Avantgarde-Festival: Utopie mit Kartoffeln, Jazz und Apfelwein

Willkommen in Schiphorst! You made it!

Garten des AGF (Photo: Sven-Julien Kanclerski)

Schiphorst ist ein kleines Dorf, etwa eine Autostunde von Hamburg entfernt, umgeben von Mohnfeldern und Bauernhöfen. Ein Ort, der an diesem Wochenende wie gemacht scheint für ein Festival zur Sommersonnenwende.

Das Gelände des Avantgarde-Festivals in Schiphorst (AGF) ist ein Garten mit einer alten Scheune. Es ist heiß. Auf meiner Haut verschmelzen Schweiß und Sonnencreme zu einer klebrigen Schicht Sommer. Es riecht nach Lagerfeuer und Würstchen.
Und kaum angekommen, geht es auch gleich los. Den Auftakt macht Toy Piano Plus. Jennifer Hymer spielt auf zwei winzigen Klavieren. Die Pianistin lebt in Hamburg und organisiert seit 2014 das Toy Piano Weekend, ein Festival für Spielzeuginstrumente. Kinderklaviere waren ursprünglich als Spielzeug gedacht. Dann schrieb John Cage 1948 eine Suite für das Instrument – und rückte es in den Fokus der Neuen Musik. Ich frage mich, wie lange Erwachsene wohl auf diesen niedrigen Hockern sitzen können, bevor der Rücken streikt.


Ich setze mich zwischen die anderen Zuschauer:innen auf den Holzboden der alten Scheune und lasse das erste Konzert des Festivals auf mich wirken. Für einen Moment scheint sich die paradoxe Idee dieses Ortes zu verdichten: radikale Klangkunst, eingebettet in eine Landschaft, die eher nach Erntefest als nach Avantgarde aussieht.

Toy Piano Plus (Photo: Sven-Julien Kanclerski)

Musikalisch trägt das AGF die Handschrift von Jeanne-Marie Varain. Sie ist mit dem Festival aufgewachsen und hat schon als Kind bei der ersten Ausgabe mitgeholfen, damals als Tellerwäscherin. Heute ist sie verantwortlich für Kuration und Produktion. Das Avantgarde-Festival sei irgendwie ihr Geschwister, sagt sie.

Ihr Vater Jean-Hervé Péron (Faust) und ihre Mutter Carina Varain hatten damals, vor dreißig Jahren, eine Vision: Sie wollten ein Fest organisieren, wo „der Stadt-Punk mit der Dorf-Oma“ zusammenkommt, um gemeinsam zu jammen und experimentieren. Seitdem hat sich eine Gemeinschaft entwickelt, die für Jeanne-Marie so etwas wie Familie geworden ist. Irgendwie hat hier alles seinen Platz: Die Bar, der Stand mit den Würstchen, der Zeltplatz hinterm Haus… Ein Puzzelteilchen fügt sich ins andere. Als wäre alles organisch zusammengewachsen.

Jazz im Hof (Photo: Sven-Julien Kanclerski)

Samstag Abend. Jeanne-Marie und ich sitzen am Lagerfeuer. Zwischen den Konzerten ist es ruhig auf dem Gelände. Zeit, einen Moment durchzuatmen:

Jeanne-Marie: „Die Kuration macht mir am meisten Spaß.“

Wonach wählst du denn die Künstler:innen aus?

Jeanne-Marie: „Ich muss sie live gesehen haben. Die Bands müssen auf der Bühne funktionieren, nicht im Studio. Außerdem versuche ich, über das Wochenende einen Bogen zu spannen.“

Setzt du dabei einen inhaltlichen Schwerpunkt?

Jeanne-Marie: „In diesem Jahr habe ich versucht, auch Künstler:innen eine Plattform zu geben, die nicht mehr physisch dabei sein können. Zum Beispiel mit der Ausstellung von Peter Blegvad. Er hat zusammen mit Dagmar Krause und Anthony Moore in der Hamburger Krautrock-Band Slapp Happy gespielt. Auch AGF hat mit ihrer Hommage der Musikerin Éliane Radigue einen Platz im Festivalprogramm ermöglicht.“

Ich drehe mich um und blicke in ein zustimmendes Gesicht. Hinter mir sitzt Antye Greie-Ripatti (aka AGF). Die Audiokünstlerin hat bis zu ihrem Tod eng mit Radigue zusammen gearbeitet und trauert dementsprechend um die französischen Komponistin und Electronica-Pionierin. Zu ihren Ehren beginnt AGF ihr Live-Set mit einer Interpretation von Élianes Stück „Occam 7“ – und lädt das Publikum ein, mitzumachen. Durch gleichmäßiges, rhythmisches Atmen versetzt AGF den gesamten Raum in eine Art Trance, als wolle sie die Geister unserer Ahnen beschwören. „Sie hätte es abgelehnt“, sagt Antye scherzhaft und schmunzelt. „Das Publikum hätte meinen Rhythmus nicht aufgreifen sollen. Éliane hatte immer genaue Vorstellungen davon, wie ihre Stücke zu klingen haben.“

Antye lebt in Finnland auf der Insel Hailuoto. Dieses Jahr kuratiert sie gemeinsam mit ihrem Partner Sasu Ripatti (aka Vladislav Delay, Luomo) die erste Ausgabe des TAR-Festivals in Oulu. Das sub-arktische Sound-Festival lädt zur dunklen Zeit des Jahres in den hohen Norden ein. Mitten im November fusionieren dort Klang und Raum an zahlreichen Orten innerhalb und außerhalb in der Stadt.
Geboren und aufgewachsen in der ehemaligen DDR, ging Antye nach der Wende nach Berlin. Sie forscht an den Grenzen elektronischer Klangkunst und kombiniert sie mit Lyrik, Skulpturen und digitalen Medien. Ihre Arbeit hat auch immer eine politische Dimension, unter anderem als Teil des feministischen Netzwerks female:pressure.

AGF (Photo: Sven-Julien Kanclerski)

AGF ist auch die Abkürzung für das Avant-Garde-Festival. Ein Zufall? Jeanne-Marie ist es jedenfalls auch schon aufgefallen und lacht. Manchmal fügen sich die Dinge eben.

„Mein Herz schlägt für politische Arbeit und für die Kultur“, merkt Jeanne-Marie an. „Mit 16 bin ich von Zuhause ausgezogen und war Punk. Nach dem Abi wollte ich Internationales Recht studieren. Aber mein Kunst-LK-Lehrer meinte: ‚Dir rate ich zur Freien Kunst. Das rate ich sonst niemandem.’ Nach meinem Studium in Braunschweig und Kiel habe ich für die zivile Seenotrettung gearbeitet (das sollten wir eigentlich alle machen). Während der Pandemie habe ich das Jazz-Festival in Moers geleitet. Da habe ich sehr viel gelernt. Vor allem über die Mechanismen der Kulturpolitik.“

Am Ende des Festivals, Sonntag Mittag, bringt der Bauer uns viele Kartoffeln. Die müssen wir schälen im Namen der Kunst. Danach gibt es Pommes für alle. Das große Geld lässt sich mit dem Avantgarde-Festival nicht verdienen. Es ist eine gelebte, anarchistische Utopie in der Nussschale.

Embryo (Photo: Sven-Julien Kanclerski)

Marja Buchard ist die Bandleaderin von Embryo. Sie übernahm 2016 die Leitung des Projekts von ihrem Vater Christian Burchard. Heute steht sie zusammen mit Johannes Schleiermacher, Mals Maier und Jakob Thun auf der Bühne und führt jazzige Krautrock-Tradition ihres Vater fort.

MAG (Photo: Sven-Julien Kanclerski)

Das Techno-Posaune-Crossover von MAG hat die Wände der Scheune zum Beben gebracht! Die Schwedin ist eine feste Größe der Göteborg-Underground-Szene und begeistert mit einem rotzfrechen Mix aus Punk, Beats und Megafon.

MAG (Photo: Sven-Julien Kanclerski)

Growlen fasziniert nicht nur Metal-Fans. Interessierte konnten beim Growlers Choir Workshop von Pierre-Luc Senécal auf spielerische Weise in den archaischen Gesang einsteigen. Begleitet wurde die Soundpainting-Übung von drei geübten Growler:innen.

Die freie Community-Radio-Szene war durch Radio Makro aus Mülheim an der Ruhr vertreten. In einem Live-Talk diskutierten Monita Wagma, Femke Dekker (aka Loma Doom) und Katharina Gelling über die Langeweile der Durchhörbarkeit und die starre Strukturen bei öffentlichen und privaten Sendern. Moderiert von Jan Paersch.

Abends konnten wir uns zu den großartigen Sets von Monita Wagma und Loma Doom austanzen. Monita hat ihre besten Synth-Pop und New-Wave-Platten aufgelegt, Loma versetze die Tänzer:innen mit einem hybriden Live-Mix aus perkussiven Loops und Ambient in ekstatische Trance.

Wieviele Musiker:innen passen auf eine kleine Bühne in Schiphorst? Beim Konzert von Andromeda Mega Express Orchestra waren es acht! Damit hat die Band den Rekord des Festivals gebrochen. Das Ensemble, bekannt für seine wuchtigen Experimente mit Jazz, Kraut und Avantgarde, wurde 2025 vom Deutschen Jazzpreis als „Liveact des Jahres“ ausgezeichnet. Es feiert dieses Jahr sein 20-jähriges Bestehen.

FaUSt (Photo: Sven-Julien Kanclerski)

Das Programm am Sonntag hat den Geist des Festivals nochmal richtig aufleben lassen: Nach den traditionellen Wake-Up-Calls wurde im Hof gejammt – live und unplugged. Das FaUSt-Konzert ging nahtlos in eine dadaistische Kartoffelschäl-Performance über.  Die Hamburger Krautrock-Band Faust ist eng mit dem Avantgarde-Festival verbunden. Jean-Hervé Péron, Vater von Festival-Kuratorin Jeanne-Marie Varain, hatte 1970 die Band mitbegründet. Heute steht FaUSt in neuer Formation auf der Bühne – Vater aka art-errorist (bass, acc-guit, voc) und Tochter (voc) zusammen mit Bart Maris (trompet / vacuum cleaner), Onnen Bock (efx / synth), Johannes Huth (double bass), Raissa Mehner (e-guit), Olaf Koep (drums) , Pierre Chevalier (keys), Geraldine Swayne (paint / voc) und Ulrich Krieger (sax).

FaUSt (Photo: Sven-Julien Kanclerski)

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