman Szczesny und ich zum Anlass nahmen für einen Atelierbesuch, bei dem mehrere kleine Filme mit den beiden entstanden sind, alle zu sehen auf dem Youtube Kanal der Triennale.

Januar 2020 – Algiers – für Radio 1, Soundcheck
Die Berlinreise zu Phillip Sollmann nutze ich auch für einen Besuch bei Torsten Groß im Soundcheck auf Radio 1.
Es sollte leider in diesem Jahr der einzige bleiben, da…. Immerhin mit einem schönen Album dabei gewesen, ich durfte „There Is No Year“ von den Algiers vorstellen, im Rückblick ein geradezu düster-prognostischer Titel: „Die Welt hat sich nicht zum Besseren gewandelt, seit die Algiers vor 3 Jahren „The Underside of Power“ veröffentlichten, ein mächtig brodelndes Werk, auf dem sie sich nichteinverstanden präsentierten. Und so verwundert es nicht, dass auch das neue Album wieder voller Dringlichkeit und mit multiplen Zungen und Soundentwürfen mahnt – ein aufwühlender Hybrid aus Industrial, Soul und Rock. Mal konfrontieren sie uns hart, mal streicheln sie zart über unseren Kopf und spenden Trost und Zuversicht, doch zumeist klagt Franklin James Fischer mit viel Pathos die Irrwege der Zivilisationsgeschichte und die Absurditäten menschlicher Existenz an.“

Februar 2020 – Hildur Gudnadóttir, „Chernobyl“, CTM Festival 2020, Silent Green, Berlin – für Stadtrevue Köln 
Die isländische Musikerin Hildur Guðnadóttir performte ihren mit einem Emmy ausgezeichneten Soundtrack zur HBO-Serie „Chernobyl“ beim CTM an zwei Abenden hintereinander in einem ehemaligen Krematorium. Einen besonderen Ort hätten sich die Organisatoren nicht aussuchen können: Das gedämmte Licht, die stumpf-mahnende Akustik, die alle Worte sofort mit toten Staub belegt, und die in der Luft liegenden Nebelfäden, das alles schüchterte ein, ließ die Zuschauer:innen unmittelbar ankommen in einer Aura jenseits ihres kontrollierbaren Alltags. Denn das, was hier an diesem Abend (und dem folgenden) in Klang geformt wurde, das, was Hildur Guðnadóttir (gemeinsam mit ihrem Touch Records Labelkollegen Chris Watson),  ist soviel abgründiger als es das Wort Soundtrack zu fassen vermag. Guðnadóttir und Watson haben sich dem Unterfangen gestellt, einen jener Momente der Menschheitsgeschichte zu vertonen, in dem sich ein Tor zu einer anderen Dimension geöffnet hat. Ich möchte nicht das Wort Hölle verwenden, da es zu christlich geprägt ist, aber den damaligen Ereignissen haftet definitiv eine Andersweltlichkeit an, in dem Sinne, als dass die Angst, die man damals selbst aus der Distanz und heute als Rezipient der filmischen und musikalischen Aufarbeitung spürt, seltsam aphatisch zu einem spricht. So sehr man sich sonst der Reflektion über die eigene Endlichkeit verwehrt, nach Chernobyl steht ein solches Verhalten gar nicht mehr zur Disposition, vielmehr ist Leben urplötzlich nicht mehr nur endlich, es ist zu einer Unwahrscheinlichkeit degradiert.

März 2020 – Socially Overwhelmed By Isolation – für The Attic
Das Kollektiv der Rumänischen Website The Attic und Kaput verbindet seit einem intensiven CTM Festival vor vier Jahren eine zarte Freundschaft. Man widmet sich von unterschiedlichen Perspektiven aus einem ähnlichen Themenkanon. Während des ersten Lockdowns kam die Anfrage für ein Essay zum Thema „Isolation“ – was dabei raus kam, begann so: „One of my first thoughts when the lockdown started was: ‘How will I – a very social person by profession as much as personality – handle this enforced curtailing of my social activity?’ Well, how little I knew in those early hours and days of the COVID-19 pandemic. Not long after my calendar was packed with an endless supply of video conferences (in apps blissfully unknown to me until the virus came into my life), WhatsApp calls and old fashioned phone calls. Where before this brutal intervention you used to be able to shunt things off into emails without any thought, suddenly it felt inappropriate as of course talking in person to one another is such a different thing, much more emotional and vital right now….“

 

April 2020 – VLADIMIR IVKOVIC: „Was sind Fehler?“ – für das Goethe Institut
Mit dem Goethe Institut verbindet mich eine langjährige kollegiale Beziehung, sei es für Vorträge (Los Angeles, Peking), Performances (zuletzt mit dem Phantom Kino Ballett in Nordamerika und Japan), Stipendiums-Sichtungen und last but not least Textarbeiten. Über die Anfrage, einen Beitrag zum Themen-Spezial „Was sind Fehler?“ beizusteuern, habe ich mich sehr gefreut, zumal mit dem Krefelder DJ und Labelbetreiber (Offen Music) Vladimir Ivkovic der idealen Gesprächspartner zur Verfügung stand, um das Thema von mehreren Seiten zu betrachten:
„In den 90er-Jahren gab es viele Platten, auf denen einfach nicht stand, in welcher Geschwindigkeit man sie abspielen sollte. Es gab kein YouTube, es gab kein Spotify, man konnte nirgendwo die Masterfiles hören und sich eine Bestätigung einholen. Diese Freiheit war ein Glücksmoment der Geschichte kurz vor dem großen Internetboom, wo dann alles vorgekaut wurde.“

Das gesamte Interview befindet sich hinter dem Bild.

 

August 2020 – Neue Ideen für Erhalt und Weiterentwicklung der Pop- und Clubkultur in der Metropolregion Rhein-Main – Panel für Riviera

Das Robert Johnson gehört zu meinem Lieblingsclubs weltweit. Es ist einer der wenigen Cluborte, die sich der Durchkommerzialisierung von Dance Music erfolgreich entgegen stellen konnten, eine Art positives Schwarzes Loch – und das nun seit zwanzig Jahren. Noch kurz vorm Lockdown gastierten wir am 8. März mit dem Phantom Kino Ballett auf Einladung des RJ-Betreibers Ata und seines Teams im Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt. Im August folgte dann unter ganz anderen Vorraussetzungen eine Einladung zu einem Panel-Gespräch für Riviera, einem vom langjährigen RJ-Booker Oliver Hafenbauer organisierten digitalen Kongress, bei dem Ata neben Katja Hermes und Nikki On Fleek auch gleich mit dabei war. Das Thema: „Wie kann Pop- und Clubkultur nachhaltig, divers und innovativ gestaltet werden? Welchen Stellenwert haben diese Themen in der Kulturarbeit vor Ort und welche Gestaltungsansätze gibt es? Was läuft gut und was kann man besser machen? Das Panel bringt Akteur*innen aus unterschiedlichen Bereichen der Musikwirtschaft zusammen, um über genau diese Fragen zu sprechen und um von Ideen, Realität und Praxis zu berichten.“

Mai 2020 – Miki Yui  – für Miki Yui
Sehr selten und nur für gute Freund:innen schreibe ich auch mal Künstlerbiographien.
Was daran liegt, dass die Art, wie ich diese anzulegen pflege (long read, mit vielen Zitaten und auf Basis von mehreren Gesprächen), leider weder ökonomisch noch logistisch einfach umsetzen ist. Umso schöner sind die Fälle, in denen es klappt, da man dann quasi ideale Interviewbedingungen vorfindet.
Über die Anfrage von Miki Yui habe ich mich besonders gefreut, eine großartige Künstlerin, die ich 2019 bereits für das Chart – Notes to Consider Magazin treffen durfte und die mir großzügig Einblick in ihre Lebenswelt gewährte. Ihr Album „Aperio!“ ist zu einem stillen Begleiter in diesem Jahr geworden. Ich zitiere aus der Biographie:
„…It is indeed no accident that the first track of „Aperio!“ is entitled „Listening (oneness)“: it vibrates for ten full minutes with and within us. It reflects the art of Miki Yui coming into existence. The Düsseldorf based Japanese artist approaches the world around her from a sensual perspective rather than in an analytic-logical way, still both paradigms of art production manifest their influence on the process. As Miki Yui says: „In my music, I play the game of turning the abstract into concrete and vice versa.“
This is obvious in all of the compositions on „Aperio!“. Her music combines otherworldly and dream world experiences, creating environments of multiple atmospheres, both warm and inviting but at times irritatingly cold and airless. One feels like a visitor to these worlds, not like an inhabitant – even though there is no direct interaction necessary with the happenings as Miki Yui outlines them in the titles: „Listening (oneness)“, „Dancing (swamp)“, „Chanting (afar)“  etc., still they stimulate all kinds of feelings in us: astonishment, sadness, yearning, wondering, and hope. …“

Juni 2020 – Visionist – für Mute Records
Die Einleitung zu Miki Yui kann ich quasi eins zu eins für Louis Carnell übernehmen.
Ich bin ein großer Fan seines an Experimenten und Überraschungen reichen Backkatalogs. Mit  „A Call To Arms“ trifft Louis die aktuelle Gefühlslage des Corona-Jahres sehr genau, obwohl das Album natürlich bereits vorher geschrieben wurde. Auch hier ein kurzes Zitat des Textes, den ich für und über ihn verfasst habe:
„The lyrics for A Call To Arms are important. Carnell doesn’t present us with the world, cut and dried. He brings questions, reminding us that great art is a constant reconsideration of our realities. On ‘The Fold’ it is Harley Fohr’s voice that brings out the words’ double meanings (something you find often in Carnell’s lyrics).
“Birdcage of mine / Seeps in effort to break stone / Ample doves spread and throw / To the window / Birdcage of mine / Swathe the winds / And adorn / Their shrivelled woes” – ‘The Fold’

2020 ongoing – Katharina Köhler (Deichkind), Gudrun Gut, Phillip Sollmann, Alexander Schulz (Reeperbahn Festival), Ralph Christoph (c/o pop), Jan Claussen  – für das Institut für Pop-Musik der Folkwang Universität der Künste

Seit fünf Jahren agiere ich als Wissenschaftlicher und Künstlerischer Mitarbeiter am Institut für Pop-Musik der Folkwang Universität der Künste, an Bord geholt hat mich einst Hans Nieswandt, der bis zum vergangenen Winter Künstlerischer Leiter war, bevor er leider nach Seoul übersiedelte – und seitdem von uns allen sehr vermisst wird. Die Zusammenarbeit mit den Studierenden empfinde ich als sehr bereichernd, da es ein gegenseitiges Lernen ist und eben bewusst keine Einbahnstraße wie an so vielen anderen akademischen Einrichtungen, die dem Fehlschluss erliegen, dass Lehre nur mit Hierarchie und Alter und Erfahrungen und all solchen Sachen zu tun hat. Auch hier gilt: das Zusammentreffen und Interagieren vor Ort in unserem Bochumer Institut ist natürlich der Nukleus des Ganzen, dessen beraubt und in Zoomräume verbannt, galt es das Beste aus der digitalen Welt zu machen. Ein großer Glück dabei ist es, dass das Institut es uns Dozenten ermöglicht, Gäste digital einzuladen, diese Gespräche waren für alle Beteiligten gerade unter den besonderen Lockdownbedingungen positive Erfahrungen geteilter künstlerischer Praxis.
Und manchmal schaut dann auch noch ein Überraschungsgast vorbei, wie bei Katharina Köhler (Deichkind Management) das Deichkind Bandmitglied 545183.:)

Dezember 2020 – Sonar Festival, Mutek Festival, c/o pop & Reeperbahnfestival – für Stadtrevue S
So unterschiedlich die künstlerische Ausrichtung dieser Festivals auch ist, sie alle eint, dass sie sich im xten Jahr ihrer Existenz nochmals neu erfinden mussten – für das Publikum, die Künstler:innen und auch für sich selbst.
Ich habe für die Stadtrevue mit den Bookern und Direktoren der vier Festival über ihre Erfahrungen im Corona Jahr gesprochen und die Ableitungen, die ihre Teams und sie aus diesen für die Zukunft gezogen haben. Die jeweiligen Longreads finden sich auf Kaput.

Juli 2020 – Marcus Schmickler für die Monheim Triennale
Zum Schluss nochmals ein kurzer Sprung zurück in den Juli diesen Jahres. Hin zu einem kurzen Moment der Fastnormalität. Eigentlich hätte am ersten Juliwochenende 2020 die Monheim Triennale stattfinden sollen, die wir dann leider auf den Sommer 2021 verschieben mussten. Auch das angedachte Eröffnungskonzert mit dem Kölner Komponisten und Klangkünstler Marcus Schmickler war dementsprechend nicht in der ursprünglich intendierten großen Inszenierung möglich, wir konnten jedoch eine – wie ich finde – ganz tolle zwanzigminütige Ersatz-Performance umsetzen. Bis kurz vor dem Auftritt regte es heftig, als dann die Sonne mit aller Kraft durch die Wolken brach, fühlte es sich doppelt surreal und einfach nur fantastisch an, ein Konzert mit Anderen teilen zu dürfen.

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