Reeperbahn-Festival 2021 


RBF – Zurück auf der Bühne

LIE NING (Photo: Bjoern Buddenbohm)


Das Reeperbahn-Festival in Hamburg zeigte dieses Jahr wieder eine große Bandbreite internationaler Live-Musik aus Ländern, aus denen die Anreise nach Hamburg möglich war. Lange haben wir auf diese Musikmomente gewartet, die es wert sind, selbst in Wind und Nieselregen für sie anzustehen. Wer es also von den langen Schlangen in die Spielorte schaffte, bekam endlich wieder ein Gefühl davon, wie sehr Live-Musik das Leben doch bereichert.

Eine Bericht von Benedict Weskott

4 Tage, 31 Konzertspielorte, über 250 auftretende Künstler:innen und 150 Konferenzprogrammpunkte (wie Sessions, Matchmakings und Netzwerkevents) mit über 300 Speaker:innen sowie rund 70 Programmpunkten aus den Bereichen Kunst, Film, Wort und Diskurs an weiteren Spielorten. 
Die blanken Zahlen des Reeperbahn-Festivals lassen fast vergessen, dass eine Veranstaltung dieser Größe bis vor kurzem kaum möglich schien. Geplant war das Festival langfristig mit 3G-Konzept (getestet, geimpft, genesen), die Umsetzung von 2G (geimpft, genesen) und möglichem Entfallen der Masken- und Abstandspflicht war deswegen kurzfristig nicht mehr möglich. „Nach umfangreichen Überlegungen und Abstimmungen […] haben wir uns aus verschiedenen Gründen für die Umsetzung in 3G entschieden. Innerhalb der kurzen Zeit bis zum Reeperbahn Festival 2021 ist es uns aufgrund der sehr unterschiedlichen Spielorte, Programm-Formate und Beteiligten nicht möglich, die 2G Regelung konsequent anzuwenden“, hieß es vorweg von offizieller Seite. Die Auslastung der Spielorte lag demnach aufgrund der 3G-Regeln zwischen 30 und 60 Prozent.

„What a beautiful thing that we’re all in the same room. Give it up for live music!“

Kimmortal, queere:r, nicht-binär:e Rapper:in aus Vancouver, Kanada, macht am Mittwoch-Nachmittag im Moondoo auf der Mitte der Reeperbahn den kleineren Anfang des Festivals, während im Operettenhaus das pompöse Opening die No Angels und Conchita Wurst auf den roten Teppich bringt und Sting auf die Bühne. 
Im Moondoo markieren Punkte auf dem Boden die Stehpositionen für das Publikum, es gilt natürlich Abstands- und Maskenpflicht für die knapp 100 Menschen, die im Club zugelassen sind. Kimmortal lässt sich von dieser neuen Publikumssituation nicht aus dem Konzept bringen und leitet von einem warmen R’n’B-Opener über inneres Wachstum zu bouncendem Hiphop über. Es geht um queere Liebe („This Dyke“), nicht-binäres Empowerment („Sad Femme Club“) und safer spaces für die Communities, in denen Kimmortal als queere:r Künstler:in mit philippinischen Wurzeln beheimatet ist.

„Es fühlt sich so gut an, diese Dinge rauszulassen und zu repräsentieren, wer ich bin. Ich glaube, das ist genau das, was ich möchte: mit Musik einen sicheren Ort schaffen“, sagt Kimmortal im anschließenden Gespräch. „Meine Musik ist für queere Menschen, für People of Colour, für Außenseiter:innen – und ich denke immer an meine Community, wenn ich Musik mache. Ich möchte, dass diese Menschen spüren, dass sie Teil meiner Musik sind. Wenn ich selbst Künstler:innen sehe, die ehrlich und authentisch in ihrer Musik sind, merke ich immer, dass ich genau das auch in meiner Musik erreichen möchte, weil es mir ein gutes Gefühl gibt. Deshalb ist mir auch die Verbindung zum Publikum so wichtig.“
Am Ende des Gigs reicht die Zeit sogar noch für eine Zugabe und Kimmortals Feststellung: „What a beautiful thing that we’re all in the same room. Give it up for live music!“

Mavi Phoenix auf der Arte-Concert-Stage (Photo: Benedict Weskott)

Überhaupt sind HipHop und die assoziierten Genres gut repräsentiert auf dem Reeperbahn-Festival 2021. Gaddafi Gals zum Beispiel bringen das Moondoo später am Mittwoch mit cleanem TrapHop zum Beben, ihre schnalzenden Hits erinnern an ABRA. 
Ob Mavi Phoenix mittlerweile überhaupt noch als HipHop zählen kann, ist wiederum durchaus diskutabel – gerappt wird jedenfalls, aber eben auch gesungen. Der glitchy-überdrehte Sound von früher ist einem psychedelischen Indie-Progrock-Mix gewichen. „2017 und 18 hab ich hier auch schon mal gespielt, aber das sah da ein bisschen anders aus“, sagt Mavi mit Augenzwinkern in schönstem Wienerisch. 2019 outete sich der Rapper als trans und veröffentlichte noch letztes Jahr im ersten Lockdown das Album „Boys Toys“. 2021 steht er jetzt mit kompletter Band, neuem Sound und neuer Stimme auf der Bühne. Die „alten“ Songs werden mit psychedelischen Gitarrenklängen neu verpackt, auf der Openairbühne namens „Arte Concert Stage“ kommt damit richtig Festivalfeeling á la Hurricane oder Rock am Ring auf.

Soundstrudel im irischen Pub

Den Höhepunkt des Festivals liefert das tschechische Trio viah am Donnerstagnachmittag im Thomas Read Club am Nobistor. In bunten Overalls stehen die drei Frauen an einem Haufen Effektgeräte und mischen damit einen Soundstrudel aus Electronica, mehrstimmigem Popgesang, Rap und zeitweisen Dancehall-Rhythmen zusammen. Flume klingt hier manchmal durch, aber meistens ist diese Musik wirklich sehr einzigartig. Besonders wird der Gig aber auch durch den tollen Gruppenvibe von Vi Tranová, Veronika Hurtová und Rosalie Malinská, der Spaß an der Performance und Live-Musik überträgt sich direkt. Zum Schluss packen viah noch eine Choreografie aus, für die sich Rosalie sogar kurzzeitig von der Bühne wagt und damit noch näher ans Publikum heran. Genau für solche Momente lohnt es sich, im Wind und zeitweisen Nieselregen vor den Spielorten anzustehen.

Trotzdem wirken viele Gäst:innen und Konferenzteilnehmer:innen schon am Donnerstag wirklich gefrustet von den langen Wartezeiten und Kapazitätsengpässen. Oft ist zu hören, dass einfach zu viele Tickets verkauft worden seien, und in den sozialen Medien mehren sich zu diesem Zeitpunkt bereits die Beschwerden. Das Problem liegt auch darin begründet, dass das Reeperbahn-Festival als Showcase-Festival ursprünglich ein Branchenevent ist, was wiederum vielen Besucher:innen nicht klar ist. Daher stößt auch die „Delegates‘ Lane“ zum schnelleren Einlass für Konferenzteilnehmer:innen immer wieder auf Unverständnis. „Da kommen jetzt wieder die VIPs“, sagt eine Frau in der Schlange, die sich daran stört, seit 45 Minuten anzustehen, aber trotzdem nach Einlass der Delegates um einen Platz in der Spielstätte bangen zu müssen. Gleichzeitig sind die Konferenztickets teuer und der eigentliche Fokus des Festivals ist eben die Musikbranche an sich. Daher auch die Priorisierung, die verschiedenen Länderempfänge von Italien, der Schweiz, Kanada und „CEEntral“ als Vertretung für 9 Länder aus Mittel- und Osteuropa sowie Events wie dem „Music Cities Mixer“.
Zu letzterem lädt das Music Cities Network in den Grünen Jäger, um dort Delegierte, Musikunternehmen und Vertreter:innen von Musikstädten aus der ganzen Welt ins Gespräch zu bringen. Das weltweite Netzwerk wurde 2016 gegründet und besteht heute als zehn Mitgliedsstädten, die sich Musikförderung zur Priorität gemacht haben und ihre Strategien austauschen und vereinheitlichen wollen.

Die Grenzen des Wachstums

Das Festival und seine Kapazitäten sind bis 2019 weiter und weiter gewachsen, aber die Zahl der Tickets scheint hier überproportional zugenommen zu haben, denn die Schlangen waren auch schon vor der Pandemie ein Problem. Das geringere Platzangebot in diesem Jahr bringt das Verhältnis zur gesamten Besucher:innenzahl jetzt zusätzlich aus dem Gleichgewicht. Regeln muss es dann vor Ort die Security am Eingang der jeweiligen Spielstätte, tut es aber mal mehr, mal weniger. Viele Menschen stehen vergeblich an, anstatt von Anfang an realistische Schätzungen zu bekommen, wer noch reinkommt, oder eindeutige Zahlen, wie viele Menschen unter 3G-Bedingungen überhaupt in die jeweilige Spielstätte passen. Schon am Mittwoch machen sich diese stark reduzierten Kapazitäten am Einlass der Spielorte bemerkbar – deutlich früher als in vorigen Jahren, als erst freitags oder spätestens samstags lange gewartet und angestanden werden musste.

RY X in der Elbphilharmonie (Photo: Marvin Contessi)

Wespenstich & politisch unbequeme Ansagen

Die wenigstens Probleme haben unter diesen Umständen natürlich die Außenspielstätten wie die „Arte Concert Stage“, „Draußen im Grünen“ in Planten un Blomen oder die „Spielbude XL“ auf dem Spielbudenplatz. Hier spielt am Donnerstagabend GINA ETÉ ihren Crooner-Pop, der politische, unbequeme und direkte Ansagen macht. Auch im Michel, der Hamburger Hauptkirche, sind bei den Konzerten von Die Höchste Eisenbahn, Anna Leone oder Lambert meistens noch wenige Sitzplätze verfügbar. Und in der Elbphilharmonie gibt es für die aufwendig produzierten Konzerte sowieso zugewiesene Plätze in der gediegenen Konzerthaus-Atmosphäre, die mit der Reeperbahn erst mal nur sehr wenig zu tun hat. RY X spielt hier am Freitag- und Samstagabend mit Streicherquartett und Chor extra für das Festival neu arrangierte Versionen seiner Indie-Hits „Berlin“ und „Howling“ und etwas weniger alte Stücke vom letzten Album „Unfurl“ von 2019. Im Gesamtergebnis klingt das erwartungsgemäß sehr hochwertig, für den großen Saal ist die Musik aber vielleicht etwas zu intim.

Hier haben die kleinen Locations ihre klaren Vorteile, auch wenn, wie im Indra, nur einige dutzend Menschen zuhören und -sehen können. Ava Vegas singt hier von „traurigen Traumfrauen“ und bringt einen im positivsten Sinne aus der Zeit gefallenen 70er-Jahre-Glam mit Paillettenoutfit und genauso schillerndem Retropop-Klang auf die Bühne. Ihre Keyboarderin hat sich gerade noch rechtzeitig für die Show von einem allergischen Schock nach einem Wespenstich erholt und so muss Ava weder auf Keys noch auf die Zweitstimme verzichten. Die Nähe im Club tut für die Atmosphäre ihr Übriges, im Solo-Konzert ist vom Bühnenaufbau aber vermutlich noch mehr Spannung und Glitzer drin – ein Vorhang im Hintergrund wäre absolut angebracht. Stilecht endet der Gig mit einem Cover von Carly Simons „You’re So Vain“.

Noch dichter klingt es bei Finn Ronsdorf im Resonanzraum, der klassischen Bühne im Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld. Mit pantomime-artiger Performance betritt der queere Künstler, den der Programmtext etwas understated als Singer-Songwriter ankündigt, die Bühne und entfaltet dann einen entrückten, immersiven Pianopop á la Douglas Dare oder Patrick Wolf mit wunderschönem Timbre und zeitweiser Begleitung durch Lisa Harres. „Who am I to be if it’s not enough to make you fall in love with me?”, fragt Finn und konstatiert am Schluss: „Everybody’s longing to be something and this longing is what we really are.”

Räume schaffen und füllen

Um Sehnsucht („longing“) dreht sich vieles auch im Nochtspeicher am Donnerstagabend. LIE NING aus Berlin ist nicht nur bereits zum zweiten Mal in Folge auf das Reeperbahn-Festival eingeladen, sondern auch direkt für den Anchor-Award für die beste Live-Performance nominiert. Fast gehaucht beginnt der Gig, die Stimme versinkt im Sound von „The Light“ und „Alright“. Das erinnert noch mehr an den Ambient-Pop der 2019er EP „traffic songs for the inbetweens“, aber die nachfolgenden Songs haben mehr Druck. Und auch die neuen Arrangements von „Tonight“ und „Home“ funktinionieren mit Drums, Bass, Gitarre und Keyboard in der breitwandigen Live-Version großartig.
Im Gespräch wird LIE NIGs holistisches Verständnis von Live-Musik deutlich: „Ich glaube, es ist nach der ganzen Pause jetzt echt wichtig, das Schaffen von Räumen wieder zu lernen, sie zu lesen und zu füllen. Ich möchte, dass ein LIE-NING-Konzert auf lange Sicht bedeutet, gleichgesinnte Menschen zu treffen und sich wohlzufühlen, die Musik so zu hören, wie du möchtest, und sich so auszudrücken, wie du möchtest. Ich persönlich bin jetzt bei Konzerten auch nicht so am Mitklatschen oder Pogen, sondern brauche da auch immer meine eigene Auffassung, um es richtig fühlen zu können.“ Der Live-Performance ist das anzumerken, denn zur musikalischen Komponente kommt LIE NINGs Bühnenpräsenz hinzu: Im dekonstruierten, pinken Frack mit Crop-top-Jacke geben die fließenden Bewegungen und Performancemomente den Songs einen letzten Schliff.
„Ich sehe das Künstler:innendasein schon auch als Aufgabe. Manche Menschen sehen uns so als abstrakte Kunstfigur, die dann vielleicht auch inspirieren und leiten kann. Das bedeutet einfach Verantwortung, einerseits etwas vorzuleben und andererseits bei Konzerten Konzepte und je nach Budget auch Ansprechperson zu haben, zu denen Menschen gehen können, wenn es ihnen nicht gut geht oder sie sich aus irgendeinem Grund unwohl fühlen“, sagt LIE NING und fügt im Hinblick auf die Verbindung zum Publikum hinzu: „Ich versuche immer, die Performance so zu kreieren, dass ich die Leute durch Augenkontakt, mit dem Licht, der Performance und meiner Band so reinziehe, dass sie gar nicht einfach nur konsumieren können, selbst wenn sie nur dafür gekommen sind.“ Im Nochtspeicher funktioniert dieses immersive Moment sehr gut, woran sicherlich auch die wiedergewonnene Interaktion mit dem Publikum ihren Anteil hat, denn durch die Bestuhlung darf hier zwar weitgehend unbeweglich, dafür aber ohne Maske gelauscht werden. Ein absolut preiswürdiger Auftritt also, auch wenn den Anchor-Award letztlich Yard Act holen. Für LIE NING geht die Musikkarriere aber ja sowieso gerade erst los.

 

Am Ende des Festivals bleibt also nur zu hoffen, dass im kommenden Jahr wieder mehr Menschen in die Spielstätten dürfen und bei den Kapazitäten gleichzeitig realistischer geplant oder gesteuert wird. Ein neues Warteschlangenmanagement könnte hier zumindest die Frustration etwas lindern. Am Ende schafft es die Live-Musik aber doch immer wieder, die Wartezeiten und Frustrationen vor dem Eingang der Spielorte zumindest für die Zeit des Auftritts vergessen zu machen. Die ganze Magie von Künstler:innen, die auf der Bühne in ihrem Element sind und diese Energie auf das Publikum zu übertragen wissen, konnte sich einfach sehr lange nicht entfalten; das ungeduldige Warten, das lange Hinfiebern auf die nächsten Auftritte ist Künstler:innen und Zuhörer:innen anzumerken. Diese geteilte Dankbarkeit und die einzelnen, hochwertigen Performances zeigen also wieder eindrucksvoll, was Live-Musik alles kann.

LIE NING im Knust (Photo: Tom Heinke)

 

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