Boris Dlugosch im Interview mit Lars Fleischmann & Thomas Venker über den legendären Hamburger Club FRONT

Boris Dlugosch: „Auf der Tanzfläche, mit 17, denkt man nicht daran, dass dies irgendwann Geschichte wird.“

Frankie Knuckles & Boris Dlugosch


Das letzte Mal habe ich Boris Dlugosch im Hamburger Club Golem am DJ-Pult gesehen. Während oben die Haute-Volee der Elbmetropole Cocktails schlürfte und dabei rausgeputzt cool aussah, locker schnackte und sich ihrer eigenen Relevanz versicherte, ging es im Keller hinter der Bücherwand heiß her. Dlugosch legte an dem Abend mit Kaput-Haus-und-Hof-Fotographin Katja Ruge bacchantisch Tanzmusik auf. Egal ob House, Bastard-Pop oder Disco: Hier ging es um Hits und schwitzende Körper. Männergruppen, oben ohne, bahnten sich im Polonaise-Style den Weg durch den Keller, der etwas von Unterseebot hatte, während die spärliche Beleuchtung sich sanft auf den feuchten Torsos spiegelte. Statt Cocktails wurde hier gebechert, was gerade rumstand und selbst im hauseigenen Kinosaal, gleich nebenan wippten die kauenden Kiefer auf ihren Sesseln auf und ab. Mein Begleiter: „Die wollen es wissen“. Ich: „Und wie.“

Wahrscheinlich nicht der letzte Abend an dem ich Spaß hatte, aber doch fraß sich die Erinnerung ein an eine Art von Feiern, die fernab von jeglichen Coolness-Dogmen war und bei der der Fun im Vordergrund stand. Das ist die gute alte Schule, anders kann man es nicht nennen. Das ist DJing aus einer Zeit, die sich nicht um Discogs-Hot-Shit scherte, sondern als man locker-flockig Highlight an Highlight reihte bis das Exstase-Level auf 11 stand. Enthemmung garantiert – so soll Club doch sein.
Klar: Boris Dlugosch macht das alles auch schon länger. Die Karriere des Ü50-igers begann in den Achtzigern. Wo genau, das wissen die meisten erst seit etwa zwei Jahren, als auf dem Frankfurter Label Running Back eine Compilation, ja ein Master-Mix, rauskam, für den sich Dlugosch mit dem heutigen Creative Director und damaligen Resident-DJ-Kollegen Klaus Stockhausen durch die Geschichte eines Clubs mixte, der außerhalb Hamburgs fast vergessen schien: Das FRONT.

Der Club eröffnete 1983 im Keller eines historischen Kontors, das im zweiten Weltkrieg nicht nur als Reichsnährstand herhalten musste, sondern danach auch etlichen Tanzlokalen Heimat bot: Cotton Club, Danny’s Pan, you name it. Dann übernahmen Willi Prange und sein Partner Phillip Clarke den Schuppen und prägten, was wir heute als Club-Erlebnis kennen: Relativ rohe Einrichtung, fette Anlage, verraucht und vernebelt, feuchtfröhlich und polytoxikoman. Außerdem, und bis dahin unbekannt, war das FRONT ein Zufluchtsort für die Schwulenszene Hamburgs – was heute im Berghain Sonntags gefeiert wird, wurde dort erfunden. Da es so eine Sache mit den Legenden ist, wollten wir Dlugosch, der kaum volljährig zum Resident-DJ aufstieg, mal persönlich fragen, wie es damals war im FRONT.

Thomas Venker: Ist es für dich seltsam nach so vielen Jahren zurückzublicken? Also einen Blick auf Dinge und Momente zu werfen, die drei Jahrzehnte zurückliegen? Auf einen Ort, der in der Zwischenzeit ja auch eine historische Qualität entwickelt hat, was man während einer Party im FRONT sicherlich nie gedacht hätte?


Boris Dlugosch: Genau: Auf der Tanzfläche, mit 17, denkt man nicht daran, dass dies irgendwann Geschichte wird. Erst viel später reflektierte man mal und dachte dann: „Es wird wahrscheinlich nicht mehr besser!“ 
Jeder Samstag im FRONT war das Beste, was ich je gesehen habe. Daran denkt man schon zurück; vor allen Dingen heute – und in dieser besonderen Situation mit geschlossenen Clubs. Die Gäste, das Personal, die Musik, die Anlage – eine Einheit. Das bleibt einzigartig.

Lars Fleischmann: Gab es denn vorher für dich überhaupt ein Club-Erlebnis? Das FRONT wirkt ja mit dem historischen Abstand wie eine Zeitenwende – vorher ging man in Diskos, dann in Clubs.

Boris: Ich war vorher schon in Clubs gewesen. In Hamburg gab es das Trinity. Das war eher eine (Großraum-)Diskothek und zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr angesagt. Außerdem war ich auch im Third World gewesen, ein Laden, der vor allen Dingen von Schwarzen frequentiert wurde. Da lief vornehmlich klassischer Funk. Das war in dem Sinne ein Club, dass es ein kleiner Raum mit niedrigen Decken und wenig Licht war. Lustigerweise haben sich da aber die Leute aufgebrezelt als würden sie in eine „Disse“ gehen. Im FRONT hingegen war das Erlebnis schon durch den Style ein ganz anderer. Da hieß es Jeans, T-Shirt, oder am besten Lederunterhose und oben ohne.

Boris Dlugosch & Klaus Stockhausen (Photo: Katja Ruge)

Thomas: Du hast eben von der „Einheit“ geredet. Man stellt sich darunter Menschen frei von Hierarchie vor. Hat man das damals direkt wahrgenommen, dass der Mix des Publikums ein ganz anderer war? Ich frage auch, weil das FRONT ja auch als Schwulen-Laden bekannt wurde; und viele Läden für die LGBTQ-Community ja auf Outing und Commitment basieren.

Boris: Absolut. Der Freund mit dem ich das erste Mal da war, der war schwul. Der war da schon Stammgast und hat dann irgendwann auch an der Garderobe oder der Kasse gearbeitet. Über den bin ich reingekommen – ich war ja noch zu jung und minderjährig. Ich sah obendrauf noch jünger aus als ich eh war und hätte wahrscheinlich echte Schwierigkeiten gehabt reinzukommen.
Die Jungs und Mädels aus meiner Klasse erzählten von Mofa-Fahrten zur „Disse“ und Schlägereien auf dem Weg zur Party. Im FRONT hieß es hingegen PEACE und LOVE. Alle haben sich in den Arm genommen, man tanzte mit jedem: Männer, Frauen, das war alles egal. Das war ein echtes Familiending. Dieses familiäre Gefühl ging soweit, dass wir an Heiligabend stets eine große Tafel aufgebaut haben und ein Dinner mit allen Angestellten und DJs veranstaltet haben.

Lars: Wie waren die Tage eigentlich aufgebaut. Der Laden hatte ja nur Freitag und Samstag auf.

Boris: Der Freitag war ein wenig das Stiefkind, Samstags lief es ohnehin; Freitags versuchte man alle möglichen Konzepte. Eine Erfahrung, die man ja auch heute noch machen kann in Clubs. Die Zeit, in der ich dort arbeitete, war der Freitag dann generell nur für Männer. Aber es gab auch noch den Mittwoch muss man dazu sagen, das war der „Cowboy-Stiefel“-Tag. Da durften alle rein. Freitag dann „Men only“ und Samstag DER Abend. 
Wie es bei Clubs normal ist, hatte das FRONT irgendwann Probleme den Laden an allen Tagen vollzukriegen. Eine Zeitlang blieb dann der Freitag auch wieder zu …

Thomas: Mich interessiert die Verlaufsgeschichte. Viele Club-Geschichten handeln von Auf-und-Ab-Bewegungen …

Boris: Es gibt da für mich erstmal die persönliche Geschichte. ’85/’86 war ich bloß Gast, war aber jedes Wochenende da. Zum Ende des Jahres ’86 begann ich dann dort aufzulegen. Es folgten tolle Jahre. 
Dann grassierte AIDS – Ende der Achtziger waren dann immer mehr Leute auch im FRONT davon betroffen. Gleichzeitig gab es eine Entwicklung auf dem Kiez. Der Kiez lebte bis dahin von den Bordellen und dem Gewerbe; die hatten in der Folge auch erhebliche Einbrüche gehabt. Bordelle schloßen und in den freiwerdenden Läden öffneten Clubs. Also das heute nahezu alle Clubs auf dem Kiez sind, das hat da seinen Ursprung. 
Diese Entwicklung bildete sich dann auch im FRONT ab, das verlor an Relevanz und alle Leute gingen auf dem Kiez von einem Laden zum nächsten. Und die Lage am Berliner Tor wurde für das FRONT zum Nachteil. Mit dem Hype um Techno in den Neunzigern wurde es dann ganz schlimm.

Lars: Du hast ja gerade das Thema AIDS angesprochen. Wie ging ein mehr oder weniger offen homosexueller Laden wie das FRONT damit um? Gab es eine Solidarisierungs- und Politisierungswelle?

Boris: Es fing damit an, dass wir zum World-AIDS-Day, also dem 1. Dezember, Partys gemacht haben. Aus dem Umfeld von Willi und Phillip entwickelte sich dann eine Initiative, die nannte sich „Big Spender“, die haben dann Soli-Partys und sogar eine Gala im CCH gemacht und Spenden gesammelt. Man spürte erst nach und nach wie viele davon betroffen waren, welche Leute gestorben waren – das war eine erschreckende Phase.

Thomas: Gab es denn vorher schon eine politische Weltsicht, die die Clubbesucher einte?

Boris: Es gab ein Gemeinschaftsgefühl. Man sah Leute unter der Woche, die erkannte man dann sofort. Man empfand sich als eine Gruppe von „gleichgesinnten“. Der Kern entwickelte sich zu einer „Community“, zu einem Zusammenschluss von Menschen. Das war das verbindende Moment. Aber klar, für viele Leute, auch Stammgäste, war das eigentlich egal. Denen ging es um Spaß, Musik und Drogen. Die Gemeinschaft hielt aber auch über den Laden hinaus, das zeigte sich dann als der Laden zu war und ich an anderen Orten auflegte, da kamen dann viele Leute aus der FRONT-Zeit.

Thomas: Über welchen Zeitraum reden wir da eigentlich?

Boris: Über zehn intensive Jahre. Eigentlich zwölf. Immerhin war ich ja auch vorher schon da. Zwölf Jahre jedes Wochenende an einem Ort. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.

Thomas: Wer weiß. Durch bestimmte Bedingungen, die Corona mit sich bringt, könnte es dazu kommen, dass sich Läden und Szenen wieder auf ihre Resident-DJs konzentrieren müssen. Was glaubst du denn, als jemand der nach dem FRONT auch eine internationale Karriere eingeschlagen hat: lässt sich die Internationalisierung des „DJ-Marktes“ überhaupt zurückschrauben?

Boris: Für mich als jemand, der bis heute sehr von der Zeit als Resident-DJ zehrt, war es sowieso immer unverständlich, wie es sich so entwickeln konnte. In der Anfangszeit kamen Leute nach Nächten im FRONT zu mir und luden mich dann ein, in ihrer Stadt zu spielen. München war, glaub ich, der erste Gig außerhalb Hamburgs. Ich kam dann da an mit den Platten, die am Wochenende vorher alle Leute haben tanzen lassen, und die Münchner konnten nichts mit meiner Musik anfangen. Die Szenen waren damals sehr unterschiedlich geprägt; die Verfügbarkeit einer Platte war teilweise auf eine Stadt begrenzt. Den „Hit“ kannte man dann gar nicht woanders. Ich fand eigentlich viel spannender, dass es regionale Unterschiede im musikalischen Interesse geben konnte.
Konkret auf heute: Diese großen Reisebewegungen hatten eigentlich auch schon vor Corona aus verschiedenen Gründen ausgedient, finde ich. Leider wurden die „Kids“ seit Jahren darauf konditioniert zu den „großen Namen zu pilgern“ – ich weiß nicht, ob man das aus denen wieder rausbekommt. Die Chance ist da, dass sich das ausschleicht.

Thomas: Es war ja auch eine Frage des Angebots. Wenn die Clubs aus epidemiologischen, ökologischen und ökonomischen Gründen ihr Programm umwerfen müssen, dann müssen sich alle wieder auf die Residents verlassen.

Boris: Ja, eben. Für mich, als jemand, der die letzten 20 Jahre auch davon gelebt hat durch die Weltgeschichte zu reisen, für den ist die Idee genauso viele Auftritte in Hamburg zu spielen natürlich interessant und verlockend. Aber dafür ist dann wiederum eine Stadt wie Hamburg zu klein. Das wird schwierig, das muss man ja auch sehen.
Das ist aber alles Spekulation. Wichtig wäre, dass man überhaupt wieder richtig feiern kann. Mein Freund Gerd Janson hat vor einiger Zeit in Münster gespielt, das war eine der ersten Partys, die wieder stattgefunden haben. Das Booking gab es schon vor Corona und die Veranstalter hatten verzweifelt versucht, die Party durchzuziehen. Die Tickets haben 70€ gekostet und es wurden nur ein paar Leute reingelassen. Die wollten gar kein Geld verdienen, die hatte sich anscheinend sehr auf die Party gefreut. Ich hörte aber, dass es leider nicht ganz funktioniert hat. „Das fühlt sich an, als wenn die Party gerade startet, und es tanzen Leute und man wartet darauf, dass mehr kommen und man richtig loslegen kann. Die kommen aber nicht“; so ungefähr wurde es mir beschrieben.

Lars: Du hast ja gerade gesagt, dass du ja auch jahrelang Teil dieser „Welt“ warst. Wann ging das eigentlich los? Hatte daran das Label „Resident-DJ aus dem FRONT“ überhaupt noch Anteil? So wie das heute etwa mit dem Berghain oder auch dem Pudel funktioniert.

Boris: 1995 war das noch anders. Das hatte gar nichts mit dem Club zu tun, sondern mit meiner Platte „Keep Pushing“ auf MAW Records. Die wurde dann überall gespielt und ging in Italien auf Platz 4 in die Charts. Das FRONT kannten außerhalb von Hamburg die wenigsten. Damals sprachen sich Clubs kaum rum. Das Interesse am FRONT ist tatsächlich erst vor zwei Jahren wieder aufgebrandet als ich mit Klaus Stockhausen die Compilation zusammengestellt habe. Lustigerweise kommt das Interesse am Club jetzt von Leuten, die rare Platten auf Festivals wie dem Dekmantel spielen. Diese Platten liefen aber gar nicht im FRONT, weil wir die damals nicht stark genug fanden.

Lars: Gab es denn da auch regionale Unterschiede?

Boris: Es gab die drei Städte: Berlin, Frankfurt, München – in der Reihenfolge. Die DJs wurden auch in andere Städte gebucht, aber Hamburg und Köln fielen dahinter ab. Wobei ich gute Kontakte nach Köln gepflegt hatte, zu Hans Nieswandt und Eric D Clark (von Whirlpool Productions). Darüber gab es dann auch eine Connection zu dem Club Neuschwanstein, wo ich dann später einmal im Monat auflegte. Dieser gute Draht basierte aber auf persönlichen Beziehungen zu anderen Künstlern und Bookern. Das gleiche hatte ich mit Bremen; das haben heute viele Leute vergessen, aber in der Stadt ging damals auch recht viel.

Thomas: Ich komme nochmal zurück auf deine Aussage, dass ihr damals Platten „nicht stark genug“ fandet. Heißt das, das ihr im Umkehrschluss vor allen Dingen Hits gespielt habt?

Boris: So würde ich das nicht sagen. Wir haben vor allen Dingen Platten gespielt, die im FRONT funktioniert haben. Das hatte recht wenig mit irgendwelchen obskuren Funden zu tun.

Thomas: Hat man sich damals weniger Gedanken über „Coolness“, über „Credibility“ gemacht? Heute scheint die soziale Kontrolle schon recht rigide, so dass man als DJ gezwungen ist Montags im Netz zu checken, was die anderen Djs Wochenende gespielt haben.

Boris: Ich glaube, dass „Boiler Room“ etwas gemacht hat mit der Szene. Ich persönlich wundere mich häufig, dass bestimmte Sets abgefeiert und als genial verkauft werden. Für mich ist das meist mit angezogener Handbremse gespielt. 
Man darf nicht vergessen, dass die Bedingungen für DJs früher gänzlich andere waren: Ich bin in den Plattenladen gegangen und da gab es die Platten, die der Besitzer vorher eingekauft hatte. Der Einfluss als Kunde war mäßig; vor allen Dingen, wenn man bedenkt, dass die Händler selbst Platten eingekauft haben, die ihnen der Großhändler (zum Beispiel Discomania) am Telefon vorgespielt hat. Es gab manchmal ein Fax, da standen dann Namen drauf, an denen konnte man sich orientieren. Wobei es auch einem Glücksspiel glich, wenn man hoffen musste, dass die neue Strictly Rhythm genau so gut war wie die letzte. Meistens wussten wir gar nicht, wer die Platte, die wir aus irgendwelchen Gründen gekauft haben, ausser uns noch spielen würde. Dadurch haben wir uns weniger Gedanken gemacht, ob das jetzt jemand „cool“ findet, was wir spielen.

Lars: Würdest du denn sagen, dass es euch um was anderes ging?

Boris: Es ging vielmehr um Intuition, was aber auch die Vorfreude extrem vergrößerte. Ich erinnere mich an Platten, die ich im Laden angehört hatte und schon wusste, dass die am Wochenende die Menschen zum Ausrasten bringen wird. Und dann habe ich die Samstags gleich dreimal gespielt und die Leute sind dreimal ausgerastet. 
Im FRONT wurde generell viel geschrien; wenn man das mit einer Kuhglocke hinbekam, die man vorher selbst schon abgefeiert hatte, dann war das … einfach schön!

Lars: Heutzutage werden Clubs ja auch vom Visuellen gedacht. Wie war das eigentlich im FRONT? Bei Wikipedia wird etwa auf 30 Monitore verwiesen, auf denen Schwulen-Pornos liefen; war das überhaupt so?

Boris: Diese Monitore gab es mal irgendwann, aber die standen da nicht durchgehend. Man muss dazu sagen: Es gab im FRONT Motto-Partys; heute total verpönt. Damals waren es schräge Mottos wie „Putzfrau“ oder „DDR“; da gab es dann einen „Grenzer“ an der Tür und alle Leute verkleideten sich als „Ossis“. Es gab auch mal die „Krypta“, dafür hatten wir den Eingang anders gelegt und drinnen glimmte der Weirauch, während Willi als Papst rumlief. Für so eine Motto-Party hatte jemand diese Monitore angeschleppt.
Aber Schwulen-Pornos haben da nicht das Bild geprägt, nein. Dafür gab es da genug anderes zu sehen: SM-Pärchen, Männer in Chaps mit freiem Arsch, ihrem Partner an der Hundeleine. Was so einen Laden aber ausmacht, kann man schwer beschreiben. Das ist ja meistens gar nicht „von oben“ geregelt, sondern ergibt sich.

Lars: Wenn man sowas hört, dann frage ich mich schon, ob für dich dann die heutige Partylandschaft überhaupt noch interessant ist. Der Professionalisierungsgrad lässt ja eben Motto-Partys oder ähnliche Anarcho-Momente kaum noch zu.

Boris: Ich habe mir diese Frage schon häufiger gestellt: Empfinde nur ich das so, dass es „langweiliger“ geworden ist oder sehen das auch andere. Die Generation meiner Tochter, die kennt es ja gar nicht anders. Ehrlich gesagt habe ich sie aber auch noch nie gefragt, ob sie überhaupt Spaß daran hat, wie es heute ist. Ich habe das Gefühl, dass dieses Kribbeln im Bauch, das ich empfand, wenn ich in der Woche an das FRONT dachte, dass es das so nicht mehr gibt.
Man muss sich das mal vorstellen: Wir DJs waren ja hinter Scheiben versteckt, man sah uns gar nicht richtig. Das ist ja heute anders, das alles auf den DJ hin ausgerichtet ist. Dafür glänzte dann das Theken-Personal. Die zogen ihre Show ab, machten das Licht aus und bedienten einfach mal eine halbe Stunde keinen. Das gibt es so wahrscheinlich nicht mehr.

Lars: Du hast also seitdem nichts vergleichbares mehr erlebt?

Boris: Nun ja, es gab in den letzten Jahren immer mal wieder Clubs in Hamburg, wo man echt gute Abende hatte. Im Golem war es immer schön, im Pudel auch. Aber diese Mischung an Leuten, die man im FRONT fand, die gibt es so nicht mehr. 
Obwohl – doch! In der Panorama Bar und im Berghain; das muss man schon sagen. Da hatte ich schon ein ähnliches Gefühl. Gleichzeitig denkt man manchmal, dass das eine aufgesetzte „Andersheit“ ist, die da gepflegt wird von manchen Leuten. Aber … ich weiß es nicht, das ist auch bloß eine Vermutung. Die Sonntag Nachmittage, die ich in der Panorama Bar hatte, die waren dem FRONT so nah wie nirgends anders.

Thomas: Du hast ja eben beschrieben, dass DJs nun Platten auflegen, die aus dem FRONT stammen, aber irgendwie auch nicht. Gab es denn seitdem die Compilation rausgekommen ist auch Leute, die dich darauf angesprochen haben.

Boris: Lustigerweise habe ich vor ein paar Wochen Jörn-Elling Wuttke (von Sensorama und Alter Ego) angeschrieben, weil er eine Platte gepostet hatte, die es noch nicht zum Kaufen gab. Ich hatte ihn aber persönlich noch nie getroffen. Er erzählte dann die Geschichte, wie er Anfang der Neunziger im Delirium Plattenladen in Frankfurt gearbeitet hat und Ata (der damalige Besitzer vom Delirium) nach Feierabend meinte: „Lass mal nach Hamburg. Wir fahren jetzt in’s FRONT.“ Und dann fuhren sie spontan von Frankfurt nach Hamburg. Und er wusste noch, dass er es sehr gut fand. Mich hat das gefreut. Ich schätze seine Musik ja schon lange und er bestätigte dann den Eindruck, den man selbst hatte: Das war richtig gut.

Thomas: Und gibt es „die eine Nacht“?

Boris: Wir haben über die Jahre hinweg nur ein paar Bookings gemacht, also dass man einen DJ von außerhalb einlud. Unser erster Gast war unser aller Hero: Frankie Knuckles. Wir waren alle sehr aufgeregt, weil das halt ein Star war. Da kam dann vorher ein Rider – auch so eine Sache, mit der man vorher nie was zu tun hatte. Wir versuchten dann ganz akribisch alle Punkte auf dem Rider zu erfüllen: Whisky, Handtücher etc.. Wir wollten, dass er sich wohl fühlt, also haben wir Handtücher mit seinen Initialen besticken lassen; und Frankie war auch gerührt. Er war eh ein ganz lieber, süßer Mensch. Wir mussten für ihn aber die Scheiben aus der DJ-Kanzel rausnehmen. Diese Idee, dass man als DJ nicht gesehen wird, das war auch für ihn zu seltsam. Und wir mussten – dem Rider folgend – noch Technics 1210er Plattenspieler besorgen, weil wir alte Thorens Direct Drives hatten. Er kam rein, sah unsere Plattenspieler und war total begeistert: „Ich will nicht diese Technics-Turntables.“ Für die DJs, die schon ein paar Jahre auf den Buckel hatten, waren das die echten und die Technics halt Plastik-Dinger. Da war das Eis gebrochen. Wir waren vorher Essen, die Connection kam da über die persönliche Ebene – wie so häufig im FRONT.

 

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