Interview mit Patricia Carolin Mai von MAI:COMPANY

„Für mich entsteht Selbstermächtigung in dem Moment, in dem Menschen beginnen, sich selbstverständlich in ihrem Körper zu bewegen“

MAI-COMPANY (Photo: Heike Schluckebier)

 

Die MAI:COMPANY ist ein offenes Tanzkollektiv für Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen – ein Raum für Bewegung, Begegnung und Selbstermächtigung. Nach einem Jahr Vorlauf bringt Patricia Carolin Mai nun ihr ambitioniertes neues Company-Projekt „ROCKOKO“ nun ins Kampnagel nach Hamburg. Für Kaput Anlass nachzuhören, wie das neu gebildete Kollektiv zueinander gefunden hat.

 

Patricia, wir haben uns zuletzt im Juni vergangenen Jahres ausgetauscht, da warst du gerade im Prozess, die MAI:COMPANY zu gründen. Nun steht die Premiere der ersten großen Produktion des Projekts bevor: „ROCKOKO“ wird am 28. Mai auf Kampnagel in Hamburg uraufgeführt. Was können wir erwarten?

Patricia Carolin Mai (Photo: Heike Schluckebier)

Patricia Carolin Mai: Eine vielstimmige Tanzperformance, getragen von über 100 Menschen. Sie werden gemeinsam auf dieser Bühne agieren und Tanz dabei einerseits als sozialen, andererseits aber auch als politischen Raum begreifen. „ROCKOKO“ verhandelt Fragen von Körperbildern, Zuschreibungen und Sichtbarkeit. Dabei bewegen wir uns immer wieder zwischen Resilienz und Protest.
Es geht ganz stark darum, wie wir in einer Gleichzeitigkeit auf der Bühne Individualitäten und zugleich ein Kollektiv sichtbar werden lassen können. Genau diese Sichtbarkeit entsteht über etwas, das wir teilen: über Bewegungen, über Tanz, über den Rock. Dabei entsteht ein immerwährendes Kippen zwischen Ordnung und Auflösung in dem über 100 sehr unterschiedliche Menschen in einer gemeinsamen Bewegungssprache sichtbar werden.
Mit gemeinsamer Bewegungssprache meine ich aber nicht Gleichmacherei. Es geht darum, einander wahrzunehmen, aufeinander zu reagieren und gemeinsam Entscheidungen im Raum zu treffen. Eine choreografische Vereinheitlichung stößt dabei immer wieder an und auf die individuellen Entscheidungen, die jede einzelne Person auf der Bühne trifft.

Wie leicht oder wie schwer fällt es den 100 Beteiligten, die ja größtenteils keinerlei Erfahrung mit Performances – und schon gar nicht mit einer mit so vielen Tänzer:innen – haben, sich einzubringen und sich an choreografische Vorgaben zu halten?

Patricia Carolin Mai: Die große Mehrheit der Beteiligten bringt keine klassische Bühnenausbildung mit – teilweise auch überhaupt keine Tanzerfahrung. Genau das ist ja spannend. Menschen kommen, wie sie sind, und wir lernen gemeinsam damit umzugehen. Für mich ist das auch ein Auftrag an mich selbst: Wie baue ich einen Raum, in dem Menschen sich wohlfühlen, sich mit sich selbst auseinandersetzen und Sicherheit in Bezug auf den eigenen Körper im Raum gewinnen können?
Ich finde, darin liegt eine enorme Kraft. Menschen bringen etwas sehr Echtes, sehr Lebensnahes mit. Natürlich ist am Anfang vieles ungewohnt: Timing, Raumgefühl, der Blick auf andere, später auch auf das Publikum. Da entsteht erstmal eine große Spannung – wer schaut mich an, wer sieht mich überhaupt?
Gleichzeitig entsteht dadurch aber auch eine enorme Offenheit, weil alle gemeinsam durch diesen Prozess gehen. Alle bringen ihre eigenen Sorgen, Unsicherheiten oder Ängste mit. Daraus entsteht eine Fragilität, aber eben auch die Möglichkeit, mit genau dieser Offenheit umzugehen und zu begreifen: Den anderen geht es genauso.
Die Herausforderung liegt weniger in der Choreografie selbst als darin, kollektive Präzision überhaupt möglich zu machen. Was bedeutet es, mit so vielen Körpern gemeinsam im Raum zu sein? Wie hält man das aus? Wie entwickelt man Freude daran, diesen Raum miteinander zu teilen?
Besonders leicht wird die Arbeit dann, wenn sich alle Beteiligten erlauben, genau so richtig zu sein, wie sie sind. Wenn sie sich erlauben, sichtbar zu werden – für sich selbst und für andere. Für mich geht es nie um technische Perfektion, sondern um Präsenz und die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen.
Und das erkläre ich immer wieder gerne: Die choreografische Arbeit passt sich dem Menschen an – nicht umgekehrt.

MAI-COMPANY (Photo: Heike Schluckebier)

Und auf deiner Seite: Was waren die größten Herausforderungen und überraschendsten Erkenntnisse in dieser kollektiven Arbeit?

Patricia Carolin Mai: Die größte Herausforderung war für mich weniger die Choreografie als vielmehr die soziale Architektur. Wie hält man 100 individuelle Entscheidungsimpulse zusammen, ohne sie zu nivellieren? Das ist letztlich eine soziale Frage.
Mich hat überrascht, wie schnell sich eine kollektive Intelligenz gebildet hat. Menschen, die sich vorher überhaupt nicht kannten, haben ein sehr feines Gespür füreinander entwickelt. Das liegt sicher auch daran, dass wir seit September 2025 miteinander arbeiten und dadurch sehr viel gemeinsame Zeit teilen.
Menschen begegnen sich immer wieder neu – auch außerhalb der Proben. Und plötzlich arbeiten Menschen zwischen 16 und 89 Jahren gemeinsam an einer Sache, die sie verbindet. Das finde ich unglaublich spannend.
Darin steckt für mich auch eine enorme künstlerische Kraft: Wenn Menschen ihre eigenen Geschichten körperlich einbringen können und daraus etwas Gemeinsames entsteht. Wie produktiv Vielfalt sein kann, wenn unterschiedliche Erfahrungen aufeinandertreffen und sich begegnen.

Die Beteiligten wurden per Losverfahren ausgewählt – eine klare politische Geste. Wie hat sich diese Offenheit im konkreten Probenprozess bewährt? Gab es Momente, in denen du an Grenzen gestoßen bist, im Sinne dessen, dass so vielleicht auch schwerer abzuholende Individualist:innen in den kollektiven Prozess eingebunden werden mussten?

Patricia Carolin Mai: Das Losverfahren war für uns komplett neu. Wir haben sehr lange darüber nachgedacht, wie wir überhaupt ausschreiben wollen. Uns war wichtig, möglichst wenig Hürden aufzubauen. Deshalb haben wir bewusst auf typische Selektionsmechanismen verzichtet – also keine Motivationsvideos, keine klassischen Bewerbungsfilter.
Uns interessiert vielmehr: Was bringen Menschen mit? Was brauchen sie? Was wünschen sie sich?
Ich finde Selektion oft schwierig, weil sie automatisch Ausschlüsse produziert. Das Losverfahren dagegen erzeugt Überraschungen. Es bringt Menschen zusammen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären. Genau diese Unplanbarkeit fand ich unglaublich produktiv.
Gleichzeitig war es natürlich schmerzhaft, weil wir über 390 Bewerbungen hatten und nicht alle Teil davon werden konnten. Wir arbeiten mit realen räumlichen Begrenzungen – mehr als 140 Menschen hätten wir schlicht nicht unterbringen können.
Trotzdem schafft dieses Verfahren eine radikale Offenheit für Diversität innerhalb einer Gruppe. Im Probenprozess bedeutet das aber auch, mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen, Widerständen und Tempi umzugehen. Diese Arbeit funktioniert nur über ständige Übersetzungsprozesse – und darüber, alle wirklich im Boot zu behalten.
Natürlich gab es dabei auch Momente, in denen Menschen schwerer in diesen kollektiven Prozess hineingefunden haben. Aber genau das finde ich eigentlich interessant: nicht zu versuchen, Individualität aufzulösen oder Menschen zu glätten, sondern vielmehr zu fragen, wie unterschiedlichste Persönlichkeiten überhaupt gemeinsam in einem Raum existieren und handeln können.
Gerade darin liegen für mich auch persönliche Herausforderungen. Wie hole ich Menschen ab, ohne sie zu überformen? Wie ermögliche ich Teilhabe, ohne Erwartungen überzustülpen? Das sind immer wieder sehr sensible Aushandlungsprozesse innerhalb der Gruppe.

MAI-COMPANY (Photo: Heike Schluckebier)

Eine Ambition des Projekts ist es ja, zu untersuchen, „durch welche Praktiken sie sich von körperlichen Ein- und Zuschreibungen emanzipieren können“. Zu welchen Ergebnissen bist du da gekommen?

Patricia Carolin Mai: Es gibt darauf keine eindeutige Lösung, sondern es ist eher das Arbeiten an einer fortwährenden Praxis. Viel passiert über das bewusste Hinterfragen von Gesten, Haltungen und Gewohnheiten. Dadurch entstehen neue Perspektiven auf den eigenen Körper.
Ich glaube, Emanzipation kann sich genau in diesem Prozess zeigen: Menschen beginnen Schritt für Schritt, sich zu äußern, eigene Handlungsspielräume zu entdecken und Entscheidungen für sich selbst zu treffen.
Diese Entscheidungen wirken aber nie nur nach innen. Jeder Körper steht immer auch in Beziehung zu anderen Körpern im Raum. Deshalb sprechen wir in den Proben sehr viel über Entscheidungsprozesse und Entscheidungsmomente.
Jeder Abend auf der Bühne wird dewegen auch anders sein. Die Beteiligten haben zwar choreografisches Material, entscheiden aber jeden Abend neu, wo sie stehen, mit wem sie interagieren oder ob sie alleine bleiben. Man schaut letztlich einem riesigen Entscheidungsfeld zu.

In unserem Interview im vergangenen Sommer ging es viel um Selbstermächtigung. Wo hast du in der Arbeit an „ROCKOKO“ erlebt, dass sich diese Selbstermächtigungsdynamik tatsächlich einstellt?

Patricia Carolin Mai: Für mich entsteht Selbstermächtigung in dem Moment, in dem Menschen beginnen, sich selbstverständlich in ihrem Körper zu bewegen. Wenn ich sehe, dass Menschen sich sicher fühlen, dann ist das für mich das größte Geschenk.
Zu sehen, wie in einer Gruppe Menschen, ihre Körper und ihre Individualitäten sichtbar werden und ihre eigenen Geschichten körperlich ausdrücken: Darin liegt für mich Selbstermächtigung. Sie entsteht immer im Zusammenspiel von individueller Erfahrung und kollektiver Rahmung.

MAI-COMPANY (Photo: Heike Schluckebier)

Der Titel „ROCKOKO“ verweist auf den prunkvollen Kunststil des Rokokos und die Mode-Tradition des Rockes. Wie kam es zu diesem Dialog zwischen Rokoko und Rock?

Patricia Carolin Mai: Für mich ist der Rock ein historisch extrem aufgeladenes Kleidungsstück. Er trägt so viele Bedeutungen in sich: von höfischer Pracht über Fragen von Geschlecht und Identität bis hin zu Drag, Queerness und Widerstand.
Mich interessiert immer wieder: Welche Bilder entstehen eigentlich im Kopf, wenn wir an einen Rock denken? Haben wir selbst einen getragen? Welche Erfahrungen verbinden wir damit?
Allein die Auseinandersetzung mit Röcken im Probenprozess hat unglaublich viele Diskussionen und Assoziationen ausgelöst. Gleichzeitig spielt auch die Epoche des Rokoko mit Überfluss, Prunk, Glitzer und Überhöhung.
Das Spannende war für uns: Dieses Üppige nicht über Ausstattung oder Bühne zu erzählen, sondern über die Vielzahl der Menschen. Die Menschen selbst werden zum Überfluss, zur Opulenz, zur Bewegung.
Der Rock wird dadurch zum Bewegungs- und Bedeutungsträger. Unter ihm versammeln sich diverse Körper, Geschichten und Erfahrungen.
Besonders wichtig war uns dabei auch die Zusammenarbeit mit Made auf Veddel, die die Röcke nach dem Design von Caroline Packenius angefertigt haben. Die Röcke sollten keine klassischen Kostüme sein, sondern die Biografien und Hände der Menschen sichtbar machen, die sie hergestellt haben. Viele der Beteiligten bringen eigene Migrationserfahrungen mit. Ihre Arbeit bleibt sonst oft unsichtbar – hier sollte sie sichtbar und hörbar werden.
Diese Zusammenarbeit war für mich etwas zutiefst Menschliches. Beim Nähen haben sie bewusst daran gedacht, wer die Rockträger*innen sein werden, und persönliche Verzierungen sowie Einschreibungen eingefügt. Genau daraus ist ein Dialog entstanden.

MAI-COMPANY (Photo: Heike Schluckebier)

In der Ankündigung zur Premiere sprichst du von Resilienz und Ungehorsam. Wie übersetzen sich diese Begriffe konkret in Bewegung, Choreografie oder Bühnenmomente?

Patricia Carolin Mai: Durch wiederkehrende Gesten und kollektive Formationen entstehen bewusste Irritationen von Erwartungen. Schon allein der Titel „ROCKOKO“ irritiert ja erst einmal.
Der Körper wird dabei zum Ort des Widerstands. Bewegungen können laut sein, sich verweigern, sich behaupten oder zurückziehen.
Gleichzeitig zeigt sich Resilienz für mich auch in Ausdauer: Wie halte ich etwas gemeinsam aus? Wer trägt wen? Wie bleibt man in Bewegung, auch wenn Chaos entsteht?
Und manchmal zeigt sich Ungehorsam gerade in kleinen Mikrobewegungen: Ein Schritt zu früh, ein Blick zu lang, eine minimale Verschiebung innerhalb einer Formation. Genau solche kleinen Abweichungen ziehen sich durch die gesamte Choreografie.

Du hast einmal gesagt, Tanz sei hochpolitisch. Wenn du jetzt kurz vor der Uraufführung stehst: Was ist die zentrale politische Aussage von „ROCKOKO“ – und was wünschst du dir, dass das Publikum mitnimmt?

Patricia Carolin Mai: „ROCKOKO“ behauptet keine eindeutige politische Botschaft. Für mich ist es eher eine Praxis. Eine Praxis kollektiver Körperlichkeit.
Vielleicht liegt die politische Aussage genau darin, dass Unterschiede nicht aufgelöst werden müssen, um gemeinsam handeln zu können.
Ich wünsche mir, dass das Publikum weniger auf Perfektion schaut, sondern auf die Momente, in denen Systeme kippen. Was wird sichtbar, wenn eine Ordnung ins Wanken gerät? Wie fragil und gleichzeitig gestaltbar sind soziale Räume eigentlich?
Körper sind nie neutral. Sie sind gesellschaftlich geprägt und politisch aufgeladen. Deshalb setzt „ROCKOKO“ für mich ein Zeichen für Sichtbarkeit, Vielfalt und gegen Ausschluss.
Ich wünsche mir, dass das Publikum die eigene Haltung zu Körpern, Normen und Gemeinschaft hinterfragt. Welche Schubladen bringen wir selbst mit? Welche Körper wollen wir lesen, verstehen oder einordnen? Und wo widersetzen sich diese vielleicht unseren Lesarten?

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