Quo Vadis Pop-Lehre? – Eine journalistische Umfrage unter Lehrenden – Prof. Dr. Michael Rappe

Prof. Dr. Michael Rappe: „Entweder man ‚muss‘ Prof werden oder man hat kaum eine Zukunft in der Akademia.“

Mit ihrer im Herbst 2020 initiierten Aktion #95vsWissZeitVG (95 Thesen gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz) haben Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon auf Twitter auf die Argumentationslinie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) reagiert. Das Bundesministerium spricht dabei von einer drohenden “Gefahr der Systemverstopfung“, sollte man Wissenschaftler:innen Normalarbeitsverhältnisse anbieten.
Die Reaktionen innerhalb des Wissenschaftsbetriebs (aber auch darüberhinaus) waren vehement und führten zum Hashtag #IchbinHanna – „benannt nach der fiktiven Figur, anhand derer die vermeintlichen Vorteile des WissZeitVG im Video veranschaulicht werden“ (zitiert nach https://ichbinhanna.wordpress.com) –, unter dem sehr viele Wissenschaftler:innen von persönlichen Frusterlebnissen berichteten und Einblicke in ihre (oft) prekären Lebensumstände gaben.
Am 27. März 2022 erschien im Berliner Suhrkamp Verlag das Buch „#IchBinHanna. Prekäre Wissenschaft in Deutschland“.

Nicht vom Wissenschaftszeitvertragsgesetz betroffen – und dennoch ähnlichen Frust- und Prekariatsverhältnissen ausgesetzt – sind die Freien Dozent:innen an Deutschen Universitäten und Hochschulen. Anders als ihre festangestellten Kolleg:innen dürfen sie zwar im Prinzip lebenslang weiter unterrichten, so denn sie es sich leisten können angesichts eher mäßiger Stundensätze, (oft) fehlender Anreisekostenübernahme und (zumeist) nicht bezahlter Vor- und Nachbereitungszeit.

Ich selbst kenne den Wissenschaftsbetrieb durch viele Lehraufträge in den vergangenen zwanzig Jahren gut – was letztlich (jenseits der genannten Publikation) über meine Gespräche mit Kolleg:innen zur Idee zu dieser Interview-Reihe führte, deren Intention es ist, den Diskurs über diese suboptimalen Arbeitsbedingungen der einen erheblichen Teil der Universitäts- und Hochschullehre ausmachenden Freien Lehrkräfte ausgesetzt sind, anzuregen, und, naiv gesprochen, damit vielleicht Impulse zu Veränderungen zu setzen.

Ich freue mich sehr, dass Prof. Dr. Michael Rappe sich die Zeit für den Fragebogen genommen hat.
Prof. Dr. Michael Rappe lehrt an der Hochschule für Musik und Tanz Köln Geschichte und Theorie der Populären Musik. Schwerpunkt seines wissenschaftlichen und publizistischen Arbeitens war und ist die Auseinandersetzung Auseinandersetzung mit der Geschichte, der Ästhetik und den soziokulturellen Bedingungen afrodiasporischer Musikkulturen – vom Blues über Jazz bis zum HipHop. Zurzeit arbeitet er gemeinsam mit der Musikpädagogin Prof. Dr. Christine Stöger an einer größeren Arbeit zu Aneignungs- und Bildungsprozessen im Breaking (Breakdance).

Prof. Dr. Michael Rappe


Können Sie bitte in aller Kürze und Prägnanz ihre Hochschule/Universität, das Institut/Fach und konkret das Studienangebot/den Studiengang beschreiben.

Hochschule für Musik und Tanz Köln; Fachbereich 6 Jazz/Pop und Fachbereich 5 Lehramt.
Wir bieten Folgende Studiengänge im Bereich Pop/Jazz bieten an:
Lehramt mit einem künstlerischen Schwerpunkt im Bereich Pop/Jazz, auch Singer/Songwriter
Künstlerische Studiengänge BA/MA im Bereich Jazz/Pop (inkl. Singer/Songwriting und Producing)
MA Musikwissenschaften mit einem Schwerpunkt im Bereich der Poptheorie.

Wie lange sind Sie an Ihrer jetzigen Hochschule/Universität bereits tätig und in welcher Position?

Ich bin seit 2004 mit einer Professur (für Theorie und Geschichte der Populären Musik) an der Hochschule in Köln.

Würden Sie sagen, dass die aktuellen Angebotsverhältnisse an Ihrem Institut/in ihren Studiengängen von Ihnen mitgeprägt wurden und ihren Wünschen entsprechen?

Sie wurden von mir mit den jeweiligen Verantwortlichen der unterschiedlichen Studiengänge gemeinsam entwickelt und entsprechen unseren Vorstellungen.

Wie haben Sie an der Hochschule/Universität die Pandemie bis dato erfahren?

Die Hochschule war sehr darum bemüht, den künstlerischen Unterricht aufrechtzuerhalten, dafür sind alle Theoriefächer freiwillig länger in den Zoomraum gegangen. Insgesamt war der ganze Prozess, sowohl von der Struktur als auch der Lehre, von einer großen Solidarität geprägt. U.a. wurden in unserem Haus von festangestellten Lehrer*innen eine fünfstellige Summe gesammelt, um Studierenden in der Not unbürokratisch zu helfen. Die Hochschule konnte, da sie kleiner ist, als eine Universität, früher wieder mit einer Art regulärem Betrieb (Proben, Unterricht, Seminare, Konzerte) starten.

Was denken Sie, wie die Studierenden und Kolleg:innen die Pandemie erfahren haben? Gibt es bei Ihnen viele, die das Studium aufgegeben haben? Oder die auch durch die Pandemie in Ihrem Studiumsverhalten massiv (aufgrund von Ängsten, Depressionen etc) eingeschränkt sind? Gibt es dazu Hilfsangebote bzw. einen Austausch?

Es gab, wie gesagt, eine große Solidarität. Gleichzeitig versuchten alle Beteiligten sich gegenseitig zu unterstützen – auch und insbesondere die Studierenden, die psychisch gelitten haben. Seitens des Prüfungsamt gab es unbürokratische Verlängerungen. Daneben haben wir ein Zentrum für Musikermedizin, das einen psychosomatischen Schwerpunkt hat und ebenfalls für die Studierenden da war. Einige Kolleg*innen haben eine zusätzliche Systemische Beratungs- oder Coachingausbildung und nutzten diese Kompetenzen in konkreten Beratungssituationen.

Wie zufrieden / unzufrieden sind Sie mit dem aktuellen Zustand (Angebot und Umsetzung) des Lehrbetriebs an Deutschen Universitäten im Allgemein?

Diese Frage kann ich so nicht beantworten, dazu fehlt mir der Überblick.

Wie zufrieden / unzufrieden sind Sie mit dem Status Quo des Lehrbetriebs an ihrer Hochschule / Universität?

Ich bin zufrieden. Wir wurden gerade personell aufgestockt und freie Lehraufträge (v.a. im künstlerischen Bereich) wurden verstetigt. Im Bereich der Wissenschaft fehlen zurzeit feste Mittelbaustellen. Im Bereich der Wissenschaften wurde gerade eine Juniorprof. mit Tenure Track eingerichtet.

Ich selbst bin Freier Dozent an drei Universitäten in NRW (an der Folkwang Universität der Künste in Bochum/Essen, an der Universität Paderborn und an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf). Wenn man Anfragen zu Lehraufträgen bekommt, schmeichelt es einem zu Beginn, recht schnell bemerkt man aber, dass ein Großteil des Betriebs Deutscher Hochschulen und Universitäten auf solchen mäßig bezahlten Lehraufträgen aufbaut (oftmals sind zudem nicht mal Anfahrtskosten und Unterkunftskosten bei mehrtägigen Seminaren abgedeckt). Und so fragt man sich schnell, warum werden in Deutschland eigentlich Lehrer:innen an Schulen gut bezahlt, an den Hochschulen und Universitäten aber hat sich ein Honorierungsmodell etabliert, das ich zynisch gerne als „Hartz 4-Lehre“ bezeichne. Auf welchen institutionellen Diskursen beruht so ein Modell? Wer hat sich das ausgedacht und die Rahmenbedingungen definiert?

Das weiß ich nicht, wer sich das ausgedacht hat. Generell halte ich diesen Zustand für sehr beklagenswert. Freie LA müssten um ein Vielfaches besser bezahlt werden.
Darüber hinaus fehlen Mittelbaustellen. Es fehlen die Stellen, die früher mal Akademischer Rat hießen. Nicht jeder Mensch möchte Prof. werden. Es gibt aber nicht die Möglichkeit, sich auf dieser Ebene zu verorten. Das ist für alle beteiligten sehr schwierig. Entweder man ‚muss‘ Prof werden oder man hat kaum eine Zukunft in der Akademia.

Das Honorar für die Seminare beinhaltet in der Regel auch Vor- und Nachbereitung – und an den meisten Hochschulen / Universitäten auch Prüfungen. Das wirkt sich natürlich langfristig auf die Qualität der Lehre aus, da viele Lehrenden immer wieder die gleichen Seminare abhalten, da ihnen schlichtweg die Zeit für eine stete Neudefinition der Lehrinhalte fehlt. 
Kennen Sie diese Problemstellung aus Ihrem Alltag? Und wie positionieren Sie sich hierzu?

Ich kenne diese Probleme. Wenn ich Menschen für einen LA einlade, müssen diese deshalb ‚nur‘ die Lehre machen. Nachbereitung, Prüfungen abhalten, HA-Betreuungen werden von mir bzw. anderen hauptamtlichen Kolleg*innen übernommen. Das ist (leider) das mindeste, was ich tun kann.

Was auch fehlt, ist die Möglichkeit, als Freier Lehrender die Hochschulen/Universitäten und die Möglichkeiten, die diese den Studierenden bieten, so zu verstehen, als dass man seine Lehrinhalte mit anderen Angeboten vernetzt denken und den Studierenden Verknüpfungshorizonte aufzeigen könnte. 
Ist das eine Beobachtung, die Ihnen auch schon gekommen ist? Werden solche ich nenne es mal Blinde Flecken des Universitätsbetriebs intern diskutiert? 
Oder teilen Sie die Beobachtung nicht?

Diese Beobachtung teile ich nicht.

Die Konstruktion des Hochschul- /Universität Lehrbetriebs über wenig festangestellte Professor:innen, Lehrende und Institutsmitarbeiter:innen sowie eine Vielzahl freier Dozent:innen mit in der Regel nur 2, 3 oder 4 Semesterwochenstunden reduziert natürlich auch das Wissenschaftliche Forschungspotential. Die enge Taktung der Lehraufträge ermöglicht es schlichtweg nicht, dass Freie Dozent:innen potentielle Forschungsideen einbringen und nachgehen können. Zumindest empfinde ich diese Situation von Außen so. Wie schätzen sie diesen Sachverhalt ein? Und wie wirkt sich das konkret in Ihrem Bereich aus?

Ich denke, ich habe das oben schon angedeutet. Der Mangel an nicht an Lehrstühle angebundene, bzw. ungebundene, feste Stellen führt zu einem geringeren Forschungspotenzial. Wiss. Mitarbeiterstellen sind zumeist an Drittmittelprojekte gebunden, die wiederum teilweise neoliberal anmutenden Verwertungslogiken unterliegen (das heißt man muss vorab schon (er-)klären, was man beforscht/gedacht haben wird). Das ist dann aber nicht unbedingt der Ort des freien Denkens – nicht die unbedingte Universität (Derridas) –, an dem sich überhaupt erst neue Ideen entwickeln können, aber auch wieder verworfen werden dürfen.

Bemerken Sie an ihrer Universität, dass die geschilderten Zustände dazu führen, dass die Fluktuation unter den Freien Dozent:innen hoch ist?

Wir haben eine sehr geringe Fluktuation.

Das waren nun viele Kritikpunkte von mir in Fragen eingebracht.
Wenn Sie drei Wünsche für den Hochschul-/Universitätsbetrieb in Deutschland hätten, welche wären dies?

– Mehr fester Mittelbau
– Bessere didaktische Ausbildung des Lehrpersonals.
– Mehr Ressourcen für Forschung und Lehre

Gibt es eine Hochschule / Universität (in Deutschland – aber auch gerne im Ausland), die sie als positives Beispiel hervorheben wollen, da dort Definition der Studienfächer und Lehrinhalte, die Organisation des Lehrbetriebs und Kommunikation mit und Arbeitsbedingungen für die Freuen Dozent:innen gut (oder gar ideal) aufgestellt sind?

Finde ich schwer zu beantworten.

Vielen Dank für Ihre Zeit

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