Mittwoch, 16.10.2019
EIN TALK ZUM HEFT - WIR SCHLAGEN PRINTMAGAZINE (ZU)

SPEX: „Bringt mir 1 mit. Zahle jeden Preis.“

“Bye Spex!” – Gefragte Ware! (Photo: Linus Volkmann)

Wer sich noch an Print-Titel erinnern kann, wird staunen: Diese analogen Dinosaurier der Informations- und Unterhaltungsvermittlung gibt es noch immer – aus aktuellen Anlass mit Betonung auf noch. Alte und neue Magazine buhlen in den Bahnhofskiosken um die Aufmerksamkeit der Wlan-verdorbenen Menschen. Doch wer blickt bei diesem Angebot überhaupt noch durch? Die Kaput-Redaktion nimmt sich daher in unregelmäßigen Abständen Protagonisten der Printmedien an.

Nach BEEF und JWD soll es diesmal um die letzte Ausgabe der SPEX gehen. Und so sind Carla Kaspari, Lars Fleischmann und Linus Volkmann noch einmal mit Kaputzenpullis durch Köln gezogen, um unter der Ladentheke gegen alle Widerstände des freien Marktes ein Exemplar zu ergaunern. Eine Facebook-Diskussion über Tage und Wochen entsponn sich, die nun im folgenden nachzulesen ist. Mit allen Fallstricken, unlauteren Annahmen, radikalen Systemänderungsvorschläge und gezieltem Nachtreten.

Linus Volkmann: Ich habe sie gestern kaufen wollen bei einer riesigen Auswahl an Zeitschriften. Sie war nicht da. Muss wohl zum Bahnhof. Moment auch noch bei mir. Hallo Carla, schön, dass du dabei bist.

Carla Kaspari: Hallo! Nachdem ich mehrere fußläufige Kioske unerfolgreich abgeklappert habe, bin ich gerade zum Hauptbahnhof – da leider auch aus. Hat jemand noch einen heißen Tipp?

Lars Fleischmann: Habe hier einen Kiosk gefunden? Soll ich euch welche mitbringen oder findet ihr selbst noch eine? Es gibt da noch 4!

Linus: Bringt mir 1 mit. Zahle jeden Preis. Danke! Denke, in Köln wollte jeder noch mal die Abschiedsnummer. Gefragte Ware!

Carla: Die Spex liegt neben mir. Dabei mäandere ich auf Grippostad C zwischen verschiedenen Geisteszuständen hin und her, trinke Ingwertee und kann eigentlich nur sagen, dass ich mir hierfür vorgenommen habe mindestens einmal das Wort „mäandern“ einfließen zu lassen. I’m ready.
Noch kurz zum Kauferlebnis: Es gab sie nirgendwo, wo es Zeitschriften gibt. Hab mich durch einige Kioske telefoniert („Haben sie die aktuelle Spex?“ –„Was?“ –„Die aktuelle Ausgabe der S P E X“ „–Becks??!! Ja klar!“). Am Hauptbahnhof war sie ausverkauft, was aber nicht schlimm war, weil ich dann noch Klopapier und Mülltüten besorgen konnte am Sonntag. Habe sie schließlich neben 1 Portion Desillusion gegen 18:49 Uhr in besagtem Kiosk am nasskalttristen Hansaring gefunden.
Auf dem Rückweg in der Bahn mehrmals mit misstrauischen bis neugierigen Blicken taxiert worden: Was liest sie da? Warum guckt sie nicht aufs Handy, so wie alle hier? Dann dermaßen vertieft in die Lektüre vertieft gewesen, dass ich vergessen habe, dass ich in der falschen Bahn saß. Spricht insgesamt für das Heft.

Spex im Wellness Look (Photo: Lars Fleischmann)

Lars: Sollen wir das als Kick-off sehen? Es ist ja schon vielsagend, dass man so lange suchen musste. Glücklicherweise gibt es ja so krude Kioske, an denen man die Spex und die Groove bekommen konnte. Insgesamt bin ich aber einmal durch das gesamte Viertel gewatschelt auf der Suche. Es gibt einfach keine Orte mehr, an denen man im anständigen Maße und verlässlich Zeitschriften erhalten kann. Abgesehen von Bahnhöfen – und selbstverständlich da auch nur größeren Städten. In Rheine oder Salzgitter wird man da wahrscheinlich schon Probleme haben.
Da stellt sich die Frage: Was war zuerst da? Das verringerte Angebot oder die schlechten Verkaufserlöse? Zweiteres natürlich. Ich glaube auch, dass es für Kioske einfach jahrelang ziemlich doof war die gleichen fünf Ausgaben wieder zu remittieren. Das nimmst du dann ja nicht wieder ins Angebot, nur weil die Chefredaktion gewechselt hat.

Linus: Der Umstand, dass es ein Heft bald nicht mehr gibt, es aber schon zu Lebzeiten nur noch schwer zu beschaffen ist, sagt wirklich schon einiges aus. Zum Beispiel über die Unabwendbarkeit des Endes von Titeln.

Carla: Stichwort Titel: Ich finde das Cover nice, so Endzeitstimmung, aber in schön. Mir fällt aber auch niemand ein, der Tillmans jemals blöd gefunden hätte, inklusive mir. Der Titel passt dazu, vergangenes verblichen, Zukunft offen, was kommt am Horizont?
Natürlich spex.de, aber das wäre dann doch zu einfach und zu wenig romantisch für die lange Zeit als HEFT. Was denkt ihr?

Lars: Alle heulen wegen des Endes des Prints. Ich finde das – neben dem tatsächlichen Problem des Essen Bezahlens für so Trottel wie uns, die aufs “richtige” Pferd gesetzt haben – sehr rückschrittlich.
Aber nochmal kurz zum Cover: Mich erinnert es sehr an eine alte Texte zur Kunst Ausgabe zum Thema „Romantik“, auf der eine Fotografie aus dem Film “Lawrence of Arabia” zu sehen war. Einer der Angestellten muss nach jeder Klappe die Huf- und Fußabdrücke tilgen mit seinem Rechen. Perfekt um den Topos der Ausgabe zu untermalen.
Das Spex-Cover wirkt dagegen etwas furzig. Tillmans inszeniert die Zukunft als dünige, als diskursive Wüste. Das kollidiert ja mit dem Inhalt, der ja gar nicht sooo “Quo Vadis” ist, sondern hier und da sehr interessante Ein- und Ausblicke liefert.

Linus: Die allerletzte im Bahnhofsbuchhandel Köln/Deutz. Jetzt muss ich nur noch alles lesen. Melde mich im Sommer.
Ersten Kick schon mal abgeholt. Cover ist stilvoll für einen Abgang. Irgendwie schillert es auch so neon von den Farben her. Aber dennoch ein Tillmans Foto ohne Penis ist für mich immer auch bisschen verschenkt.
Editorial gefällt mir gut. Daniel Gerhardt hat das stilistisch gut im Griff in dieser Mischung aus Selbstkritik und Angriffslust. Letztere wird besonders deutlich, wenn es bei den gesammelten Beileidsschnipseln Olli Schulz für seinen Abgesang kontra gibt. Ich hasse ja bei Musikzeitschriften der Jetztzeit immer dieses Diensteifrige, diese Demut. Immer versöhnlich im Ton und immer Haltungsmäßig neutral bis unsichtbar. Außer wenn man sich mal total risikolos gegen AfD oder ähnlichen Scheiß “positioniert”. Schade für mich daher, dass das Vorwort dann in so einer Floskel endet. Statt “Der Kampf geht weiter” gibt es “Ohne die Leser wären wir gar nichts.” Das hätte ich nicht gebraucht.
Und wie gefällt euch der Einstieg? Und der bunte Abschieds-Vibe?

Lars: Wie gesagt, ich finde das Cover super schnarchig und inkonsistent. Außerdem wollte ich mit dem Tillmans Diss andeuten, dass wer über die Spex heute redet, sich anschauen muss, warum wir heute da sind, wo wir sind.
Beim Editorial fehlt mir die historische Verortung. Glaube die Spex war länger „wichtig“ als hier steht. Davon aber abgesehen, frag ich mich, ob es Sinn gemacht hätte die Fehler der Vergangenheit aufzuarbeiten. Wo ist denn da die Abrechnung mit dem eigenen Verleger Alexander Lacher? Wo ist die Kritik am – für viele – symbolischen Verkauf durch den früheren Chefredakteur Max Dax? Wo ist da die Kritik an der Absetzung des Chefredaktionsduos Wibke Wetzker und Jan Kedves – und dem Bruch mit Traditionslinien indem man jemand wie Torsten Groß eingekauft hat, der bestimmt eine astreine Type ist, aber an dem man den „Business-Move“ ja 10 km gegen Wind erkennen konnte.

Carla: Beim Vorwort gefällt mir besonders die inflationäre Verwendung des Wörtchens „geil“, das aktuell so eine subtile Aufwertung erfährt. Alle sagen „geil“, aber auf eine ehrliche Art, komplett unironisch, fast frei von jedem ehemals sexuell-obszönen Nachklang. „Geil“ ist ein wahrhaftiges Wort geworden. An dieser Stelle ist Gerhardt also sehr nah am Zahn der Zeit. An anderer Stelle weniger: Trotz richtiger Selbstkritik, dass Spex unter anderem vom Internet überrannt wurde, fragt er einen Absatz später nach einem Weg, wie Spex „das alles“ (gemeint ist Popkritik) „rübergerettet kriegt“ ins Internet. Da könnte er einen blick ins www wagen und feststellen: „das alles“ ist schon längst da.

Der Stoehrfaktor (Photo: Lars Fleischmann)

Lars: Ich wundere mich über die unterschiedliche Wahrnehmung – die Große Koaltion hat bei euch wohl Spuren hinterlassen, glaube aber, dass hat noch andere Gründe.
Für mich war die Spex vielleicht wirklich bis zum Ende eine Konstante, die etwas bedeutet hat. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und für meine Emanzipation aus den Erzählungen, die halt in einer Arbeiterfamilie vorherrschen, war die Spex maßgeblich. Die Spex, Viva 2 und die richtigen Freunde zum richtigen Zeitpunkt. Das war jeweils die richtige Mischung aus Punk und Adorno. Und ich bin diesbezüglich gar nicht sentimental, aber trotzdem richte ich stets meinen Blick dorthin, wie Sauron nach dem Ring. Mit so einem Verlangen, dass es geil (wär, wenn die Spex wieder geil wär. Wurde sie halt nicht mehr. Welche “Bedeutung” hatte die Spex denn für euch? Da kann man ja mal (bei einer letzten Ausgabe) anpacken; ganz nach dem Motto: Wo stehst du Kollegin?

Carla: Ich fand Spex wahrscheinlich mit 18 cool, bevor ich nach Köln kam. Ich hab sie mir manchmal gekauft, versucht zu lesen, so getan als könnte ich “das alles” nachvollziehen und war dann heimlich froh, dass ich mich mit niemandem aus der Raucherecke eines Gymnasiums in einem Arbeitervorort im Ruhrgebiet wirklich über die Zeitschrift unterhalten musste, die da dekorativ aus meinem Dakine lugte. Abgrenzung (oder wie Lars sagt: Emanzipation) leicht gemacht. Dazu kamen ein paar Selbstzweifel und die leise Ahnung, dass irgendwas nicht so ganz stimmte. Mit dem Älterwerden hab ich dann realisiert, dass eine „Emanzipation“ hinein in selbstgefällige, nach außen hin abgeriegelte Diskursführung wie in einem musikwissenschaftlichen Seminar sowohl in einem musikwissenschaftlichen Seminar als auch in der Spex nicht mein Ding ist. Trotzdem hab ich sie zwischendurch gelesen, fand einzelne Texte gut und hab sie die ganze Zeit gutwillig behandelt, ein bisschen so wie einen Streber, der manchmal nervt, aber kein Arschloch ist; den man gut ignorieren kann und bei dem man weiß, dass er in der Klasse irgendwie zu den Guten gehört.
Die Relevanz eines emotional aufgeladenen (und ein bisschen altväterlich wirkenden) Politikums, wie bei dir, Lars, hatte sie für mich also nie. Und wenn man dem Editorial doch ein bisschen Glauben schenkt, habe ich zur Blütezeit ja eh noch nicht existiert beziehungsweise allerhöchstens Bravo gelesen.
Wenn ich noch einen aktuellen Vergleich bemühen müsste, dann würde ich sagen, dass ich zur Spex stehe wie zu tiny houses – bestimmt superschlau, aber nie so ganz verstanden. P.S.: Groko? lol

Die letzten Papiertiger (Photo: Lars Fleischmann)

Linus: “Mit dem Ende der Ära Dath” war die relevante Spex aber eben wirtschaftlich sturmreif geschossen und konnte von Burger King übernommen werden. Ich hasse persönlich auch dieses ökonomische Narrativ, das alle inhaltlichen Zugeständnisse und Zumutungen mit der Wirtschaftlichkeit entschuldigen kann.
Aus dem Grund (same story different company) habe ich seinerzeit Intro verlassen. Kein Bock mehr auf die Ökonomie in Musikzeitschriften. Nichtsdestotrotz greift es aber doch zu kurz, ein Projekt nur an den Phasen zu messen (beziehungsweise abzukulten), die wirtschaftlich in eine Sackgasse führten.

Lars: Hier kultet ja keiner. Das war eine Analyse mit persönlicher Note.
Aber kommen wir doch mal zur Wirtschaftlichkeit: Was hier (wie auch in den anderen letzten Ausgaben der anderen beendeten Magazine) meines Erachtens beeindruckend nervt sind diese Werbungen a la “Danke Spex. Geile Zusammenarbeit. Lieben euch immernoch”.
Investigativjournos würde jetzt nachschauen, wer von denen Anzeigen geschaltet hat in den letzten Jahren – wir sind hier aber nicht beim Spiegel. Ich finde aber, dass es vor allen Dingen eins vor Augen führt, nämlich dass das Verhältnis von Popjournalismus zur Anzeige eben jenem eines Clubs zum Bier gleicht: Der Primat des eigentlichen Auftrags wird verschoben. Die “finanzielle Unterstützung” wird zur Hauptaufgabe. Hier wird dann auch immer mit Narrativen gearbeitet, die dieses Missverhältnis erklären wollen. Damals am Anfang dieses Milleniums waren es die Raubkopierer, mittlerweile die Unlust der Leute für Inhalte zu zahlen.
Für mich ergibt sich da eine Frage: Wäre es denn angebracht, dass man so etwas wie die Spex staatlich fördert? Ist (Pop-)Journalismus förderungswürdig?

Carla: Wie gesagt, ich glaube nicht, dass es an den Inhalten liegt, weder im Popjournalismus, noch beim Feuilleton, im Sport- oder Wirtschaftsjournalismus. Die Inhalte erreichen heute halt mehr Leute, wenn sie Online stattfinden. Und ich glaube, dass diese Leute für qualitativ guten (Pop)journalismus gerne zahlen, Stichwort Paywall oder Pay-wahl wie bei der taz. Jede andere Art, Journalismus finanziell am Leben zu halten ist wahrscheinlich eh problematisch, ob subventioniert oder privat. Das führt hier aber wahrscheinlich auch zu weit.

Lars: Welche Artikel gefallen euch denn am besten in der Ausgabe?

Fatma Morgana (Photo: Lars Fleischmann)

Carla: Mein Lieblingstext ist bisher der von Anja Rützel, der genau das Thema anpackt. Und die Kolumne von Fatma Aydemir. Bei beiden Texten gedacht: Wäre so nice, wenn man die teilen könnte.

Thomas: Dank meiner fiebrigen Grippe bin ich hier ja leider zu spät zum ernsthaft mitdiskutieren gekommen, aber hier möchte ich kurz doch was einwerfen: Der Artikel von Clara Drechsler war super, eh alles von Clara immer und auf ewig. Und der kurze Text von Kerstin Grether zu Maxim Biller/Rainald Götz. Beides einfach brilliante Autorinnen mit eigener Position.

Linus: Es gibt diesen sagenhaft hellsichtigen Text von Tom Holert darin über Musikkritik. Der befeuert mich sehr. Im Kontrast zu diesem fiktionalen Moment, wie Popjournalismus sein könnte, um Relevanz zu haben, steht also die reale Entsprechung in Form des Talks von Diederichsen mit den Zitronen. Klar, Realität verliert immer gegen die Utopie, aber dieses Gespräch ist für mich das Sinnbild, warum die Zeit der Spex vorbei ist. Nicht dass da schlechte oder gar dumme Sachen geredet würden. Aber wer spricht da über was und wie? Da wird es ja schon für die hängengebliebene In-Crowd, also uns, schwer. Das sagt mir nichts mehr über Pop und mein Leben, das ist routiniert widerständiger Subkultur-Alltag. Respekt vor den (sehr unterschiedlichen) Lebensleistungen. Aber mehr ist nicht drin für mich.

Pop-Kritik als Intervention (Photo: Lars Fleischmann)

Lars: Der Holert-Artikel ist auch für mich das Highlight; der mir persönlich, privat und professionell, am meisten gegeben hat. Da gab es vor paar Jahren auch eine Kolumne von Klaus Walter zum Thema Krautrock und Re-Issues, da war das ähnlich. Und dafür steht Spex dann für mich eigentlich. Hier wurde man dran erinnert, warum man den Weg einschlug, den man nun halt eingeschlagen hatte.

Carla: BBin bezüglich des Interviews komplett deiner Meinung, Linus. Ich habe es ernsthaft versucht, aber einfach als lebensfremdes Rumzwirbeln und Um-Sich-Selbst-Gekreise von verkopften Argumenten und Referenzen gelesen, die einen dumm und unabgeholt zurücklassen wollen. Außerdem schade, dass Mense Reents nur einmal ganz kurz was sagt, aber vielleicht ist er auch direkt zu Beginn ausgestiegen, wäre verständlich.
Ich korrigiere: Er sagt zwei Mal was. Das zweite mal sagt er, dass die Spex-Redakteure wie eine zerstrittene große Band wirkten. Darunter kann ich mir sogar was vorstellen!

Lars: Die “Bye Spex” im hinteren Teil mit alten Rezensionen (also der Blick zurück) zeigt, wo man noch relevant war. Das sieht man schon bei den Covern: Ab wann hat man “szenetypisch” auch mal sein Magazin-Cover zum Erwerb angeboten hat?
Wenn ich mir anschaue, was über die L´Age Dór und Lado-Accounts auf Facebook gerade an alten Ausschnitten hochgeladen werrden, oder was alte Spex-Recken wie Olaf Karnik bis Wolfgang Frömberg gepostet haben, als die Beerdigung angesetzt wurde, dann kann man einfach sagen: Die Spex war so lange relevant, wie sie in Köln war. Ich würde persönlich sagen “bis zum Ende von Dath”, aber da lasse ich andere Meinungen gelten.
‚War mit dem Standort Köln noch die alte BRD-Peripherie auch immer Ort der Diskussion, verkommt doch schon beim Duktus der Berlin-Jahre alles zur zentralistischen Geschmacks- und Diskursinstitution. Das Magazin verkam zum Entwicklungsministerium der Popmusik. In der Nische vielleicht interessant, aber ganz sicher satuiert, außerhalb davon täglich an Bedeutung verlierend. Dabei wäre gerade die Aufgabe nach 2005 gewesen nicht etwa Berlin nach Kassel zu bringen, sondern einen Gegenpol zum Berlin-Drain zu liefern. Und nicht dieser Berliner-Republik-Diskurs-Bums, der so macht als würde das Wohl der (deutschen) (Pop-)Kultur in der Paris Bar oder im Grill Royal entschieden. Bin in Laberlaune …

Historische Unterbrechung der Diskussionsrunde.
Der absoluten Spex-Einstellung folgte die News, dass es online weitergeht – seit dem 1.2. ist die neue Seite mit Abomodell frei geschaltet. Am Tag zuvor teilte der (schon wieder) neue Chefredakteur Dennis Pohl sein dazu sein Vorwort mit uns. Es trägt die Headline „Fickt das System!“ und zeigt sich angriffslustig:

„Wir haben es uns zum Ziel gemacht, ein System der Mittelmäßigkeit beherzt anzugreifen. Um einen Vorschlag zu formulieren, wie guter Pop-Journalismus im Netz aussehen kann, ohne sich dessen vermeintlichen Regeln zu beugen.“
Komplettes Vorwort gibt es hier.

Lars: Und schon wieder eine Verortung, die auch nur aufbereitet. Auch schön zu sehen, wenn man die Impressen miteinander vergleicht: Wo streicht man sowas halt zusammen? Macht sich der Herr Lacher halt auch einfach. Gibt’s eigentlich noch Redaktionsräume?

Carla: Ich find es toll, dass es den Online-Auftritt jetzt endlich gibt, verstehe aber immer noch nicht, warum dazu so viel “Mut” gebraucht wird, wie Pohl im Editorial schreibt. Diese pauschale Verurteilung des Internets als vergifteten Raum, ausgeliefert den Algorithmen und bösen IT-Riesen… naja. Ein bisschen pathetisch also, der Aufbruch ins große world wide web. Aber bisschen Pathos schadet ja auch erstmal nicht. Ich werde mir jedenfalls direkt 1 halbjähriges Online-Abo gönnen und Spex so regelmäßig lesen wie nie zuvor.
Die Seite an sich find ich mit Ausnahme der “Text”-Rubrik klar und unkompliziert. Bisschen funny, dass man letztere nach sechs Kategorien filtern kann, wovon drei “beliebte Beiträge”, “am beliebtesten”, “7 Tage beliebt” sind. Popdiskursinterne “gated communities des Geschmacks” sind dann also schon total okay.

Lars: Ich glaube die haben die Suchfunktion von pornhub übernommen. Hauptsache „beliebt“. Wie geil wär ne Kategorie “unbeliebt, aber gut”.

Carla: Oder “Keine Liste, aber trotzdem sexy zu lesen”. “Long reads for lovers”.

Lars: „Viele Bilder, wenig Text”.

Linus: Sorry, kleiner Columbo meinerseits. Muss noch mal rein: Meine letzte Aussage beruhte auf der Annahme, dass Spex mit der Hefteinstellung jetzt endlich frei wäre von dem Joch des Verlegers und die Redaktion sich nun endlich selbstausbeuten könne – ohne dass jemand da noch ökonomisch die Fäden zieht. Jetzt aber erfahren, das Ding ist immer noch nicht frei und der Print-Chefred hat das Online-Projekt Spex gar nicht mehr mitgetragen?
Nee, dann will ich ein anderes Fazit. Das muss lauten: “Es gibt kaum was zu verdienen, dann machen wir es doch wenigstens selbst!”

Carla: Vielleicht schreibt jeder noch ein Fazit in einem Satz? Meins wäre: “spex.de jetzt schon auf Platz 2 der Vorschläge in meiner Suchleiste, wenn ich ‚s‘ tippe.”

Lars: Kein Bock auf Fazit. Habe hier soviel böses Blut geschürt, dass ich eh beim Reeperbahn angespuckt werde. Kurz nochmal zur Seite: Jetzt ist das alles angelaufen und man kann sich schonmal anschauen in welche Richtung es geht, und wer sich vor und was sich hinter der Bezahlschranke abspielt.

Linus: Habe das letzte Heft jetzt laminiert (#Sammlerwert) und endlich mal in das Webcomeback reingesneakt… Bin irgendwie gerührt, wie sich auf verlorenem Posten (Spex, diskursiver Musikjournalisums) noch so reingehängt wird. Da sind echt paar gute Sachen dabei jetzt bei spex.de. Besonders aufgefallen ist mir das mit den Uppern und Downern von Kristoffer Cornills. Also ein Text, der ganz weit weg stattfindet von jedweder Produktbezogenheit.

Lars: Kristoffers Text ist tatsächlich ein Highlight. Auch bei Groove rödelt der ordentlich einen ab – obwohl er dort nach Jahren als Onliner auch hätte in den Ruhestand gehen können. Ist halt einer der Besten derzeit. Da finde ich gut, dass man sich solch talentierte Leute sichern konnte.
Andererseits sind da jetzt auch ein, zwei Artikel dabei, die nicht mehr als ein Feigenblatt sein dürften. Da ärgert man sich ja schon, obwohl das Abo bezahlbar ist, da sowas zu finden … bin unentschlossen.

Linus: Gerade wegen so guter Storys sollte man von patreon-finanzierten Podcastern lernen und als abo-only Content nur besondere Gespräche (Interviews, Talks in der Redaktion) anbieten. Für den regulären Text-Betrieb aber diese Bezahlschranke einreißen. Die steht der eigenen Verbreitung einfach zu sehr im Weg. Das Soli-Abo würden die Fans auch für weniger abschließen. Meine Meinung. Wem die nicht passt, kann ja weiterhin Lars auf der Straße anspucken.

Verlagssitz
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Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
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