Prosa

Zungenkuss mit Kerstin Grether

Anfang der Nuller Jahre – die Älteren werden sich noch an diese verrückte Zeit zwischen Jamba-Spar-Abo und 9/11 erinnern. Damals arbeitete ich als Redakteur bei einem Musikmagazin. Wir wollten an der Spex dieser Jahre vorbeiziehen, die uns irgendwie mit ihrer CD-Beilage und Uwe Viehmann als Chef (no front!) nicht mehr so weisungsberechtigt vorkam. Super-Coup: Wir gewannen etliche Stars ihrer Blütezeit für uns. Allen voran Kerstin und Sandra Grether. Die zwei Legenden des deutschsprachigen Popjournalismus. Ich war davon so begeistert, dass ich seinerzeit meine persönliche Begegnung mit Kerstin in einen hysterischen Prosa-Text goss, den ich bei einigen wenigen Lesungen öffentlich machte. Nun unredigiert hier ausgebuddelt. Anlass das Crowdfunding der Grether-Schwester für einen Reader. Gebt ihnen euer Geld für ein tolles Projekt. Und jetzt viel Spaß (und keine Großbuchstaben)…

Kerstin und Sandra Grether

ich lebte auf dem dorf. [wütend] wir hatten ja nichts. außer gerade mühsam deutschland für euch wieder aufgebaut. dann passierte lange zeit nichts. dann ging die mauer auf. dann wurde wolfgang grams erschossen und birgit hogefeld geschnappt. das war zuviel.
vor schreck bin ich dann nach darmstadt gezogen. zum studieren. [auffällige trinkbewegung machen]
schnell hatte ich dort eine 2mann-hohe clique für mich gewinnen können. verstoßene, tramps, spieler und bauinschs. es war verrückt. wir bekamen nicht genug von einander, die anderen galt es zu erforschen, ihre sehnsüchte, träume und ihr seidiges fell. man wollte alles alles über den anderen wissen, redete und redete. nach circa einer woche kamen sie einem dann so öde wie immer.
aus langweile begannen wir sogar zu lesen. wir lasen: die spex. dort tauchte ein name immer wieder auf, der für uns wie ein faustschlag klang: kerstin grether. sie schrieb wie ihre schwester sandra verzehrend und klug. wer mochte sie nur sein?

zu dieser zeit anfang/mitte der 90er hatte ich angefangen, ein fanzine zu betreiben, das zuerst “die spielhölle” und dann “komm küssen” hieß.
kerstin, das entdeckte ich unter wohligem schaudern, besprach mitunter auch fanzines in der spex.
hm, dachte ich, möglicherweise interessiert kerstin sich auch für mein mehr als seltsames heftchen. außerdem mag sie bestimmt typen, die sich nicht schämen, zu weinen. also dauernd zu weinen. ich ihr das also geschickt.
nach köln.
an die redaktionsadresse der spex.
köln!
das bedeutete in den neunzigern doch ganz klar: drogen und chardonnays im six pack. und im arm von diedrich diederichsen mit heißen küssen überhäuft werden. meine welt in darmstadt dagegen war: guinness in der folkkneipe “smugglers inn”. peinlich!

Leben in Darmstadt (Symbolbild)

ich schickte also das heft direkt zu ihren händen. und… nichts. im laufe der nächsten monate wiederholte ich diesen vorgang noch zweimal. schließlich blieb die vage hoffnung, die aushilfen bei der post würden alles klauen, was kein bescheid vom vertriebenverband war, dass wilhelm in riga dann doch gefallen ist. nach einiger zeit ohne nachricht oder widerhall in ihrem magazin musste aber klar sein: kerstin grether verachtete mich und meine dümmliche kunst.
okay. letzte chance schien: persönlicher kontakt. vielleicht fand sie mich ja nett. oder hatte mitleid. hey, ich hätte alles genommen. alles.

zu der zeit arbeitete ich in darmstadt aushilfsweise in einem second-hand-platten-laden. dem “come back”.  einer der beiden betreiber hieß kurt und war wie alle damals, die von unterhalb des goth-äquators kamen (also aus süddeutschland), vom style her abgemilderter gruftie. im “come back” herrschte düstere stimmung, current 93 und schwarze lange kleidung. ich selbst war zwar brillenpunk, aber zu der zeit waren alle subkulturen noch in ihrem kampf gegen den mainstream irgendwie verbündet. in eher provinziellen zusammenhängen, wo die szenen sich aufgrund der kleinen größe nicht abgrenzen sondern suchen, sowieso. so redete ich gern mit kurt. er trug eine runde brille und einer seiner fingernägel war lang und spitz. er war single. wen wunderte es?
an einem tag kam plötzlich raus, er stammte aus eberbach. eberbach, muss man wissen: die heimat kerstin grethers. und kurt kannte sie auch. nach all den jahren im nebel erwachte ich. jemand kannte kerstin grether?

Kerstin Grether

ich nahm darauf eine postkarte (mit dem slogan “darmstadt, das einkaufsparadies am tor zum odenwald”) und schrieb folgendes auf die rückseite: “hiermit bestätige ich, kurt [ahmed?], dass der überbringer der karte mich kennt und befugt ist, ‘die grethers’ anzusprechen.” kurt unterzeichnete mit seinem dark-wave-mäßigen gleichmut. meine bekloppte hysterie war ihm komplett fremd. aber vielleicht mochte er insgeheim doch das vitale dieser aktion. und das vitale, was damit kurz einzug hielt in sein dem tod und umbra et imago gewidmeten leben.

mit der postkarte bestückt fuhr ich mit einem anderen androgynen alkoholiker, der mir nahe stand, nach köln. auf der messe popkomm sollte uns die karte in kerstins arme bringen. sicher mochte sie fans. jeder mochte doch fans.

wir kamen an. glücklicherweise konnten wir auf dem gelände einer pfarrei campen. zusammen mit diversen anderen verirrten, die zu dem (damals noch parallel in köln staffindenden) bizarrfestival wollten. uli, so hieß der andere junge, und ich hatten nur ein handtuch dabei und liefen ungeschickt über die messe. keine spur von “die grethers”. wir waren sicher, sie waren einfach nicht dort, wo der pöbel mit postkarten rumlief, um sie kennenzulernen. nach drei tagen kehrten wir schmutzig und enttäuscht nach darmstadt zurück.

es vergingen jahre. ich zog selbst nach köln, begann dort bei einem musikmagazin zu arbeiten, der provinz-spex mit namen intro. “die grethers” galten in der szene längst als weggezogen, halb verschollen und journalistisch inaktiv. bastelten angeblich an buch- und band-karrieren.

dann, im jahre 2000, plötzlich die nachricht, kerstin wäre interessiert, mal für intro texte zu  machen. ich bekam fieber und ließ mich krank schreiben. die information saß. mittlerweile war ich eine art mann und nicht mehr wegzudenken aus der deutschen popkultur. meine zweite chance… und die kam ein halbes jahr später. kerstin war in der stadt, ich hatte eingefädelt, sie kennenlernen zu können. und da war sie. bunt, schön, an dem abend mit roten schuhen, wie independent-cinderella. wir trafen uns in einer kneipe. aufwändig machte ich auf mich aufmerksam.

leider war sie verliebt in den tennis-muskel-mann thomas venker. ein intelektueller rassehengst, das musste ich ihr lassen. dennoch… himmel, war ich beleidigt. aber keine chance, ich driftete am ersten abend schon in die beliebte rolle des “guten kumpels” ab.

Venker / Volkmann zu jener Zeit

vermutlich auch deshalb hatte ich sie bereits nach zwei abenden bei mir zuhause in meinem appartment. ich machte ihr ein schweres essen. sie bekam nudeln mit sahne-gorgonzolasauce und broccoli. fröhlich zählte sie die kalorien. es waren zuviele. sie guckte etwas unschlüssig. ich fühlte mich schlecht. nun ja. sie pries mir eine ex-mitmusikerin ihrer schwester an. diese galt zwar als seltsam, aber kerstin wollte, dass ich mit der zusammenkäme. und ich wusste, das ist doch was. deren zuneigung müsste kerstin doch darauf bringen, wie konkurrenzfähig ich als lover bin.

doch auch all das brachte uns nicht zusammen. bloß mir und diesem anderen mädchen viel schwierigkeiten. mittlerweile sind kerstin und ich gute freunde. ist das nicht die schönste niederlage der welt?
nein.
aber was soll’s?
ich habe immerhin noch suff und selbsthass.

text: linus volkmann (verfasst im sommer des jahres 2001)

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