Stell die Verbindung her – Moers 2026

Der Autor stellt die fehlgeschlagene Verbindung her (Foto: Dennis Hoeren)
Die besonderen Moers-Momente entstehen oft schleichend: durch Konstellationen und Begegnungen, in denen die Musik selbst zu einem Formwandler wird. Bewusst wird einem das meist erst, wenn man dieses spezielle Bermudadreieck Moers längst wieder verlassen hat und sich die eigene Welt langsam und nachhaltig verändert wieder zusammensetzt.
Und weil dem so ist, sei als Vorbemerkung deshalb zunächst eine auffällige Veränderung erwähnt: Das Festival ist in diesem Jahr deutlich stärker in die Innenstadt gezogen.Diese Entscheidung bringt einiges mit sich. Das Festival rückt so näher an die Stadtgesellschaft heran, tritt aus einer gewissen Eigenwelt heraus und wird durchlässiger. Musik begegnet Menschen, die nicht unbedingt ihretwegen gekommen sind. Man hört Gesprächsfetzen zwischen Neugier und Irritation. Manche bleiben stehen, andere schauen kurz und gehen weiter. Gerade darin liegt ein Reiz. Ein Festival wie Moers muss nicht ausschließlich das eigene Publikum bedienen. Es darf auch Reibung erzeugen und Fragen offenlassen.

Futur 2 (Foto: Inga Klamert)
Trotzdem stellte sich (zumindest bei mir) an einigen Stellen eine merkwürdige Form von Sehnsucht ein. Die Hügelwiese fehlte. Mit ihr verschwand dieses besondere Outdoor-Gefühl, das selbst größeren Konzerten etwas Offenes verlieh. Musik und Umgebung schienen dort ineinander überzugehen wie es selten bei größeren Veranstaltungen der Fall ist. In diesem Jahr zog es einen deshalb immer wieder hinaus – in den Stadtwald, zu kleineren Bühnen, zum erneut hervorragend kuratierten Soundsystem oder später in der Samstagnacht zu den Sets am Zeltplatz beziehungsweise Skatepark.
Gerade dort entstanden einige der prägnantesten Situationen des Wochenendes. Wenn sich die Klänge verschiedener Bühnen überlagerten und plötzlich Verbindungen entstanden, die niemand geplant hatte. Ein Rhythmus tauchte aus der Ferne auf, Stimmen vermischten sich mit Soundflächen oder Feedback-Schleifen. Für kurze Momente entstand so eine eigene Logik des Hörens. Man blieb stehen und lauschte Dingen, die so nie intendiert waren.
Vielleicht liegt genau darin bis heute die eigentliche Qualität von Moers: weniger in einzelnen spezifischen Konzerten als in Zuständen, Übergängen und offenen Hörsituationen.

Nicole Mitchells Black Earth SWAY (Foto: Dennis Hoeren)
Zu den eindrücklichsten Auftritten des diesjährigen Festivals gehörte zweifellos Nicole Mitchells Black Earth SWAY auf dem Kastellplatz. Mitchell an Flöte, Stimme und Elektronik spielte gemeinsam mit Coco Elysses an Didley Bows, Stimme und Elektronik, JoVia Armstrong an Perkussion, Stimme und Elektronik sowie Zahili Gonzalez Zamora an den Keyboards. Das Konzert entwickelte eine bemerkenswerte Wärme. Jede Musikerin erhielt Raum, ihre eigene Sprache zu entfalten. Persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Reflexionen und kritisch-emanzipatorische Texte fanden ganz selbstverständlich ihren Weg in die Stücke. So entstand der Eindruck einer kollektiven Suche, eines fortwährenden Dialogs unter den Ensemblemitgliedern. Die Musik wirkte dabei trotz der inhaltsschweren Ansagen und Texte nie didaktisch, sondern bewegte sich mit einer fast spirituellen Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit zwischen Improvisation, Ritual und politischer Artikulation.
Umso brutaler wirkte der Kontrast im Anschluss. Auf dem riesigen Mobiltelefon, das über dem Festivalgelände installiert war, lief eine Comedyshow, die als krasser Bruch mit der eben gehörten / erfahrenen künstlerischen Sensibilität unangenehm auffiel. Der Tonfall bewegte sich irgendwo zwischen kalkulierter Provokation und schlichter Abfälligkeit. Doch worin genau liegt hier eigentlich die Pointe? Gegen wen richtet sich diese Form der Provokation? Sehr befremdlich auch, dass in diesem Stakkato der Absurditäten Bemerkungen über die gerade erst von der Bühne gegangenen Künstlerinnen auftauchten. Gut immerhin, dass dieses deutschsprachige Comedy-Massaker von vielen internationalen Gästen und den Künstler:innen hoffentlich gar nicht verstanden wurde.
Eine Nachfrage beim Festival mit der Bitte um Transkripte der Beiträge wurde umgehend vom Presse Team beantwortet und lieferte erhellende Einsichten:
„Was offensichtlich ist: Im Rahmen der künstlerischen Konzeption und der Regie ist der autokratische Main Character immer in seiner Rolle geblieben. Dramaturgisch hat das Festival über fünf Tage eine Entwicklung vom ICH zum HUI, von Erleiden zum Ermächtigen genommen. Es gab im Rahmen der Ausgestaltung des Characters 100% (gewollt) unerträglichen Content; inhaltlich und physisch unerträglich zudem, auf mehreren zu lauten Ebenen und Tonspuren. Die Message: Hört auf, Euch still zu verhalten – protestiert, tut was, kommt endlich ins Handeln.“
Für jemanden wie mich, der sich bei Festivalbesuchen ganz auf die Auftritte der Künstler:innen und den Austausch mit diesen konzentriert, war das nicht so offensichtlich wie für das Team selbst, aber es ging auch vielen meinen Gesprächspartner:innen so, dass sie dieses Meta-Konzept des Festivals, eine abstoßende, provokative Figur zu erschaffen, die Ablehnung, Diskurs, Auseinandersetzung auslöst, nicht als solches wahrgenommen haben und dementsprechend irritiert auf die An- und Abmoderationen reagierten.
Sobald die Skripts vorliegen, werde ich hier ein paar Zitate einbauen, um das Thema und die Drastik der Worte nachvollziehbarer zu machen.Â
Sehr positiv fielen dagegen die zahlreichen Säulen im Park auf, die auf bereits geschlossene oder durch die derzeitige regressive Kulturpolitik bedrohte Clubs und Festivals verwiesen. In dieser Verdichtung wurde sichtbar, wie viel kulturelle Infrastruktur in den vergangenen Jahren bereits verloren gegangen ist beziehungsweise derzeit extrem bedroht ist. Wir leben in kulturpolitisch fragilen Zeiten. Und wenn solche Orte einmal verschwinden, kehren sie in der Regel nicht zurück. Gerade Festivals wie Moers erinnern daran, dass experimentelle Musik immer auch auf soziale Räume angewiesen bleibt: auf Clubs, Offspaces, temporäre Szenen und fragile Netzwerke jenseits kultureller Verwertungslogik.

The Dwarfs of East Agouza (Foto: Dennis Hoeren)
Ein weiteres Highlight des diesjährigen Festivals waren The Dwarfs of East Agouza – Maurice Louca aus Ägypten, Alan Bishop aus den USA und Sam Shalabi aus Kanada. Ihr Konzert entwickelte eine eigenwillige Dynamik. Zunächst wirkte vieles Sketch-artig, beinahe brüchig. Passagen schienen auseinanderzufallen, Spannungen wurden aufgebaut und zunächst nicht eingelöst. Auf der Hauptbühne erschien das fast deplatziert. Doch schnell zog das Set einen vollständig hinein. Arabische Mikrotonalität, psychedelische Klangflächen, freie Improvisation und ein beinahe fluxushafter Umgang mit Sprache begannen sich ineinanderzuschieben. Die Musik verweigerte dabei konsequent jeden stabilen Mittelpunkt und gewann gerade daraus ihre Sogwirkung.

Senyawa (Foto: Nils Brinkmeier)
Und auch Senyawa sollte man unbedingt sehen, sobald sich eine Gelegenheit ergibt. Das Duo aus Rully Shabara und Wukir Suryadi verbindet traditionelle Instrumente, extreme Stimmarbeit und enorme physische Präsenz zu einem transzendenten Erlebnis. Immer wieder hatte man das Gefühl, weniger einem Konzert als einer archaischen Beschwörung beizuwohnen, die Folk, Noise, Ritual und Performance ineinander überführt.
Erwähnt werden muss außerdem der wie immer fesselnde Auftritt von Angelika Niescier, Tomeka Reid und Eliza Salem im Schlosshof. Wie jedes Konzert der drei Künstler:innen (ich denke da natürlich zuallererst an den wundervollen Auftritt bei einer der Sonntags-Matinee-Shows der Monheim Triennale, die ich mit gestalten durfte; aber auch den phänomenalen Auftritt beim letztjährigen Jazzfest).
Insgesamt fehlten in diesem Jahr vielleicht die ganz großen Namen. Auch die besonderen Schwerpunkte auf japanische oder chinesische Musik, die die letzten Jahrgänge ausgezeichnet hatten, waren weniger präsent. Dafür rückte allerdings das Festival selbst wieder stärker als Erfahrungsraum ins Zentrum. Vielleicht war diese Ausgabe gerade deshalb weniger auf einzelne Höhepunkte fixiert und stärker auf Atmosphären, Wege und Übergänge.
Die späte Sonntagnacht, angelegt als große Morton-Feldman-Hommage anlässlich seines hundertsten Geburtstags, bildete schließlich einen wunderbar ruhigen Ausklang meines leider diesmal nur zweitägigen Moers Besuchs. Musik für eine andere Wirklichkeit.
In Feldmans Kompositionen entstehen Klangsituationen, in denen einzelne Töne, Pausen und Resonanzen eine unerwartete Präsenz entwickeln. In „Two Pieces for Cello and Piano“ (1948) begegnen sich Klavier und Cello eigentlich wie lose gesetzte Klangpunkte im Raum – allerdings wurde das Stück auf einem etwa zehn Meter hohen Kran aufgeführt, wodurch vieles akustisch seltsam entrückt blieb. „Rothko Chapel“ (1971) hingegen ließ danach Stimme und Ensemble auf der großen Bühne beinahe magisch ineinander verschwinden. Die Chor- und Vokalflächen entwickelten eine stille Intensität, in der minimale Muster und Wiederholungen so subtil gesetzt waren, dass Zeit selbst plötzlich anders wahrnehmbar wurde – möglicherweise zusätzlich befördert durch das medizinische Heilgras des Kollegen Jan Paersch.
PS: Das Aufmacherfoto und die dazugehörige Subheadline entstanden übrigens zufällig aus dem Moers-Flow heraus. Fotograf Dennis Hören erwischte mich beim Schreiben dieses Textes auf dem Handy im Park. Denn wenn die Gedanken kommen, wollen sie eben sofort zu Worten werden.

Angelika Niescier, Tomeka Reid und Eliza Salem im Schlosshof (Foto: Robin Lambrecht)








