Montag, 22.10.2018
Danielle de Picciotto & Friends in Conversation

Laura Kikauka: “Arbeit? Für mich bedeutet Arbeit SPIELEN”

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Laura Kikauka

Als ich Laura Kikauka zum ersten Mal sah, elektrisierte sie gerade eine Essiggurke. Es war 1993 und Berlin war ein Spielplatz für innovative Experimentator_innen. Die kanadische Ex- Patlerin Laura Kikauka war eine ihrer Anführerinnen. Laura schafft Räume mit gesammelten und gefundenen Objekten. “The Glowing Pickle” war zum Beispiel ein Ort, an dem sie DDR-Technik und Industrie-Equipment aus DDR-Müllcontainern gesammelt hatte und die Berliner Kunst und Underground Szene dazu einlud, dort Drinks zu sich zu nehmen. Es war wie ein dicht gepacktes Labor voller merkwürdiger Geräte, in denen Laura herumhüpfte, eine schöne Erscheinung in ungewöhnlichen Outfits, und den Leuten ihre “Krawattenschreddermaschine” vorführte, die Krawatten effektiv zerstörte oder Essiggurken elektrisierte, indem sie zwei Drähte mit 220 Volt in eine gewöhnliche Essiggurke steckte. Die Gurke fing dann an wie eine Glühbirne zu leuchten. Ich war natürlich beeindruckt und wurde ein Fan ihrer Arbeit und ihres unglaublichen Charmes. 

Man kann Laura kaum beschreiben, sie ist am verständlichsten, wenn man sie live erlebt, an riesigen Installationen arbeitend, einen Badeanzug mit Pelzstiefeln tragend oder ein Abendkleid mit Taucherbrille, exotische Melodien aus ihrer gewaltigen Plattensammlung auflegend, Drinks für ihre Freunde mixend oder eine Modenschau in ihrer Museumsausstellung organisierend, wobei das Publikum Gegenstände ihrer Ausstellung trägt und so alle im Raum zu einer surrealen Ansammlung von Fantasiewesen verwandelt werden.

Sie ist eine Installationskünstlerin und ihre Arbeit ist ein Universum, das wie ein Stern leuchtet und Menschen glücklich, neugierig und begeistert macht. Sie sammelt ständig Dinge und lagert hunderte von Kisten in Berlin, New York und Toronto. Vor allem vergessene Dinge wie Macramé Eulen oder Wurstgläser sind Ihre Spezialität. Sie macht Lampen aus diesen Wurstgläsern und Totempfähle aus Teddybären. Sie schreibt traurige Texte auf second-hand Gemälde mit Plastikbuchstaben aus Lernbaukästen für Kinder oder zeigt eine ganze Serie von Plastikschädeln, die mit billigen Strasssteinen besetzt ironisch Damian Hirsts Millionen-Dollar-Schädelobjekt widerspiegeln. Alle ihre Objekte sind „cheap“, gefunden oder gekauft aus Märkten, Kellern oder Secondhand-Läden. Sie würde Kilometerweit für einen guten Fang reisen.

Ihre Kunst könnte als eine Mischung aus Art Trouvé und Dadaismus betrachtet werden, aber es geht um sehr viel mehr. Ich würde sagen, es ist eine fantastisch geschichtete Bildsprache unserer facettenreichen Welt mit all ihren Freuden und Schmerzen, das geliebte und doch vergessene Spielzeug, mit der Schönheit und dem täglichen Trash den man überall antrifft; und alles vermischt, genau wie im Leben, wo am Ende das große Bild deutlich wird, das nur wenige von uns jemals verstehen werden; und Laura ist der Halbgott, der alles zusammenbringt.

Nach fast zwei Jahrzehnten in Berlin und der Ausstellung von tausenden ihrer Objekte, nicht nur in internationalen Museen und Galerien, sondern auch in Theatern wie der Volksbühne oder Veranstaltungsräumen wie dem legendären Schmalzwald oder dem Berliner White Trash; alles Orte, an dem sehr lange Partys gefeiert wurden, verließen sie und ihr Mann Gordon Berlin, um nach Kanada zurückzukehren.
Dort schmückte sie dann die Farm ihrer Eltern und verwandelte sie in ein Kunstwerk namens “Funny Farm” (eine ironischer, englischer Ausdruck für „Irrenanstalt“). Nach einer Kunst-Residenz im Jahr 2007 besuche ich sie dort regelmäßig und trat mehrmal beim von Laura und Kordons veranstalteten Musikfestival “Electric Eclectics” auf, für das sie jedes Jahr eine Mischung exzentrischer Avantgarde-Soundkünstler einladen. Klang mit Farbe vermischt, Form und Musik verbunden und die Interaktivität des Lebens in all seinen Formen wird wieder sichtbar gemacht. Die Besucher kommen mit ihren Wohnwägen oder Zelten und bleiben für das Wochenende, sichtbar begeistert und erstaunt über die Welt, an der sie ein paar Tage lang teilnehmen konnten. Laura ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit, eine der Non-Stop Künstlerinnen, die nicht an Social Media oder irgendeiner Art von Werbung interessiert sind. Sie arbeitet an ihren Kunstwerken, von ihren Fans und Freunden unterstützt und bewundert, stellt international aus und lädt alle zu ihrer Kunstfarm ein, wenn sie in der Nähe sind. Sie ist eine der innovativsten, freundlichsten und inspirierendsten Persönlichkeiten, die ich je getroffen habe. Ich bin sehr glücklich, sie heute hier vorstellen zu können.

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Laura Kikauka

 

Danielle de Picciotto: Wie würdest du deine Kunst definieren?
Laura Kikauka: Im Allgemeinen könnte man es als MAXIMALISMUS (das Gegenteil von Minimalismus) definieren, aber ich neige dazu “meine Kunstform” nicht absolut zu definieren. Ich arbeite mit Medien wie: Text, bildhauerischen Objekten, Klang, Malerei, Innenarchitektur, Video, Fotografie und Performance. Mit einigen Arbeiten / Konzepten habe ich immersive Situationen geschaffen, in die der Betrachter eintritt und Dingen, die ihm vertraut sind begegnet, die ihm aber seltsam verändert gegenübergestellt werden. Dies kann auch in der Art und Weise geschehen, wie wenn sie mit einem “Verkäufer” interagieren, wie es beim „Schmaltzwald“ und dem „Spätverkauf“ der Fall war.
Beim „Spätverkauf“ handelte es sich um eine Kunstinstallation, die einen Laden imitierte. Diese Installation sah aus wie ein Geschäft, welches aus Konsumgütern bestand, die aber irgendwie modifiziert waren. Der künstliche Laden war auch als Parodie auf Deutschlands strenges Ladenschlussgesetz zu der Zeit gedacht. Geschäfte mussten Montags bis Freitags um 18.30 Uhr und Samstags um 13.00 Uhr schließen. Einmal im Monat gab es dann aber etwas, das “langer Samstag” genannt wurde, wo sie dann bis 18 Uhr geöffnet bleiben konnten.
Beim „Spätverkauf“ haben wir jeden Samstag eine Party veranstalten mit Live-Shopping-Musik, unter dem Motto “Jeder Samstag ist ein langer Samstag”. In einigen anderen Installationen und Veranstaltungsorten, die ich als Geschäft eingerichtet habe, konnte ein Besucher / Betrachter Dinge kaufen, aber es gab immer auch etwas, was er nicht kaufen konnte, nämlich die einzigartige Erfahrung der Interaktion mit dem Verkäufer. Dann gab es den Schmalzwald (1996-2000) und Wally Potts White Trash (2002-2017) die in der Hinsicht verwandt waren, dass beide Bars und hybride Kunstinstallationen waren, wo Performances inmitten sozialer Interaktionen stattfanden. Die Kunstinstallationen stimulierten die sozialen Interaktionen und umgekehrt. Diese Installationen entwickelten sich ständig und über einen langen Zeitraum (in beiden Fällen mehrere Jahre). Es gab regelmäßige Veränderungen in den Spielstätten für beide Bars, so z.b., dass sie neue Räume in verschiedenen Stadtvierteln bezogen und den ursprünglichen Raum und dessen Möglichkeiten komplett veränderten. Aspekte dieser Ideen gehen durch alles, was ich mache, und letztendlich lebe ich in einem dieser lebendigen, sich stetig neu definierenden Orte, umgeben von meinen Kreationen, Ideen und Fundstücken. Ich nenne es „The Funny Farm“ – Kunst im Wandel.

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“RecordRoom” at “Funny Farm” (Photo by Lary Seven)

Was suchst du in der Kunst?
LEBEN! Etwas ungewöhnliches und kommunikatives, das nicht in anderen Medien zu finden ist und bevorzugt mit Humor ausgestattet ist.

Was waren deine Lieblingsausstellungen oder Events, an denen du teilgenommen hast? Kannst du kurz die Ausstellungen beschreiben und warum hast du sie besonders gemocht?
Schwierige Frage. Aber an diese Kollaborationen erinnere ich mich gerne: 1) KBZ 200 (1990-94), die ich zusammen mit Gordon Monahan und Gordon W organisierte. Es begann als Witz: Lasst uns eine 90-minütige Kassette machen, die verschiedene Cover-Versionen von drei Songs enthält, ohne irgendwelche Versionen zu wiederholen: Caravan, Taboo und Quiet Village, das auch nur unter Verwendung der vorhandenen Schallplattensammlung auf der ursprünglichen Funny Farm im ländlichen Ontario 1990. Wir haben Kassettenkopien für unsere Freunde gemacht, die uns berichteten, dass sie nicht aufhören können, sie zu hören und den ganzen Tag auf “repeat” in ihren Recordern spielten. Uns erging es ähnlich, also entschieden wir uns, eine 18-stündige Performance zu machen und ausschließlich diese drei Songs mit Live-Musikern und DJs zu spielen. Die Dauer von 18 Stunden wurde bestimmt, weil das die ungefähre Länge der Performance von Erik Saties Vexations ist, welches das erste konzeptuelle Stück war, das die gleiche musikalische Phrase immer wieder wiederholt. Unsere Live-Shows präsentierten viele talentierte Künstler und Musiker aus aller Welt und waren am Anfang sehr erfolgreich.
2) Fuzzy Love (2000-2004, wiederbelebt 2016-17). Das war eine Band aus drei Mitgliedern: Gordon Monahan, Gordon W und JJ Jones, aus dem Schmalzwald. Sie spielten ausschließlich Cover Versionen sehr schmalziger Stücke und das mehr schlecht als recht. Meine Rolle in Fuzzy Love war, dass als DJ war zwischen ihren Sets auftrat und ihre Bühnendekoration & Kostüme gestaltete.
3)”Schmalzwald” (siehe oben) Ich mochte diese vier Kollaborationen, weil sie außerhalb eines Galeriekontextes passierten, zusammen mit kreativen Leuten stattfanden und es viele spontane Aktionen gab, die man nicht beschreiben kann. Wir hatten eine Menge Spaß denn es war Intelligenz kombiniert mit Ironie, eine wunderbare Mischung.

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“Red Room” at Funny Farm (Photo by Lary Seven)

Woran arbeitest du momentan?
Arbeit? Für mich bedeutet Arbeit SPIELEN. Im Moment spiele ich mit neuen tropischen Materialien.

Kannst du beschreiben, warum und was du an exotischen Materialien und generell Exotica magst, weil das etwas ist, was in deiner Arbeit und Umgebung oft auftaucht?
Oh ja, Exotica… diese Richtung sollte nicht nur als Tiki definiert werden. In diesem Fall beziehe ich mich auf tropische Materialien, die am Strand und im Dschungel (kostenlos) erhältlich sind. Wir verbringen momentan viel Zeit in der Dominikanischen Republik. Dort gibt es verrückte Palmenwucherungen, Bambus, wilde Vegetation, Muscheln die ich nach allen möglichen Kategorien sortiere, zum Beispiel: Kleine Lieblinge, Hirnkoralle, harte Zehennägel, vaginale, winzige rosa Wunder, lila Dreiecke, korallenroter Käse, Karamellspiralen, Baby- und Mama Muscheln, versteinerte Golfbälle, komisches Holz, Dinge mit Löchern … usw. Ich denke, es ist wie bei jedem Künstler, der in eine neue Kultur reist und neue Materialien entdeckt, die man kreativ einsetzen kann.

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Laura Kikauka

Hast Du Pläne für die Zukunft?
Ich nehme jeden Tag wie er kommt. Ich mache keine Pläne. Auch wenn die Zukunft näher ist, als wir denken.

Du arbeitest immer an so vielen unterschiedlichen Projekten, dass es schwer ist mitzuhalten.
Danke. Es scheint immer eine Mischung von sehr unterschiedlichen Dingen zu sein: Computerarbeit: Eingabe von Zitaten / Titeln / Erstellen von neuem Wortspielen / Korrespondenzen / Unterhaltungen / Forschungen, Versuchen von musikalischen Experimenten, Video Aufnahmen, Witze mit Hockey Brieffreunden und viel mehr … In den anderen Medien kommt dann dazu: Herstellung von Lampen, Skulpturen, Kostümen, Mosaiken usw. In letzter Zeit übe ich mich in der Kunst der Verlangsamung, das möchte ich wiederentdecken! Ich versuche meinen obsessiven Charakter zu bändigen, mich zu entspannen und einfach ein bisschen mehr zu träumen. George Carlin sagt: “Es gibt keine Gegenwart. Es gibt nur die unmittelbare Zukunft und die jüngste Vergangenheit.”

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