Christiane Rösinger im Gespräch

Christiane Rösinger: „Mir ist ein ausverkauftes Haus mit glücklichen Leuten lieber als eine positive Kritik“

„Planet Egalia“ (Photo: Dorothea Tuch)


Fast auf den Tag genau fünf Jahre sind vergangen, seit kaput zuletzt mit Christiane Rösinger sprach: Damals ging es natürlich um Rösingers zweites Soloalbum „Lieder Ohne Leiden“, mit dem sie uns einmal mehr großartige Songs wie „Eigentumswohnung“ oder „Joy Of Ageing“ schenkte. Seit 2017 hat Christiane außer Musik noch sehr viele andere Dinge gemacht: Ein Buch über ihre Arbeit als Deutschlehrerin für Geflüchtete veröffentlicht beispielsweise, eine Rolle im „Tatort“ gespielt, sie tourte mit Stefanie Sargnagel und Denice Bourbon als „Legends Of Entertainment“, und führte mit großem Erfolg zwei Stücke am Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU) auf, von denen das jüngste, „Planet Egalia. Ein feministisches Singspiel“ im November 2021 für Furore sorgte. Das Stück basiert auf dem 1980 erschienenen Roman „Die Töchter Egalias“ der norwegischen Autorin Gerd Brantenberg, in dem die herrschenden Geschlechterverhältnisse umgedreht werden. Höchste Zeit für einen Update-Talk:


Christiane, was machst du gerade?

Im Moment steht die Zeit ein wenig still, ich lebe gerade ziemlich zurückgezogen. Ich kann noch nicht in meinen Garten und komme wenig raus. Zweimal die Woche arbeite ich als Deutschlehrerin, dazu kommt viel Bürokram, Mails beantworten und so weiter. Ich habe einige Baustellen und müsste eigentlich viel mehr machen. Aber ich will nicht jammern: Bei Ventil erscheint bald ein Songbook mit allen Texten, die ich für die Lassie Singers und Britta geschrieben habe. Der erste Band dieser neuen Reihe ist ein Songbook mit Texten von Carsten Friedrich, dann ich. Dafür muss ich noch die entsprechenden Texte zusammenstellen. Außerdem liegt hier ein Stapel Bücher, der gelesen werden will – aber dann gucke ich doch drei Stunden Netflix (lacht).
Die Zeit jetzt ist ein echter Kontrast zur Arbeit und Geselligkeit am Theater, da war ich mit dreißig Leuten buchstäblich Tag und Nacht zusammen.

Du sprichst von deinem Theaterstück „Planet Egalia“, das am Hebbel am Ufer aufgeführt wurde.
Wie lange hat es von der Idee bis zur Aufführung gedauert?

Das waren insgesamt zwei Jahre Arbeit. Ich hatte ja früher schon immer mal wieder was fürs Theater gemacht, also gab es schon Verbindungen. Aber zuerst muss man einen Antrag beim Hauptstadtkulturfonds stellen, dafür muss man schon viel geschrieben haben, damit klar ist, worum es überhaupt geht. Und dann kam Corona: wir haben Vorproben via Zoom gemacht, Vorträge angehört, usw. Ab Mai 2021 konnten wir – nach PCR-Tests natürlich – dann sechs Wochen proben, im Mai gab es eine „Geisterpremiere“ ohne Publikum. Die richtige Premiere war für Juni angesetzt und wurde dann abgeblasen. Im November konnte endlich die Premiere stattfinden und auch die übrigen Aufführungen. Über diese lange Zeit hat sich das Stück ziemlich verändert, aber das war gut so. Zu Beginn waren es quasi vier Romane in einem, weil ich auch Werke von Ursula K. Le Guin, Joanna Russ und Marge Piercy miteinbezogen habe. Ich habe dann gemerkt, dass das zu viel ist, dass ich straffen muss.

„Planet Egalia“ (Photo: Dorothea Tuch)

Wie bist du auf das Buch „Die Töchter Egalias“ gekommen?

Eine Freundin hatte es mir empfohlen. Ich habe es zu lesen angefangen, aber auch immer wieder beiseite gelegt. Der Roman hat immerhin 800 Seiten! Er ist inhaltlich eine direkte Spiegelung der Siebziger Jahre, vieles wirkt altbacken, aber nach einer Weile bekam ich Lust, eine Komödie daraus zu machen: Nach meinem wohnungspolitischen Musical „Stadt unter Einfluss“, das 2019 am HAU lief, nun einen feministischen Schwank. Es gab auch Stimmen, die meinten, es sei ja nicht soo originell, die Dinge einfach umzudrehen (also zum Beispiel dass die Männer auf Egalia einen „PH“/Penishalter tragen, die Carearbeit übernehmen und dem Schönheitsideal „dick“ entsprechen müssen, Anm. cm) — ich finde aber doch, das bringt’s! Es war nur klar, dass ich moderne Elemente reinbringen muss, weil „Die Töchter Egalias“ sich nur mit dem heteronormativen Mann-Frau-Ding befassen. Also habe ich die Geschichte um Science-Fiction-Utopien erweitert.

Wie sieht deine Arbeit an einem Stück genau aus?

Ich suche die Leute aus, schreibe die Texte und Songs. Ich arbeite mit einer Dramaturgin zusammen, die Vorschläge macht, ob es zum Beispiel eine Figur geben soll, die durch das ganze Stück führt. Wichtig sind natürlich auch Regie und Technik.

Wie war die Stimmung im Team? Dreißig Leute sind ja eine ganze Menge…

Wir hatten sehr viel Spaß untereinander. Obwohl oder weil „Egalia“ als feministisches Singspiel ja so ein Riesenthema aufmacht. Ich wollte mich in alle Einzelheiten einlesen, was erst zu Verzweiflung und danach zu Konzentration führte: Wir können in dem Stück nicht die Rowling- Debatte klären. Es war schon klar, dass keine Heteromänner auftreten – Heterofrauen aber schon. Es gab viele Diskussionen um Identitätsfragen und Begrifflichkeiten, wir haben auch eine Gesprächsrunde eröffnet, so nach dem Motto „Hetero-Cis-Frauen fragen, was sie noch nie zu fragen wagten“. Also einen „geschützten Raum“ für die Fragen von Hetero-Cis-Frauen sozusagen – die Debatte ist ja ein bisschen überhitzt zurzeit.

„Planet Egalia“ (Photo: Dorothea Tuch)

Wie hat sich die Arbeit am Theater bei dir selbst ausgewirkt?

Man entwickelt schon Empfindlichkeiten, jeden Tag eine andere… es ist so ein Klischee, aber man wird wirklich verletzlich und empfindsam. Während der Corona-Zeit hatte die Theater-Bubble aber auf jeden Fall ihr Gutes: Treffen mit anderen ging ja nicht, aber wenigstens konnten wir im Team nach den Proben zusammen feiern… wir waren ja eh den ganzen Tag zusammen. Das hat uns schon sehr zusammengeschweißt. Aber wir waren auch sehr glücklich, als wir endlich auf die Bühne konnten! Wir hatten ja auch so eine tolle Band mit Laura Landergott, Julie Miess, Albertine Sarges… und ich gebäre auf der Bühne, eine Transfrau leitet die Gebär-Zeremonie!

Ich habe eine Kritik gelesen, die dem Stück, vor allem dem Schluss eine gewisse Naivität attestierte – aber auch auf die große Begeisterung des Publikums abhob. Wie gehst du mit Kritik um?

Theaterkritik ist viel härter und strenger als zum Beispiel Musikkritik, die bis kurzem ja fast eine reine Buddy-Wirtschaft war. Das ist langweilig, und es ist gut, dass das vorbei ist. Von meinem vorherigen Musical „Stadt unter Einfluss“ waren ja alle schon allen wegen der Form geflasht, und weil ganz normale prekäre Leute mitgespielt haben. Es wurde mit Volkstheater und Grips-Theater verglichen – dass in „Planet Egalia“ eine Utopie entworfen wird, in der die Geschlechter und der Kapitalismus abgeschafft werden, fanden dann manche naiv. Aber wir haben nach den Auftritten so viel Zuspruch bekommen, dass ich mit Kritik gut leben kann. Vor allem gemessen am Publikumserfolg. Mir ist ein ausverkauftes Haus mit glücklichen Leuten lieber als eine positive Kritik.


Christiane, wie geht es bei dir weiter, planst du ein neues Stück? Oder womöglich eine neue Platte?

Im Juni wird es neue Aufführungen von „Stadt unter Einfluss“ geben!
Zur Musik: Ich muss nicht alle zwei Jahre eine neue Platte machen. Durch Corona ist ja alles noch sinnloser geworden. Musiker:innen verdienen nur durch Konzerte Geld, und das war in letzter Zeit nicht möglich. Kleine Szenen sind buchstäblich auseinandergefallen. Ich habe jahrzehntelang mit der Musik kein Geld verdient – also warte ich jetzt mal ab. Am Theater kann man weitermachen, so lange man Erfolg hat, und ich denke, ich muss es ausnutzen, so lange es läuft. Darüber bin ich ja sehr glücklich gerade. Es drängt mich nicht, eine neue Platte aufzunehmen, vielleicht kommt mal wieder was. In den vergangenen zwei Jahren gab es trotz Corona ja sehr viel Schönes, was mich gerettet hat: Die Theaterarbeit natürlich, ich hatte einen Auftritt auf Kampnagel in Hamburg, im Sommer 2021 gab es den Flittchensalon im SO36 mit Kutzkelina, Laura Landergott und vielen anderen. Toll war auch, dass die „Legends“, also Stefanie Sargnagel, Denice Bourbon und ich im Herbst noch eine Tour durch Österreich machen konnten – ganz knapp vor dem Lockdown. Das war wie Urlaub! Und das neue Jahr fing ja gut an mit der großen Neujahrsgala an der Volksbühne: besonders schön fand ich, dass bewährte Flittchenbar-Stammgäste wie Jens Friebe, Kutzkelina und Laura Landergott aufgetreten sind, aber auch neue Gäste wie Gigolo Tears und Fuffifuffzich.
Und für den Herbst 2023 plane ich ein neues Musical, in dem es um Klassenverhältnisse gehen wird!

„Planet Egalia“  (Photo: Dorothea Tuch)

 

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