Berlinale Rundgang 2026, Teil 1

Alle x Jahre kommt es vor, dass die Eröffnung der Berlinale auf Weiberfastnacht fällt. Das interessiert die Berliner*innen und viele andere Filminteressierte meist wenig. Wenn man allerdings aus Köln anreist, ist das schon ein arger Kulturschock, den man da mitmacht: In Köln am Hauptbahnhof tobt der Irrsinn, dazwischen trostlose Republik im Dauerregen, an dessen Ende der Glamour vor dem Berlinale Palast steht. Dramaturgisch keine schlechte Einstimmung auf zehn Tage Filmmarathon mit den unterschiedlichsten Szenarien.
Das zweite Jahr unter der neuen Leitung von Tricia Truttle hat schon im Vorfeld für Gesprächsstoff gesorgt. Zum einen ein Programm und vor allem ein Wettbewerb (der in diesem Text fast ausschließlich im Zentrum steht, weil es in den anderen Sektionen zunehmend weniger Pressevorführungen gibt und Tickets zu öffentlichen Vorführungen schwer zu ergattern sind) mit recht wenigen internationalen Stars. Zum anderen ein Eröffnungsfilm, der sich zumindest zu den bisherigen Standards – Stars plus Unterhaltung, die nicht weh tut – absetzt: mit „No Good Men“ von der preisgekrönten afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat eröffnete ein Film, der in Afghanistan im Jahr 2021 spielt, aber vor allem in Deutschland gedreht wurde.
Der Film konnte (ebenso wie „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak) vom Autor nicht gesehen werden, deswegen startet der Rundgang Freitagmorgen mit dem Wettbewerbsbeitag „À voix basse“ von Leyla Bouzid. Die Tunesierin Lilia ist Anfang 30 und lebt zusammen mit ihrer Freundin Alice in Paris. Als ihr Onkel stirbt, kehrt sie in ihr Geburtshaus zurück, wo Erinnerungen an ihre Kindheit aufkommen. Nicht zuletzt an den toten Onkel, der immer ein Geheimnis zu hüten schien. Weil er unter ungewöhnlichen Umständen starb, wird dieses Geheimnis immer offensichtlicher: ihr Onkel war heimlich schwul. Und auch Lidia hat sich vor ihrer Familie noch nicht geoutet. Nicht zuletzt, weil Homosexualität in Tunesien strafbar ist. Bouzids zu Beginn scheinbar sentimentales Familiendrama besticht nicht nur durch den eleganten Erzählfluss auch über die Zeitebenen hinweg, sondern ebenso mit einer sich langsam zum Krimi entfaltenden Dramaturgie. In den Hauptrollen spielen beeindruckend die innere Zerrissenheit Eya Bouteraa als Lilia und Hiam Abbass, die Grande Dame des arabischen Kinos, als Lilias Mutter.
Es geht musikalisch weiter: „Everybody Digs Bill Evans“, benannt nach dem zweiten Album des Jazzpianisten aus dem Jahr 1958, erzählt ausgehend von dem legendären Village Vanguard-Konzert seines Trios im Jahr 1961 vom Leben des Musikers. Dem Tod seines Bassisten Scott LaFaro nur zehn Tage nach diesem Konzert, seiner Drogensucht, sein Verhältnis zu seinem Bruder und seinen Eltern, seiner Beziehung zu seiner ebenfalls heroinabhängigen Freundin Ellaine und seinem frühen Tod. Regisseur Grant Gees hat bereits Musikdokus wie „Meeting People is Easy“ über Radiohead, „David Bowie in Berlin“ und „Joy Division“ realisiert. Sein nein neuer Film ist ein eher hypothetischer Spielfilm, der auf dem Roman „Intermission“ von Owen Martell basiert, der die Geschichte bereits als Familiendrama aus vier Perspektiven angelegt hatte. Die vier Personen – Bill Evans, sein Bruder Harry und seine Eltern – und deren Sprachlosigkeit, stehen auch im Film im Zentrum, der Fokus bleibt allerdings stets auf dem Pianisten. Nicht nur visuell ist der Film beeindruckend, der sowohl Evans’ Drogensucht und Beziehungsprobleme, Harrys psychische Probleme als auch die Kleinbürgerlichkeit und die Beziehungsprobleme der Eltern in meist schwarzweissen Bildern mitunter experimentell montiert erfasst. Für einen Film über einen Musiker hören und sehen wir überraschend wenig Musik – es geht vor allem um das menschliche Miteinander. Aber wenn dann mal die Musik erklingt, dann weiss man ganz genau, womit Bill Evans seine verbalen Kommunikationsdefizite kompensiert!
„Dao“ von Alain Gomis (zuletzt 2017 mit dem großartigen „Félicité“ im Wettbewerb der Berlinale vertreten) erzählt parallel von einer Hochzeit in Paris und einem Gedenkritual in Guinea-Bissau. Verbindungsglieder sind Gloria, deren Vater aus Guinea-Bissau stammt und kürzlich gestorben ist und ihre Tochter Nour, die in Paris heiratet. Sie sind bei beiden Festen anwesend. Verbindungen werden auch zwischen den Straßen in Paris und den Staubpisten in Afrika sowie den Wiesen in Frankreich und der Landschaft in Guinea-Bissau hergestellt. Beide Teile wirken semi-dokumentarisch, zumindest die in Afrika gedrehten sind es zum Teil auch. Ethnische und postkoloniale Spurensuche, die auf drei Stunden im Abendprogramm eine Herausforderung sind, weil sich schon die erste Übermüdung einstellt.
Für den finnischen Horrorfilm „Nightborn“ setzte ich zu Gunsten eines entspannten Morgens aus. Die Kolleg*innen erzählen, dass meine Entscheidung nicht ganz falsch war. Am Samstag geht es also erst am Mittag weiter mit dem nächsten Wettbewerbsfilm: „Rosebush Pruning“ von Karim Aïnouz ist ein Remake von „Mit der Faust in der Tasche“ von Marco Bellocchio aus dem Jahr 1965. Das Drehbuch hat Efthimis Filippou, der für zahlreiche Drehbücher von Giorgos Lanthimos verantwortlich zeichnet. Der in Berlin lebende brasilianische Regisseur mit algerisch-französischen Wurzeln hat nach „Futuro Beach“ und dem beeindruckenden Drama „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“, „Firebrand“ und dem Erotikthriller „Motel Destino“ für seinen zweiten englischsprachigen Film erneut seinen Stil geändert: Superstylish erzählt er von einer dysfunktionalen amerikanischen Familie in ihrer spanischen Villa. Mode-Aficionados sind sie alle, die drei Brüder und ihre Schwester, allesamt Privatiers. Sie haben aber noch so manch merkwürdigerre Eigenart, die sie hinter den Mauern ihres Anwesens verstecken. Und der Blinde Vater ebenso. Nicht zuletzt umgibt auch den Tod der Mutter ein Geheimnis. Tatsächlich erinnert nicht nur die zynische Story an Lanthimos, was durch die Beteiligung seines Landsmanns Filippou kaum verwundert. Filmisch hat er mit seiner Kritik an der Degeneration der Reichen – wenn’s das sein soll – noch glattere Oberflächen als die Filme von Lanthimus. Ein Film, den Wenige wegen seiner Weirdness feiern werden, die Mehrheit wegen lauter, plakativer Inszenierung und Verunmöglichung von Empathie ablehnen. Ich bin im zweiten Team.
In Belgien regnet es immer und am Ende landet man neben den Kühen im Schlamm. Ein Klischee, das auch der Belgische Wettbewerbsbeitrag „Dust“ bedient. Luc und Geert stehen Ende der 1990er Jahre einem Tech-Unternehmen vor, das kurz vorm Abheben steht. Allerdings nur, weil die Zahlen geschönt sind. Denn tatsächlich ist die Entwicklung ihrer Software noch gar nicht so ausgereift. Briefkastenfirmen, Insiderwissen … das alles fliegt auf und der Vorstand gibt die beiden zum Abschuss frei. Morgen um 9 Uhr werden sie verhaftet, ein Sonntag bleibt ihnen noch in Freiheit. Zwischen innerer Anspannung und Angst beobachtet der Film die beiden Protagonisten, die ganz unterschiedlich mit der ihnen bevorstehenden Zukunftsaussicht umgehen: Geert schmiedet Fluchtpläne, Luc beseitigt Beweise. Spannend sind die Momente, wo Konzern auf Provinz trifft, und die beiden auf die von ihnen geschädigten frühen Aktienkäufer*innen stoßen. Denn dieses Aufeinanderprallen gibt es in der Wirklichkeit ja eigentlich nicht. Hier steht dann plötzlich ein individueller Schuldiger vor einem konkret Geschädigten. Diese Qualität spielt der Film leider nicht sehr aus. So bleibt die Frage: soll man hier wirklich mit den Konzernchefs Empathie empfinden?
Bei Heavy Metal denkt man auch unwillkürlich an Schlamm. Zumindest seit Wacken. „The Ballad of Judas Priest“ wagt sich aber weiter hinein in die Geschichte des Heavy Metal. Regisseur Steve Dunn hat tatsächlich auch schon einen Dokumentarfilm über Wacken gedreht, und über Alice Cooper, Rush, Iron Maiden oder ZZ Top. Für mich eine Ansammlung von nicht so geilen Bands, zu denen sich nun auch die für micht nicht so geilen Judas Priest gesellen. Aber eigentlich ist es eine ganz gute Ausgangslage, wenn man nicht Fan der Musik ist, um eine Musikdoku zu beurteilen. Als Fan neigt man dazu, alles entweder sowieso toll zu finden oder superkritisch beziehungsweise besserwisserisch zu verurteilen. Weil Judas Priest musikalisch Black Sabbath so rein gar nicht die Stirn bieten kann – Sabbath haben den Metal nicht nur ein paar Jahre früher aus dem Bluesrock in krachige Sphären getragen – und in den frühen 80er Jahren dann recht schnell von der ersten Garde Thrash-Metaller überrollt wurden, wird der Film dann auch nicht müde, zumindest deren Vorreiterrolle in Sachen Metal-Fashion mit Leder und Nieten zu betonen. Eine spannende Geschichte auch, weil Sänger Rob Halford so sein Schwulsein modisch ausleben konnte. Am von Co-Regisseur Tom Morello („Rage Against The Machine“; „Audioslave“) organisierten Roundtable mit Billy Corgan (Smashing Pumpkins), DMC (Run DMC) und anderen plaudert man als Fan, darum herum gibt es die übliche Mischung aus Footage, Talking Heads und Beweihräucherung. Spannend hingegen ist immer wieder die typisch britische Erfolgsstory, mit der Musikkarriere der Fabrikarbeit zu entkommen (Black Sabbath, Joy Division uva.) und der Prozess Mitte der 1980er Jahre um die Selbstmorde wegen angeblich versteckter Botschaften in den Songs („do it“ sei da zu hören, behauptete die Anklage). Insgesamt eine Doku von der Stange, die erzählerisch oder filmisch kaum Außergewöhnliches zu bieten hat.
„Kurtuluş“ eröffnet den Berlinale-Sonntag. Der türkische Wettbewerbsbeitrag von Emin Alper ist wie „Beyond the Hill“, sein Debüt von 2009, das ebenfalls auf der Berlinale lief, eine am Western orientierter Urkonflikt. Was bei dem erklärten Sergio Leone-Fan Alper wenig verwundern sollte. Statt Nordamerika ist die trockene Hügellandschaft Anatoliens der Ort des Geschehens. In einem kleinen Dorf fühlt man sich von dem benachbarten Klan übervorteilt. Der religiöse Anführer Ferit beschwichtigt, während sein Bruder Mesut – von Träumen heimgesucht – Rache und einen präventiven Angriff propagiert. Das ganze schraubt sich in einer langsamen, diskursiven Spirale bis zum finalen Gewaltexzess hoch. Visuell und erzählerisch ist Alpers Film sehr konzentriert. Die schmalen Gassen mit ihren Treppen sind ein passendes, archaisches, dabei fast hermetisches Bild für das scheinbar alternativlose Denken der Protagonisten, kaum *innen: viele Männer, wenig Frauen. Und trotzdem kann einen das Gefühl beschleichen, dass der parabelhafte Konflikt ebenso überraschungsarm ist wie das rachsüchtige Denken der Figuren. Wohin das warum führt, weiß man schon recht schnell, das Fazit damit etwas dürftig, auch wenn die Verwebung von Wirklichkeit und Traum sehr eindrucksvoll inszeniert ist.

Pressekonferenz zu „Rose“
Auf „Rose“, das Debüt von Markus Schleinzer, hatten sicher viele Kolleg*innen mit großer Spannung gewartet. Wahrscheinlich weniger wegen dem Regisseur, der vor allem als Schauspieler sowie Casting-Direktor für Haneke, Glawogger und viele andere bekannt ist („Rose“ ist nach „Michael“ und „Angelo“ aber auch schon seine dritte Regiearbeit), als wegen Sandra Hüller. Sie spielt Rose, eine Frau, die sich als Mann verkleidet und während des 30-jährigen Kriegs als Soldat verdingt. Als ein Kamerad stirbt, nimmt sie ein Dokument an sich, das ihr die Erbschaft eines Hofs verspricht. In dem nahe gelegenen Dorf schöpft niemand Verdacht, so dass sie den Hof übernimmt und darüber hinaus auch noch eine Ehe eingeht. Auch da bleibt ihr Geschlecht noch lange Zeit ihr Geheimnis. Man kann einige Parallelen zu „Des Teufels Bad“ aus dem letztjährigen Wettbewerb erkennen, wo wir eine von Anja Plaschg, vor allem als Musikern Soap & Skin bekannt, gespielte Frau im späten 18. Jahrhundert begleiten, die mit ihrer Depression alleingelassen und von der Kirche in eine schreckliche Tat mit ebenso schrecklichen Konsequenzen für sich selbst getrieben wird. Wurde „Des Teufels Bad“, mit unter als Horrorfilm apostrophiert, spart Schleinzer die Brutalität zumindest visuell aus. Stattdessen erzählt er zunächst fast leichtfüssig von einem Spiel mit der Identität. Sobald man „in die Hose steigt“, wie der Regisseur es in der Pressekonferenz ausdrückt, eröffnet sich ein neuer Raum der Freiheit, der eigentlich nur Männern vorbehalten ist. Kurz blitzt die Möglichkeit einer alternativen Lebensform auf. Der Film muss trotz des queeren Regisseurs nicht queer gelesen werden, denn Begierde und Sexualität sind nicht das Thema des Films. Ganz klar ist aber die feministische Perspektive und der Blick auf das Andere, der den Film auch in die Gegenwart holt, wo, wie Sandra Hüller in derselben Pressekonferenz betont, die Freiheit alternativer Lebensformen wieder enger wird.
„At the Sea“ von Kornél Mundruczó begleitet die Tänzerin und Choreografin Laura (Amy Adams), wie sie nach einem Alkoholentzug aus der Rehaklinik nach Monaten auf ihre Familie trifft, den Mann, die teenage Tochter und den kleineren Sohn. Voller Mißtrauen nähert man sich ihr, nach vielen Jahr des Alkoholismus. Man traut ihr nicht, und sie sich auch nicht. Mit allem ist sie in die Fußstapfen ihres Vaters getreten: Dem Tanz, der Sucht und der Vernachlässigung der Kinder. Das erzählen atmosphärische, leicht ätherische Rückblenden. Der Film hat in der Gegenwartshandlung einige starke Momente der Auseinandersetzung, setzt aber zu sehr auf die wieder und wieder eingeblendeten Erinnerungen, die dem Film Poesie verleihen wollen. Stattdessen flüchtet der Film mit den immer gleichen Bildern – als wäre die Kindheit beziehungsweise die Erinnerung daran eine einzige sich permanent abspulende Szene, die dann den gesamten weiteren Verlauf des Lebens steuern.
„Nina Roza“ ist eine ruhige Geschichte der Entfremdung: Als seine Tochter Roza ernüchtert aus ihrer Paar-Beziehung zu ihrem Vater Michel zurückkehrt, wird er gleich mit Vorwürfen konfrontiert: Warum er so wenig an die verstorbene Mutter, seine Frau, denkt, und überhaupt an Bulgarien, das er in den 90er Jahren verlassen hat. Hier in Montreal ist Mihail, wie er eigentlich heißt, als Kunstexperte tätig. Jetzt soll er nach Bulgarien reisen, um die vermeintlich großartigen Bilder eines Kindes in einem kleinen Dorf zu begutachten. Widerstrebend stellt er sich der Aufgabe und damit auch seiner Vergangenheit und Herkunft. Geneviève Dulude-de Celles erzählt von der sehr zaghaften Rückbesinnung Mihails auf seine Wurzeln und die Entdeckung eines ganz und gar nicht schönen Bulgarien, dass aber kulturell und menschlich in Mihail lange verschüttete Gefühle offenbart.








