All sounds like a dream to me … Destroyer „Kaputt“
Destroyer
„Kaputt“
(Merge)
Es gibt zwei grundlegende Axiome für Kaput, das Magazin. Erstens – und das Allerwichtigste für Linus und mich: Wir halten keine Meetings ab. Zweitens: Uns interessieren keine Klickzahlen. Beide Prinzipien hängen unmittelbar mit unseren Erfahrungen in den letzten Intro-Jahren zusammen, in denen die Zahl der täglichen Jour fixes (seitdem ein Reizwort) absurd zunahm und es nicht selten um Performance und Klickrates ging – freilich nie von den Redakteur:innen auf die Agenda gesetzt.
Ich komme darauf, weil wir in solchen nennen wir es Personalgatherings immer wieder zu hören bekamen, dass die Destroyer Platte „Kaputt“ – dem Musiker Dan Bejar, alias Destroyer, widmeten wir das Cover von Intro 193 – in Deutschland katastrophal schlecht gelaufen sei. Die implizite Botschaft: Wie konnten wir nur so ein Nischenprodukt aufs Cover heben?

Intro: Destroyer (Artwork: Holger Risse)
Selbstverständlich haben wir die Mails mit den Performance-Zahlen der Vorwoche nie gelesen – geschweige denn, uns von solchen Sticheleien beeindrucken oder beeinflussen lassen. Im Gegenteil: Wir überredeten sogar das hausinterne Melt!-Festival-Team, Destroyer 2012 auf das Festival einzuladen. Die Show zu unseren fantastischen, von Holger Risse designten gelben Cover.
All das – Destroyer, das Album „Kaputt“, die Debatten darüber – hatten Linus und ich übrigens nicht im Kopf, als wir den Namen für unser Magazin auswählten. Aber unbewusst schwang es sicher mit. Schließlich passt es perfekt zum Untertitel: „Magazin für Insolvenz & Pop“. Dan Bejar wiederum hat mit „Thief“ einst ein ganzes Album den niederträchtigen Instinkten der Musikbranche gewidmet. Doch damit genug der Vorrede – hinein in Kaputt.
Dan Bejar stammt aus Vancouver, Kanada, und arbeitet seit den frühen 1990er-Jahren an seinem idiosynkratischen Indie-Rock. Er selbst bezeichnet den Stil von Destroyer als „European Blues“. Das klingt zwar schön, trifft die Sache aber nur halb, denn in seiner Musik steckt auch viel klassischer US-Indie-Sound – man hört Pavement, Guided by Voices oder Built to Spill –, stets aber durchzogen von Blue-Eyed Soul. Aber wahrscheinlich bezieht sich die „Europa“-Referenz eher auf seine Textcollagen, die ihn tatsächlich deutlich auf eigenem, in europäischer Tradition stehenden Terrain positionieren.
Einige Beispiele: Die Zeile „I remix horses“ in “The Ignoramus of Love” (vom Album “Dan´s Boogie”) spielt auf Bill Callahans „I Break Horses“ und Patti Smiths „Horses“ an. In „In the Morning“ (vom Album „Ken“) übernimmt er eine Zeile aus DeBarges „Rhythm of the Night“. Auf „Kaputt“ wiederum entstand der Song „Suicide Demo for Kara Walker“, indem Bejar Textkarten, die die Künstlerin Kara Walker extra für ihn entworfen hat, neu arrangierte. Heraus kam eine eine achteinhalbminütige Collage darüber, was es bedeutet, nach 400 Jahren Unterdrückungsgeschichte als schwarze Frau in den USA zu leben:
„Harmless little negress / You’ve got to say yes to another excess / Let’s go for a ride today“ oder „Enter through the exit / And exit through the entrance / When you can.“
Weitere literarische Bezugspunkte: Ezra Pound, Camus, Shakespeare, Rilke, Franz Wright, Frederick Seidel … Aber Bejar sampelt Freund:innen wie auch Gegner:innen – etwa Ronald Reagan, dessen Rede er in „Evil Empire“ zitiert.
Trotz dieser klaren Autorenhandschrift besteht Bejar aber darauf, Destroyer als Band zu verstehen, in der alle Mitglieder ihre Qualitäten einbringen. Auf „Kaputt“ (erschienen im Januar 2011 auf Merge) bedeutet das konkret: Alle Songs stammen aus Bejars Feder, er singt und spielt Gitarre; Scott Morgan steuert Schlagzeug und Elektronik bei, John Collins Bass, Gitarre und Synthesizer.
„Kaputt“ markiert ein Scharnier in Destroyers Diskografie. Vorher eher rau, nun disco-softruckig, jazzy, ambientig. Später folgten tatsächlich stärker ambient-orientierte Alben im Geiste von Jon Hassell oder David Sylvian (Japan). Auf „Kaputt“ aber hören wir Softrock im Geist von Prefab Sprout, Roxy Music oder Fleetwood Mac. Das Album eröffnet mit „Chinatown“, natürlich ein Verweis auf den Filmklassiker von Roman Polanskis. Der Song umwickelt einen sofort mit federnden Synths, sanften Drums, croonender Stimme, diesem unverwechselbaren Saxofon-Sound und Textzeilen wie: „You can’t believe / The way the wind’s talking to the sea / I heard that someone said it before, I don’t care …“
Der Kontrast zwischen verträumter Musik und oft brutal-zynischen Texten sorgt für eine ständige Unruhe auf „Kaputt“. Während die Musik eine Welt voller Harmonie und Optimismus vortäuscht, trieft es inhaltlich vor Abgründen. So etwa im geradezu beschwingt klingenden „Song for America“, dessen Text irgendwo zwischen dadaistischer Kryptik und klarer Poesie pendelt: „I wrote a song for America / They told me it was clever / Jessica’s gone on vacation / On the dark side of town forever …“
In der damaligen Intro-Titelgeschichte (geschrieben von Sebastian Ingenhoff) erklärte Bejar, der, man ahnt es, Literatur studiert hat, dass der Albumtitel auf Curzio Malapartes gleichnamigen Roman „Kaputt“ verweist – eines der großen Antikriegsbücher des 20. Jahrhunderts; Malaparte schildert darin die Schrecken des Zweiten Weltkriegs aus Sicht eines Kriegsberichterstatters an der Ostfront. Bejars Lieblingsautor, übrigens, ist Roberto Bolaño. Auch keine schlechte Wahl.
Der erwähnte Melt!-Auftritt war übrigens wunderschön. Es war Sonntag, alle in jenem sanft-vernebelten Zustand, wie man ihn am vierten Festivaltag kennt. Die Sonne strahlte grell, und die Songs von „Kaputt“ triggerten alle noch dezent rotierenden Botenstoffe. Perfektes Glück.
Unverständlich, dass Destroyer danach bei mir ein wenig in Vergessenheit gerieten. Die Songs von „Kaputt“ hörte ich zwar immer wieder, doch die späteren Alben flogen irgendwie an mir vorbei. Bis ich kürzlich bei Friedrich Kunath zum Abendessen eingeladen war – er legte das neue, 2025 erschienene Album „Dan´s Boogie“ auf und erzählte von einem Buchprojekt mit Dan Bejar. Sofort war sie wieder da, diese Wolke der Happiness. Das Album knüpft nahtlos an „Kaputt“ an, zumindest fühlt es sich so an, passend zu einer Welt, die sich seither nur noch tiefer ins Schlamassel manövriert hat. Insofern brauchen wir heute umso dringender Anti-Kriegs-Pop von Bejar (Sebastian Ingenhoff nannte es damals übrigens „Apokalypsen-Soundtrack“) als Sehnsuchtsort, an dem wir uns fallen lassen können.
Die letzten Worte soll Dan Bejar selbst bekommen, zitiert aus dem Titelsong „Kaputt“. Auch weil es so schön passt zum Ende unserer Reihe 25 aus 2000–2025:“An ode to the old school rock-and-roll lifestyle. / Wasting your days / Chasing some girls, alright / Chasing cocaine / Through the backrooms of the world / All night …
Sounds, Smash Hits / Melody Maker, NME / All sound like a dream to me …
Step out of your toga / And into the ocean / Look, they got your prints on the fog …”
Thomas Venker







