Lust am Pop

Chris Imler (Photo: Udo Siegfriedt)
Vom 24. bis zum 30. August versammelte das Pop-Kultur Festival erneut Künstler:innen, Musiker:innen und ein Publikum, das sich zwischen Club, Konzertsaal und Diskurs bewegt. Über mehrere Tage wurde dabei ein ziemlich gutes Abbild der gegenwärtigen Popbetrieb-Facetten präsentiert: zwischen Song und Sound, Club und Bühne, Nostalgie und Gegenwart, Intimität und Spektakel. Neben Konzerten und Commissioned Works gehörten Gespräche und Begegnungen ebenso zum Programm. Ein paar Konzert-Highlights, gefühlt und in Worte gebracht von Lennart Brauers und Thomas Venker:
Bandcamp Presents: Words and Music with Sofia Kourtesis and Paul Hanford
Beim diesem Talk wurde Musik zur Reise in die Vergangenheit. Gemeinsam mit dem Journalisten und Podcaster Paul Hanford hörte und kommentierte die in Lima geborene und heute in Berlin lebende DJ, Produzentin und Musikerin Sofia Kourtesis ausgewählte Tracks und sprach über Erinnerungen und Einflüsse. Nostalgie zieht sich dabei nicht nur durch das Gespräch, sondern auch durch ihre Musik und ihr 2023 bei Ninja Tune erschienenes Debütalbum »Madres«. Lateinamerikanische Einflüsse und House, klar, dazwischen tauchten überraschenderweise Bob Dylan und die Smashing Pumpkins als Themen auf. Kourtesis und Hanford lachten viel, wurden aber auch ernst und rührend. Vor allem wurde spürbar, wie viel Geschichte, Gefühl und Persönlichkeit in einem einzigen House-Track stecken kann
Kersty Grether und Sandra Grether: »Rebel Queens – Rebellion ist die höchste
Kersty Grether und Sandra Grether sind wahre Originale: punkig, kompromisslos und mit einer ansteckenden Begeisterung für ihre Heldinnen. Figuren wie Madonna, Patti Smith und Courtney Love werden von den Schwestern mit enormer Fachkenntnis und mindestens ebenso viel Liebe gefeiert. Zwischen Lesung, Konzert und Kunstinstallation verwandeln die Pionierinnen des deutschen Pop-Feminismus ihren gefeierten Bestseller »Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik« in eine ziemlich wilde, heilige Mashup-Messe. Die Grethers lachen viel, wollen ihr Publikum unbedingt mitziehen und haben keinerlei Angst davor, es auch mal zu verwirren. So wird aus der Huldigung ihrer Heldinnen ein ebenso kluges wie herrlich verspieltes Gesamtkunstwerk.
Automatic
Hier ging es weniger ums Zuhören als ums Hineingezogenwerden. Die knackigen Grooves der beiden Musikerinnen Izzy Glaudini und Halle Saxon trieben nach vorne und legten sich wie ein Sog über das stickige Maschinenhaus. Die Rhythmen waren dabei so simpel wie effektiv, fast stumpf und gleichzeitig derart catchy, dass es schwerfiel, sich ihnen zu entziehen. Über allem lag dieser nonchalante Gesang, der dem Ganzen eine lässige Coolness verpasste. Also: auf der Stelle stehen, schwitzen und einfach drinbleiben.
PVA
PVA waren eines der ganz großen Highlights des Festivals. Ella Harris, Josh Baxter und Louis Satchell, fest verankert in der britischen Post-Punk-Szene, machten aus ihrem Konzert ein Techno-Set mit Live-Instrumenten – und gingen dabei mit einer Intensität zu Werke, als hinge an jedem Song Leben und Tod. Brutale Synthesizer, ein großartiger Drummer und eine völlig entfesselte Frontfrau: Die Sounds wurden dem Publikum regelrecht ins Gesicht geschleudert. Zwischen Dance-Punk, dunklen Pop-Momenten und treibenden Grooves fühlte sich jeder Beat körperlich an, jede Sekunde nach totaler Hingabe. Man war völlig drin, bekam ordentlich die Ohren weggeblasen – und konnte am Ende eigentlich nur noch DANKE sagen.
Avalon Emerson & the Charm
Eine Leichenhalle ist vermutlich nicht der naheliegendste Ort für einen psychedelisch verträumten Popmoment. Im ehemaligen Krematorium des silent green gelingt Avalon Emerson & the Charm trotzdem etwas ziemlich Eigenes: Aus dem schwierigen Soundort wird eine Art Resonanzraum, in dem sich die Musik als langsam wachsende Klangwolke ausbreitet. Nichts drängt sich auf, und gerade deshalb ist es schwer, sich ihr zu entziehen.
Mit »Written into Changes« hat das Trio einen Popentwurf veröffentlicht, der sich ebenso gut entblößen wie aufdrehen kann. Live folgen sie dieser Logik: mal fast schwebend, dann wieder von Dancefloor-Impulsen erfasst. Emerson wirkt dabei nicht wie eine DJ, die jetzt auch noch Songs schreibt, sondern wie jemand, für den beides längst dieselbe Sprache geworden ist. Die Musik bleibt offen, aber nie beliebig. Vielleicht ist genau das ihre eigentliche Qualität: Sie klingt, als müsste sie sich niemandem erklären.
Bar Italia
Bar Italia spielen ein Set, das sich jeder schnellen Zusammenfassung entzieht. Kaum ein Song führt konsequent fort, was gerade begonnen wurde. Das liegt natürlich an der Musik – aber auch an der ungewöhnlichen Konstruktion der Band. Mit Nina Cristante, Sam Fenton und Jezmi Tarik Fehmi stehen drei Sänger:innen auf der Bühne, und ihre Stimmen verschieben die Perspektive von Stück zu Stück. Eben noch klingt etwas nach melancholischem Post-Punk, im nächsten Moment kippt es in Gitarrenpop, Shoegaze oder eine eigentümlich britische Form von Indie-Rock.
Das Interessante daran ist, dass Bar Italia durchaus mit musikalischer Erinnerung arbeiten. The Cure, Pavement, The Fall und andere Referenzen aus den Achtzigern und Neunzigern sind nicht schwer herauszuhören. Doch statt daraus eine nostalgische Reenactment-Show zu machen, bleibt die Band merkwürdig schwer greifbar. Vielleicht liegt das auch an ihrer Herkunft aus dem Umfeld von Dean Blunt und dessen Kunst der bewussten Unschärfe.
Chris Imler
Chris Imler beginnt mit schlechtem Sound und macht daraus kurzerhand eine politische Intervention. Das Festival, die Welt, das Publikum – alles bekommt sein Fett weg. Das Problem: Es ist ihm gleichzeitig zu leise. Obwohl es bereits ziemlich laut ist. Imler ist eben keiner, der sich von einer technischen Realität davon abhalten lässt, eine Performance zu machen. Vielleicht liegt es aber auch nur am Hörsturz, den er zwei Wochen vor dem Berlinerauftritt erlitten hat.
Irgendwann ist die Gnade dann jedenfalls doch größer als der Ärger. »Ihr seid gar nicht so schlecht. Ich hab euch doch lieb«, ungefähr so klingt die zwischenzeitliche zärtliche Annäherung an sein Publikum. Auch die eigene Gagenhöhe von 2.000 Euro wird süss-sauer gedroppt und als zufriedenstellend eingeordnet. Man könnte das als dadaistische Nebensache abtun, aber eigentlich gehört genau diese Mischung aus Größenwahn, Selbstironie und Alltagsökonomie zu Imlers Bühnenfigur.
Denn wenn man ihm zusieht, wird schnell klar, dass hier einer nicht einfach Songs aufführt. Imler ist ein Performer im besten, altmodischen Sinn. Seit den frühen Achtzigern gehört er zur Berliner Musikszene, hat mit Jens Friebe, Peaches, Oum Shatt und Golden Showers gearbeitet und erst relativ spät den Weg ins Solofach genommen. Was sich dabei nie verändert hat, ist seine körperliche Unruhe. Sein aktuelles Album heißt »The Internet Will Break My Heart«. Auf der Bühne ist davon weniger der digitale Weltschmerz zu spüren als die Lust, sich gegen jede Form von Optimierung zu stellen. Imler tanzt, trommelt, gestikuliert und zerlegt den Coolnessbegriff so lange, bis am Ende doch wieder etwas ziemlich Cooles übrig bleibt.
Sassy 009
Hyperpop ist beim Pop-Kultur Festival inzwischen weniger Ausnahmezustand als Teil der Festivalgrammatik, wie man so schön im contemporary Jargon sagt. Sassy009 zeigt allerdings, warum das Genre trotz seiner inzwischen fast institutionalisierten Präsenz noch immer funktionieren kann. Ihre Musik ist überdreht, digital aufgeladen und emotional auf Anschlag – aber darunter steckt ein erstaunlich präzises Gespür für Dynamik. Speed-Drums treiben die Stücke vor sich her, Autotune verwandelt Stimmen in Klangtextur und irgendwo dazwischen tauchen Melodien auf, die beinahe zu süß wären, wenn sie nicht sofort wieder durch die nächste Schicht digitaler Geräusche zerlegt würden. Sassy009 arbeitet mit Übertreibung, aber nicht um der bloßen Übertreibung willen. Die Verfremdung macht Gefühle erst sichtbar.
Auf der Bühne wird daraus ein hochenergetischer Moment, der zwischen Club, Popkonzert und Internetästhetik oszilliert. Besonders der Drummer sorgt dafür, dass die Musik nicht im Digitalen hängen bleibt: Die Beats haben im besten Sinne Körper, Druck und einen physischen Impuls, der das Set nach vorne treibt. Sassy009 ist dabei längst keine Unbekannte mehr. Als Support von Blood Orange und durch Kollaborationen hat sie ein größeres Publikum erreicht. Auf ihrem Album »Dreamer+« findet sich genau diese Mischung aus Popverständlichkeit und kontrollierter Überforderung. Live wird daraus an diesem lauen Berliner Sommerabend vor allem eines: ein hyperstimulierendes Liveset.
Lingua Erotica
In der Çaystube ist an diesem Abend nicht ganz klar, ob gerade ein Konzert, ein Film oder ein sehr seltsamer Traum beginnt. Lingua Erotica, das gemeinsame Projekt von Narciss und Morphena, arbeitet mit jener Art von Überzeichnung, die schnell ins Peinliche kippen kann. Hier funktioniert sie meistens. Und wenn es einmal cheesy wird, dann eher auf die David-Lynch-Darsteller:in-mit-rotem-Lippenstift-Art: bewusst künstlich, ein bisschen gefährlich und gerade deshalb interessant. Musikalisch bewegt sich das Duo zwischen Synth-Pop, Italo-Disco und elektronischer Clubmusik. Die Achtziger sind überall zu hören und spüren, als Materiallager für Projektionen. Stimmen, Synthi-Sounds und Beats ergeben eine Welt, in der Begehren und Selbstinszenierung nicht getrennt voneinander existieren.
Das Projekt ist auch deshalb spannend, weil Narciss und Morphena ihre Herkunft aus dem Clubkontext nicht verleugnen, ihn aber eben temporär an Abenden wie diesem verlassen wollen. Statt Tracks für einen funktionierenden Dancefloor entstehen dafür Songs mit dramaturgischen Brüchen, kleinen Übertreibungen und einer deutlichen Lust am Pop. »Wrapped In Silk«, die Debüt-EP, klingt entsprechend nach dem Soundtrack zu einem Film, den man gerne sehen würde, obwohl man schon vorher weiß, dass man danach nicht wissen wird, um was es ging. Live wird diese Ambivalenz zur eigentlichen Stärke. Lingua Erotica werfen Bilder, Sounds und Gesten in den Hof der Kulturbrauerei und lassen das Publikum selbst entscheiden, ob es darin eine Liebesgeschichte, eine Parodie oder einfach einen sehr guten Popsong erkennen möchte.
The Notwist
Der perfekte Abschluss und für viele wohl das beste Konzert des Festivals: The Notwist. Egal, wie oft man die Band live sieht – diese enorme Bandbreite bleibt beeindruckend. Electronica, Noise, Hardcore, Indie-Pop, Folk und immer wieder diese leichten Radiohead-Vibes: In der großen Besetzung bekam jedes Instrument seinen Moment, während sich die Songs immer wieder überraschend veränderten. Alle Hits waren dabei, gleichzeitig wurde ausgiebig gejammt. Es wirkte sogar, als wüssten die Bandmitglieder selbst nicht ganz, wohin sich dieser Abend entwickeln würde. Über allem schwebte die weiche, beinahe zerbrechliche Stimme von Markus Acher. The Notwist haben verzaubert, jeder Song fühlte sich wie ein kleines Geschenk an. Genau solche Acts braucht jedes Festival: eingängige Songs, beeindruckendes Sounddesign und Musik, die wirklich zu jeder Uhrzeit funktioniert.
… und dann gab es ja auch noch Talks und Workshops von und mit dem Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop Team, aber davon sollen andere berichten…

„Musikkritik als notwendige Institution“ – v.l.n.r.: Stephan Rehm Rozanes, Lennart Brauwers (Mod.), Jan Jekal, Rebecca Spilker (Photo: Udo Siegfried)








