Dienstag, 16.07.2019
Gregor Schwellenbach "Rot" – Musik für ein Theaterstück

Gregor Schwellenbach: “Was bei Mark Rothko die Farbflächen sind, sind bei mir Tonarten”

Gregor Schwellenbach (Photo: Melanie Kretschamen)

Der Kölner Produzent Gregor Schwellenbach hat für das Schauspiel Köln die Musik zum Theaterstück “Rot” komponiert, in dem es um die sogenannten Seagram Murals von Mark Rothko geht.

Gregor, wie kam es zur Zusammenarbeit mit John Logan, zu dessen Theaterstück „Rot“ du ja nicht nur Musik beisteuerst, sondern zudem im Foyer des Schauspiel Kölns deine Komposition für mehrere Cellos, „Rot 1“ installiert hast.

Gregor Schwellenbach: Vor ein paar Jahren habe ich Melanie Kretschmann vom Schauspiel Köln kennengelernt. In dieser Zeit war meine Liebe zur Theatermusik nach vielen intensiven Jahren etwas ausgebrannt, und ich habe mich nach einer Pause vom Theaterbetrieb gesehnt. Trotzdem haben wir uns gut verstanden und irgendwann hat sie mich gefragt, ob es mich nicht doch reizen würde, an ihrer Inszenierung von John Logan’s „Rot“ mitzuwirken.
John Logan hat Drehbücher zu Filmen wie Gladiator und den letzten beiden James Bond Filmen geschrieben. In seinem Theaterstück „Rot“ geht es um die Seagram Murals von Mark Rothko, eine Serie von Bildern, an denen er zwei Jahre lang gearbeitet hat. Anschließend hat er sich entschieden, das Honorar – seinerzeit der höchste Betrag der ja für eine Auftragsmalerei gezahlt wurde – zurückzuzahlen und die Bilder zu behalten, weil ihm die Serie zu schade für den vorgesehenen Ort, das Restaurant des Seagram Gebäudes in New York, waren.
Das Stück erzählt vom Gedeihen dieses Entschlusses. Dafür hat Logan einen jüngeren Assistenten erfunden, dem Rothko seine Kunstauffassung mit etwas selbstherrlichen Vorträgen erklärt. Auf einer anderen Ebene geht es auch um Generationenkonflikte in der Kunst, um die Meister-Schüler-Situation und konkret um das Verhältnis von abstraktem Impressionismus und Pop Art.

Wie hat man sich die konkrete Zusammenarbeit vorzustellen, ist es ein monokausaler Prozess? Hast du quasi auf Basis seines Briefings komponiert, oder hat es einen künstlerischen Dialog gegebenen?
Ein Theaterautor gibt sein Werk ja in dem Moment ab, in dem es veröffentlicht wird. Das Konzept der Inszenierung hat Melanie Kretschmann entwickelt, gemeinsam mit der Dramaturgin Michaela Kretschmann und in enger Beratung von Carl Hegemann, ehemals Chefdramaturg der Berliner Volksbühne.
John Logan, vertreten durch seinen Verlag, hält sich aus dem Konzept raus. Inszenierungselemete, die formell in das Stück eingreifen, muss er aber absegenen – was er nicht immer getan hat. So hätte Melanie die Figur des Assistenten gerne mit einer schwarzen Frau besetzt, was die Konflikte um ein paar Dimensionen bereichert hätte. Wenn ich mich richtig erinnere, hat Logan gegen die Hautfarbe nichts eingewendet, aber Wert darauf gelegt dass es ein Konflikt unter Männern bleibt.
Das Musikkonzept entsteht im Dialog, wobei ich viel Freiheiten hatten. Am Ende muss es aber in den Proben immer wieder überprüft werden. Die Regie hat dabei formell das letzte Wort, aber meistens sind sich alle einige wenn es funktioniert.
Musikalisch wollte ich zwei Grundideen vereinbaren:

1. Der reale Mark Rothko hat beim Malen immer Schallplatten mit klassischer Musik gehört. Logan greift das auf und schreibt im Stück ausdrücklich, dass ein Plattenspieler auf der Bühne stehen und immer wieder Musik aufgelegt werden soll. Dem wollten wir folgen, schon allein weil wir uns vom Vorgang des Platteauflegens eine Spannung erhofft haben, die dem Theater eine seltsame Realität gibt, weil dieser Vorgang das inszenierte Spiel und das Timing des Schauspiels ausbremst.

2. Im Stück wird thematisiert, dass der Vorgang des Malens weitgehend darin besteht, die Bilder auf sich wirken zu lassen. Die Figuren auf der Bühne schauen die meiste Zeit auf eine imaginäre Leinwand – zwischen Bühne und Publikum. Ich wollte die Wirkung der unsichtbaren Bilder mit Hilfe der Musik beschreiben.

So kam ich darauf, ein Stück zu schreiben, das klingt wie ein Rothko aussieht, dieses auf Dubplate zu pressen, um es neben Platten von Schönberg, Schubert, The Velvet Underground und Tschaikowsky auf der Bühne einzusetzen.
Zur Inszenierung gehört auch, dass im Foyer ein der Seagram-Serie nachempfundenes Originalgemälde hängt, und meine Komposition in einer Hörstation ausgestellt ist. Das Einlasspersonal trägt keine Theater- sondern Museumsuniformen. So können die Zuschauer eine Ahnung von der Wirkung von Rothkos Bilder in den Abend mitnehmen, ohne dass die Kunst im Bühnenbilds imitiert wird.

Du hast es angesprochen, die Inspiration zur „Rot“-Serie hat das Werk von Mark Rothko gegeben, dessen Maltechnik du auf die Kompositionen übertragen hast. Wie genau hat man sich das denn vorzustellen?
Rothko malt irisierende Farbflächen, die aus vielen Schichten stark verdünnter Farben entstehen, durch die darunter liegenden Schichten durchschimmern. Dadurch verschwimmen auch die Kanten der jeweiligen Flächen. Ich habe entsprechend circa 30 Layer von einzeln aufgenommenen, sehr leisen Celloklängen verwendet, die ich mit Matthias Kaufmann aufgenommen habe, einem angenehm kreativen Cellisten, mit dem ich gerne arbeite. Was bei Rothko die Farbflächen sind, sind bei mir Tonarten: Die Rot-Stücke beginnen mit Tönen aus der C-Dur Tonleiter, in der Mitte steht ein Block in Eb-Dur, am Ende ist es wieder C. Die Übergänge sind dabei kaum zu hören, sie sind so unscharf und fließend wie die zwischen den schwarzen und roten Flächen auf den Seagram Bildern.
Von Rothko ist auch der Workflow übernommen: Wie ein Maler seine Farben habe ich die einzeln aufgenommenen Töne auf der Zeitleiste meiner Audio-Software verteilt und immer wieder wirken lassen und verschoben bis ich mit dem Gesamtergebnis zufrieden war.

Ich nehme mal an, dass vor dem Moment der Inspiration erstmal eine lange Phase der Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit dem Werk von Rothko stattgefunden hat. Was fasziniert dich denn an seinem Werk?
Wenn ich mir mein eigenes Musikschaffen angucke – seine es Plattenveröffentlichungen, Arbeiten für Film und Theater oder Arrangements für Popproduktionen oder Orchester – scheint Faszination für Einfachheit, Reduktion, Minimalismus ein roter Faden zu sein. Ich mag Musikstücke „ohne Musik“: hypnotisch Repetitives, statische Flächen, Stücke mit einem einzigen Ton.
Aus der Welt der komponierten Musik sind mir John Cage und Morton Feldman sehr wichtig, die ja selber große Verehrer von Mark Rothko waren. Ich fühle mich auch sehr wohl in der Szene um das Label Kompakt, das am Anfang sehr mit Minimal Techno assoziiert wurde und heute zum Beispiel mit Wolfgang Voigt’s GAS auch irisierende Flächen prominent im Programm hat. Da gibt es also durchaus Parallelen zu Rothkos reduzierten Mitteln, seinen großen, sich im inneren bewegenden Farbfeldern.
Interessant finde ich auch, wie anscheinend Ende der 1950er Jahre mit einem Generationenwechsel in der Kunst sprunghaft ein neues Männlichkeitsbild auf den Plan trat, das viel androgyner, sensibler, jungs-hafter zu sein scheint, als die Vorgängergeneration. Wobei Mark Rothko und Jackson Pollock ganz klar Vertreter einer Kriegs- und Nachkriegsmännlichkeit aus physischer Präsenz und Schweigsamkeit waren, die dann von Leuten wie dem homosexuellen John Cage und dem hochsensiblen Morton Feldman bewundert aber überholt wurde.

Gregor, weißt du noch, wann du das erste mal vor einer Arbeit von ihm gestanden und dem Impuls gefühlt hast Musik als Antwort zu produzieren?
Ohne die Theaterproduktion hätte ich wahrscheinlich nicht mit einer Komposition auf die Bilder reagiert. Ich bin nicht besonders synästhetisch, höre keine Klänge beim Betrachten von Bildern, habe aber Spaß daran, Parallelen zu entdecken und mit Übersetzungen (und Übersetzungsfehlern) zu spielen, Prinzipien zu erkennen und zu brechen, zu hacken und ad absurdum zu führen.
Ich weiß aber noch, dass ein Farbflächen-Gemälde, nämlich Barnett Newman’s „Midnight Blue“ mein Lieblingsbild im frisch eröffneten Museum Ludwig war, als ich es als Kind besuchte. Meine Oma hat mir dann einen Barnett-Newman-Midnight-Blue-Pullover gestrickt, aber dieses Blau hat sie natürlich nicht so hinbekommen.

Wie verhalten sich denn die vier Dubplates, die es von „Rot 1“ gibt zueinander?
Mark Rothko hat dafür gesorgt, dass seine Farbflächen den verdienten Respekt bekommen, indem er sich sehr um die Präsentation gekümmert hat. Eben darum hat er ja die Seagram Murals am Ende nicht seinen Auftraggebern abgegeben, die damit Restaurantwände dekorieren wollten. Auch ich wollte eine gebührende Umgebung schaffen. Deshalb wurde „Rot 1“ in keiner Weise im Internet veröffentlich. Für die Theaterproduktion brauchten wir ein Dubplate und ein zweites als Reserve, ein drittes wollte ich selber behalten und das vierte hat das Theater herstellen lassen um es bei Gelegenheit versteigern zu können. Außerdem kann man Rot 1 an den Vorstellungsabenden in der Hörstation im Foyer hören.

Und in welcher Beziehung zu „Rot 1“ steht „Rot 2“, dein Stück auf der Kompakt „Pop Ambient 2019“ Compilation?
Auch das Prinzip, die selbe Idee mehrmals auszuführen und die besten der Ergebnisse als Serie zu veröffentlichen, ist von Mark Rothko’s Seagram Murals abgeguckt. Nach “Rot 1”, das für das Theaterstück entstand, habe ich nach der gleichen Vorgehensweise “Rot 2” produziert, das ich Wolfgang Voigt für „Pop Ambient 2019“ angeboten habe. Wolfgang ist selber ein Freund von konzeptionellen musikalischen Serien und mochte es gleich, fand es aber für Pop Ambient zunächst nicht passend. Es kristallisierte sich dann im Laufe des Jahres heraus, dass „Rot 2“ sogar ziemlich gut mit aktuellen Tendenzen in der Ambientwelt einhergeht: mehr akustische Instrumente, klassische Elemente, freiere und dissonante Tonalität. Irgendwann schrieb mir Wolfgang er wolle “Rot 2” auf jeden Fall haben. Es fügt sich fantastisch in den Gesamtmix, der 2019 ziemlich anders ausfällt als in den Jahren davor, als Pop Ambient ein bewusst überraschungsfreier Raum zu sein schien.

Stichwort Pop Ambient. Wenn du die anderen Stücke auf einer solchen Compilation hörst, senden diese auch visuelle Signale an dich?
Mir reichen die akustischen Signale, aber man beschriebt das ja mit den gleichen Worten: Die ganze Compilation ist weit und tief und auf jeden Fall dunkler als seine Vorgänger. Sie ist auch dicht, massiv und hat Gewicht. Ich empfehle sehr, sie in einem Zug durchzuhören und nichts anderes dabei zu tun.

„Rot“ läuft u.a. am 11., 12. und 30. Januar im Schauspiel Köln, Offenbachplatz

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