Danielle de Picciotto & Friends in Conversation w/ Kat Menschik

Kat Menschik: „Was ich zeichne, ist nicht weich, ich habe einen harten Strich. Und wo es geht, mache ich alles bunt.“

Wenn man sich momentan in den Berliner Buchläden umschaut, kommt man nicht an der Illustratorin Kat Menschik vorbei. Es scheint, als ob die Buchhändler:innen nicht genug von Ihren leuchtenden Farben, frechen Kaligrafien und dem starken Strich bekommen können. Sie werden in den Schaufenstern an erster Stelle platziert, in großen Stapeln im Laden nochmal vorgestellt und meistens gibt es dann noch ein ganzes Regal nur mit Ihrem Namen beschriftet.

Dazu kommt, dass jedes Buch außer der schönen „Bemalung“ inhaltlich auch oberste Klasse ist. Es scheint, als ob ein wundersam bezaubernder Faden sich durch die unterschiedlichen Bücher zieht und das Verlangen alle zu besitzen vergrößert sich ins unermessliche. Nachdem ich die Werke eingehen begutachtet hatte verstand ich, dass der Galiani Verlag der Illustratorin eine ganze Serie anvertraut hatte. Was für ein Geschenkt für alle Beteiligten, vor allem dem Leser:innen!

Ich lernte Kat auf Literatur-Veranstaltungen in Berlin kennen und musste feststellen, dass Ihre Ausstrahlung ihren Zeichnungen ähnlich ist. Sie leuchtet. Es gibt selten Menschen, die man als Glückskinder bezeichnen würde. Kat aber hat diese Aura. Beim ersten Gespräch beschlich mich das Gefühl, einer frechen Astrid Lindgren Figur gegenüber zu sitzen, Ihr blonder schwingender Pferdeschwanz, die leichte Stupsnase, die blauen Augen und Sommersprossen. War sie etwa Pippi Langstrumpfs Freundin Anika? Auch die Tatsache, dass sie nicht „nur“ ununterbrochen Bücher illustriert, Kalender entwirft , Porzellan verschönert und Ihre eigene Schmuckkollektion entwirft, sondern dazu auch noch einen eigenen Garten mit vielen schönen Blumen und Gemüse bestellt, malt und verkocht erinnerte mich an die Kinderbücher.

Kat ist ein Universum. Ein Kosmos aus warmen Farben, Formen, Malstiften und Gerüchen, die Menschen verzaubern und von dem wir alle nicht genug bekommen können. Ich freue mich sehr, Kat Menschik hier vorstellen zu können.

Danielle de Picciotto: Der Galiani Verlag hat Dir eine eigene Bücherserie anvertraut. Könntest du erzählen, worum es dabei geht und wonach du die Schriftsteller:innen aussuchst?
Kat: Es ist wirklich verrückt. Ich bin Illustratorin und darf meine eigene Buchreihe herausgeben. Ich vermute, das ist weltweit nahezu einzigartig. Gemein ist allen „Lieblingsbüchern“, wie sie genannt werden, dass sie das gleiche Format besitzen. So kann man sie schön nebeneinander stellen. Außerdem wird jedes Buch mit einem dreiseitigen Farbschnitt verschönert.
Für jedes einzelne Buch wähle ich passend zum Inhalt die Materialien aus, mit denen es hergestellt wird. Das kann Leinen oder Papier sein, welches bedruckt, geprägt, mit Aufklebern beklebt oder irgendwie sonst partiell verdelt wird. In der Reihe geht es unter anderen darum, zu zeigen, was herstellerisch möglich ist. Also wie schön und wie aufwendig man Bücher gestalten kann. Bücher, die man fühlen kann. Die gut nach Papier und Farbe duften. Und deren Illustrationen im besten Fall den Geschmack der Leser treffen. Die Bücher sind alle von mir durchillustriert. Illustrierte Literatur für Erwachsene. Die Autor:innen werden immer von mir ausgewählt. Meine Lieblingsbücher eben. Autor:innen, deren Geschichten mich irgendwann einmal berührt und begleitet haben oder die ich neu entdecke und toll finde.
Dabei möchte ich inhaltlich eine möglichst große Bandbreite schaffen. Enthalten sind Klassiker wie Kafka, Shakespeare oder Poe, aber auch lebende Autoren wie Dr. Mark Benecke (Tierbuch) und Volker Kutscher (Krimis, jetzt schon der zweite). Außerdem habe ich selbst schon ein Kochbuch geschrieben, norwegische Märchen illustriert, eine Art Reisebegleiter für den hohen Kaukasus gemalt, und demnächst erscheint ein Tomatenbuch….

Gibt es eine bestimmte Art von Literatur, die dir besonders gefällt? Die dich sofort inspiriert? Eine die du gar nicht magst?
Ich liebe alle Arten von Geschichten, die mich überraschen und einsaugen, mir neue Welten eröffnen und die Fantasie beflügeln. Im besten Sinne Belletristik. Aber eigentlich keine Science Fiction. Und schon gar keine Thriller mehr. Die habe ich früher meterweise verschlungen. Ich glaube einfach, weil sie spannend waren. Aber irgendwann hat mich das ewige Morden total runtergezogen, und ich habe mir ganz bewusst vorgenommen, nie wieder blutrünstige, fiese Thriller zu lesen. Ich bin auch keine Comicleserin, auch wenn es wunderschön illustrierte Comics oder Graphic Novels gibt.

Was ist dir bei Illustration wichtig? Was suchst du in deiner Arbeit und bei anderen? Welche Illustratoren gefallen dir?
Wenn ich nicht gerade die eine oder andere Politikerin für die Zeitung (FAZ) zeichnen muss, die natürlich wiedererkennbar und sachlich dargestellt wird, versuche ich stets, mit meinen Illutrationen eine zweite Geschichte neben dem Text der Autor:in, den man ja lesen kann, zu erfinden. Ich versuche immer, nicht zu doppeltn. Also nie zu zeichnen, was schon im Text steht. Und gewissermaßen damit das ganze Buch auf eine neue Ebene zu heben, in der mehr als nur das geschriebene Wort etwas zu erzählet. Beides, Text und Bilder, sollen sich ergänzen und bereichern. Das ist mir wichtig.
Mein Strich ist immer recht wiedererkennbar, denke ich. Ich kann ihn gar nicht ändern, selbst wenn ich wollte. Mein Strich ist mein Strich, wie meine Nase oder meine Augenfarbe. Dennoch gefällt mir natürlich vieles, was Kollegen gemacht haben und machen. Dabei bin ich absolut offen für alles, was ich aufnehmen kann. Alles kann zur eigenen Inspiration werden. Oder zumindest meine Lust entfachen, sofort selbst wieder kreativ zu werden, wenn ich etwas besonders Schönes gesehen habe. Manchen Menschen geht es ja so, dass sie frustriert erst einmal alles liegenlassen, wenn sie etwa eine beeindruckende Ausstellung gesehen haben. Bei mir ist das nicht so. Ich fühle mich dann immer umso mehr ermutigt.
Ich liebe den Jugendstil, den Impressionismus, Expressionismus, aber auch die Werbeästhetik der 20er, 50, 60er, 70er Jahre. Und es gibt immer mehr junge, sehr, sehr gute Illustratoren. Es ist fantastisch, zu sehen, wie sich Illustrationen so unterschiedlich und kraftvoll in der Medienlandschaft breit machen.


Was würdest du als „zeitgemässe“ Illustration bezeichnen? Was hat sich über die Jahre verändert? Verändert sich dein Geschmack?
Ich glaube ja, es gibt auch Geschmäcker in der Illustration. Wir können zum Beispiel ganz genau Zeichnungen aus den Fünfziger- oder Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts von denen von heute unterscheiden. Es fällt mir aber schwer zu beschreiben, was zeitgemäße Illustration ausmacht. Ich benutze für meine Arbeit gern Retroelemente und und mache etwas Eigenes daraus, dennoch glaube ich, dass meine Bilder modern sind. Dass ich ihnen mit meinem Strich eine gewisse Festigkeit in der Aussage gebe, die in die heutige Zeit passen.

Gibt es grundsätzliche Themen, die dich immer wieder inspirieren?
Ja, ganz eindeutig alles, was mit der Natur zu tun hat. Ich könnte pausenlos Botanisches zeichnen.

Du machst auch Schmuck, ist der Materialwechsel von Papier zu Porzellan deine Motivation dazu?
Ach, das ist es vielleicht nicht einmal in erster Linie. Ich LIEBE Schmuck und könnte mich, wenn ich nicht gerade im Garten arbeite, komplett damit behängen. Deshalb lag es für mich vielleicht sogar ganz nahe, auf die Idee zu kommen, Medaillons und Ringe herzustellen. Ich habe früher selbst Silberschmuck angefertigt. Was ich aber jetzt mache, ist so toll, weil ich meine Zeichenarbeit mit der Schmuckherstellung verbinden kann.
Mein Hobby ist das Töpfern. Seit Jahren beschäftige ich mich mit Porzellan, übe, es zu Gefäßen zu drehen, habe eine Fliesenwand gestaltet usw. Irgendwann habe ich ein Transferverfahren entdeckt, mit dem ich meine Zeichnungen auf feinstes Porzellan bringen kann. Seitdem bin ich im Himmel. Es ist wirklich wunderschön, in zum Beispiel Delfter Blau auf weißem Porzellan zu gestalten. Und daraus besteht meine Schmuckkollektion: in Silber gefaßte, recht große Medaillons und jetzt auch Ringe, gefüllt mit meinen Motiven in Blau auf weißem Porzellan. Alles selbstgemacht, limitiert und, nun ja, nicht günstig, aber zu haben. (katmenschik.de)

Du bist in Berlin aufgewachsen, inwiefern hat die Stadt deine Ästhetik inspiriert?
Das kann ich eigentlich nicht sagen, weil ich so gut wie nie weg war aus dieser Stadt. Alles, was mich ausmacht, habe ich meinen Eltern, meiner Jugend in der DDR, meinem Studium direkt nach der Wende, den besetzten Wohnungen, den Punk-Konzerten, den durchtanzten Nächten, dem ganzen Leben in dieser großartigen, wunderbaren Stadt zu verdanken. Vielleicht ist meine Ästhetik eine klare Ansage. Was ich zeichne, ist nicht weich, ich habe einen harten Strich. Und wo es geht, mache ich alles bunt. Das ist schon ziemlich berlinerisch, oder?


Wenn man dich verfolgt, kommt man außer Atem- Du zeichnest, bringst Bücher heraus, machst Lesungen, entwirfst Schmuck, wächst Gemüse in deinem Garten an und malst wunderbare Kochbücher und Kalender. Was treibt dich an? Ist es die reine Begeisterung, eine unbändige Energie oder ein Wissensdrang?
Ach, ich arbeite und bastle doch nur so vor mich hin. Mein Kind ist erwachsen und aus dem Haus, und ich habe wahrscheinlich mehr Zeit als Familien mit Kindern. Aber ich arbeite auch schnell und effektiv, schreibe gern Listen (noch lieber streiche ich sie dann durch), mache gern Pläne, was wann gemacht werden muss. und dann bin ich in meinem Tunnel und widme mich ganz der jeweiligen Sache.
Aber das geht natürlich auch nur, weil ich ALLES, was du aufzählst, absolut gern mache. Ich LIEBE es, mit den Händen zu arbeiten, ich liebe basteln, malen, zeichnen. Mehr als früher mag ich mittlerweile auch das Kochen, früher war es so ein täglicher Zwang, heute koch ich vor allem aus Spaß. Das Gemüse-Gärtnern ist noch neu für mich, damit habe ich im Lockdown begonnen. Aber es ist umwerfend, einfach in den eigenen Garten gehen zu können und die Gemüse zu ernten, mit denen man gerade kochen möchte. Das hat mich in diesem Jahr am meisten begeistert. Naja, und dann musste ich aus dieser Begeisterung gleich mal ein Buch machen. Das oben genannte Tomatenbuch, in welchem ich Tomaten portraitiere und so die Farben- und Sortenvielfalt feiere. Es ist alles Begeisterung!

Woran arbeitest Du momentan?
Immer noch am Tomatenbuch, ich schreibe gerade alle Texte der kanpp 80 Seiten mit der Hand, damit das Gesamtbild schöner aussieht. Das ist gerade ein echter Knochenjob. So etwas bürde ich mir öfter auf, nicht aus Lust, aber ich weiß, dass das Ergebnis dann umso schöner wird….
Außerdem wird „Djamila“ von Tschingis Aitmatow gerade für den Druck fertig gemacht, alle Bilder sind gezeichnet, ich muss nur noch mal drüber schauen, ob alles stimmt…..

Was sind deine Zukunftspläne?
Ganz ehrlich? Es ein bisschen ruhiger angehen lassen.

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