Festival für selbstgebaute Musik – Interview mit Hajo Toppius & Lea Grönholdt

„Wir wollen nicht nur unterhalten, sondern wir wollen vor allem auch Plattform und Austauschort für Künstler:innen, Tüftler:innen & Interessierte sein“

Festival für selbstgebaute Musik  (Photo: René Kilius)

Am 5. September findet im Holzmarkt, Säälchen und  Pampa das Festival für selbstgebaute Musik statt. Hajo Toppius & Lea Grönholdt haben uns im Vorfeld ein paar Fragen zu dem außergewöhnlichen Festivalkonzept beantwortet.

Lea, Hajo, wie kam es zur Idee, den Default-Zustand unserer Welt mit einem so lebendig und vielseitigen Festivalkonzept zu hinterfragen?

Hajo Toppius: Das Ganze ist aus einem kleinen partizipativen Nachbarschaftsmusikfestival entstanden, also eher weniger aus einer spezifisch künstlerischen Idee heraus. Das heutige Festival in dieser Form hat sich dann Schritt für Schritt daraus entwickelt. Mit Sascha Schneider (neben Lea und mir der dritten Mensch aus der Festivalleitung) habe ich früher in vielen Bands gespielt, wo wir irgendwie mit selbgebastelten Sachen Musik gemacht und viel experimentiert haben: vom Schlagzeugset aus Latten, Eimern und Holz bis zum Brummen von kaputten Fernsehern als Instrument. Uns hat da – ganz passend zu eurem Magazin – auch das Hinterfragen des eigenen popkulturellen Kontext interessiert, wie neben der Erweiterung des Instrumentarium auch andere Aufführungskonzepte. Die Musik heute ist in vielen Linien ja immer noch ganz stark im Auffühungskonzept des 18. und 19. Jahrhundert hängen geblieben: mit der Künstlerin auf der einen Seite, also oben auf Bühne und dem Publikum auf der anderen Seite, also meisten unten davor.
Auf dem Festival und in der Woche davor auf dem Pop-Kultur Festival haben wir zum Beispiel das sogenannte Rieseninstrument. Eine Art kollektives Musikinstrument mit einem Mischpult und diversen Apparaten gewissermaßen als ordnendem Element. Oder wir führen den Gassenhauer der zeitgenössischen Musik auf: 4’33“ von John Cage, bei dem das ganze Festival für 4 Minuten und 33 Sekunden stumm geschaltet wird, idealerweise mit dem Publikum, dann wird jeder dahergelaufene Klang zum musikalischen Ereignis – mal sehen, ob das funktioniert. Aber im Programm sind nicht nur so artifizielle Geschichten, sondern zum Beispiel auch Sergey Karamyshev, der auf vielen mit Wasser gefüllten Gläsern Mozart und andere Sachen spielt und sonst oft auf dem Bürgersteig vor dem Pergamonmuseum zu hören ist.

Lea Grönholdt: Außerdem haben wir Spaß daran, das Konzept ‚Festival‘ im klassischen Sinne zu unterwandern… nein: zu erweitern. Wir wollen nicht nur unterhalten, sondern wir wollen vor allem auch Plattform und Austauschort für Künstler:innen, Tüftler:innen und alle möglichen anderen Interessierten sein. Es geht darum, sich auf Augenhöhe gemeinsam auszutauschen, da entwickeln wir das Programm sozusagen drumherum. Wir haben auch keine klassischen Konzerte auf der Bühne (einzig vielleicht Hans Unstern ist da noch am ehesten ein Bühnenkonzert), sondern vor allem Formate, bei denen viel mitgemacht und ausporbiert werden kann und soll.
Wie Hajo schon gesagt hat, bei uns verschieben sich auch die Rollen häufig: wer ist Künstlerin, wer Publikum? Das lebendige kommt daher, dass das Booking auch nicht im klassischen Sinne entsteht: das interessiert die Menschen und funktioniert, also buchen wir es, oder da ist eine spannende Künstler:in, die buchen wir (das natürlich hier und da) – vor allem ist es eher eine konzeptionelle Herangehensweise. Das hat alles eher was verspieltes: wo passt was zusammen? Und wo lassen sich Reibungspunkt und Gegensätze erzeugen? Und vor allem: Welche Künstlerinnen wollen wir miteinander vernetzen?

Moritz Simon „Geistsoft Manipulator“

Ein wesentlicher Punkt des Festivals ist die Intention, die sonst so übliche Dynamiken in Frage zu stellen und eben nicht immer nur die eine Wirkungskausalität von den Künstler:innen zu den Zuhörer:innen zuzulassen, sondern letzteren auch die Möglichkeit zu geben zurückzusenden. Das kann man als spielerische Geste lesen, aber auch als weitergehende soziopolitische Praxis? Was treibt Euch hier an?

Lea: Das ist irgendwie beides. Das Festival hat den Anspruch mehr zu sein als eine eintägige Musikveranstaltung, sondern es ist auch ein Prozess, ein Austausch mit den Künstler:innen, aber auch mit unseren eigenen Ideen und Konzepten als Künstler:innen-Gruppe. Wir haben nicht den Anspruch in jedem Jahr neue Künstler:innen zu präsentieren, sondern viele Beteiligte werden mehrfach hintereinander eingeladen, damit etwas Neues passieren kann und wir die Kontakte und Ideen langfristig entwickeln. Wir selbst sind ja nicht nur der veranstaltende Teil des Ganzen, sondern entwickeln auch eigene Formate. Wir haben zum Beispiel auch eine Klangkarte produziert, in der musikalische und als Musikinstrumente einsetzbare Orte in der Stadt verzeichnet sind und als Radtouren angefahren werden können. Das hat auch viel damit zu tun, wie man Stadt begreift und aneigenen kann. Wir als Gruppe haben diesen stadtpolitischen Background und den Anspruch, Leute auf ungewöhnlichen Wegen zu erreichen, die sonst lieber passiv bleiben. Das ist definitiv auch die Wurzel von selbstgebaute Musik – nicht in dem Sinne, dass wir eben auch noch andere Sachen machen, sondern das sind Sachen die sich im Festival vermischen und das ist wichtig für die Dynamik des Festivals.

Hajo: Spiel, beziehungsweise. das von Euch angesprochene spielerische oder ganz theoretisch die Spieltheorie spielt auch eine große Rolle – also ganz viel Spiel…. Wir haben großen Spaß daran, wenn es irgendwo Bumm macht oder aus einem Abflussrohr auf einmal ein Schiffshorn wird. Humor ist eine Sache, die in der zeitgenössischen Musik und Kunst häufig unterrepräsentiert ist (das hat Erwin Stache im letzten Jahr beim Talk so schön gesagt).
Unser Traum ist es den Künstler Roman Signer einzuladen. Der macht zwar nichts spezifisch musikalisches, aber er hat so ein Ohr und einen Blick für Räume und Objekte, der uns faszinieren. Roman Signer ist wunderbar neugierig … was passiert eigentlich wenn wir dies und jedes machen… mal ausprobieren… das machen wir auch häufig!

Inwieweit hat das denn zu anderen Bookingparametern geführt als bei Euren sonstigen Aktivitäten? Müssen die Künstler:innen für Das Festival für selbstgebaute Musik zugleich über pädagische Fähigkeiten verfügen, um die Interaktivität der Soundinstallationen und Konzerte adäquat zu vermitteln?

Hajo: Nein… eigentlich gibt’s da keinen extra pädagogischen Anspruch. Also nicht in dem Sinne von Kunst oder Musikpädagogik wie das vielfach in Konzerthäusern oder Museen gemacht wird. Die Dinge sollen erstmal für sich wirken. Aber musikalische Prozesse zu verstehen, ist auch ein großartiges ästhetisches Erlebnis und Sichtbarkeit ist wichtig.
Wir haben 12 Jahre einen kleinen Experimentier-, Konzert-, und Biertrinkraum namens Antje Öklesund betrieben. Da gab es auch häufig so Frickelektronik zu hören – da sind nur Knöpfe und die Dreherinnen zu sehen. Wir fanden es schade, dass die Prozesse hinter der Musik kaum  sichtbar sind und solche Funktionsweisen stimmt auch für Nichtmusikerinnen nicht zu durchschauen sind – das ist sicher auch ein Antrieb des Festivals: ich drücke hier drauf als passiert dieses oder jenes.

Lea: Die Sachen, die wir zeigen werden auch häufig in anderen Kontexten präsentiert. Gerade Arbeiten, die aus der bildenden Kunst kommen. Bei uns hängen sie dann in einem Baum statt in einer Galerie und auch für die Künstler:innen ist so eine Verschiebung spannend, weil sie auf eine ganz andere Weise Kontakt zum Publikum haben, beziehungsweise auch zu einem etwas anderen Publikum Kontakt haben. Unsere eigene Neugier überträgt sich auch auf das Publikum und die Künstler:innen und schafft den Raum, wo ein Austausch auf Augenhöhe möglich wird. Natürlich haben die Künstler:innen, die wir buchen alles selber gebaut, was sie machen, sie sind ja quasi alle irgendwie Pädagogen für sich selbst – und die eigene Begeisterung für die meist lustigen Objekte überträgt sich ja sofort, die ist echt.

Gebrüder Teichmann (Photo: Denis Nietze)

Wird es denn so sein, dass alle Künstler:innen quasi permanent vor Ort sein werden?

Lea.: Eigentlich alle, aber auch nicht immer an ihren Instrumenten oder Installationen. Es gibt extra Slots, wo Künstler:innen ihre Sachen erklären und den Gästen Fragen beantworten, aber entspannt und ohne Bühne. Die Künstler:innen sollen auch die Möglichkeiten bekommen das restliche Programm zu sehen, auch das ist Teil dieser Vermischung von Produzent:innen und Rezipient:innen; viele Künstler:innen kennen sich mittlerweile h und freuen sich zu sehen, was wer diesmal gemacht hat.

Wenn ihr Euch das Lineup anschaut, seht Ihr da einen roten Faden, der alle Künstler:innen verbindet abseits der Tatsache, dass ihr sie für das Festival gebucht habt – und welcher wäre das?

Lea: Der rote Faden ist natürlich selbstgebaute Musik – was auch immer das heißt.

Hajo: Am ehesten ist es dann wahrscheinlich irgendwie die Erweiterung oder die Überwindung des klassischen Instrumentariums, egal ob es um den Bau eines Intruments aus einer Konservendose geht oder die Entwicklung von partizipativen Aufführungskonzepten.
Es geht auch immer viel um die Frage der Perfektion: wieviel perfekten reinen und durchkomponierten Klang brauchen wir heute noch? Sowas ist ja auch großartig und ich persönlich finde es auch ganz toll – muss sich ja nicht ausschließen. Beethovens Violinkonzert, Wagners Parsifalvorsiel oder Bachs Goldbergvariationen sind bis auf jede Note perfekt komponierte Werke, die tausend Mal von genialen Interpreten und Tonmeistern in perfekte Aufnahmen gegossen wurden. Oder Courtney Love, Kurt Cobain, und Radiohead sind ebenso geniale Songschreiber:innen und Performer:innen. Aber es ist ja auch spannend über andere Formate neben dieser personalisierten Perfektion nachzudenken und sowas auszuprobieren.

Als Orte habt Ihr Euch Holzmarkt, Säälchen und Pampa ausgesucht. Was hat für diese gesprochen?

Hajo: Und die Stadt – die ist auch in diesem Jahr ein wichtiger Festivalort!
Der Holzmarkt ist ja vor allem ein sehr schöner Ort, mitten in der Stadt und direkt am Wasser – und err klingt ganz spannend.
So gibt es eine Einfachheit in der Struktur. Letztes Jahr war das Festival vor allem auf dem RAW. Das ist zwar auch ein schöner Ort mit ganz viel Platz, aber es ist unglaublich kompliziert, weil es unendlich viele Akteure und vor allem einen Haufen Gewerbetreibende gibt. Obwohl wir da selbst aktiv sind und unsere Werkstatt da haben, war es sehr mühsam und vor allem zeitaufwendig so viele verschieden Akteure unter einen Hut zu bringen.

Lea: Wir fanden den Holzmarkt mit seinen verschiedenen Nutzungsformen und der sehr guten technischen Ausstattung sehr passend. Kein Gelände sieht von allein jeden Abend aus wie ne kleine Fusion, das fanden wir beim Weihnachtsmarkt vor zwei Jahren usehr sympathisch, die Atmosphäre passt ganz gut.
Außerdem ist der Holzmarkt in seiner Zwiespältigkeit irgendwie auch spannend, auf der einen Seite kommerzig aber auch voll DIY in your face. Das Spannungsfeld hat uns auch letztes Jahr auf dem RAW so gereizt: wie kriegt man da Leute hin, die das Gelände sonst richtig scheiße finden . Das ist bei uns ja auch immer wieder ein großes Thema, auch zum Beispiel mit den Bastelbausätzen von uns, die wir Online verkaufen – eigentlich ein wirtschaftliches Unterfangen, was wir jetzt gemacht haben, bei dem wir immer wieder aufpassen müssen, uns nicht selber irgendwann doof zu finden.

Eine spannende Frage, die das Festivalkonzept aufwirft ist die nach dem Klang der Stadt. Nun lebst ihr selbst ja in Berlin. Wie klingt die Stadt für Euch?

Hajo: Recht vielseitig. Ein ganz spannender Faktor. Es ist ja eine Frage der Perspektive: was will man hören? Und was kann ich auch selbst gestalten? Natürlich kann man die Stadt als Soundscape wahrnehmen oder sogar auch musikalisch nutzen (ganz im Sinne von field recordings), aber die Stadt kann ja auch aktiv bespielt werden: Brückengeländer oder Tore als Klangobjekte oder spezielle Hallräume. Da gibt es eine große Kiste voll Möglichkeiten. Letztendlich kann das im Sinne von Stadtplanung und Architektur mit gedacht und gestaltet werden.
Das wird in diesem Jahr auch beim Talk ein wichtiges Thema sein. Da sind neben Künstler:innen wie Alexander Hacke von den Neubauten, die Klangkünstlerin Kässrin Kelch oder der Komponist Peter Ablinger vor allem auch der Stadtklangforscher Thomas Kusitzky mit am Start, der sich auf ganz spannenden Wegen mit der Akustik und der klanglichen Gestaltungsmöglichkeit von Städten auseinandersetzt.

Und was ist Euer Lieblingsgeräusch in Berlin?

Hajo: Das gibt es nicht. Das ist abhängig von vielen Faktoren…
Es ist auch eine Frage der Nutzbarkeit und der Anspruches: Sucht man was zum Entspannen? Oder was Ungewöhnliches? Wird man selbst aktiv oder nicht?
Was ich ganz besonders mag, ist die Heransgehensweise an Geräusche – noch mehr als die Geräusche an sich –, also der Zugang, das Zuhören. Das klingt vielleicht ein bisschen esoterisch.

Lea: Ich hab kein Lieblingsgeräusch. Aber das, was mich in Berlin akustisch am meisten verfolgt, sind Baustellen.

Katrin Caspar; Eeva-Liisa Puhakka „Whispers“

 

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